Stephen King: Fairy Tale

Charlie verliert seine Mutter sehr früh. Sein Vater ergibt sich dem Suff und Charlie schließt einen Pakt mit Gott: Wenn sein Vater aufhört zu saufen, wird er gute Taten tun. Eine Gelegenheit ergibt sich, als er 17 ist, ein unbeliebter Nachbar hat sich das Bein gebrochen und hätte seine uralte Hündin nicht bebellt, hätte Charlie ihn niemals gefunden. Charlie erfüllt seinen Pakt mit Gott und lernt den alten Mann und vor allem die Hündin Radar schätzen. Als der alte Mann stirbt, ist auch Radar nicht weit davon entfernt, aber es gibt da eine Geschichte und eine Scheune, die Charlie hinterlassen wurden. Und hier fängt das Märchen an. Charlie gelangt auf der Suche nach der geheimnisvollen Sonnenuhr, die verjüngen kann, in die Anderwelt. Es handel sich um ein märchenhaftes Königreich, aber hey, wir lesen King, natürlich liegt darauf gerade ein Fluch. Das Interessante an Charlies Heldenreise hier ist, dass es zwar eine wie aus dem Lehrbuch ist (Held, Ziel, Widerstand, Wachsen), dass er dabei aber ein Held völlig wider Willen ist. Charlies Ziel war es nie, das Königreich vom Fluch zu befreien, das war es noch nicht mal in der Mitte, als er schon einige Bewohner kennen gelernt hatte. Weiterlesen

Heinz Schuler & Dominik Schwarzinger: Die Masken der Psychopathen

Impulsivität? Charmieren, heucheln, hochstapeln? Woran erkennt man Psychopathie und wie geht man mit Psychopathen um? Genau das erfahren wir in „Die Masken der Psychopathen“, denn tatsächlich weist jeder achte Mensch psychopathische Persönlichkeitszüge auf. Das Autorenduo hat sich ein spannendes psychologisches Thema rausgepickt und dieses erstaunlich anschaulich und verständlich aufbereitet. Dabei zeigen sie, wie unglaublich komplex diese schwere antisoziale Persönlichkeitsstörung ist, sowohl zur Charakterisierung an sich als auch dessen Beurteilung. Beim Lesen lernen wir ebenso, weshalb es mehr männliche als weibliche Psychopathen gibt.

Steckt hinter einer Maske positiver Ausstrahlung und Wirkung, tief unter der Oberfläche von vielen Personen, die Herausragendes geleistet haben und große Erfolge erzielen, womöglich etwas, das sie mit Schwerverbrechern verbindet?“ (S. 7)

Diese Lektüre bietet der Leserschaft nicht nur die Psychogramme von James Bond, Napoleon Bonaparte und Pablo Picasso – sondern auch einen interessanten Selbsttest. Na, wie hoch sind deine eigenen psychopathischen Anteile? Weiterlesen

John Burnside: So etwas wie Glück

John Burnside, geboren 1955, gehört zu den profiliertesten schottischen Autoren. In seiner Storysammlung „So etwas wie Glück“ hat er zwölf Geschichten zusammengestellt, die allesamt vom Gegenteil dessen handeln, was der Titel besagt: In ihnen geht es ausgesprochen unglücklich zu und sie haben allesamt eine melancholisch-traurige Grundstimmung.

Gleich in der ersten Geschichte, „Die Kälte draußen“, geht es um einen todkranken Mann, der so gerne noch einmal seine Tochter sehen möchte, die in Übersee wohnt. Doch seine gefühlskalte Frau weiß das zu verhindern. Auch hier ist der Titel ironisch gemeint. Es müsste „Die Kälte drinnen“ heißen. Weiterlesen

Robert Galbraith: Das tiefschwarze Herz

1360 Seiten, um einen Mord aufzuklären, sind definitiv zu viel. So leid es mir tut und so sehr ich diese Reihe um den einbeinigen Detektiv der unter diesem Pseudonym schreibenden Joanne K. Rowling schätze, diesmal ist es wirklich einfach zu viel, zu lang, zu voll gepackt.

Cormoran Strike und Robin Ellacott, die beiden bilden das Team, welches nun schon im sechsten Band ganz besondere und ganz besonders verzwickte Mordfälle aufklärt. Dieses Paar, das sich liebt, es aber keinesfalls zugeben möchte und daher ständig umeinanderkreist, bekommt es diesmal mit dem Mord an einer jungen Frau zu tun, die eine Kult-Animationsserie entwickelt hat. Edie wurde zuvor auf das Schlimmste von einem Fan terrorisiert, der sich Anomie nennt und von der Polizei des Mordes verdächtigt wird.

