Jo Nesbø: Minnesota

Der norwegische Schriftsteller Jo Nesbø (Jahrgang 1960) hat mit seiner Harry-Hole-Reihe Krimi-Kultstatus. Nun hat er einen neuen Kriminalroman geschrieben, in dem alles anders ist. In „Minnesota“, der am 2. Januar 2026 in den Ullstein Buchverlagen in einer Übersetzung von Günther Frauenlob erschienen ist, heißt der Ermittler Bob Oz und der Handlungsort Minneapolis in Minnesota, USA.

„Minnesota“ von Jo Nesbø wandelt auf True Crime Spuren

September, 2022: Der Norweger Holger Rudi reist in die Vereinigten Staaten von Amerika, um für einen True Crime Roman zu recherchieren. Der Kriminalfall ereignete sich vor sechs Jahren in Minneapolis, Minnesota.

Oktober, 2016: Bob Oz, Detective des Minneapolis Police Departments, hat die vierzig überschritten, trägt einen senfgelben Kaschmirmantel und fährt einen Volvo. Seine Frau Alice hat sich von ihm getrennt, weil sie Bob die Schuld an dem Unfalltod ihrer dreijährigen Tochter Frankie gibt. Und Bob ist wütend. Dann wird er zu einem Verbrechen im Jordan-Projekt, einer Hochhaussiedlung im Norden von Minneapolis, gerufen. Es wurde auf den Waffenhändler Marco Dante geschossen. Schwer verletzt überlebt Dante. Die Polizei ermittelt einen Mann namens Tomas Gomez als mutmaßlichen Schützen. Nachdem Gomez dann den Waffenlobbyisten Cody Karlstadt ermordet hat, wird der Bürgermeister von Minneapolis, Kevin Patterson, zur Zielscheibe des Killers. Und immer wieder entwischt er Bobs Kollegin Kay Myers. Bob Oz hofft derweil, dass Gomez seine geliebte tote Katze bei dem Tierpräparator oder Taxidermisten Mike Lunde abholen wird. Er verbringt viel Zeit in Lundes Werkstatt und schaut ihm bei der Arbeit zu.

Bürgermeister Patterson soll bei der Eröffnung der National Rifle Association (kurz NRA) -Tagung im Football-Stadion von Minneapolis sprechen. Wird Gomez ihm dort auflauern? Die Polizei ist mit einem Großaufgebot vor Ort. Myers und Oz kommen dem Täter derweil gefährlich nahe.

September, 2022: Holger Rudi beendet seine Recherchen für die True Crime Geschichte und kann nach Norwegen zurückkehren.

Bob Oz fehlt Harry Holes Charisma

Jo Nesbø erzählt „Minnesota“ auf zwei Zeitebenen. Auf der einen recherchiert ein norwegischer Schriftsteller für seinen Roman und auf der anderen sucht die Polizei fieberhaft nach einem Scharfschützen, der Menschen erschießt. Die doppelte Spurensuche geht mit verschiedenen Erzählperspektiven einher. Sowohl der Schriftsteller 2022 als auch der Täter 2016 treten als Ich-Erzähler auf. Der Kriminalfall selbst wird aus der Sicht der Hauptfigur, Bob Oz, erzählt. Das schafft zu Beginn der Geschichte bei mir als Lesende etwas Verwirrung, aber es sorgt auch für Spannung.

Jo Nesbø ist ein routinierter und angesehener Krimischreiber: sein Stil, seine Plots und sein Ideenreichtum bescheren ihm regelmäßig Plätze auf den Bestsellerlisten. Mit „Minnesota“ wird ihm das sicher auch wieder gelingen. Mir fehlt in der Geschichte von Bob Oz und Tomas Gomez die Gänsehaut-Spannung. Zu schnell kommt der erfahrene Krimi-Lesende auf den Täter, da ist dann die Luft heraus. Der US-amerikanische Handlungsort und damit auch seine Figuren scheinen Jo Nesbø viel weniger vertraut zu sein, als seine skandinavischen. Bis auf die üblichen Seitenhiebe auf die Liebe der US-Amerikaner zu ihren Schusswaffen, American Football und die 2016 noch bevorstehende Wahl von Donald Trump zum Präsidenten liefert Nesbø erstaunlich wenig Lokalkolorit über Minneapolis in Minnesota. Bob Oz als Detective mit mangelnder Impulskontrolle entwickelt nicht das Charisma anderer Nesbø-Protagonisten, wie Harry Hole oder Roy Opgard aus „ihr königreich“ und „der könig“.

Die Zeitebene 2022 mit dem Schriftsteller Holger Rudi ist für den Kriminalfall nahezu überflüssig und nur als Spielerei Nesbøs über den Hype um True Crime Stories und deren Schriftsteller zu verstehen.

„Minnesota“ ist ein solider Krimi und für Nesbø Fans ein Muss, aber Jo Nesbø hat schon beeindruckendere und spannendere Krimis geschrieben.

Jo Nesbø: Minnesota.
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob
Ullstein Buchverlage, 2. Januar 2026.
Hardcover, 416 S., 24,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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