Ein Krimi in bester Retro-Manier: Diese unentdeckte Literatur-Perle beschwört den Charme vergangener Agatha Christie-Abenteuer herauf. Im Jahr 1937 verfasst, bietet der Roman reinstes Kriminalvergnügen der guten alten Schule. Keine DNA-Profile, keine Serienmörder, keine blut- und actionlastige Showeffekte heischen hier um Aufmerksamkeit.
Stattdessen agieren fein gezeichnete Charaktere mit subtilem Humor vor einer Kulisse, die dem Archetyp des Gruselromans entsprungen ist. Genauer: Ein abgelegenes Haus in England, das kurz vor Weihnachten durch einen Schneesturm von der Außenwelt abgeschnitten wird. Weiterlesen
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Magnus Mills: Das Paradies, möglicherweise
Simplifikation. Mit diesem Wort lässt sich der Aufbau des erstaunlichen Buches treffend beschreiben. Ein Feld, ein Fluss, ein paar Zelte samt Bewohnern, die kommen und gehen. Mehr braucht es nicht für einen Mikro-Kosmos, in dem die wichtigsten Fragen der Gesellschaft angestoßen werden. Wie im Großen, so im Kleinen. Selten wurde dieser Leitsatz aus den Hermetischen Schriften radikaler und kreativer umgesetzt.
Es gibt einen Ich-Erzähler, den Humanisten. Daneben einen Eremiten, eine schöne Frau, eine Gruppe von Abenteurern und einen seltsamen Mann, gehüllt in weiße, wallende Gewänder. Sie alle ziehen auf eine Wiese, das „Große Feld“, von dem es heißt, dass sich hier bedeutsame Dinge ereignen werden. Weiterlesen
Dr. Stuart Shanker: Das überreizte Kind
Erziehungsratgeber gibt es wie Sand am Meer. Kein Wunder: Scheint es doch, als ob die Zahl der hyperaktiven, übergewichtigen, verhaltensauffälligen Kinder zunimmt. Dr. Stuart Shankers Buch setzt sich durch sein Statement „Es gibt keine schwierigen Kinder!“ wohltuend vom Mainstream ab.
Shankers Hauptanliegen: Viele Probleme beruhen auf der Fehlinterpretation kindlichen Verhaltens. Unangepasstes Benehmen wird allzu schnell auf Mutwillen oder Charakterschwäche zurückgeführt – statt die Ursachen der Gesamtsituation zu betrachten. Es ist nicht so, dass Kinder und Jugendliche nicht hören wollen, sie können es oft nicht! Weiterlesen
Jeremy Massey: Die letzten vier Tage des Paddy Buckley
Paddy Buckley arbeitet als Bestatter in Dublin. An einem schicksalsschweren Oktobertag befördert er – unfreiwillig – zwei ganz und gar untote Menschen ins Erdreich. Zuerst vögelt er eine attraktive, trauernde Witwe bis zum Herzinfarkt. Von dem Vorfall aufgewühlt, übersieht er einen Passanten und überfährt ihn. Zu dumm, dass es sich hierbei um Dolan Cullen handelt, den Bruder des gefürchtesten Unterweltgangsters von ganz Irland, der auf blutige Rache sinnt. Beide Vorfälle versucht Paddy zu vertuschen. Doch ausgerechnet seine Firma soll die Beerdigungen ausrichten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Wahrheit ans Tageslicht kommt. Paddys Tage auf Erden scheinen gezählt… Weiterlesen
Hilary Mantel: Im Vollbesitz des eigenen Wahns
England, 1984: Zehn Jahre nach den erschreckend bösartigen und kongenial erzählten Vorkommnissen des Romans „Jeder Tag ist Muttertag“ lässt Autorin Hilary Mantel ihre Protagonisten weiter agieren. Vor allem Muriel, die jahrelang zurückgezogen in einem unheimlichen Geisterhaus lebte, hat nach dem Tod ihrer Mutter und ihres Babys eine erstaunliche Verwandlung zurückgelegt. Das scheinbar zurückgebliebene Mädchen entpuppt sich als unglaublich gerissen. Muriel hat eine Vision: Sie will diejenigen bestrafen, denen sie die Schuld an den dramatischen Vorkommnissen gibt: ihren Nachbarn, den Sydneys, und ihrer damaligen Sozialarbeiterin Isabel Fields.
