John Burnside: What light there is. Über die Schönheit des Moments

John Burnside lehrt unter anderem als Professor an der University of St. Andrews in Schottland Kreatives Schreiben. Da ist es nicht verwunderlich, dass seine Texte schon mehrfach ausgezeichnet wurden. Er ist ein Meister des detaillierten Beschreibens. Vor allem seine autobiografischen Werke, in denen er seine Seele öffnet, sind durch eindringliche Tiefe geprägt.

In What light there is befasst er sich mit dem Zauber von Vergangenem. Er unterteilt seinen Text in die vier Kapitel „Erde“,  „Himmel (über das Verlieren)“, „Die Sterblichen“, „Die Göttlichen“. Wir lesen von Erinnerungen an die Kindheit, den Prägungen und daraus resultierenden späteren Sichtweisen. Das was war, lässt er wieder aufleben. Burnside bedient sich dabei der Texte verschiedener Literatur und Betrachtungen von Gemälden, die mit den eigenen inneren Bilderwelten entsprechende Empfindungen auslösen. Weiterlesen

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Clemens Fuest: Wie wir unsere Wirtschaft retten

Wenn im Badezimmer ein Wasserrohr bricht und man – wie es der Zufall erlaubt – dies schon nach Stunden und nicht erst nach einem Urlaub bemerkt, dann hilft in der Not der Absperrhahn. Doch was ist, wenn dieser so fest sitzt, dass er beim sehr kräftigen Losdrehen abbricht und auch der Absperrhahn im Keller, seit Ewigkeiten nicht gewartet, nur eingeschränkt funktioniert. Wie es weiter geht, mag sich jeder alleine vorstellen.

Seit dem Ausbruch der Corona Pandemie gibt es unterschiedliche Vorstellungen, wie es weiter gehen könnte. Viele Meinungen prallen aufeinander. Darüber hinaus geben die Prognosen der Fachleute aus dem Bereich Finanzen und Wirtschaft Anlass für weitere Diskussionen.

Clemens Fuest gilt als renommierter Ökonom und ist Präsident des Ifo Instituts. In seinem Buch analysiert er die aktuelle Wirtschaftslage und nimmt seine Leser mit auf eine informative Reise. Umfassend erfährt man bei der kurzweiligen, aber auch anspruchsvollen Lektüre, wie eng verzahnt Bildung, Konsum und Globalisierung geworden sind. Unterbrochene Produktionsketten, wegbrechende Steuern, erhöhte Ausgaben zeigen eine unglückliche Asymmetrie. Denn in dem Moment, in dem der Finanzbedarf am größten ist, müssen alle mit einem Minimum auskommen. Am Beispiel der Lufthansa, die in jeder Stunde eine Millionen Euro verlor und über Monate hinweg extrem wenig verdient, zeigt sich, wie wichtig Rücklagen sind. Weiterlesen

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Laura Fröhlich: Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles

In der Ratgeberecke wirkt der beschwingte Titel von Laura Fröhlichs Buch wie ein Glühwürmchen im diesigen Alltag. Er spricht vermutlich Legionen von „Frauen fürs Leben“ aus der Seele. Mir auch.

Nach näherem Hinsehen kann ich inzwischen Folgendes dazu sagen: Frau Fröhlich schildert im ersten Teil „Das Problem mit dem Mental Load“, was sie persönlich bei dem verzweifelten Versuch erlebt hat, drei Kinder, ihre Ehe, die Organisation des Haushaltes und ihren Beruf unter einen Hut zu bringen. Sie legt offen, welcher Horror es ist, dem gängigen Mutterbild in allen Facetten entsprechen zu müssen und zu wollen.

