Saša Stanišić kennt man gemeinhin durch seine erfolgreichen Romane. 2019 hat er mit „Herkunft“ den deutschen Buchpreis gewonnen. Nun hat er sein erstes Kinderbuch zusammen mit seinem vierjährigen Sohn geschrieben. Man merkt, dass Stanišić nah am Kind und an der kindlichen Fantasie ist. Wie sonst könnte er sich solch kuriose Geschichten wie in diesem Kinderbuch ausdenken? In seinem Vorwort (im Buch witzigerweise „Vorort“), das er an die erwachsenen Vorleser richtet, erläutert Stanišić, wie die ganzen Taxi-Geschichten entstanden sind. – Eigentlich ganz einfach, denn er erzählte sie dem Vierjährigen meist spontan. Beim Zähneputzen, beim Wandern und vorm Einschlafen. Das Schöne an diesen Geschichten ist, dass sie zum Miterzählen animieren. Für Kinder und Vorleser machen diese ungewöhnlichen Abenteuer gleichermaßen Spaß, macht man doch mit ihnen ganz unerwartete Bekanntschaften bei den Ausfahrten mit dem Taxi, bei denen alles ganz anders ist, als bislang bekannt. Weiterlesen
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Sylvie Schenk: Roman d’amour
Charlotte Moire ist im Buch Schriftstellerin und die Protagonistin. Für ihren „Roman d’amour“ hat sie einen Literaturpreis bekommen. Einen völlig unbedeutenden Preis, der zum ersten Mal verliehen wird und nur mit einem bescheidenen Geldbetrag ausgelobt ist. Zudem, so findet Charlotte, entspricht ihr Liebesroman gar nicht den Kriterien dieses Preises. Dennoch freut sie sich darüber und reist über sechshundert Kilometer weit auf eine Nordseeinsel zur Preisverleihung. Vorab soll sie dort ein Interview mit einer Journalistin für einen Radiobeitrag führen. Im Gespräch mit der Journalistin Frau Sittich, wird der Inhalt des Romans aufgerollt. So lesen wir von der Affäre eines verheirateten Lehrers, der sich auf eine Liebesbeziehung mit der älteren Rektorin Klara seiner Schule einlässt. Die Protagonistin hat ihre eigene Geschichte, die sie im Roman nacherlebt, in die Erzählung hineinverwoben. Weiterlesen
Elena Ferrante: Zufällige Erfindungen
Elena Ferrante kennt man bislang von mehreren erfolgreichen Romanen – unter anderem der vierbändigen Neapolitanischen Saga, die ihr eine weltweite Fangemeinde beschert hat. Dass Ferrante auch die Kunst der kurzen Geschichten beherrscht, zeigt sie in ihrem neuesten Buch „Zufällige Erfindungen“. Hierin liest man 52 Kolumnen, die sie ein Jahr lang vom Januar 2018 bis Januar 2019 jede Woche für den britischen Guardian verfasst hat. Aus einer Liste mit Themenvorschlägen hat sie sich spontan ausgesucht, über was sie schreiben wollte. Die Situation, sich zum Schreiben verpflichten zu lassen und sich durch die vorgegebene Form auch noch auf ein Minimum zu beschränken, war für die Romanschreiberin Elena Ferrante neu. Dennoch hat sie sich darauf eingelassen.
Den Kolumnenanfang macht die Schilderung eines ersten Mals. Das Ende des Buchs bezieht sich auf die Geschichte von einem letzten Mal. Dazwischen schreibt sie über unterschiedlichste Themen (einige der Titel lauten „Töchter“, „Zittern“, „Schlaflos“, „Schlechte Stimmungen“, „Lügen“, „Vegetation“, „Eifersucht“…). Immer wieder befasst sie sich mit dem Thema Schreiben. Einmal geht es um das Tagebuchschreiben, was Elena Ferrante (wie die Leser, die sie von ihren Romanen her kennen, wissen) selbst praktiziert. Unter anderem geht daraus hervor, dass die Autorin im Tagebuch alles aufschrieb, was sie lieber verschwiegen hätte und sich dabei auch eines Wortschatzes bediente, den sie nie in den Mund genommen hätte. Oder man liest, wie ihr Tagebuch selbst zu einer Erfindung wurde, weil sie ihre unaussprechlichsten Wahrheiten in erfundene Geschichten umlenkte. Weiterlesen
Elena Ferrante: Frantumaglia: Mein geschriebenes Leben
„Frantumaglia“ lautet die neapolitanische umgangssprachliche Bezeichnung für „verworren“. Mit diesem vielseitig zu deutenden Wort, das Elena Ferrante von ihrer Mutter, einer Schneiderin, entlehnt hat, versucht sie sich selbst und ihren Lesern Klarheit über ihr Schreiben und viele offene Fragen zu schaffen.
