Maylis de Kerangal: Porträt eines jungen Kochs

Auf gerade mal 94 Seiten lesen wir von fünfzehn Lehrjahren des jungen Kochs Mauro. Es ist ein Blick hinter die Kulissen von Gastronomie und Haute Cuisine, die Leidenschaft, Entbehrungen und ungemeine Disziplin der Akteure erfordert .

Mauros Weg ist nicht geradlinig, er führt ihn durch verschiedene Stationen, in denen er mal kürzer, mal länger verweilt und dann wieder weiterzieht.

Sein Faible für Backen und Kochen entwickelt er bereits in jungen Jahren, wo er seinen Freunden und Mitschülern eigene Kreationen kredenzt.

Nach dem Sabbatjahr seines Erasmusstudiums kehrt Mauro von seinen vielen Reisen zurück in seine Stadt Paris, wo Kulinarik einen besonderen Stellenwert einnimmt. Sein Ziel ist es, sich in den Spitzenküchen der Metropole weiterzubilden – auch ohne Verdienst.

In einem luxuriösen Sterne-Restaurant an der Rückseite des Montmartre öffnet sich dem jungen Mann eine gänzlich neue Welt. Drei Wochen hält er die Tortur mit Erniedrigungen dort aus, bevor er einfach geht und gleich darauf als Jungkoch eine Festanstellung mit Mindestlohn in einer Brasserie erhält. Aber auch hier ist sein Einsatz hinterm Herd ein Job ohne feste Arbeitszeiten mit kaum Freizeit und einer strengen Ordnung, der er sich zu unterwerfen hat. Weiterlesen

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Bernhard Schlink: Abschiedsfarben

Bernhard Schlink hat in seinem Erzählband Abschiedsfarben neun Geschichten versammelt. In unterschiedlichsten Handlungen leuchtet er die Facetten des Abschiednehmens aus – von Trauer und Melancholie bis hin zu Chancen und Glück. Entsprechend der jeweiligen emotionalen Verflechtungen seiner Personen werden deren Abschiede jedes Mal anders erlebt und empfunden.

So lesen wir in Picknick mit Anna von der Verbindung eines älteren Protagonisten zu einem heranwachsenden Mädchen, das er durch die Jahre begleitet, später enttäuscht wird und erst erlöst wird, als er den frühen gewaltsamen Tod des Mädchens rächt.

In Geschwistermusik geht es um Erinnerungen eines Mannes an die Jugendfreundschaft zu einem Mädchen und deren Bruder. Die Schicksale aller erfahren nach einem späteren zufälligen Wiedertreffen eine völlig andere Gewichtung.

Das Amulett ist eine Geschichte über die Beziehung zweier Frauen zu einem Mann, der nicht mehr lange zu leben hat. Weiterlesen

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Karosh Taha: Im Bauch der Königin

Dieses Buch lässt sich in die Coming-of-Age-Romane einreihen.  Erzählt wird aus Sicht der beiden jungen Migranten Raffiq und Amal. Karosh Taha gibt treffende Einblicke in deren Konflikte innerhalb ihres muslimisch geprägten Wohnviertels und in die  jeweiligen Familienstrukturen. Die Probleme der Protagonisten sind keineswegs nur ihrer adoleszenten Phase, in der sie mittendrin stecken, geschuldet. Außer dem wachsenden Auflehnen gegen die Erwartungshaltungen der Eltern müssen sie sich mit ihrer Ambivalenz zwischen zwei Kulturen und dem anstehenden Umbruch mit Richtungs- und Wegfindung nach dem Abitur auseinandersetzen.

Shahira, die Mutter ihres gemeinsamen Freundes Younes, spielt eine tragende Rolle im Plot. Shahira geht ihren eigenen Interessen in dem von dominierenden Männern geprägten muslimischen Wohnviertel nach. Sie kleidet sich freizügig und pflegt viele unterschiedlichen Männerbeziehungen. Die anderen Frauen verachten und meiden Shahira deshalb, ihre Männer begehren sie. Ihrem Sohn Younes, der die Männerfreundschaften seiner Mutter mit den verschiedenen Onkels lange nicht durchschaut, ist sie eine liebende Mutter.