Doch niemand scheint zu wissen, wer Anomie ist, und so machen sich Cormoran und Robin daran, genau das herauszufinden. Parallel hat ihre Detektei noch weitere Fälle zu bearbeiten, darunter einen, der sich durch das erneute Auftauchen von Cormorans Exfreundin Charlotte ergibt. Das führt wiederum zu Spannungen zwischen Cormoran und Robin, die alles nur Erdenkliche tun, um dem jeweils andren die eigenen Gefühle zu verbergen. Weiterlesen

Katrin Eigendorf: Putins Krieg

Die Ukraine sei das einzige Land, das die anderen Europäer daran erinnere, was Würde und Freiheit bedeuten, und dessen Menschen bereit seien, dafür zu sterben, während die Europäer in Brüssel über die Form von Tomaten debattieren.“ (S. 92).  Diesen Satz zitiert Katrin Eigendorf im Buch aus ihrem eigenen Tagebuch unter dem Datum 12. April 2014 und sie lässt hier einen Polen sprechen, der dies damals zu einem Ukrainer sagte.

Bereits 2014 hat die bekannte Reporterin von ZDF und anderen Formaten aus der Ukraine berichtet, bereits damals, als Russland die Krim annektierte. Und in diesem Jahr 2022 war sie wieder dort, reiste nach Kiew am Tag des Beginns des russischen Angriffs. Ihre seither gesammelten Eindrücke fasst sie jetzt im vorliegenden Buch zusammen, lässt Ukrainerinnen und Ukrainer zu Wort kommen und schildert auch ihre eigenen Gefühle beim Anblick der zerstörten Städte und Dörfer. Sie fährt nach Butscha, nach Irpin, nach Odessa, sie spricht mit Soldaten, Zivilisten, mit Flüchtenden und Bleibenden.

Viele der Szenen, die sie beschreibt, sah man im Fernsehen, in den Nachrichten, in denen sie regelmäßig live zugeschaltet wird. Katrin Eigendorf ist eine mehrfach ausgezeichnete Reporterin, Kriegsberichterstatterin trifft es wohl eher. Sie war in Afghanistan, in Syrien und nun also in der Ukraine. Weiterlesen

Cornelia Funke & Mehrdad Zaeri: Ein Engel in der Nacht

Jede Nacht kommen die Engel auf die Erde, um Glück und Licht in die Herzen der Menschen zu sähen und die Albträume zu verjagen, unter ihnen auch der kleine Engel Rahmiel. Rahmiel ist verantwortlich für Liebe und Mitgefühl – was ihn umso betroffener macht, als er auf Luna trifft. Luna ist ein junges Mädchen, das mitten in der Nacht weinend am Wasser sitzt und überlegt, sich zu ertränken, um dem Schmerz ihres gebrochenen Herzens zu entkommen. Rahmiel tut, was er kann, aber seine Kräfte versagen gegen die tiefe Trostlosigkeit, die in Lunas Inneren herrscht. Mit ein wenig Zauberei holt er sich Hilfe: Die Hexe, der Rabenmann und schließlich der Süde, der Osten, der Westen und der Norden heilen Lunas Herz und geben ihr Hoffnung auf einen neuen Morgen.

„Ein poetisches Märchen“ beschreibt diesen Text besser, als meine Worte es können. Cornelia Funke wählt ihre Worte so bedacht, dass der Prosatext sich anfühlt wie ein lyrisches Gedicht. Ich war tief berührt davon und muss ehrlich sagen, dass das gegenwärtig nur noch die wenigsten Texte vermögen. Weiterlesen

Juvvie Ajayi Jones: Handbuch für Unruhestifterinnen

Als professionelle Unruhestifterin ist die aus Nigeria stammende Autorin Luvvie Ajayi Jones in den USA bekannt geworden. Ihr Podcast, ihre Initiativen und die häufig gebuchten Auftritte als Rednerin zeigen, dass sie über Themen spricht, die andere nur denken: nämlich Gerechtigkeit für ALLE.

Es war ein langer und turbulenter Weg dorthin. Anfangs schrieb sie auf ihrem Blog nur vor sich hin, wie sie die Zeit auf der Universität erlebte. Und plötzlich stellte sie fest, dass immer mehr Interessierte ihre Ansichten teilten und sich von ihr inspiriert fühlten. Mit einer gelungenen Mischung aus Witz und lauten Forderungen ging es weiter, ohne dass es einen Masterplan für eine Karriere gab.

