Louise Nealon: Snowflake

Eine liebenswertere, aber auch eine chaotischere Hauptfigur habe ich lange nicht getroffen in einem Roman. Die irische Autorin erzählt in ihrem Debütroman warmherzig und berührend in vielen Episoden vom so gar nicht einfachen Landleben und dem Erwachsenwerden der Debbie White.

Die blutjunge Debbie wird auf einem Milchbauernhof groß, fern der Großstadt und fern dem „normalen“ Leben. Denn ihre Mutter Maeve lebt ihre Träume, träumt ihr Leben. Und Debbies Onkel Billy, der in einem Wohnwagen haust und mit Debbie in die Sterne schaut, zitiert die alten Griechen und hält zusammen mit James, dem Liebhaber von Maeve, den Hof am Laufen.

Als Debbie 18 wird, beginnt sie ein Literaturstudium in Dublin, pendelt jeden Tag vom Hof in die Stadt, vom Landleben ins Stadtleben. Dort prallen zwei Welten aufeinander und die so weltfremd aufgewachsene Debbie scheitert auf ganzer Linie. Das klingt dramatischer als es im Roman beschrieben ist, denn das Leben und Leiden Debbies wird mit zartem Humor, mit Lakonie und ohne Larmoyanz erzählt. Die Autorin verurteilt ihre Figuren nicht, sie schildert mit Empathie und sanfter Ironie, so dass man im Laufe der Handlung Debbie regelrecht liebgewinnt, auch wenn sie oft unverständlich agiert. Weiterlesen

Cormac McCarthy: Der Passagier

Der 1933 geborene US-amerikanische Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy ist in Deutschland besonders durch seinen Bestseller „Die Straße“ (2006) bekannt. Auch die Romanvorlage zum Kinofilm „No Country for Old Men“ stammt von ihm.

Sein neuestes Werk ist ein inhaltlich zusammenhängender Doppelroman. Teil eins, „Der Passagier“, beginnt mit einem Bergungstaucher namens Western, der in einem Flugzeug auf dem Meeresgrund neun Leichen entdeckt. Es fehlen der zehnte Passagier sowie der Flugschreiber. Bald darauf wird Western von geheimnisvollen Männern verfolgt und muss fliehen.

„Der Passagier“ ist alles andere als leichte Kost. Der Roman wirkt wie Stückwerk, in dem sich eine Szene an die andere reiht, ohne dass sich ein Gesamtzusammenhang erkennen ließe. Weiterlesen

Helga Schubert: Lauter Leben

Einfach genial: Die 2020 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnete Autorin beherrscht nicht nur Kurz-, sondern auch Kürzestgeschichten. Unglaublich, wieviel Leben sie auf eine Seite packen kann. Helga Schubert hat den Blick für die kleinen Spitzen des Alltags, für das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen. Bei diesem Erzählband handelt es sich um Schuberts Frühwerk, ihrem ersten Erzählband aus dem Jahr 1975. Obwohl ihre Geschichten vor 47 Jahren in der damaligen DDR spielen, wirken sie erstaunlich zeitlos. Ob Single-Frauen, Haustiere, Affären, Theaterinszenierungen HINTER dem Vorhang, das Verhalten von Menschen auf Seminaren – die Autorin überwindet im wahrsten Sinne des Wortes Mauern und Dekaden. Witzig, hintergründig, großartig!

„Er sitzt an der Bar. Mit einem nackten Gesicht. Wimpern und Augenbrauen und Haare haben eine Tarnfarbe.“ (S.41). Mit wenigen Worten macht Schubert einen Charakter lebendig, bei dem wir von Anfang an ahnen, dass seine Flirtversuche zum Scheitern verurteilt sind. Sprachlich virtuos löst die Autorin in nur eineinhalb Seiten den Titel der Erzählung „Taube Ohren“ auf. Durch ein geschmeidiges Stakkato an kurzen, treffsicheren Sätzen.

Zum Niederknien komisch ist die Erzählung „Der Hund“. Ein Kind möchte einen Hund als Haustier, was die Eltern aus verschiedenen Gründen nicht billigen. Nun wird es mit einem Ersatztier – genauer: zwei Vögeln – abgespeist. Mit mäßigem Erfolg. Ihr schlechtes Gewissen treibt sie zu weiteren Anschaffungen tierischer Art. Die Lage eskaliert. Weiterlesen

Tanya Byrne: Everlove – Bis übers Ende dieser Welt hinaus

Die queere Autorin Tanya Byrne ermutigt Autor*innen aus Randgruppen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Dafür setzt sie sich passioniert ein und entführt uns in „Everlove“ in einen paranormalen, bittersüß-tragischen Young Adult-Romance.

Die Story dreht sich um Ashana, ein 16-jähriges britisch-indisch-guayanisches Mädchen, die mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester in Brighton lebt. Doch Ash stirbt – mitten in ihrer eigenen Liebesgeschichte. Das einzige, was Ash und ihre erste Liebe Poppy trennt, ist der Tod. Dies war meine erste lesbische Liebesgeschichte und sie hat mich wirklich verzaubert, da sie einzigartig ist und aus einer authentischen Perspektive geschrieben wurde.