Der metaphysisch angehauchte Wahnsinn des Erstlings klingt in diesem Nachfolger nur noch leise an. Für realen Alltagshorror sorgen die weltlichen Probleme der Protagonisten. Weiterlesen
Andreas Drouve: Den Letzten beißt der Grottenolm
Warum Journalisten die zweitniedrigste Lebenserwartung aller Berufsgruppen haben, erschließt sich dem Leser spätestens nach der Lektüre dieser amüsant-überdrehten Satire. In deutschen Regionalredaktionen ist nicht alles Gold, was gedruckt wird. Straßenumfragen werden gefälscht, die journalistische Objektivität beugt sich dem Anzeigenetat, grottenschlechte Laientheater werden mit militärischen Fachjargon – eins zu eins aus Weltkriegsberichten kopiert – aufgewertet. Dies führt zu schmissigen, aber schlichtweg erlogenen Sätzen wie „In einer Bombeninszenierung torpedierte das Ensemble die Lachmuskeln der Besucher.“
Ob Nacktwanderwege, Karnevalsprunksitzungen, Verleihungen von Ehrennadeln oder durchgeknallte Vernissagen wie „Hähnchen in 125 Positionen“ eines Scan-Art Künstlers: Themen wie diese verlangen von dem namenlos bleibenden Ich-Erzähler alles ab. Weiterlesen
Laurent Mauvignier: Mit leichtem Gepäck
Es gibt Bücher, die brechen über den Leser herein, entwickeln einen Sog, wie eine literarische Naturgewalt. Laurent Mauvignier hat eine davon geschaffen, zumal sein Roman mit jenem Tsunami beginnt, der am 11. März 2011 über Japan hinwegfegte.
Guillermo und Yuko geben sich hier dem Rausch ihrer Jugend hin. Alkohol, Sex, Partys. „Ihre Körper schreien nach dem Leben“. Doch der Tod lauert bereits im Ozean. Wir begleiten das Paar auf seinen letzten Stunden, die Spannung steigert sich ins Unermessliche, die Welle und ihre Zerstörung beschreibt der Autor so, als habe er sie tatsächlich erlebt, als habe er selbst noch Tage später die schwarze, salzige Flüssigkeit aus Meerwasser, Schlamm und Todesrudimenten erbrochen.
Auch die übrigen Protagonisten dieses Buches machen sich auf die Reise, um auf Erhofftes, Unvorhergesehenes und Neuartiges zu treffen. Weiterlesen
Paul Theroux: Der Fremde im Palazzo d’Oro
Taormina, Sizilien, anno 1962: Gil Mariner, ein junger Student, streift durch die Straßen und entdeckt ein elegantes Paar auf der Terrasse des Nobelhotels „Palazzo d’Oro“. Die goldblonde Frau, geschätzte Mitte Dreißig, in ein weißes Kleid gehüllt und trotz der Hitze Spitzenhandschuhe tragend, erregt das Interesse des 21-Jährigen. Er weiß sofort: „Ich will euer Leben leben.“ Ein bittersüßer Wunsch, der sich durch ein unmoralisches Angebot erfüllen soll. Bald findet sich der naive Amerikaner in einem amourösen Wechselspiel aus Dominanz und Unterwerfung wieder. Denn Griffin, die mondäne deutsche Gräfin mit den zwei Gesichtern, hütet ein unglaubliches Geheimnis. Weiterlesen
Luis Sellano: Portugiesisches Erbe
Das verwinkelte Altstadtviertel Alfama mit dem Castelo de São Jorge, der prächtige Praça do Commércio, das Bairro Alto mit seinem pulsierenden Nachtleben, der glitzernde Rio Tejo, historische Züge und Aufzüge, welche durch die hügelige Metropole führen: Das ist Lissbaon, wie es Touristen lieben. In Luis Sellanos Roman wird der ehemalige deutsche Polizist Henrik Falkner mit den dunklen Seiten der Stadt konfrontiert: Geheime Machtkartelle und ein von Korruption zersetzter Polizeiapparat machen es ihm fast unmöglich, sein „Portugiesisches Erbe“ anzutreten.
Seit dem Tod seiner Frau bekommt Henrik Falkner sein Leben nicht mehr in den Griff. Er hat den Dienst bei der Polizei quittiert und plagt sich mit Depressionen. Völlig überraschend erhält er die Nachricht, dass ihn sein unbekannter Onkel Martin zum alleinigen Erben ernannt hat. Weiterlesen
Nick Hornby: Miss Blackpool
Nick Hornby, Autor trendiger Pop-Romane der 90er-Jahre, reist in diesem Buch noch 30 weitere Jahre zurück– in die nicht minder trendige Ära der Swinging Sixties in London. Eine Zeit des Aufbruchs zwischen Althergebrachtem und Moderne. Homosexualität ist noch gesetzwidrig, Comedy eine reine Männerdomäne, die Bekanntschaft mit Farbigen eine exotische Angelegenheit.
Plötzlich werden Scheidungen gesellschaftsfähig, erobern Beatles und Stones die Hitparaden und auf Theaterbühnen werden Schamhaare beim Nacktmusical präsentiert.
Die bildhübsche 21-jährige Barbara bahnt sich ihren Weg durch diese Zeitenwende. Sie hat gerade die Wahl zur Miss Blackpool gewonnen, als sie die Krone hinwirft und nach London aufbricht. Weiterlesen