„Was mir damals nicht klar war: Mein Job hatte sich gewandelt, und das war völlig okay. Es war nicht mehr länger mein Job, jeden Tag im Schlafanzug daheim zu sitzen und die Tagesnachrichten zu kommentieren. Mein Job bestand nun darin, auf die Bühne zu gehen und den Leuten von meinen Lektionen, meinen Fehlern und meinen Triumphen zu erzählen.“ (S. 235)

Sie erzählte frei und ehrlich, wie es wirklich ist, als schwarze Frau gegen Wände zu laufen, für die gleiche Arbeit weniger zu verdienen als weiße oder schwarze Männer oder auch weiße Frauen. Weiterlesen

Dörte Hansen: Zur See

Die deutsche Schriftstellerin Dörte Hansen (Jahrgang 1964) aus Husum hat es geschafft: drei Romane, drei Erfolge. Mit „Altes Land“ aus dem Jahr 2015 und „Mittagsstunde“ (2018) landete sie auf den Bestsellerlisten. Beide Romane wurden verfilmt. „Mittagsstunde“ mit Charly Hübner in der Hauptrolle als Ingwer Feddersen läuft aktuell in den Kinos. Nun also Hansens dritter Streich. „Zur See“ ist am 28. September 2022 im Penguin Verlag erschienen. Dörte Hansen ist 2022 Stadtschreiberin in Mainz.

Schauplatz ihrer neuesten Geschichte ist eine namenlose Insel in der Nordsee. Dort lebt seit 300 Jahren die Familie Sander. Hanne Sander ist Kaptänsfrau und Mutter von drei Kindern, Ryckmer, Eske und Henrik. Vater Jens Sander war Hochseekapitän und lebt seit zwanzig Jahren als Vogelwart auf Driftland.

Ryckmer, der Älteste, war auch Kapitän bis ihn ein Sturm aus der Bahn und von der Brücke warf. Jetzt ist er Deckmann auf der Fähre vom Festland zur Insel und Alkoholiker. Er wohnt bei Hanne, die ihn jeden Abend mit ihrem Auto vom Schiff abholt und ihm seine Bierflaschen einteilt. Ryckmer kennt die Sagen und Mythen der Insel, er registriert Wind, Stürme und Fluten. Er trinkt, damit er schlafen kann. Weiterlesen

Luka Holmegaard: Look

Kleidung hat unterschiedliche Liebesaffären und vieles mehr. Extravaganz, Luxus, Exzess.“ (S. 26)

Luka Holmegaard (ehemals Ida) ist 1990 in Dänemark geboren und studierte Literarisches Schreiben. „Look“ ist das dritte Werk, diesmal ein Hybrid aus Essay und Roman.

Für mich persönlich ist es revolutionär einzigartig, daher definiere ich es neu: holmegaardesk. Denn der Roman ist auch literarisch ein Genuss, zum Brillanten geschliffen durch die Übersetzung von André Wilkening.

Da zu liegen, fühlt sich luxuriös an, ich gönne mir das, wie Champagner am Vormittag.“ (S. 9)

Diese bezaubernde Lektüre schafft ein Bewusstsein für facettenreiche Denkperspektiven über Identität und Geschlechterrollen.

Dabei sprüht „Look“ nur so vor bemerkenswerten Details und Interpretationen über Kleidung, Sprache und Stil. Intelligent und galant verwebt Luka die Rollenbilder der Geschlechter, Literatur, Transformation, Kultur, Liebe, aber auch Burnout und die eigene Geschlechtsidentität werden tagebuchartig aufgespalten. Federleicht erspürt Luka ganz feinsinnig den zarten Stoff, der zwischen uns allen den Unterschied unserer Einzigartigkeit kreiert. Weiterlesen

Ursula Poznanski: Stille blutet

Auch wenn Thriller draufsteht, ist dieser Roman meiner Meinung nach eher ein Krimi. Denn es geht vor allem um die Aufklärung eines Verbrechens oder einer Serie von Verbrechen. Laut der mir bekannten Erklärungen liegt der Unterschied zwischen Thriller und Krimi darin, dass in erstem das Verbrechen noch nicht geschehen ist und sich daraus die Spannung generiert.

Dabei ist Ursula Poznanski absolut berühmt für ihre Thriller und eine meiner liebsten Autorinnen. Ihre Romane sind fast immer hochspannend, dramatisch und lassen die Leserin atemlos der Handlung folgen. Dieser neue Roman allerdings schwächelt im Vergleich mit ihren anderen Büchern, wobei er natürlich immer noch eine stilistisch gelungene Geschichte erzählt.

Worum geht es: Die Handlung beginnt damit, dass die unsympathische Moderatorin Nadine ihren eigenen Tod ankündigt, und zwar vor laufenden Kameras, live im Fernsehen. Wenig später ist sie tatsächlich tot, grausam ermordet. Sehr schnell gerät ihr früherer Freund Tibor in Verdacht. Weiterlesen