Die junge Amal fühlt sich schon als Kind von den unterschiedlichen Kulturen zwischen denen sie aufwächst, überfordert. Ihr Vater, ein Architekt, geht zurück nach Kurdistan, weil seine berufliche Qualifikation in Deutschland nicht anerkannt wird und er sein Geld als einfacher Arbeiter ohne gesellschaftliche Anerkennungen verdient. Weiterlesen

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Kent Haruf: Kostbare Tage

Wenn man erfährt, dass die Lebenszeit bald abgelaufen sein wird, ist jeder einzelne Tag kostbar. So ergeht es Dad Lewis, nachdem er von seiner Krebsdiagnose im Krankenhaus erfahren hat. Sein Lebensbereich liegt in der Kleinstadt Holt, die den LeserInnen, die Kent Harufs vorangegangene Romane bereits kennen, bestens bekannt ist. Holt liegt im Mittleren Westen der USA, im Bundesstaat Colorado. – Kein Ort, in dem Fremde länger verweilen wollen. Im Gegensatz zur nächstgelegenen Metropole Denver scheint die Zeit dort stehen geblieben zu sein. Das Leben ist provinziell und einfach geprägt und plätschert ohne Hektik vor sich hin.

Die Ruhe, die über Land und Menschen liegt, entspringt gleichsam dem bedächtig fließenden Schreibstil Kent Harufs. Er zeigt die  ländliche Idylle in warmen Farben auf, beschreibt auch schlichte Gesten und Rituale so, dass große Bilder daraus entstehen.

Dad Lewis‘ Frau Mary und seine Tochter Lorraine pflegen und kümmern sich liebevoll um den 77jährigen Ehemann und Vater. Frank, der homosexuelle Sohn bleibt dem Elternhaus fern. Schon lange hat er den Kontakt zu den Eltern abgebrochen und eine Wunde hinterlassen. Frank passte weder in die geordnete Lebensstruktur von Dad Lewis noch in die von Holt.

Im Nachbarhaus von Dad Lewis wohnt die kleine Alice bei ihrer Großmutter. Mit ihrer Figur zeigt Haruf den Gegensatz vom jungen Mädchen, das ihr Leben noch vor sich hat und noch am Lernen und Begreifen ist, zu dem alten Mann auf, der an seinem Lebensende angekommen ist. Weiterlesen

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Charlotte Wood: Ein Wochenende

Es ist ein warmes, sonniges Weihnachtswochenende an Australiens Westküste. Drei gealterte Freundinnen treffen sich dort in New South Wales im Strandhaus ihrer verstorbenen Freundin Sylvie. Die Frauen, allesamt über 70, wollen hier zusammen die Weihnachtstage verbringen, bevor das Haus verkauft werden soll. Außerdem sollen sie sich auf Wunsch von Sylvies Mann von den Hinterlassenschaften seiner verstorbenen Frau aussuchen und mitnehmen, was ihnen gefällt, bzw. was sie gebrauchen können. So sind die Festtage bereits im Vorfeld mit der Vorahnung verbunden, dass sie eher zu einem Pflichteinsatz werden als zu genießenden Urlaubstagen mit einem schönen Weihnachtsessen, was sich dann auch so bewahrheitet. Sie beginnen mit einer Putz- und Entrümpelungsaktion, bei der   jede der Drei die eigenen Gedankengänge in Reminiszenz zu Sylvie verknüpft. Sie lassen unterschiedlichste Situationen Revue passieren und setzen sich damit auseinander. Dabei sind die Frauen nicht nur mit der beklemmenden Situation konfrontiert, dass die erste von ihnen bereits tot ist. Auch das bloße Aufeinandertreffen in ihrer verbliebenen Konstellation in dem verlotterten Strandhaus bereitet ihnen Probleme.

Nun kommt zum Tragen, dass immer Sylvie es gewesen war, die alle irgendwie vereint hat. Ebenso wie sich ihre Gemeinschaft untereinander im Laufe der vierzigjährigen Freundschaft verändert hat, haben sich auch die Freundinnen unterschiedlich weiterentwickelt. Die Spannungen zwischen Jude, der Organisatorin unter ihnen, Adele, der Schauspielerin, die ihre besten Zeiten längst hinter sich hat und Wendy, die ihren altersschwachen Hund Finn mitgebracht hat, verstärken sich in den Stunden ihres Zusammenseins. Weiterlesen

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Anita Brookner: Hotel du Lac (1984)

Anita Brookner gewann 1984 völlig überraschend den Booker Prize für ihren vierten Roman Hotel du Lac, der im selben Jahr beim Verlag Jonathan Cape in London erschien.