Ich bin die, mit denen sie experimentieren. Die, bei der sie sich gehenlassen können, weil ich es nie irgendwem erzählen werde. Ich bin die, deren Nummer sie unter Alfie oder Harry oder Luke abspeichern. Die Hüterin ihrer Geheimisse […].“ (S. 39)

Ich habe es sehr genossen in der ersten Hälfte dieses Buches in Ash und Poppys frische Beziehung einzutauchen, zu lesen, wie sie sich kennenlernen und ineinander verlieben. Liebesgefühle, bei denen jeder Gedanke in ihren Köpfen durch die Freundin ersetzt wird und Ash sich fragt, ob Poppys Lippen so schmecken, wie sie Torte an ihrem dreizehnten Geburtstag, als die das letzte Mal so unfassbar glücklich war. Weiterlesen

Nicolas Mathieu: Connemara

Der Prix-Goncourt Preisträger von 2018, Nicolas Mathieu (Jahrgang 1978), hat einen neuen Roman geschrieben. „Connemara“ ist am 26. September 2022 bei Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag erschienen. Lena Müller und André Hansen haben ihn aus dem Französischen übersetzt.

Wie in „Rose Royal“ aus dem Jahre 2020 hat sich Nicolas Mathieu wieder eine weibliche Protagonistin ausgesucht. Hélène ist eine erfolgreiche Unternehmensberaterin und verheiratet mit Philippe. Sie haben zwei Töchter. Die Familie ist nach Hélènes Burn-out aus Paris nach Nancy gezogen, in die Nähe ihrer alten Heimatstadt Cornécourt in der Region Grand Est, Frankreich. Hélène stammt aus einfachen Verhältnissen und ist stolz auf ihre Karriere und Milieuflucht.

Mathieus zweite Hauptfigur Christophe Marchal, ehemaliger Eishockeystar, lebt immer noch in Cornécourt und fährt als Vertreter für Hundefutter durch Lothringen. Er hat einen kleinen Sohn, eine gescheiterte Ehe  mit Charlie und einen Vater mit beginnender Demenz. Hélène und Christophe kennen sich aus der Schule. In Rückblenden beschreibt Mathieu ihre Jugend. Als die beiden sich nach etlichen Jahren wieder treffen, beginnen sie eine Affäre. Weiterlesen

Johannes Hepp: Die Psyche des Homo Digitalis

Eine Befragung ergab, dass 40 Prozent aller unter 35-jährigen Amerikaner selbst beim Autofahren auf Social Media gehen, 64 Prozent bei der Arbeit, 65 Prozent während eines Dates und 36 Prozent direkt nach dem Sex.“ (S. 128)

21 Neurosen, die uns im 21. Jahrhundert herausfordern? Zuerst einmal: Was ist eine Neurose? Als Neurosen werden psychische Verhaltensstörungen definiert, wie bspw. Phobien, Angststörungen, Zwangsstörungen, Panikattacken, depressive Neurosen, hypochondrische Neurosen, diffuse Angstzustände oder dissoziative Störungen. Genau diese Definition fehlt mir, um gleich zu Beginn im zentralen Thema des Buches anzukommen. Dennoch fand ich es interessant, denn Seite um Seite ist richtig gut zu lesen, ohne Durchhänger meinerseits, ohne langweilige Passagen.

Noch spannender hätte ich es gefunden, wenn die zahlreichen Themen durch weiterführende erhellende Einsichten und erfrischende Blickwinkel ungewöhnlicher Perspektiven geglänzt hätten. Auch wenn ich nicht allem zustimmen konnte, was der Autor erörterte, regt es jedenfalls gut zum Nachdenken an. Doch bei seiner Kritik über Social Media bin ich voll und ganz bei ihm. Denn der Homo Digitalis denkt, er konsumiere kostenlose Produkte, doch er ist das Produkt. Weiterlesen

Beate Kniescheck: Eva und Söhne

Der sterbende Vater macht die Journalistin Katharina auf einen Brief aufmerksam, den er vor langer Zeit geschrieben und versteckt hat. Darauf steht „Nach meinem Tod zu öffnen“. In dem Schriftstück spricht er nur Katharinas Brüder Toni und Thomas an. Er gibt ihnen gute Ratschläge für das Leben und Tipps, wie sie das Familienunternehmen führen sollen. Katharina wird nur in einem lapidaren Nebensatz erwähnt. Frauen zählen nicht viel in der Familie und das seit Generationen. Sie stehen im Hintergrund, stärken den kulturell und unternehmerisch tätigen Männern den Rücken, haben Kinder zu versorgen, den Haushalt zu organisieren und sich in die Vorgaben des Hausherrn zu fügen. Das macht Katharina wütend. Auch ihre Mutter, nach dem Tod des Vaters führerlos, weiß nicht recht, wohin mit sich, weil sie ihr Leben nie wirklich selbst in die Hand nehmen durfte. Geraume Zeit nach dem Begräbnis des Vaters räumt Katharina gemeinsam mit der Mutter seine Sachen zur Altkleidersammlung. Weiterlesen

