Abi Daré: Das Mädchen mit der lauternen Stimme

Die aus Nigeria stammende, in England lebende Autorin erzählt uns eine herzzerreißende Geschichte, bei der man sich ständig fragt, ob man sich tatsächlich im 21. Jahrhundert befindet. Und bei der einem ständig bewusst ist, dass all dies tatsächlich täglich nicht nur in Nigeria genauso geschieht. Genau dieser Gedanke ist es, der den Roman so unerträglich und gleichzeitig so faszinierend macht. Hinzu kommt ein wunderbarer Erzählstil.

Ich-Erzählerin und Protagonistin ist Adunni, 14 Jahre alt und aufgewachsen mit ihren beiden Brüdern in einem armen Dorf weit weg von der nigerianischen Hauptstadt Lagos. Seit ihre Mutter gestorben ist, trauert das Mädchen nicht nur intensiv um diesen Verlust, denn sie hatte ein sehr inniges Verhältnis zu ihrer Mutter. Sie vermisst ebenso die Schule, die sie seit dem Tod der Mutter nicht mehr besuchen darf. Denn ihr Vater, dem Alkohol verfallen und bettelarm, sieht in Mädchen keinen Nutzen und hält Schulbildung für überflüssig.

Adunni hingegen träumt von nichts anderem als davon, zur Schule gehen zu können. Sie ist ungemein intelligent, aufgeweckt, sie findet sich nicht mit ihrem Schicksal ab, möchte für sich und für andere etwas ändern. So hat sie es von ihrer Mutter gelernt, Weiterlesen

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Roy Jacobsen: Die Kinder von Barrøy

Eine Insel voller Kinder. In den Nachkriegsjahren. Schon in wohlversorgten, erschlossenen Landschaften kein einfaches Unterfanen, auf einer einsamen, kargen norwegischen Insel aber sicher eine ganz besondere Herausforderung. Dennoch nimmt Ingrid ein weiteres verlorenes Kind auf.

Darum geht es in dem neuen Roman aus Norwegen, der Fortsetzung von „Die Unsichtbaren“, dem Roman, von dem ich vor zwei Jahren so begeistert war. Der kleine Mathias bleibt bei Ingrid auf der Insel, als sein Vater, der das Milchschiff fährt, ihn dort zurücklässt und nicht wiederkommt. Mathias, dessen Mutter ebenfalls schon vorher einfach verschwand, hat eine undurchschaubare Herkunft, man weiß es nicht, man munkelt nur. Nun also kommt er unter Ingrids Fittiche, die doch, damals selbst noch halb Kind, bereits andere mutter- oder vaterlose Kinder bei sich aufgenommen hatte. Hinzu kommen ihre Tante Barbro, deren Sohn Lars mit seiner Familie und die Nachkommen der anderen Adoptierten, die alle auf Barrøy wohnen und ernährt werden müssen. Weiterlesen

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Christine Brand: Bis er gesteht

Allein schon wegen des ungewöhnlichen, aber wirkungsvollen Aufbaus ist dieser Kriminalroman absolut gelungen. Hinzu kommen ein besonderer Schreibstil, der gerade wegen der durchgängigen Neutralität, der reportagenhaften Distanz die Handlung umso mehr unter die Haut gehen lässt. Hier kommt deutlich die frühere Tätigkeit der Autorin als Gerichtsreporterin zum Ausdruck.

Worum geht es: In der Weihnachtsnacht erreicht ein Notruf die Polizei. Ein Vater meldet einen Einbruch und den Mord an seinen beiden kleinen Kindern. Der Junge und das Mädchen wurden offensichtlich erstickt, geraubt wurde nichts, die Wohnung nur sehr oberflächlich durchwühlt. Sehr schnell stellt sich heraus, dass es keinen Einbruch gab. Daraufhin wird der Vater als Tatverdächtiger verhaftet. Auch die Mutter bleibt in Untersuchungshaft, um zu verhindern, dass die Eltern ihre Aussagen miteinander absprechen können.

