Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios

Ocean Vuong, ein 1988 geborener amerikanischer Autor mit vietnamesischen Wurzeln, legt in seinem ersten Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ einen enorm intensiven und emotionalen Roman vor.

Darin beschreibt er sein Leben in ärmlichen Verhältnissen – mit rabiater Großmutter und schizophrener Mutter, die weder Englisch noch lesen und schreiben kann. Der Ich-Erzähler ist nicht nur wegen seiner Herkunft ein Außenseiter – er ist es auch, weil er schmächtig, klein und homosexuell ist. Seine Liebe zu dem derben Trevor bildet den zweiten Teil dieses Romans.

Der Text weist enorm starke Stellen auf – zum Beispiel wenn Mutter Rose im Nagelstudio einen Fuß massiert, den es gar nicht mehr gibt, weil er längst amputiert worden ist, oder wenn sie im Supermarkt schauspielerisch darzustellen versucht, dass sie einen Ochsenschwanz kaufen möchte, oder wenn sich Trevor und der Ich-Erzähler im Heu bei der Tabak-Ernte langsam näher kommen. Subthema ist immer auch der Vietnamkrieg.

Allerdings gibt‘s andererseits einigen Leerlauf, und es könnte Leser geben, denen die überbordende Emotionalität in diesem Buch etwas zu viel wird und sie sie – besonders zum Ende hin – als überladen empfinden.

Anfangs muss man sich etwas hineinfinden in dieses ungewöhnliche Buch. Das liegt auch an der Art des Autors, seine Geschichte in kurzen Passagen zu erzählen, die besonders zu Beginn nicht immer in direktem Zusammenhang zueinander stehen. Das erfordert ein konzentriertes und langsames Lesen. Man kann dieses Buch keinesfalls am Strand oder irgendwo quasi nebenher konsumieren.

Man merkt in vielen Passagen, dass Ocean Vuong ursprünglich Lyriker ist. Für seine Gedichte wurde er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt unter anderem mit dem Whiting Award for Poetry (2016) und dem T.S. Eliot Prize (2017).

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios.
Hanser Verlag, Juli 2019.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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Katja Oskamp: Marzahn, mon amour: Geschichten einer Fußpflegerin

Katja Oskamp gehört zu den vielen Autorinnen, die vom Schreiben allein nicht leben können. Also muss sie zusätzlich einem (anderen) Job nachgehen. Die 49-jährige Berlinerin hat sich für die Fußpflege im Berliner Problemstadtteil Marzahn entschieden – und aus ihren Erlebnissen dabei ein wunderschönes Buch gemacht.

Es strahlt von der ersten bis zur letzten Seite eine enorme Herzenswärme und Liebe zu den Menschen aus, die sie besuchen. Da gibt‘s zum Beispiel jene Seniorinnen, die sich trotz körperlicher Gebrechen die gute Laune nicht verderben lassen, oder den etwas griesgrämigen ehemaligen DDR-Funktionär, der die Ich-Erzählerin rundheraus zum gemeinsamen Sex einlädt, oder Männer, die von der Ehefrau zwangsverpflichtet werden, zur Fußpflege zu gehen. Weiterlesen

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Ian McEwan: Maschinen wie ich

Eine Dystopie schafft der britische Top-Autor Ian McEwan in seinem neuen Roman „Maschinen wie ich“. Er tut so, als seien die ersten künstlichen Menschen bereits in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts erfunden und zum Verkauf angeboten worden.

Charlie, der sich gerade in seine Nachbarin Miranda verliebt hat, kauft sich ein solches Exemplar – Adam heißt es passenderweise – und integriert es in seinen Haushalt. Adam lernt schnell, weil er auf sämtliches Wissen zugreifen kann, das in irgendwelchen Online-Datenbanken verfügbar ist. Von einem echten Menschen ist er bald nicht mehr zu unterscheiden. Schon bald hat er seinen Besitzer intellektuell und kräftemäßig überflügelt. Zu Problemen kommt es, als sich Adam ebenfalls in Miranda verliebt.

