Barbara Pym: Quartett im Herbst (1977)

Vier Arbeitskollegen straucheln im „Herbst“ ihres Lebens – oder vielmehr kurz vor der Rente. Wie kaum eine andere versteht es die englische Autorin Barbara Pym sarkastische Spitzen und leise Untertöne, Humor und Tragik so gekonnt zu vermischen. Ihre vier unterschiedlichen Charaktere skizziert sie haargenau. Die Figuren blitzen so lebhaft vor unserem inneren Auge auf, als würden sie uns bei einem Earl Grey auf dem Sofa gegenübersitzen. Die Autorin staffiert jede einzelne mit ebenso liebenswerten wie skurrilen Eigenheiten aus. Edwin, Norman, Letty und Marcia sind zwar grundverschieden, dennoch verbindet sie mehr als nur ihre Arbeit in der Abteilung einer Londoner Firma. Alle vier sind alleinstehend, einsam und wissen nicht, womit sie die langen Tage abseits des Büros füllen sollen. Oder wie Norman sich angesichts der gefürchteten Ferienzeit eingestehen muss: „Ein paar Urlaubstage hatte er noch in der Hinterhand. ‚Man weiß nie, wozu so etwas gut sein kann‘, sagte er, aber er argwöhnte selbst, dass ihm diese Reservetage nie zu etwas gut sein würden, sondern sich vor ihm ansammeln würden wie die Haufen toten Laubs, die im Herbst auf die Gehsteige geweht wurden.“ (S. 60)

Die menschenscheue Marcia hat eine Marotte: Sie sammelt Milchflaschen und Konservendosen, um sie ständig neu zu sortieren, während Haushalt und Garten verwildern. Seit ihrer Mastektomie schwärmt sie für ihren Chirurgen Dr. Strong. Die Kontrolluntersuchungen werden zum sozialem Highlight. Obendrein sticht sie durch einen ziemlich schrillen Modegeschmack, beziehungsweise durch Fehlen desselben, ins Auge. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Franz Hohler: Der Enkeltrick

Die elf Erzählungen des Schweizer Autors sind wie die Alpen, die in seinen Werken häufig eine Rolle spielen. Von starker Substanz und solider Schönheit, strömt das Zufällige oder eben nicht Zufällige, das alltäglich Wahnsinnige und Unerklärliche ganz luzide-leicht durch Schluchten und Klämme in den Plot hinein. Stets streift der Autor gekonnt das Phantastische, bleibt dabei aber im Bereich des Möglichen. So wohnt jeder Erzählung ein ganz besonderes Überraschungsmoment inne. Mal erwischt uns der Autor eiskalt, mal spielt er mit unseren Erwartungen, um sie in denkbar gegenteiliger Art aufzulösen. Scheinbar Harmloses entpuppt als doppelbödig, während offenbar Wundersames als Fälschung entlarvt wird. So oder so: Franz Hohlers Geschichten sind ein literarisches Happening. Aber nach 160 Seiten leider viel zu schnell vorbei.

Allein schon die titelgebende Einstiegsgeschichte hat es in sich. Sie beginnt, wie vermutet, mit einer dementen Dame, die von einer Trickbetrügerin hereingelegt werden will. Doch die Geschichte nimmt eine völlig unerwartete Wendung. Denn es ist gerade die Demenz und gar das vereitelte Verbrechen, welches Amalie zu einem Abenteuer verhilft. Zu einem Traum, den sie sich klaren Verstandes nie hatte verwirklichen können. Dieser Plot-Twist kommt so federleicht daher, so natürlich, dass wir dem Autor ganz selbstverständlich durch die Geschichte folgen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Imbolo Mbue: Wie schön wir waren