Die italienische Schriftstellerin, die mit ihren Büchern internationalen Ruhm erlangt hat, meidet jedoch seit jeher die Öffentlichkeit. Bewusst hat sie sich für ein Pseudonym und die Anonymität entschieden. Nicht öffentlich auftreten zu müssen, verschaffe ihr eine große kreative Freiheit, betont Ferrante (E-Book S. 64) – Eine Haltung, die zu respektieren sein sollte. Dennoch hat ein Investigativjournalist versucht, Elena Ferrantes Identität aufzudecken und der Öffentlichkeit preiszugeben. – Schade!
Im Vorspann von Frantumaglia melden sich nun Ferrantes Verleger Sandra Ozzola und Sandro Ferri über dieses Buch zu Wort. Um die anhaltende Neugierde des Publikums, wer Elena Ferrante wirklich ist, zu befriedigen, macht das Verlegerpaar hier weitere Texte der Autorin den Interessierten zugänglich. So finden sich in diesem Band Briefe der Autorin an den Verlag samt einigen ihrer seltenen, schriftlich gehaltenen Interviews, ihre Korrespondenz mit einigen ausgewählten Lesern sowie ihren Austausch mit ihrem Regisseur Mario Martone. Weiterlesen
Isabel Allende: Was wir Frauen wollen
„Wer zahlt, sagt, wo’s langgeht“, sagte einst Isabel Allendes Großvater. Dieser Satz wurde zum ersten Lehrsatz ihres erwachenden Feminismus.
Mit einer beharrlich anmutenden Leidenschaft schreibt die große chilenische Erfolgsautorin Isabel Allende über ihre Rolle als Frau und die gesellschaftliche Rolle von Frauen im Allgemeinen weltweit. Sie selbst sieht ihre Freiheit, die ihr der Erfolg ihrer Bücher beschert hat, als Privileg. Dadurch konnte sie sich bald von jeglichen Abhängigkeiten, mit denen sie jedoch zeit ihres Lebens konfrontiert war, freischwimmen:
Isabel Allende wurde in eine Familie hineingeboren, in der ihre Mutter Panchita immer von den Männern abhängig gewesen war. Früh verlassen vom Ehemann unterwarf Panchita sich dem patriarchalischen Vater, der auch Isabels Kindheit dominierte. Obwohl der oberen chilenischen Gesellschaft angehörig, konnte die Mutter sich auch im Leben mit ihrem zweiten Mann Ramón nie verwirklichen. Ihr Hang zur Malerei blieb eher ein verborgenes Hobby. „Ernährt und beschützt zu werden hatte eben seinen Preis“ , resümiert Allende (E-Book S. 15). Immer wieder zieht die mittlerweile 79-jährige Schriftstellerin Vergleiche zum Leben ihrer Mutter, die mit dem zwanzigjährigen Altersunterschied zu ihr selbst noch dazu verdammt gewesen war, sich stets unterzuordnen. Ungerechtigkeiten in und außerhalb der Familie erkannte die kleine Isabel schon früh und entwickelte Schuldgefühle der Mutter gegenüber, die sie als Opfer betrachtete. Heute ist sie dankbar für ihre als unglücklich empfundene Kindheit, die ihr den Stoff für ihr Schreiben lieferte. Weiterlesen
Benedict Wells: Hard Land
Fünf Jahre hat es gedauert, bis Benedict Wells‘ neuer Roman Hard Land bei seinem Hausverlag Diogenes erschienen ist. Zuvor hatte er mit seinem Erfolgsroman Vom Ende der Einsamkeit, der über eineinhalb Jahre auf der Bestsellerliste stand, die eigene Messlatte sehr hoch gelegt. Schon aus diesem Grund darf man auf Har
d Land gespannt sein.
Zum Inhalt: Die Handlung ist im Jahr 1985 in der fiktiven, recht gewöhnlichen Kleinstadt Grady im US-Bundesstaat Missouri angesiedelt. Hier spielt die typische Coming-of-Age-Geschichte des Protagonisten Sam.
Für den fünfzehnjährigen Sam bricht ein einschneidender Sommer mit vielen Facetten aus Glück und Leid an. Doch nicht nur Sams ureigene, von Unsicherheiten und Ängsten behaftete Welt ist im Umbruch; auch in seiner Familie ist vieles aus dem Lot.
Über die Ferienzeit nimmt Sam einen Job im Kino von Grady an. Hier kann er den Problemen im Elternhaus entfliehen. Hier findet er auch endlich Freunde die ihn akzeptieren und in ihre Clique aufnehmen, obwohl er einige Jahre jünger ist. Mit seinen neuen Freunden taucht er in eine andere Lebenswelt ein. Weiterlesen
Callan Wink: Big Sky Country
Der junge August wächst auf einer kleinen Farm in Michigan auf. Die Ehe seiner Eltern ist zerrüttet. Die Mutter wohnt im alten, einst von ihren Eltern erbauten Haus auf dem Farmgelände, der Vater im neuen Gebäude. Der Junge pendelt zwischen den Häusern und den Elternteilen, die einen stillen Kampf untereinander ausfechten. Die einst früh eingegangene, nur auf Emotionen aufgebaute Bindung der Eltern rächt sich nun im Alltag. Augusts Mutter fehlt die adäquate Ansprache, wogegen der Vater sein typisches Farmerdasein auslebt, das er obendrauf noch mit einer viel zu jungen Geliebten krönt. August steht zwischen der mit ihrem Leben unzufriedenen, intellektuell unterforderten Mutter und dem Vater, der den Naturburschen und Farmer verkörpert. Dennoch suchen beide Elternteile immer wieder das Gespräch mit dem Sohn, was sich in vielen Dialogen zeigt. Seine stoische Haltung, als er der Aufforderung des Vaters nachkommt, der Katzenplage auf der Farm den Garaus zu machen, unterstreicht einen erschreckend kruden Wesenszug des Zwölfjährigen, der sich in seiner weiteren Entwicklung immer wieder offenbart.
