Raven lebt mit ihrem Bruder Jed in Dividium. Die Gesellschaft ist in Klassen eingeteilt und Verbrechen werden hart bestraft. Alle Verbrechen. Es gibt das sogenannte Gefängnis „Endlock“, die Insassen werden regelmäßig zur Erheiterung der Oberschicht als Jagdbeute eingesetzt. Die Strafe ist grundsätzlich lebenslänglich, etwas anders wäre auch unlogisch, da dort kaum jemand ein Jahr überlebt. Raven selbst hat als Kopfgeldjägerin so manchen Insassen dorthin gebracht. Als ihr Bruder Jed verhaftet wird und sie sich von der Rebellengruppe „Kollektiv“ anheuern und einliefern lässt, ist die Lage also brisant.
Die dystopische Welt des Dividiums hat mich überzeugt. Ja, ich glaube, dass in einer entsprechend aufgebauten Welt Menschen Vergnügen daran finden werde, andere Menschen zu jagen und zu töten. Insbesondere, wenn des dabei zu Entmenschlichung kommt (es sind ja nur Verbrecher und überhaupt aus der untersten Klasse). Ein bisschen gefehlt hat mir die Hintergrundgeschichte, wie es dazu kam, ob nur ein Land, ein Kontinent betroffen ist und ob es woanders aussieht. Mir fehlte diese Information, weil sie auch Raven und dem Kollektiv fehlte, ich hoffe da sehr auf einen aufklärenden zweiten Band.
Raven selbst ist als Protagonistin so halb-überzeugend. Zwar hat sie klare Ideale und tritt auch dafür ein. Sie trifft ihre eigenen Entscheidungen, selbst als sie von anderen abhängig ist und hat einen klaren Blick auf die Verhältnisse. Und dann bekommt sie beim ersten Enemy-to-Lover-Kandidaten weiche Knie und bringt sich und alles in Gefahr. Echt jetzt? Obwohl jener Kandidat übrigens fast alles Potential für einen Main-Charakter mitbringt, bleibt er seltsam blass und papierenen. Die unvermeidlichen Sex-Szenen konnten so gar nicht überzeugen und von seinen Absichten bin ich auch nur überzeugt, weil die Autorin das irgendwie sagt. Ja, sagt, nicht beschreibt. Er verhält sich nämlich wirklich wenig einleuchtend, will er das System bekämpfen oder macht er das alles nur für Raven? Ich weiß es nicht, wirklich nicht und das ist schade. Ravens zweite Schwäche ist ihr Bruder Jed, den sie immer noch für einen kleinen Jungen hält, der von ihr beschützt werden muss. Dass er sauer reagiert, als sie ihn deswegen immer wieder belügt, kann ich ehrlich gesagt verstehen. Nicht verstehen kann ich, dass sie bei allen Liebesbeteuerungen kaum darauf reagiert. Entschuldigungen sind dünne, wenn die Verhaltensänderung fehlt.
Dystopiegemäß fließt in diesem Buch viel Blut und es wird auch viel verraten und gestorben. Für zartbesaitete Seelen ist das also eher nichts, aber das sind Dystopien ja ohnehin selten. Gefallen hat mir auch die Dynamik zwischen den Insassen, wie schwer es in einer solchen Situation ist, Vertraute, die man nicht kennt, zu finden. Raven verhält sich hier auch sehr klug und vorsichtig – und verdirbt es dann mit dem Duschliebhaber.
Insgesamt fand ich „To Cage a Wild Bird“ schon spannend und auch gut genug, um gespannt auf den zweiten Band zu sein.
Brooke Fast: To Cage a Wild Bird (Dividend Fates 1)
Aus dem Englischen übersetzt von Bettina Ain
Bramble HC, 12 / 25
Gebundenes Buch, 448 Seiten, 23 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Regina Lindemann.