Nun verfolgen wir als Leser die Verhöre des Vaters, lesen die Aussagen der Mutter, der Nachbarn und anderer Zeugen, erfahren die Ergebnisse der Obduktionen und kriminaltechnischen Untersuchungen. Und immer wieder die Gespräche des Vaters mit der verhörenden Beamtin. Er beteuert darin stets seine Unschuld, doch sie glaubt ihm nicht. Bernhard Scherrer, so der Name des Vaters, beharrt darauf, dass ein Fremder in die Wohnung eingedrungen sein muss. Denn sonst, wenn er selbst die Kinder nicht getötet hat, bliebe nur eine andere Person, die als Täter in Frage käme. Weiterlesen

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Emma Stonex: Die Leuchtturmwärter

Der Klappentext klingt ein bisschen wie ein klassischer Agatha-Christie-Roman: drei Männer verschwinden aus einem verschlossenen Leuchtturm und tauchen nie wieder auf. Was ist geschehen?

Dieses tatsächliche Ereignis aus dem Jahr 1900 ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans der britischen Autorin, die die Ereignisse allerdings ins Jahr 1972 verlegt, sowie auf einer zweiten Zeitebene die Frauen der verschwundenen Leuchtturmwärter zwanzig Jahre später 1992 beobachtet.

Ein Autor nämlich greift das Verschwinden wieder auf und möchte die drei Damen interviewen. Diese sind gezeichnet von den Vorkommnissen, gehen jedoch sehr unterschiedlich damit um. Helen, Jenny und Michelle haben sich ihr Leben neu schaffen müssen. Die eine vermag darüber hinwegzukommen und eine neue Familie zu gründen, während die andere in der Vergangenheit haften bleibt, ihre Animositäten und Feindschaften pflegt. Weiterlesen

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Robert Krause: Dreieinhalb Stunden: Wie entscheidest du dich?

Allein der Titel suggeriert bereits die Spannung, die man, wie bekanntlich am perfektesten von Hitchcock angewandt, durch eine zeitliche Begrenzung des Geschehens erreichen kann. Die Handelnden haben nur dreieinhalb Stunden Zeit, eine nahezu lebenswichtige Entscheidung zu treffen. Nur leider verschenkt der Roman diese Möglichkeit zur Gänze.

Robert Krause ist Drehbuchautor und hat das Drehbuch zum Film gleichen Titels geschrieben. Und daraus dann auch diesen Roman gemacht. Der Film lief im Fernsehen, passend zum Inhalt, zeitnah zum 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus in Berlin. Denn an diesem Tag, dem 13. August 1961, spielt die Handlung von Film und Buch.

Nun habe ich mir absichtlich den Film nicht angesehen, solange ich den Roman nicht gelesen hatte, um mir die Spannung nicht zu verderben. Doch, siehe oben, es gab keine Spannung im Roman. Und auch nicht im inzwischen von mir gesehenen Film.

Die Handlung trägt sich zu in einem D-Zug auf dem Weg von München nach Ostberlin, eben an besagtem Tag. An Bord des Zugs befinden sich neben einigen Westdeutschen vor allem Ostdeutsche, die zurückkehren wollen nach Berlin. Als nun im Zug erste Gerüchte auftauchen und dann im Radio die Bestätigung kommt, dass zum Zeitpunkt ihrer Reise in Berlin die Mauer gebaut wird, müssen sich all die Ostdeutschen im Zug entscheiden: Kehren sie zurück, lassen sie sich einsperren? Oder steigen sie an einer der letzten Stationen vor der Grenze aus, bleiben in Westdeutschland, kehren ihrer Heimat und möglicherweise ihrer Familie den Rücken? Weiterlesen

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Janine Adomeit: Vom Versuch, einen silbernen Aal zu fangen

Ein überzeugendes Debüt einer deutschen Autorin, von der man hofft, mehr lesen zu dürfen. Die Geschichte, die Janine Adomeit erzählt, wird vor allem getragen von den interessanten, vielschichtigen und überraschenden Charakteren, Menschen, die mit ihrem Schicksal hadern und sich ihm entgegenstellen wollen. Doch nicht allen gelingt das.