Elke Heidenreich hat für dieses Buch ein langes, aufschlussreiches Vorwort verfasst.

Heldin der Geschichte ist die Schriftstellerin Edith Hope, die unter Pseudonym schreibt und sich für längere Zeit ins Hotel du Lac in der Schweiz einmietet. Sie hat ihr gewohntes Lebensumfeld in England nach einem Skandal, den sie ausgelöst hat, verlassen und erhofft sich, hier am Genfer See zur inneren Ruhe zu kommen. Außerdem will sie einen Roman zu Ende schreiben, was ihr jedoch nicht gelingen will. Zu sehr ist sie noch mit ihrem eigenen Problem beschäftigt, das sie nicht loslässt. Allzu viel Ablenkung bringen ihr die Spaziergänge am See und die Cafébesuche letztlich  nicht. So konzentriert sie sich mehr auf die anderen Hotelgäste. Sie kann nicht anders, als diese Menschen um sie herum auf sich wirken zu lassen und sich deren Biografien auszudenken. Wem, wenn nicht ihr, einer Schriftstellerin könnte dies besser gelingen? – Bald stellt sich heraus, dass Edith zwar eine feine Beobachterin ist, jedoch scheint sie mehr in ihrer eigenen, fiktiven Welt als in der Realität beheimatet zu sein.

Die weiteren Hotelgäste sind Menschen mit ihren ureigenen unterschiedlichen Problemen und Krisen, wie wir sie kennen. Oft trügt der äußere Schein wie der einer Baronin, dem Mutter-Tochter-Duo Pusey, der Hundebesitzerin Monika oder Mr. Neville, der Edith Hope erkennt. Weiterlesen

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Jessie Greengrass: Was wir voneinander wissen

Die Ich-Erzählerin ist zum zweiten Mal schwanger und während sie ihren Mann mit der erstgeborenen kleinen Tochter durchs Fenster beobachtet, durchlebt sie äußerst ambivalente Gefühle. Sie überdenkt in sehr persönlichen Schilderungen ihr Leben und alles was damit in Zusammenhang steht. Eine besondere Gewichtung liegt in ihrer Herkunft, dem Leben der verstorbenen Mutter und dem ihrer verstorbenen Großmutter. Sie versucht sich Klarheit zu verschaffen, durch welche Ereignisse ihr Leben nachhaltig geprägt wurde. Dabei schweift sie immer wieder ab und taucht ein in die Biografie von Wilhelm Conrad Röntgen und seine Entdeckung der X-Strahlen. Weiter beschäftigt sie sich mit Sigmund Freud und seiner Tochter Anna und der Entwicklung der Psychoanalyse. Der dritte Wissenschaftler, mit dem sie sich auseinandersetzt, ist John Hunter, der die Anatomie erforschte. Sie versucht zu begreifen, inwieweit ihre angelesenen Kenntnisse vom Leben und Wirken der Wissenschaftler und letztlich deren Erfolge und Erkenntnisse Einfluss auf ihre Persönlichkeit genommen haben könnten und was sie selbst daraus für ihr eigenes Leben umsetzen kann. Somit ergeben sich weitreichende philosophische Betrachtungen über den Sinn des Lebens und inwieweit jede/r selbst dazu in der Lage ist, sich mit eigenen Kompetenzen die Erfahrungen anderer zunutze zu machen. Ihr wird bewusst, dass ihr noch ungeborenes Kind im Leben Widrigkeiten ausgesetzt sein wird, vor denen sie es nicht schützen kann, weil ihm auch ungewollt Schaden zugefügt werden kann. Die Tragweite der Verantwortung wiegt schwer. Weiterlesen

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A. M. Homes: Deine Mutter war ein Fisch

In der amerikanischen Literatur genießen Short Stories – ganz anders als in Europa, einen hohen Stellenwert. Kurzgeschichtenbände schaffen es in den USA nicht selten sogar in die Bestsellerlisten.