Ian McEwan, der 1948 geboren worden ist, packt sehr viel hinein in diesen Roman. Der Falkland-Krieg kommt genauso vor wie Margaret Thatcher, der Brexit sowie allerlei philosophische und literarische Anspielungen. Weiterlesen

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Chip Cheek: Tage in Cape May

In Chip Cheeks Roman „Tage in Cape May“ verbringt ein etwas biederes Paar im Jahre 1957 seine Flitterwochen an der amerikanischen Ostküste. Es ist Spätsommer, viele Läden und Restaurants haben bereits geschlossen, und Effie und Henry langweilen sich. Als sie schon überlegen, die Reise vorzeitig abzubrechen, treffen sie auf das lebenslustige Paar Max und Clara sowie Max‘ Halbschwester Alma – und alles verändert sich: Die fünf neuen Freunde gehen gemeinsam segeln, sie feiern, spielen, betrinken sich und steigen zum Spaß in unbewohnte Nachbarhäuser ein. Doch dann beginnt Henry eine leidenschaftliche Affäre mit Alma, für die er sich jede Nacht aus dem Ehebett schleicht …

Chip Cheek, einem 1976 geborenen amerikanischen Schriftsteller, gelingt es seinem Debütroman, die unterschiedlichen Charaktere seiner fünf Hauptfiguren psychologisch glaubhaft einzufangen. Durch den gesamten Roman zieht sich eine erotische Atmosphäre, und auch die vielen Sexszenen gleiten keinesfalls ins Peinliche oder Platte ab. Weiterlesen

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Jörg Fauser: Rohstoff (1984)

Jörg Fauser war eine Art Bürgerschreck und Kultautor der 80er-Jahre. Er sah sich selbst in der Tradition bekannter amerikanischer Beatnik-Autoren wie Jack Kerouac und William S. Burroughs, die auf bürgerliche Konventionen pfiffen und ihr Leben lieber den Drogen, dem Alkohol und der Liebe widmeten. Nun hat der Schweizer Diogenes-Verlag dankenswerterweise drei Bücher mit Werken Fausers wiederaufgelegt, eines Autors, der nur 43-jährig im Jahre 1987 beim Versuch starb, eine Autobahn im Vollrausch zu überqueren.

In „Rohstoff“, erstmals erschienen 1984, wendet er sich der Zeit um 1968 zu, die zumindest in den Großstädten durch die Studentenrevolte, die Kommune I, besetzte Häuser und das Aufkommen der RAF geprägt war. Fausers Protagonist Harry Geld, ein Alter Ego des Autors, bewegt sich stets am Rande dieser Szene, ohne selbst je im Mittelpunkt zu stehen. Dabei ist die Selbstironie ein gut funktionierendes Stilmittel, dessen sich der Autor durchgängig bedient. Weiterlesen

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Raymond Queneau: Zazie in der Métro (1959)

„Zazie in der Métro“ ist ein französischer Kultroman aus dem Jahre 1959. Autor Raymond Queneau arbeitet darin mit allerlei Wortschöpfungen, Wortspielen, Gossensprache, fehlerhafter Grammatik und Orthografie. Bereits das allererste Wort macht deutlich, wie es in diesem Roman zugeht: „Waschtinkndiso“ steht hier für „Was stinkt denn die so?“ Ein solches Werk in eine andere Sprache zu übertragen, dürfte für einen Übersetzer die Höchstschwierigkeitsstufe sein. Frank Heibert, der unter anderem auch die Werke von Richard Ford oder Don DeLillo ins Deutsche übertragen hat, hat sich an eine Neuübersetzung gewagt. Das Ergebnis wirkt frisch, zeitgemäß und ungeheuer witzig.

Die Handlung ist fast nebensächlich, weil die Sprache in diesem Roman das Wichtigste ist – passenderweise wiederholt Papagei Laverdu als Running Gag immerzu einen Satz, den er gelernt hat: „Du quatscht und quatscht, sonst hast du nichts zu bieten“. Weiterlesen

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Joyce Carol Oates: Sieben Reisen in den Abgrund

Die 1938 geborene amerikanische Autorin Joyce Carol Oates ist nicht nur eine Vielschreiberin, sondern auch in vielen unterschiedlichen Genres unterwegs. Eines davon ist Horror – so wie in ihrer jetzt endlich auch auf Deutsch erschienenen Geschichten-Sammlung „Sieben Reisen in den Abgrund“.