Villrath, ein, wie ich vermute, fiktiver Ort zwischen Ahr, Mosel und Rhein, war einmal ein angesehener Kurort mit allem was dazugehörte, Touristen, florierendem Einzelhandel, abwechslungsreicher Kultur und spendablen Kurgästen. Doch nach einem Erdbeben versiegte die Quelle des Heilwassers und damit die Quelle allen Wohlstands des Ortes. Nicht nur die Läden und Häuser der Kleinstadt verkamen, sondern auch mit den Einwohnern ging es immer mehr bergab.

Da sind Vera, Wirtin im Stübchen, das sie von ihrer Mutter übernommen hat, und ihr Sohn Johannes. Sie trinkt zu viel, raucht zu viel, hat zu viele Männer (gehabt) und sieht keinerlei Licht am Horizont. Johannes lebt in seiner eigenen Welt, die sich vor allem um Motorräder dreht, widerwillig hilft er seiner Mutter in der Kneipe, er himmelt von Ferne eine Klassenkameradin an und verliert seinen Aushilfsjob im Supermarkt. Weiterlesen

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Freya Sampson: Die letzte Bibliothek der Welt

Wieder ein Roman, in dem eine Bibliothek gerettet werden soll. Eine schöne, herzerwärmende, wenn auch leicht kitschige, hausbackene Geschichte, die uns die englische Autorin erzählt. Ein wenig haben mich die Story und die handelnden Personen an den Roman „Die Buchhandlung“ von Penelope Fitzgerald erinnert. Besonders die Hauptfiguren ähneln sich sehr.

Die junge June lebt allein in dem Haus, in dem sie seit ihrer Kindheit mit ihrer Mutter wohnte. Diese ist vor einigen Jahren verstorben, doch June bewahrt im Haus alles so, wie es zu Lebzeiten ihrer Mutter war. Sie lebt im Grunde nicht ihr eigenes Leben, sondern vielmehr versucht sie, ihre Mutter zu sein. So hat sie auch deren Stelle als Bibliothekarin in der örtlichen Bücherei übernommen, obwohl sie sich einen ganz anderen Lebensweg gewünscht hatte.

June ist Herz und Seele der Bibliothek, ganz im Gegensatz zu ihrer kratzbürstigen Chefin Marjorie. Etliche Bewohner des Dorfs betrachten die Bibliothek als Zuflucht, Wohn- oder Arbeitszimmer, Treffpunkt oder Nachhilfeschule. June kümmert sich um den alten Stanley, hilft Chantal bei schulischen Problemen, widersteht allen Beschwerden älterer Mitbürgerinnen über den angeblich schlechten Lesestoff. Weiterlesen

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Stefan Hornbach: Den Hund überleben

Romane um Krankheit gehen immer zu Herzen, berühren die Leserinnen. Wenn die Krebserkrankung zusätzlich noch einen jungen Mann trifft, der gerade am Beginn seines Erwachsenenlebens steht, erschüttert es umso mehr.

Der Debütroman des jungen deutschen Autors Stefan Hornbach, der bereits mit Theaterstücken Furore gemacht und Preise eingesammelt hat, dreht sich genau darum. Sebastian, Student in Gießen und etwas verpeilt, behütet von lieben Freundinnen, homosexuell und voller Pläne für sein Leben, erkrankt an Krebs. Die Tumore, denen er Namen gibt und die er wie Kinder adoptiert, fressen sich an mehreren Stellen in seinen Körper, seine Organe. Der junge Mann ist mit der Diagnose, mit den Behandlungsplänen und den vielen Arztgesprächen zuerst völlig überfordert. Er kehrt zurück nach Hause in sein Elternhaus in Mutterstadt bei Ludwigshafen.