Stacy Willingham: Das siebte Mädchen

Chloe Davis erklärt, sie habe den Beruf der Psychologin nicht ergriffen, um einen leichten Zugang zu Medikamenten zu haben. „Ich wurde Psychologin, weil ich verstehe, was ein Trauma ist; ich verstehe es auf eine Weise, die keine Ausbildung einem je lehren könnte. Ich verstehe, wie das Gehirn jeden Bereich des Körpers sabotieren kann […] Und wie sie (Emotionen) dafür sorgen, dass […] dumpfer, pochender Dauerschmerz […] niemals vergeht.“ (S. 70)

Doch Chloes Dauerschmerz bekommt neue Nahrung. In ihrer Umgebung verschwinden zwei Mädchen, deren Körper später in der Nähe ihrer Praxis abgelegt werden. Zur gleichen Zeit irritiert sie ein Reporter aus New York, der zum zwanzigsten Jahrestag einen Artikel über die Mordserie schreiben will, für die ihr Vater ins Gefängnis ging. Chloe glaubt, in einem Déjà-vu gefangen zu sein. Ihr Alltag fühlt sich seltsam und furchterregend zugleich an. Auch die baldige Hochzeit mit Daniel verunsichert sie. Und warum verhält er sich so komisch, als wollte er vor ihr etwas verheimlichen? Weiterlesen

Zoe Chance: Der gute Einfluss: Menschen für sich gewinnen, authentisch bleiben und Gutes bewirken

Vorweg: Ein Buch einzig und allein anhand des Genderns zu beurteilen und unverschämte 1-Sterne-Kritiken zu geben, ist für mein Empfinden absolut kleingeistig und engstirnig. Auch wenn die Eleganz der Sprache und der Lesefluss durch „Verführungskünstler*innen“, „Trickbetrüger*innen“ oder „Lobbyistinnen und Lobbyisten“ gestört wird, ist dies nur ein winziger Negativaspekt einer sonst unfassbar wertvollen Lektüre. Auf den Genderwahn zu verzichten mit einem Hinweis im Vorwort, wäre in einer zweiten Auflage perfekt.

Die Dynamik erfahrener Verkäufer: „»Du willst sie anregen, du willst ihre Neugier wecken. Und dann willst du, dass sie mit dir im selben Team spielen.« Aus den besten Verhandlungen kommen Sie mit einer Idee heraus, die noch großartiger ist als jene, mit der Sie hineingegangen sind.“ (S. 204)

Jeder Mensch könne andere beeinflussen, sagt die Yale-Professorin Zoe Chance, auch Introvertierte. Sie erklärt in ihrem Werk, wie authentischer Einfluss wirklich gelingt. Dabei verwebt sie faszinierende Studien, wissenschaftliche Forschungsergebnisse, Experimente, Theorien so klug mit originellen, persönlichen Anekdoten, dass man beim Lesen dauerhaft ins begeisterte Staunen verfällt, da man selbst immer wieder neue Erkenntnisse entdecken darf. Weiterlesen

Andreas Eschbach: Freiheitsgeld

Ich muss diese Rezension damit beginnen, dass ich ein glühender Fan von Andreas Eschbach bin. Nicht nur, dass seine Romane stets hochpolitische und aktuelle Themen aufgreifen, sie sind auch durchweg irre spannend und wahnsinnig gut geschrieben. Mein absoluter Favorit ist sein Roman „Todesengel“.

Von daher hat es fast etwas von Sakrileg, an einem seiner Romane herumzumäkeln. Doch in der Tat hat mich sein neuer Roman nicht so gepackt wie seine vorherigen, obwohl er sich mit einem ebenso brisanten wie heiß diskutierten Thema befasst.

In diesem neuen Roman dreht sich alles um das sogenannte Freiheitsgeld. Wir befinden uns im Jahr 2064, niemand muss mehr arbeiten, wenn er oder sie nicht will. Vor etlichen Jahren wurde dieses Geld eingeführt, ein bestimmter monatlich ausgezahlter Betrag, den jeder Mensch in Europa bekommt, sobald er oder sie 18 wird. Die Arbeit, die die Menschen nicht mehr machen (wollen), wird von Robotern erledigt, wie beispielsweise die Krankenpflege oder ähnliches. Auch der ÖPNV ist automatisiert und kommt ohne Personal aus.

Die Kehrseite ist die Finanzierung dieses Freiheitsgeldes. Diese basiert auf immens hohen Steuern, die diejenigen, die eben doch noch arbeiten, zahlen müssen. Eingeführt hat das Freiheitsgeld der damalige Bundeskanzler und spätere Präsident der EU, Robert Havelock. Der ist inzwischen 95 Jahre alt und wohnt in der sogenannte Oase. Das ist eine in Zonen eingeteilte, hermetisch geschlossene Wohneinheit für Privilegierte. Darin gibt es je nach Zone abgestuften Luxus, von dem die Ausgeschlossenen nur träumen können. Weiterlesen