Anzumerken ist an dieser Stelle, dass die Autorin die Leser*innen direkt und sehr vertraut mit „Du“ anspricht. Nunja… wer`s mag…

„Mental Load“ meint die mentale Belastung, an alle Familienangelegenheiten, welcher Art auch immer, denken zu müssen. Frauen leisten unbezahlt einen kaum bewältigbaren Anteil an „Care“-Arbeit. Sie pflegen Kinder oder Angehörige, wissen immer, wo im Haushalt was zu finden ist, halten Kontakt zu Freunden und Verwandten, gestalten Feste (Weihnachten, Geburtstage, Ostern,…) mit allen anfallenden Vorbereitungen, versorgen die Kinder mit allem Nötigen wie der Jahreszeit angepasster Kleidung, Schuhen, Schulsachen und sind natürlich Ansprechpartner für alle Familienthemen. Weiterlesen

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Rebecca Solnit: Unziemliches Verhalten: Wie ich Feministin wurde

Rebecca Solnit ist eine der bedeutendsten Essayistinnen in den USA. Zum Glück werden ihre Texte auch nach und nach in Deutschland entdeckt. Ich bin durch ihr Buch „Wanderlust: Eine Geschichte des Gehens“ auf sie aufmerksam geworden und war von ihrer feministischen Essay-Sammlung „Wenn Männer mir die Welt erklären“ schwer beeindruckt.

Nun erzählt sie in „Unziemliches Verhalten“, wie sie Feministin wurde. Und das macht sie auf ihre ganz eigene, unnachahmliche Weise, indem sie nicht nur ihre Geschichte erzählt, sondern ihre Erlebnisse, ihr eigenes Verhalten und ihre Gefühle in einen größeren Zusammenhang stellt. So verleiht sie Frauen, die nicht oder kaum wahrgenommen werden, eine Stimme.

Anfang der 1980er-Jahre zieht die junge Rebecca nach San Francisco, um zu studieren und ihrem Elternhaus zu entfliehen. Sie findet eine kleine Wohnung, die für viele Jahre ihr Zuhause wird. Sie erzählt von ihrer anfänglichen Armut, von ihrer Sehnsucht nach der Weite des Meeres und der Natur, von ihrer Suche nach sich selbst und dem Leben, das sie leben will, aber auch von ihrem bunten Viertel und seinen Bewohner*innen. Selbst wenn sie schon seit Jahren sicher ist, dass sie Autorin werden möchte, fehlt ihr zunächst die Orientierung: „Ich hatte keine klare Vorstellung davon, wo ich hinwollte, aber ich wusste, dass es möglichst fern von da sein sollte, wo ich herkam.“ (Kapitel „Nebelhorn und Gospel“/3) Weiterlesen

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Thomas Page McBee: Amateur: Mein neues Leben als Mann

In seinem autobiografischen Roman „Amateur“ beschreibt der Transmann Thomas Page McBee seinen Weg zu einem Charity-Boxkampf im New Yorker Madison Square Garden, den er 2016 gegen einen Boxer namens Eric Cohen bestritten hat. Man kann sich den Kampf bei YouTube immer noch ansehen.

Gerade zu Beginn trifft die Bezeichnung „Roman“ auf diesen Text nur halb zu. Die durchaus interessanten Passagen über das Box-Training werden immer wieder durch Reflexionen des Autors über das Wesen von Männlichkeit unterbrochen. Stellenweise geht es dabei arg wissenschaftlich zu, und man wähnt sich in einem etwas drögen und fremdwortdurchsetzten Sachbuch. Das bremst den Lesefluss. Weiterlesen

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Hélène Jousse: Die Hände des Louis Braille

Zumindest unbewusst ist wohl jedem schon einmal das perforierte Punktemuster der Brailleschrift aufgefallen, das man unter anderem auf Arzneimittelpackungen, Geldscheinen oder Krankenversicherungskarten findet. Dieses Alphabetsystem, in dem verschiedene Punktkombinationen Buchstaben bilden, ermöglicht es blinden Menschen zu lesen. Erfunden wurde diese Blindenschrift im Jahr 1825 von dem damals erst sechzehnjährigen Franzosen Louis Braille.

Die Autorin Hèlène Jousse lebt als Künstlerin in Paris. Sie hat an der Kunstakademie eine Ausbildung zur Bildhauerin gemacht. Nachdem sie von einem jungen blinden Mann darum gebeten wird, ihm das Handwerk der Bildhauerei beizubringen, taucht sie in eine völlig andere Welt ein. In ihrem Debütroman Die Hände des Louis Braille verwebt sie zwei Geschichten miteinander.

