Pascal Mercier: Der Fluss der Zeit

Pascal Mercier ist im Jahr 2023 im Alter von 79 Jahren gestorben. Mit seinem Roman „Nachtzug nach Lissabon“ (2004), der 2013 auch verfilmt wurde, erreichte er Weltruhm. In unserem Leselustportal ist noch die Besprechung „Das Gewicht der Worte“ von ihm zu finden.

Wir lesen in diesem schmalen Büchlein fünf kürzere Erzählungen von Pascal Mercier. Die Gedanken und das Agieren seiner Figuren, die plötzlichen Schlüsselerfahrungen ausgesetzt sind, zeichnet der Autor so lebensnah nach, dass beim Lesen unweigerlich Selbstreflexionen erzeugt werden.

In der ersten Geschichte „Die Übergabe“ lernen wir ein Ehepaar kennen, das ein Haus erstanden hat. Die Hausübergabe von dem betagten Verkäufer zieht sich in die Länge und wird zu einer schier unerträglichen Prozedur. 

Die zweite Geschichte „Die Wohnung dreht sich ebenfalls, aber auf ganz andere Art, um ein eigenes Zuhause. Ein Ehepaar, das über ein geerbtes Vermögen verfügt, möchte einem jungen Musiker seine Wohnung, in der er zur Miete lebt, schenken. Doch Freude, Unabhängigkeit und das Glück, das für den Beschenkten vermeintlich damit einhergehen sollten, stellen alle vor große Hürden.

Warten auf den Befund“ ist eine kleine Erzählung, in der ein Mann in einer ihn erdrückenden Ungewissheit schwebt. Ein ausstehender Laborbefund lässt die Tage für ihn zur Qual werden.

Tödlicher Lärm“ dreht sich um die Beziehung eines Jungen zu seinem Vater, bei dem das Kind Lärm als seine Waffe einsetzt.

In der letzten Geschichte „Noch einmal die Mansarde“ begegnen wir einem Mann, der für einen Kongress nach vierzig Jahren in seine einstige Studentenstadt zurückkehrt. Ohne es zuvor geplant zu haben, sucht er seine damalige Studentenwohnung auf und besucht die ehemaligen Vermieter. Anstatt den Kongress zu besuchen, durchlebt er nochmals frühere Zeiten und empfindet am Ende das Verweilen in der Vergangenheit wie eine Entzauberung.

Merciers Figuren werden durch die jeweiligen Situationen, in denen sie sich befinden, gezwungen, sich mit weitreichenden, sehr emotionalen Überlegungen auseinanderzusetzen.

Diese atmosphärisch dichten Gedankengänge sind schön zu lesende, gute Literatur.

Pascal Mercier: Der Fluss der Zeit.
Hanser: Januar 2026.
gebundene Ausgabe, 112 Seiten, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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