Seine Eltern sind herrlich unkomplizierte Menschen, die ohne Wehleidigkeit, ohne sich der Verzweiflung hinzugeben, an seiner Seite stehen. Seine Mutter begleitet ihn zu jeder Untersuchung, zu jeder Sitzung der Chemotherapie. „Sie waren die tapfersten Eltern. Mama weinte nicht mehr so oft, und wenn, dann aus Erleichterung, das redete ich mir zumindest ein. Papa weinte nicht – oder so, dass es keiner bemerkte. Manchmal bekam er einen knallroten Kopf, meistens ging er damit vor die Tür. Nie habe ich ihn erwischt, weder beim Schreien noch beim Weinen im Wald.“ (S. 231) Weiterlesen

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Golnaz Hashemzadeh Bonde: Was bleibt von uns

Diesem Buch muss man sich stellen, muss es aushalten. Denn es tut weh, es ist aggressiv, es verstört. Die Autorin, als Kind aus dem Iran nach Schweden geflohen, schont ihre Leserinnen nicht. Sie eröffnet vielmehr einen ungewohnten, einen gewöhnungsbedürftigen Blick auf Krankheit und Tod.

Der Klappentext führt hier eher in die Irre. Im Grunde geht es um die Bewältigung von und den Umgang mit der Nachricht, bald sterben zu müssen. Das ist es, was der Protagonistin und Ich-Erzählerin Nahid widerfährt. Nahid, im Iran geboren und aufgewachsen, lebt heute, sie ist sechzig Jahre alt, in Schweden. Sie wohnt allein, ihre Tochter Aram lebt in einer Beziehung mit dem Schweden Johann. Als Nahid von ihrer Ärztin die Nachricht bekommt, sie habe nicht mehr lange zu leben, wirft sie das völlig aus der Bahn. Sie kann das nicht verarbeiten, sie ist wütend, auf alles und jeden. Nahid will nicht sterben, sie will, dass die Ärzte alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihr Leben zu retten. Nahids Zorn richtet sich auch besonders gegen Aram, diese Tochter, die ihr nicht nahe ist, die, in Nahids Augen, zu wenig besorgt ist um ihre Mutter, die zu wenig weiß über Nahids Geschichte. Weiterlesen

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Therese Anne Fowler: Gute Nachbarn

Das ist wieder so ein Roman, bei dem es mir schwerfällt, zu sagen, er gefällt mir oder er gefällt mir nicht. Denn obwohl die Autorin sehr subtil Spannung aufbaut und mittels einer ungewohnten Perspektive fesselt, bedient sie gleichzeitig viele Klischees. Auch ist die Handlung leider trotz allem vorhersehbar.

In einer zu einigem Ansehen gekommenen Siedlung in North Carolina zieht eine wohlhabende Familie in ein neues, etwas protziges Haus. Diese neuen Bewohner haben es sich bereits vor ihrem Einzug mit ihrer Nachbarin Valerie verdorben, da durch die Bautätigkeiten ihr Garten und besonders eine sehr alte Eiche darin Schaden genommen haben. Zusätzlich ist Valerie durch ihre Vorurteile voreingenommen gegen die Familie, vor allem den Vater Brad, der ihr wie das personifizierte weiße Übel vorkommt. Valerie ist farbig, ihr Mann war weiß und so ist ihr Sohn Xavier, 17 und gerade mit der Schule fertig, ein „Mischling“, der sich nirgendwo so richtig zugehörig fühlt.

Das Drama nimmt seinen Lauf, als sich Xavier und die gleichaltrige Juniper, Brads Stieftochter, ineinander verlieben. Neben den durch die Hautfarbe bedingten Problemen kommen erschwerend die von der Kirche beeinflussten, etwas merkwürdigen Erziehungsmethoden von Junipers Eltern hinzu. So musste sie zu Beginn der Pubertät ein Gelöbnis ablegen, als Jungfrau in die Ehe zu gehen. Weiterlesen

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