Ein Erzählstrang handelt von Constanze, einer erfolgreichen Dramaturgin, die sich nach dem Tod ihres erblindeten Mannes in einer Sinnkrise befindet. Von dem ihr wohlgesonnenen Produzenten Thomas erhält sie den Auftrag, ein Drehbuch über Louis Braille zu entwickeln. Durch das Schicksal ihres verstorbenen Mannes hat sie sich bereits intensiv mit dem Leben Louis Brailles  auseinandergesetzt. Im Romanablauf wechseln ihre persönlichen Aufzeichnungen, die mit „Rotes Heft von Constanze betitelt sind, mit ihrem Drehbuch über Louis Braille ab. Constanze erlernt sogar die Blindenschrift, um ihrem Protagonisten Louis noch näher zu kommen. Weiterlesen

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Joris-Karl Huysmans: Lourdes: Mystik und Massen (1906)

1906 veröffentlichte Joris-Karl Huysmans (1848-1907) seinen Erfahrungsbericht über den berühmten Wallfahrtsort Lourdes, wo Pilger und Kranke um Wunder und -heilung beten. Über zwei Jahre widmete er sich dem Thema Mystik und Massen und begann mit der Außensicht. Er schaute dabei so genau hin, dass auch der Kunstkritiker in ihm zu Wort kommen musste. „In Lourdes herrscht ein derartiges Übermaß an Banalität, ein solcher Blutsturz des schlechten Geschmacks, dass sich zwangsläufig der Gedanke an einen Einfluss aus den tiefen der Hölle aufdrängt.“ (S. 78) Zur künstlerischen Gestaltung der Basilika schreibt er: „… Es handelt sich tatsächlich nicht um einen Mangel an Talent, sondern es fehlen das ABC und die Grundlagen, und es handelt sich hier um die absolute handwerkliche Unfähigkeit gesteigert durch die infantile Sentimentalität des Arbeiters aus katholischem Umfeld, der einen im Tee hat!“ (S. 81)

Bekannt wurde der Autor über seine Romane und Literaturkritik. Sein Hauptwerk beschäftigt sich mit der Dekadenz, die unweigerlich auch in seinem Bericht mitschwingt. Die Natur des Menschen im Allgemeinen und die des Kritikers stoßen frontal aufeinander: „Niemand glaubt mehr an die Redlichkeit der Politiker, …, an die Unabhängigkeit der Justiz. … Es herrscht momentan eine Art Malaria der Respektlosigkeit, und niemand kann sich dieser Infektion der Seele entziehen, jeden hat sie mehr oder weniger infiziert, denn niemand kann den Einflüssen seiner Zeit entkommen …“ (S. 183)

In verschiedenen Kapiteln arbeitet sich der Autor durch die Themen Religion,  Wunderheilung sowie die Begleitumstände der Pilgeranstürme. Vieles missfällt ihm und findet Eingang in seinen Beschreibungen, meist mit dem abschließenden Ausrufezeichen. Huysmans zetert, kritisiert, staunt, schimpft, lästert, wundert sich, denkt analysierend über das Phänomen Lourdes nach. Weiterlesen

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T. Jonglez, P. Zoffoli & I. Galifi: Verborgenes Venedig

Venedig ist eine Touristenstadt. Eine Stadt sie jedes Jahr mehr Besucher hat, als die meisten anderen Urlaubsziele, eine Stadt, die jeder kennt, von der jeder gehört hat und die viele einmal in ihrem Leben gesehen haben wollen. Doch wenn man durch die Gassen Venedigs läuft, kann man oft von Touristenströmen mitgerissen werden und in der Hektik viele sehenswerte Details übersehen. Man neigt dazu, enge Kreise um die angepriesenen Hauptattraktionen zu ziehen und den geheimen Zauber zu übersehen, die diese Stadt verbirgt.

Dem wirkt der Reiseführer „Verborgenes Venedig“ entgegen. Er führt Leser wie Reisenden zu versteckten Sehenswürdigkeiten, weist auf kleine Details hin und erklärt scheinbar uninteressante Dinge, an denen man ahnungslos vorübergegangen wäre. Historisches Wissen prägt diesen Reiseführer ebenso wie Originalität. Die beschriebenen Orte finden sich garantiert in keinem anderen Buch, auch Einheimische wissen wohl nicht von allen Details und deren Geschichte.