Eine überaus kraftvolle Geschichte – ergreifend, bewegend, aufrüttelnd: Die Bewohner des afrikanischen Dorfes Kosawa sind die stolzen Nachfahren des „Leopardenblutes“. Sie leben mit ihren sieben Schwesterndörfern im Einklang mit der Natur. Bis die amerikanische Ölbohrfirma Pexton kommt. Der Diktator des Landes gibt dem Unternehmen das Land, um dort nach dem Schwarzen Gold zu bohren. Öl und Giftmüll fließen fortan ungeklärt in Boden und Wasser. Kinder werden krank und sterben, die Äcker geben keine Ernte mehr her, selbst Heilkräuter verdorren. Die Firma verspricht zu helfen, doch nichts passiert. Alle Bemühungen, sich gegen die Ungerechtigkeit aufzulehnen, werden durch Regierungssoldaten gewaltsam beantwortet. Massaker, Hinrichtungen und Verhaftungen sind die Folge. Die Bewohner hoffen auf die Unterstützung durch Hilfsorganisationen. Doch Pexton hat Geld, der Diktator Beziehungen. Der Frust entlädt sich in der nachfolgenden Generation und deren Leitfigur: Thula, deren Vater einst hingerichtet wurde, studiert in New York. Dort kommt sie mit Protestbewegungen in Berührung. Sie hat eine Vision, ihr Heimatland friedlich zu reformieren. Ihre Freunde in Kusawa drängt es allerdings zu einer blutigen Revolution. „Aber welche Wahl haben wir in einer Welt, in der viele glauben, ihr eigenes Glück hänge vom Unglück anderer ab.“ (S. 103) Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Marco Balzano: Wenn ich wiederkomme

Ein bewegendes Schicksal: Anhand der Geschichte der Rumänin Daniela, die ihre Kinder zurücklassen muss, um in Mailand Geld zu verdienen, verdeutlicht Balzano den traurigen Werdegang dutzender Frauen aus Osteuropa und anderen Ländern. Sie arbeiten als Altenpflegerin, Krankenschwester, Kindermädchen, Putzfrau. Sie kümmern sich um die Alten und Schwachen, verrichten Arbeiten für die sich der wohlhabende Westen zu schade ist. Eingesperrt mit Kranken, die an komplizierten Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson leiden, bleiben sie nach außen hin oft unsichtbar. Oder wussten Sie, rumänische Psychiater tausende Patientinnen behandeln, die an der „Italienkrankheit“ leiden? Oder dass seit rund 30 Jahren zwei Drittel aller Migranten weltweit Frauen sind? In seinem dreiteiligen Roman schildert der Mailänder Autor die Geschichte sowohl aus Sicht der Mutter, als auch aus Sicht ihrer beiden Kinder, die den Verlust der „Moma“ auf unterschiedliche Weise verarbeiten. Beide müssen schnell erwachsen werden.

Bevor sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert hat, ist Daniela stolz auf ihren früheren Job in ihrer Handelsfirma gewesen. Auch ihr Ehemann hat seine Arbeit verloren und sucht Trost im Alkohol. Für Daniela steht fest: Ihre Kinder Angelica und Manuel sollen es einmal besser haben! Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Johanna Adorján: Ciao

Bissig, schreiend komisch, treffsicher pointiert: Der einst gefeierte Feuilletonist Hans Benedek sieht sich selbst als Alphatier, erkennt aber nicht, dass er längst auf die Liste aussterbender Tierarten gerutscht ist. In seinen Augen ist er ein charmanter Meinungsbildner, in den Augen seines weiblichen Umfelds ein Macho, der den Anschluss in die Moderne verpasst hat. Er betrügt seine Ehefrau, schläft mit jungen Praktikantinnen, kategorisiert Frauen nach der Größe ihrer Brüste. Doch nun drängen Kolleginnen in Chefetagen, nehmen ihm seine Ressorts weg. Personifiziert wird die neue Generation selbstbestimmter Frauen durch die Feministin Xandi Lochner. Die Influencerin hat den Bestseller geschrieben, der ihm bislang versagt blieb. Sein Versuch an ihrem Erfolg zu partizipieren, indem er ein Porträt über sie schreibt, endet in einer Totalkatastrophe. Diese Chronik eines angekündigten Todes (zumindest auf dem gesellschaftlichen Parkett) ist großes Kino. Vor allem für diejenigen, die selbst in der Kultur- und Medienbranche zugange sind.