Darin kommen zwar keine übersinnlichen Mächte vor, aber die Autorin führt uns in derart alptraumhafte Situationen, dass man sich mitunter kaum traut weiterzublättern, oder nur dann, wenn rings um den Lesesessel alles hell erleuchtet ist.

In der ersten Geschichte, „Die Maisjungfer“, die auch titelgebend für die bereits 2011 erschienene amerikanische Originalausgabe war („The Corn Maiden“), entführt eine irre Jugendliche ein jüngeres Mädchen. Sie will es in Anlehnung an ein alles Ritual opfern. Schnell wird ein Lehrer verdächtigt, dafür verantwortlich zu sein.

Als Leser ist man nicht nur im Kopf der wahnsinnigen Täterin, sondern erlebt auch hautnah und über viele Seiten die Qualen der Mutter und des zu Unrecht verdächtigten Lehrers. Durch die totale Nähe zum Geschehen wird das zu einem äußerst intensiven Leseerlebnis. Weiterlesen

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Susanne Hasenstab: Irgendwo zwischen Liebe und Musterhaus

Der 1984 geborenen deutschen Autorin Susanne Hasenstab ist mit „Irgendwo zwischen Liebe und Musterhaus“ ein höchst unterhaltsamer Roman gelungen. Er nimmt sowohl die abstrusen Befindlichkeiten einer lokalen Möchtegern-Literatenszene aufs Korn als auch diejenigen, die mit Häuslekauf und Familienplanung allzu vorhersehbar durchs Leben schreiten.

Katja, die als Redaktionsassistentin bei einer Gratis-Zeitung arbeitet, wird von ihrem Freund Jonas von einer Hausbesichtigung zur nächsten geschleift. Sie folgt ihm nur widerwillig, schließlich weiß sie gar nicht, ob sie ihr Leben schon so früh festzurren will. Doch auch bei einer literarischen „Soiree“ ergeht es ihr nicht besser. Dort plustern sich allerlei Nichtskönner in ihrer ganzen gockelhaften Eitelkeit auf. Doch dann taucht der Krimi-Autor Robert auf … Weiterlesen

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Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success

Gary Shteyngart, ein russisch-stämmiger Jude, der in den USA lebt, legt mit „Willkommen in Lake Success“ einen großen amerikanischen Gesellschaftsroman vor. Darin seziert er das amerikanische Befinden im Jahre 2016 – einer Zeit, in der ein gewisser Donald Trump sich anschickt, der nächste US-Präsident zu werden.

Die Welt des schwerreichen New Yorker Hedgefonds-Managers Barry bricht auseinander. Sein Fonds basiert auf Lügen und die Kapitalgeber ziehen ihr Geld zurück. Außerdem liebt ihn seine Frau Seema nicht mehr. Dass das Paar einen autistischen Sohn hat, der kein Wort spricht und jede Berührung ablehnt, macht die Lage nicht besser.

Barry zieht die Reißleine, wirft Kreditkarten und Handy weg und setzt sich in den nächsten Greyhound-Bus, um seine Jugendliebe Layla in El Paso zu treffen. Weiterlesen

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Joe Mungo Reed: Wir wollen nach oben

Allen, die Radrennen mögen, sei dieses Buch bedingt empfohlen, allen anderen nicht.

Solomon, der Ich-Erzähler, ist Radrenn-Profi. In seinem Team hat er jedoch nicht die Aufgabe zu gewinnen, er ist – wie viele andere auch – dazu da, seinem Kapitän Fabrice während der Tour de France zu helfen. Er muss für ihn Wasser holen und ihm Windschatten geben.

Aber weil die Leistungen der gesamten Mannschaft nicht stimmen, verfällt Teamchef Rafael auf die Idee, es mit Doping zu versuchen.

Obwohl dieser Roman nicht unbedingt dick ist, tritt er doch lange auf der Stelle – oder in die Pedale, um beim Thema zu bleiben. Die Radrennfahrer fahren ihre Tour, was gelegentlich stupide ist, und haben abseits davon ebenfalls ein eher langweiliges Leben in verschiedenen Hotels. Diese Langeweile überträgt sich zum Teil auf die Lektüre selbst. Es geht kaum voran in diesem Buch, und es fehlt lange an Spannung. Weiterlesen

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