Die Orte sind nach Stadtteilen sortiert und in einzelnen Karten genau verzeichnet. Zu jedem der Plätze gibt es viel Hintergrundwissen, außerdem werden Dinge wie Öffnungszeiten und Ansprechpartner aufgeführt, genauso wie hilfreiche Anmerkungen, wie zum Beispiel die beste Zeit für einen Besuch.

Was bedeuten die Linien auf dem Markusplatz? Was ist die Himmelsarznei und wer hatte die Lizenz, sie zu verkaufen? Kerben im Boden und geheime Gärten – sie bevölkern die Seiten dieses ganz besonderen Reiseführers. Weiterlesen

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Philippa Perry: Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen

So ungewöhnlich der Titel, so vielversprechend ist er auch. Ein Buch, von dem man sich wünscht, die eigenen Eltern hätten es gelesen? Das klingt interessant. Und mein Interesse hat es auch geweckt. Zumal ein Buch, das als Nr.-1-Bestseller in Großbritannien beworben wird, so schlecht nicht sein kann. Aber ist das wirklich so? Ich habe es gelesen und hier ist meine Einschätzung.

Geschrieben wurde es von Philippa Perry, die seit zwanzig Jahren als Psychotherapeutin in London arbeitet. Ein Satz am Anfang des Buches beschreibt meiner Meinung nach gut, worum es der Autorin geht: „Dieses Buch ist für Eltern, die ihre Kinder nicht nur lieben, sondern auch mögen wollen.“ (Seite 13)

Es geht ihr im Wesentlichen um die Beziehung zwischen Eltern und Kind, die letztlich durch die Erwachsenen geprägt und gesteuert wird. Zudem um das Erkennen und den Umgang mit den Gefühlen des Kindes. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Kommunikation, die sowohl von Eltern als auch von Kindern nicht nur über Sprache erfolgt. Gerade ganz kleine Kinder können sich verbal noch nicht ausdrücken, weshalb es an den Eltern ist, besonders aufmerksam auf sie zu achten. Problematisch wird es beispielsweise, wenn Eltern sich intensiv ihrem Smartphone zuwenden und dem Kind zwar körperlich nahe sind, aber nicht wirklich aufmerksam bei ihm. Philippa Perry sagt dazu: „Sie entziehen ihm (dem Kind) sonst nicht nur den Kontakt, sondern schaffen sogar eine Leere in ihm.“ (Seite 168). Weiterlesen

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Doris Dörrie: Die Welt auf dem Teller: Inspirationen aus der Küche

Doris Dörries vorangegangenes, ebenso bei uns besprochenes Buch Leben Schreiben Atmen ist ein Text über das Schreiben, das mit vielen Erinnerungen und Anregungen verknüpft ist. Ähnlich inspirierend liest sich ihr neues Buch Die Welt auf dem Teller, das ein Text über das Essen ist. Mit ihren Gedanken, Assoziationen und Erinnerungen gibt Dörrie auch hier wieder viele private Einblicke in ihr Leben. Nahrungsmittel stehen im Focus, was sie in vielfältiger Weise beleuchtet und außer auf ihren Genuss unter anderem auch auf ihre Wertigkeit ihre Verarbeitungsweise etc. eingeht.

Der Titel eines Kapitels, in dem Dörrie über Brot schreibt, lautet Knust und Scherzl. Darin erfährt man, dass die Autorin seit jeher eine Schwäche für das Endstück, genannt „Кnust“ hat. Diesen Knust zu ergattern, machte sie schon zu Kindertagen glücklich. Außerdem liest man, dass sie bei lang dauernden Veranstaltungen gern ein Stück trockenes Brot, vornehmlich den Knust in ihrer Handtasche mit sich führt.

Ein weiterer Text handelt davon, wie die Autorin einst bei einem Kubaaufenthalt einen Brief an Fidel Castro schrieb, den ihr der berühmte Anarchist Augustin Souchy diktierte und in dem es um die Reduzierung des Orangenpreises ging. Weiterlesen

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