Als die Mutter ein Angebot bekommt, als Bibliothekarin in Montana zu arbeiten, verlässt August zusammen mit ihr den Vater. Die gewaltige Natur der Rocky Mountains in seinem neuen Lebensumfeld beeindruckt den jungen August nachhaltig. Er tritt dem Footballverein in seiner Highschool bei und verinnerlicht die rauen Gepflogenheiten der Sportart und des Teams. Er bleibt weiter ein Einzelgänger. Weiterlesen
ATAK: Piraten im Garten
In diesem Bilderbuch explodieren die knallbunten Farben geradezu.
Fast ganz ohne Text, oft mit nur einem einzigen Wort auf einer Seite erzählen allein die farbenfrohen Bilder eine abenteuerliche Geschichte.
Im Haus sieht man Emil mit seinen Piratenfiguren spielen. Aufmerksame Betrachter erkennen bereits beim Blick durchs Fenster, wie die Piraten auch durch den Garten laufen.
Perspektivwechsel weisen auf das Geschehen drinnen und draußen, hier und dort hin. Nach einem lauten Knall geht es im Haus und draußen im Garten drunter und drüber. Der Bildablauf zeigt rauf und runter, groß und klein, oben und unten, vorne und hinten, geordnet und durcheinander, vertauscht und richtig, leicht und schwer, verkehrt herum und passend, kreuz und quer, Licht und Schatten auf. Hier wird die Bedeutung der Worte und das richtige Verständnis dafür nebenbei ganz simpel gefördert. Aufmerksamen Betrachtern werden Unterschiede und Fehler in den Abbildungen auffallen. Weiterlesen
Paul Auster: Mit Fremden sprechen: Ausgewählte Essays und andere Schriften aus 50 Jahren
„Von Sprache entfremdet zu sein ist nichts anderes, als seinen Körper zu verlieren. Wenn dir die Worte versagen, zerfällst du in ein Bild von nichts. Du verschwindest.“ (S. 10 aus „Notizen aus einer Kladde“ 1967)
Paul Auster gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Seine bislang erschienenen Romane sind eng mit der Stadt New York verknüpft („Die New-York-Trilogie“ hat ihn international bekannt gemacht). Für den Band „Mit Fremden sprechen“ hat der Autor seine 44 darin enthaltenen Schriften, Reden und Essays aus über fünfzig Jahren selbst zusammengestellt.
Der titelgebende Text bezieht sich auf das letzte Kapitel im Buch und handelt von Austers Dankesrede zum Prinz-von-Asturien-Preis. (Im Roman begegnen sich Autor und LeserInnen auf gleicher Stufe ohne sich tatsächlich zu sehen und bleiben so doch immer Fremde). Wir erfahren mehr von Austers Bedürfnis zu schreiben – dem Einzigen, was er jemals wollte. Literatur ist das, was Auster antreibt und ihn schon sein Leben lang begeistert. Seine Gedanken umkreisen Erinnerungen und reflektieren aktuelles Zeitgeschehen. Das Spektrum seiner Themen ist vielseitig. In „Mit Fremden sprechen“ geht es um Austers philosophische Sichtweisen und seine weitreichenden literarischen Betrachtungen. Weiterlesen
Annie Ernaux: Der Platz
In ihrem autobiografischen Buch „Der Platz“ schreibt die 1940 geborene Annie Ernaux vom Leben ihres Vaters, was natürlich auch mit ihrem eigenen Aufwachsen im Elternhaus in der Normandie verbunden ist. In Frankreich erschien das Buch „La place“ bereits 1983.
Wie in den beiden hier bereits besprochenen Büchern der Autorin „Eine Frau“ und „Erinnerung eines Mädchens“ bleibt Ernaux ihrem sehr persönlichen, eindringlich emotionalen Stil treu.
Ausgehend vom Tod des Vaters ruft sie die mit ihm verbundenen Erinnerungsbilder in sich wach.
Aus einfachem Bauernstand stammend und geprägt von den Kriegsjahren war dem Vater geistige Kultur fremd. Vom Fabrikarbeiter arbeitet er sich zum Kolonialwaren- und Kneipenbesitzer hoch, worauf er stolz ist. Doch das Stigma vom armseligen Leben der Unterschichtenklasse wird er zeitlebens nicht los. Weiterlesen