A. M. Homes gilt als Meisterin von Short Stories. In ihrer Danksagung auf der letzten Seite dieses Buches erfährt man, dass die darin gedruckten Geschichten über einen sehr langen Zeitraum hinweg entstanden sind.

Zwölf kurze Geschichten sind es, in denen die Autorin ihren Blick auf das heutige Amerika fokussiert. Manches davon mag man als leicht überzeichnet empfinden, vielleicht ist es aber lediglich  „typisch amerikanisch“.  – Letztlich sind die Darstellungen um so treffender auf den Punkt gebracht. A. M. Homes‘ Blick durchdringt die Oberfläche und ist oft so komisch und skurril wie die Buchtitel gebende Story „Deine Mutter war ein Fisch“. Darin geht es um eine Urgroßmutter, die sich selbst ein Meerjungfrauenkostüm genäht hat und nach Amerika geschwommen ist: Sie stichelt eine Geschichte, näht eine Erzählung, Naht für Naht (eBook S. 201).

A. M. Homes beweist einen Spürsinn für Kuriositäten und greift genau diese in ihren Geschichten auf. So zum Beispiel die Menschen in einem Wellensittichforum, die durchaus elementare Themen behandeln, sich dann aber wieder Banalem zuwenden, was jedoch als höchst wichtig erachtet wird. So unterhalten sie sich beispielsweise über einen Vogel, der sein Futter versteckt und machen sich hierüber lange Gedanken. Weiterlesen

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Jennifer Egan: Emerald City: Stories

Jennifer Egans Kurzgeschichten sind ein Spiegel der amerikanischen Gesellschaft. Ihre elf Stories handeln zum Beispiel von der Modelbranche mit den Befindlichkeiten und Gepflogenheiten der Akteure; von einem Wall-Street-Broker, der mit seiner Familie einem Fremden in die chinesische Provinz folgt; von einer Frau, die während eines Urlaubs mit einem reichen Mann auf Bora Bora von der Ausstrahlung einer jungen Frau am Strand ergriffen wird; von einem Vietnam-Veteran und der Verbindung zu einem jungen Mädchen, das einen ernüchternden LSD-Trip hinter sich hat; von einem Geschwisterpaar und dem frühen Tod der Mutter…

Egans Protagonisten bringen mit den geschilderten Momentaufnahmen  die jeweiligen elementaren Probleme ihres Lebens auf den Punkt. Alle tragen sie einen Kampf mit dem, was belastend in ihrem Innern schlummert, aus. In ihren Ausbruchs- und Lösungsversuchen verfangen sie sich in trügerischen Traumvorstellungen. Weiterlesen

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Gerwin van der Werf: Der Anhalter

Gerwin van der Werf hat die Handlung dieses Buches in die isländische Landschaft eingebettet und damit für seinen in sich gefangenen Protagonisten Tiddo die perfekte dramatische Kulisse geschaffen. Bereits die ersten beiden Sätze, in denen vom kahlgeschorenen, schwarzen Land und von toten Steinen zu lesen ist, assoziieren unheilvolle Bilder und lassen erahnen, welchen Verlauf die Geschichte, die sich im zweiten Teil wie ein Krimi liest, nehmen könnte.

Tiddo hat viele Hoffnungen in diesen Islandurlaub gelegt: Seine Ehe mit Isa ist im Laufe der letzten Jahre brüchig geworden und auch zu seinem dreizehnjährigen Sohn findet er nicht mehr den richtigen Zugang. Der Urlaub soll alles wieder ins Lot bringen. Entsprechend der Gliederung in Teil 1 „Die Ringstraße“, in der die Wohnmobilreise noch ganz moderat verläuft, manövriert Tiddo den Urlaub in Teil 2 „Das Hochland“ immer weiter ins Desaster.

Die Reise beginnt dann auch recht erfolgversprechend. Doch mit dem Anhalter Svein, den die Familie auf Isas Drängen hin auf dem Weg zu den Gletschern ins Wohnmobil einsteigen lässt, verändert sich die Situation zunehmend. Svein gelingt es, jeden aus der Familie um seinen Finger zu wickeln. Er scheint dieselbe Mystik zu verströmen, die über der gesamten Insel liegt. Weiterlesen

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