Der Charme von Adorjáns Buch liegt darin, dass sie ihre Protagonisten ausgewogen porträtiert. Es gibt keine reinen Sympathieträger oder Antagonisten. Auch die Absurditäten der modernen Welt werden trefflich skizziert. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

PeterLicht: Ja okay, aber

Herrlich schräg: Für Freunde der absurden Komik und der halsbrecherischen Wortakrobatik hat Musiker Peter Licht genau das richtige Buch geschrieben. Er versteht es, sich aus den einfachsten Alltagssituationen heraus in wahnwitzigen Gedankenwelten zu verirren. Schwankend zwischen genial und grotesk, schlittert er bisweilen anarchisch gekonnt am guten Geschmack entlang. Doch er kriegt jedes Mal die Kurve und nimmt uns mit auf einen phantastischen Ride der Absurditäten, mitten durch den Alltag eines Co-Working-Büros. Da wird die Kaffeemaschine zum Kapitalismustreiber, an dem sich Co-Worker unterschiedlichster Branchen treffen. Zum Beispiel eine feministisch-nudistische Allroundkünstlerin oder einer, „von dem keiner weiß, was er eigentlich tut“. Sowie ein IT-ler mit Verdauungsproblemen plus diverse gestresste Call-Center-Mitarbeiter, denen die Stimme versagt – samt anderer Vitalfunktionen.

Obwohl der Protagonist praktisch im Space aka Büro lebt und schläft, erleben wir ihn nie bei seiner eigentlichen Arbeit. Auch erfahren wir an keiner Stelle, womit er seine Brötchen verdient. Er möchte arbeiten, er will vorankommen… und verplempert doch seine Zeit in der Gemeinschaftsküche oder in gewagten Projekten seines heimlichen Büroschwarmes, der Allrundkünstlerin. In ihren Theaterstücken kann es passieren, dass „ein Rudel nackter Martial-Arts-Kämpferinnen ein Auto vergewaltigt.“ Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Yaa Gyasi: Ein erhabenes Königreich

Ihre Mutter liegt im Bett und weigert sich aufzustehen – tagelang, wochenlang, monatelang. Für Gifty ist dies ein vertrauter Anblick seit sie elf Jahre alt ist. Die einstmals stolze Frau aus Ghana, die mutig nach Amerika aufgebrochen ist, scheint gebrochen. Zuerst hat ihr Mann sie verlassen. Dann ist ihr Sohn, früher ein gefeierter Basketballstar, an einer Überdosis Drogen gestorben. Seit seinem Tod wird sie von Depressionen geplagt. Ihre Tochter muss schnell erwachsen werden und eigene Antworten auf die Fragen des Lebens finden. Gifty sucht diese in der Wissenschaft, ihre Mutter im religiösen Glauben. Dies entfremdet die beiden Frauen immer mehr.

Erzählt wird die bewegende Geschichte aus der Sicht von Gifty. In Rückblenden schildert sie sowohl ihre eigene Kindheit, als auch die Vorgeschichte ihrer Eltern. Sprachlich völlig ungekünstelt, bedient sich die Autorin anderer stilistischer Mittel, um starke Bilder heraufzubeschwören. So stellt sie zum Beispiel Giftys kindliche Tagebucheinträge ihrer Arbeit als erwachsene Neurowissenschaftlerin im Labor gegenüber. In ersteren bittet die brave Zehnjährige den lieben Gott darum, ihren Bruder von seiner Drogensucht zu erlösen. Bei letzterem begleiten wir Gifty dabei, wie sie Labormäusen Drogen injiziert, um Hirnforschung zu betreiben und das Rätsel zu lösen: Warum machen Menschen Dinge, die ihnen schaden? Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Stuart Turton: Der Tod und das dunkle Meer

Der Meister des Plot-Twists sorgt auch in seinem zweiten Buch für einige Überraschungen. Stuart Turton versteht es, eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen, in der die Geschehnisse schnell eskalieren können. Steckte der Protagonist in seinem Erstlingswerk „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ in einer Zeitschleife fest, so sorgt diesmal die beengte Atmosphäre eines Handelsschiffes im Jahr 1634 für Hochspannung. Das Schiff der Ostindienkompanie macht sich von der Kolonie Batavia (Indonesien) auf nach Amsterdam. Handelsgüter wie wertvolle Gewürze und geheimnisvolle Schätze sollen den Reichtum der Edelleute mehren. Doch Gefahren lauern hinter jedem Schiffsmast: Seuchen wie Lepra, meuternde Matrosen, gierige Soldaten, gefährliche Stürme und meterhohe Wellen – es gibt kein Entrinnen für die Passagiere! Die größte Gefahr von allen geht jedoch vom Aberglauben der damaligen Zeit aus. Schon vor dem Ablegen weisen unheilvolle Vorzeichen darauf hin, dass ein Dämon, bekannt als „Alter Tom“ auf dem Schiff sein Unwesen treiben soll. Erste Leichen und unerklärliche Botschaften erzeugen bald eine Massenhysterie an Bord, welche in einer Spirale sinnloser Entscheidungen und eskalierender Gewalt endet. Nur wenige verstehen es, einen klaren Kopf zu behalten. Sie versuchen eine Katastrophe abzuwenden. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Italien-Special

