Lisa Graf: Lindt & Sprüngli 02: Zwei Rivalen, ein Traum

Wissen Sie, was „conchieren“ bedeutet? Ich konnte es bisher nicht wirklich erklären, wusste nur, dass es was mit der Geschmeidigkeit der Schokolade zu tun hat, – wie man es in der Werbung für „Lindt-Schokolade“ immer wieder hört. Beim Lesen dieses historisch so fundierten wie fesselnd geschriebenen Roman aus Fakten und Fiktion wurde es dann zu einem zentralen Thema, als nämlich Rudolf – oder Rodolphe, wie er sich inzwischen französisch geprägt nennt – in mühevollen und kräftezehrenden, wochen- oder sogar monatelangen Tests versucht, eine noch bessere, zartere, geschmacklich überzeugendere Schokolade herzustellen als bisher seine Onkeln Kohler, oder Suchard, Cailler oder Sprüngli, die zu diesem Zeitpunkt schon einen klangvollen Namen in der Riege der Chocolatiers hatten. Lange hat Rudolf Lindt nicht gewusst, was ihn wirklich interessiert, was er beruflich machen möchte. In der Schule war er nicht schlecht, aber auch kein ehrgeiziger Schüler, Pharmazie oder Medizin interessierten ihn nicht, die Apotheke seines in Bern renommierten Vaters zu übernehmen oder gar Arzt zu werden wie vor ihm sein beliebter Großvater, kam für ihn nicht in Frage.

Er wusste, was er nicht wollte, aber nicht, womit er in Zukunft glücklich werden oder wenigstens seinen Lebensunterhalt bestreiten wollte. Sehr zum Missfallen seiner Eltern. Nach dem allzu frühen Tod seiner geliebten kleinen Schwester Fanny verfiel Rudolf in eine so tiefe Traurigkeit, dass die Eltern sich nicht anders zu helfen wussten, als den Sohn zur Verwandtschaft nach Lausanne zu schicken, wo er auf andere Gedanken kommen sollte. Die Familie Kohler unterhielt dort eine gutgehende und erfolgreiche Schokoladenmanufaktur, in der Rudolf mitarbeiten musste. Dort entdeckte er seine Leidenschaft für die Schokoladenherstellung und entwickelte den Ehrgeiz, besser zu werden als alle, die auf diesem Markt bisher erfolgreich waren. Mit Fleiß, Liebe zum Produkt und Ausdauer machte er sich in seiner Heimatstadt Bern, in einer kleinen alten Fabrikhalle und mit eigentlich veralteten Maschinen, aber Freunden, die zu ihm standen und ihn tatkräftig unterstützten, daran, eine völlig neue Methode zu entwickeln. Eben das „conchieren“.

Nach monatelangen Fehlversuchen, nach vielen missglückten Probeläufen und Nächten der Verzweiflung gelang ihm endlich der Durchbruch und seine „chocolat créé à Bern“ entsprach endlich in Geschmack und Aussehen seinen Vorstellungen. Der „junge Lindt“, von dem noch nie jemand gehört hatte, wurde zur ernstzunehmenden Konkurrenz für die Großen.

Nachdem im ersten Teil der Trilogie die Familie Sprüngli und die Geschichte ihrer Schokolade, ihrer Fabriken und Confiserien im Fokus stand, ist es jetzt Rudolf Lindt, den wir auf seinem Weg vom Kind zum erfolgreichen Unternehmer begleiten. Ein Roman, der historische Fakten und erzählerische Freiheiten wunderbar verbindet, einen fesselt und Lust auf Naschen beim Lesen macht. Das fängt schon beim Cover an, das nach einer grade angerissenen Verpackung aussieht, ganz in dunkelblau und Gold. Im Innern des Covers dann ein recht einfaches aber sehr leckeres Rezept für mousse au chocolat, das einen schnell verlockt, es mal auszuprobieren. Es kann also sein, dass Sie schon bevor Sie die ersten Seiten der „zartschmelzenden Bestsellersaga“ gelesen haben, ein bisschen genascht und sich auf cremigen Schokoladengenuss eingestimmt haben.

Lisa Graf: Lindt & Sprüngli: Zwei Rivalen, ein Traum
Penguinrandomhouse, Oktober 2025
480 Seiten, Paperback, 17,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.

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