Italien ist nicht nur eines der Lieblingsreiseländer der Deutschen und der Inbegriff des Dolce Vita. Das Land des Stiefels hat seit der Antike große Schriftsteller hervorgebracht. Wie abwechslungsreich es hier literarisch zugeht, soll unser Italien-Literaturspecial zeigen. Ob gefallene Engel in Venedig, schwüle Erotik auf Sizilien, Retro-Charme in Neapel, verlorene Täler in Südtirol, alte Fehden auf Capri, elegante Hochstapler in Verona, bekannte italienische Künstler oder historische Heldinnen beim Giro d’Italia – darunter Klassiker, Neuentdeckungen und Literaturgrößen wie Andrea Camilleri.

Unsere RezensentInnen haben ihre Lieblingsbücher für den Reisekoffer oder den heimischen Liegestuhl zusammengestellt. Buon divertimento – viel Spaß!

 

Unsere Rezensentin Diana Wieser empfiehlt:

Literaturnobelpreisträgerin Grazia Deledda entwirft in „Schilf im Gras“ betörend schöne Landschaftsbeschreibungen der noch unberührten Insel Sardinien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Natur ist reich, die Lebensumstände arm. Knecht Efix agiert für die drei unverheirateten Töchter seines Gutsherrn als Vermittler, Kuppler, Seelentröster – auch, um eine alte Schuld zu begleichen.
Grazia Deledda:  Schilf im Wind

Luca Ventura lässt ein ungleiches Ermittler-Duo auf der Sehnsuchtsinsel Capri rund um die Blaue Grotte nach Verbrechern fahnden. Gekonnt spielt der Autor mit landestypischen Marotten wie der alten Feindschaft zwischen Nord- und Süditalienern. Seine Krimiplots haben brandaktuelle, meist ökologisch fokussierte Hintergrundthemen wie Meeresverschmutzung und Crowd-Farming. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Spencer Wise: Im Reich der Schuhe

Spencer Wise lässt es krachen. Wenn turbokapitalistische, jüdische Schuhfabrikanten und sozialistische, chinesische ArbeiterInnen aufeinandertreffen, kommt es zu allerlei witzigen und todernsten Eskalationen. Erstaunlich, wie wunderbar leicht und teils urkomisch der jüdisch-amerikanische Autor Spencer Wise, welcher selbst in einer Schuhfabrik in Südchina gearbeitet hat, diesen dramatischen Hintergrund behandelt, ohne ihn auf die leichte Schulter zu nehmen. Eigentlich ein unmöglicher Spagat. Dem Autor gelingt er dennoch. Einen wesentlichen Teil mag die sympathische Hauptfigur beitragen. Firmenerbe Alex verliebt sich in eine revolutionär gesinnte Näherin in der Schuhfabrik seines Vaters. Plötzlich steht er zwischen Generationen, Kulturen, Systemen. Wie er sich dabei vom „Schmock“ zum Helden wider Willen wandelt, ist großartig.

Bereits im ersten Kapitel wird deutlich, wie federleicht der Autor zwischen den Welten changiert. Firmenerbe Alex Cohen hat die Großmutter von Ivy, der chinesischen Näherin seines Herzens, auf einem Hausboot besucht. Der Rückweg zum Land folgt über ein wackeliges Floß. Unter den Augen der grinsenden Einheimischen fällt Alex in den Fluss, in jene Chemiebrühe, die von den Abwässern seiner Schuhfabrik verunreinigt wurde. Befleckt und stinkend eilt er in den Meetingraum eines Luxushotels, um die offizielle Firmenübergabe zu unterschreiben. Dort trifft er auf seinen Vater, der sich täglich prophylaktisch eine Antibiotikasalbe in die Nasenlöcher schmiert, „[…] weil China das letzte Land ist, in dem du abkacken willst:“ (S. 12) Dies alles beschreibt der Autor so bildlich und ironisch, dass wir Leser sofort für die Materie eingenommen werden. Und für seinen (Anti-) Helden. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: