Daniel Mason: Der Klavierstimmer ihrer Majestät

Edgar Drake ist Klavierstimmer im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Besonders spezialisiert ist er auf Erard-Flügel, die er sehr schätzt. Da erhält er überraschend einen außergewöhnlichen Auftrag: er soll den Erard-Flügel des Militärarztes Anthony Carrol stimmen. Das Instrument befindet sich allerdings im Dschungel von Birma, dem heutigen Myanmar, eine Region, die zu dieser Zeit im britisch-birmanischen Krieg heftig umkämpft ist.

Nach anfänglichem Zögern macht sich Drake im Jahr 1886 auf die weite und beschwerliche Reise. Er ist nicht nur wegen der Gefahren der Reise aufgeregt, sondern auch sehr neugierig auf den Arzt, der für das britische Militär ausgesprochen wichtig sein muss, wenn man all dies für ihn organisiert.

Nach einer wochenlangen Reise mit Schiff und Bahn, zu Pferd und auf Elefanten kommt Edgar Drake schließlich im Dschungel an und gerät mitten in die Kämpfe und Auseinandersetzungen zwischen Briten und den Shan, einem dortigen Volksstamm.

Edgar Drake ist ein ruhiger, nachdenklicher Mann in mittleren Jahren, er ist glücklich verheiratet und er liebt seinen Beruf. Er hat keine Ahnung von militärischen Dingen und für die Geschicke Birmas hatte er bislang eher geringes Interesse. Doch als er Anthony Carrol begegnet wird er hineingezogen in die Bräuche und Gepflogenheiten der Burmesen und erliegt der Faszination der Landschaft. Und er verfällt geradezu dem Charisma des außergewöhnlichen Arztes. Carrol glaubt an die Kraft der Musik, daran, dass die Musik Frieden schaffen kann. Weiterlesen →

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Sandra Lüpkes: Die Schule am Meer

Wer die Bücher von Sandra Lüpkes nicht kennt, hat etwas verpasst. Sie schreibt unglaublich spannende Krimis um die Ermittlerin Wencke Tydmers, romantisch-witzige Romane um ein heimeliges Inselhotel, heiter-verwickelte Kurzgeschichten und noch vieles weitere mehr. Wer ihre Bücher nicht kennt, kennt aber vermutlich ihre Filme, denn Sandra Lüpkes ist auch eine fleißige Drehbuchautorin, so beispielsweise für die Reihen „Wilsberg“ oder „Friesland“.

Und nun legt sie mit „Die Schule am Meer“ einen Roman ganz anderer Art vor. Sie erzählt darin die wahre Geschichte einer Schule, die in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts auf der Nordseeinsel Juist entstand. Wenn man weiß, dass die Autorin selbst ihre Kindheit auf Juist verbrachte und daher eine besondere Beziehung zu dieser Insel hat (die sich auch in ihren anderen Romanen niederschlägt), dann mag man verstehen, dass sie sich für diese Schule und ihre Hintergründe interessiert hat.

Im Nachwort erläutert sie, was sie veranlasste, aus dieser Geschichte einen Roman zu machen, wie sie die Recherchen durchgeführt und wer sie dabei unterstützt hat. Dort erfährt man dann auch, welche der im Roman auftretenden Figuren authentisch, also historisch belegt sind und welche hinzuerfunden wurden.

Die Schule am Meer entsteht 1925, gegründet von idealistischen und enthusiastischen Lehrern und ihren Familien. Sie wollen einen neuen Weg der Kindererziehung gehen, mit Koedukation, mit der Erziehung zu selbstständigem Denken und Handeln der Schüler, Übernehmen von Verantwortung, Abkehr von Züchtigung und Strafe, Hinwendung zu Verständnis, Vertrauen und Zusammenhalt. Weiterlesen →

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Ulf Schiewe: Die Kinder von Nebra

Nebra, etwa 2000 v. Christus: Rana ist jung und hat das Leben noch vor sich. Doch sie muss sich auch entscheiden, für einen klassischen Weg einer Familiengründung oder das Dienen für die Göttin Destarte, wie ihre Mutter. Bei einem ihrer Streifzüge durch den Wald wird sie von mehreren jungen Männern überrascht und fast vergewaltigt. Als wenig später Arrak, der Sohn des Herrschenden Orkon und einer der besagten Männer, auf dem Hof ihrer Familie steht und ihre Herausgabe fordert, lügt ihre Mutter in der Not, dass Rana bereits geweiht sei und Arrak somit den Zorn der Götter auf sich ziehen würde. Ist Ranas Schicksal damit endgültig vorbestimmt? Viel lieber würde sie ihren Vater dabei beobachten, wie er die Himmelsscheibe herstellt. Die Scheibe muss Geheimnisse bürgen, von denen Rana noch nichts ahnt.

Ulf Schiewe, stets bekannt für faszinierende, auf den Punkt recherchierte historische Romane ohne Klischees, hat sich in „Die Kinder von Nebra“ einem sehr spannenden, in der Unterhaltungsliteratur bisher vernachlässigten Thema gewidmet. Die kleine Gemeinde Nebra liegt heute in Sachsen-Anhalt. Hier fand man Ende der 1990er Jahren die Himmelsscheibe, die etwa 4000 Jahre zurückdatiert wird. Schiewe begibt sich in „Die Kinder von Nebra“ auf die Spuren einer möglichen Entstehung der Scheibe. Weiterlesen →

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Chris Inken Soppa: Der große Muntprat

Lütfrid Muntprat wurde 1383 in Konstanz geboren und nach seinem Vater, einem reichen Kaufmann, benannt. Er starb 1447 in seiner Heimatstadt. Zwischen diesen beiden Daten lag ein ereignisreiches Leben voller Gefahren, Reisen und erfolgreichem Handel. Lütfrid der II., auch genannt der große Muntprat, erwarb sich den Ruf eines freidenkenden Mannes, der zum reichsten Kaufmann in Süddeutschland wurde.

Seine Geschichte ist eine der Willenskraft, der Klugheit, aber auch des Glücks.

„… Zu vielem hatte man ihn im Leben gemacht, zum Kaufmann, zum Vater, zum Ehegenossen. Zum Ratsherrn, Gesandten des Königs, zum Bürgermeister und Vogt.“ (S. 491)

Mit enormen Fleiß und Akribie ist der Autorin Chris Inken Soppa ein wunderbarer biografischer Roman gelungen, der spannungsreich, informativ und wendungsreich den Leser in die Vergangenheit entführt, in der sich das Überleben, mehr als nur schwierig erweist. Ein starres Kastensystem durch die Zünfte und den handeltreibenden Städten sowie unfaire Steuern belasten nicht nur die Kaufleute. Auch die Weber werden gezwungen, so wenig Leinen zu weben, so dass sie kaum von dem Erlös leben können. Die künstliche Verknappung verhilft dagegen den Kaufleuten zu Reichtum. Ein Leben im Mangel findet ebenfalls bei den Bauern und Dienstboten statt, die ihren Herren völlig ausgeliefert sind. Das falsche Wort im falschen Moment, eine Flucht vor Hunger und Unterdrückung werden so hart bestraft, dass Nachahmer ihren Mut verlieren. Weiterlesen →

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Sina Beerwald: Die Strandvilla

Sylt, 1913: Als Moiken erfährt, dass ihr Mann nicht von der See zurückgekommen ist und seine Mutter zudem das Häuschen, in dem sie bisher mit ihm und ihrer Tochter Emma gelebt hat, verkaufen will, zieht es ihr den Boden unter den Füßen weg. Da hilft in ihren Augen nur eins: Emma und sie müssen nach Hamburg gehen und dort ihr Glück versuchen. Durch einen Zufall hilft sie am Abend zuvor dem renommierten Hotelier Theodor von Lengenfeldt, dem die Strandvilla auf der Insel gehört. Entgegen ihrer eigenen Pläne entwächst daraus eine längere Partnerschaft. Und Theodor hat nicht nur ein geschäftliches Interesse, sondern interessiert sich auch für Moiken als Person. Als dann ihre Jugendliebe Boy auftaucht, scheint das Chaos perfekt …

Sina Beerwald versteht ihr Handwerk, das merkt man schon nach wenigen Kapiteln. „Die Strandvilla“ ist eine tolle Mischung, die kaum einen Wunsch von LeserInnen des historischen Romans offenlässt. Im Mittelpunkt des Geschehens steht eine starke Frauenfigur – das ein oder andere Klischee ist nicht von der Hand zu weisen, aber sie halten sich dezent im Hintergrund. Weiterlesen →

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Elizabeth Macneal: The Doll Factory

London, 1850: Die junge Iris arbeitet an der Seite ihrer durch Pockennarben entstellten Zwillingsschwester Rose in einer kleinen Puppenmanufaktur. Heimlich träumt Iris allerdings davon, malen zu können. Ihr kleines Taschengeld investiert sie deshalb in Farben und statt zu schlafen, malt sie nachts. Als sie den Maler Louis Frost kennenlernt, der sie als Modell für sich gewinnen will, scheinen Iris‘ Träume plötzlich ganz nah. Was wäre, wenn Louis sich bereiterklärt, sie im Malen zu unterrichten? Hals über Kopf will Iris ihr bisheriges Leben aufgeben. Doch das stößt auf Ablehnung seitens ihrer Eltern und der Schwester. Ist Iris bereits, alles für ihren Traum zu opfern?

Diese kurze Inhaltsangabe des Romans gibt beileibe nicht alles preis, was „The Doll Factory“ kann. Iris schwebt schon bald in einer großen Gefahr, während im Hyde Park die Weltausstellung zum allerersten Mal tagt. Elizabeth Mcneal ist eine toller Romanmischung gelungen. Historische Elemente, damit verbunden auch der Klassiker einer starken Frau in einer von Männern dominierten Gesellschaft, eine spannende Nebenhandlung, die sehr schnell starke Auswirkungen auf die Haupthandlung hat, interessante Figuren … was will man mehr? Weiterlesen →

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Steven Price: Die Frau in der Themse

1885 stirbt Charlotte Reckitt in London – doch wo ihr Leben endet, erreicht ihre Geschichte die Pointe. Wie ist sie gestorben? Ermordet. Vermutlich. Aber wer kann das schon so genau wissen? Sie war eine schöne Frau, stolz, unabhängig und vor allem eine Gesetzlose.

Im Leben war sie das Ziel zweier Männer: William Pinkerton, ein berüchtigter Dedektiv aus Amerika, und Adam Foole, ein Dieb und Gesetzloser, genau wie Charlotte. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein, doch nun werden sie gegen ihren Willen durch eines einander gebunden: Den Drang, den Mörder von Charlotte Reckitt zu finden.

Für Adam Foole ist sie die Vergangenheit: Eine teuflische Geliebte, die ihn bei seinen größten Verbrechen begleitete, die er aber seit Jahren nicht mehr gesehen hat.

Für William Pinkerton ist sie das Ende einer langen Suche, einer Besessenheit, denn sie hätte ihn zu einem Mann führen können, den schon sein Vater jagte: Edward Shade. Weiterlesen →

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Imogen Kealey: Die Spionin

Paris, 1943: Die ehemalige Journalistin Nancy Wake genießt an der Seite von Henri Fiocca das mondäne Leben in Frankreich. Vordergründig ist sie eine wohlhabende junge Frau, im Hintergrund ist sie Teil der Widerstandsbewegung und wird von den Nazis gesucht. Doch niemand von ihnen ahnt, dass die „Weiße Maus“, nach der alle fahnden, eine Frau ist. Doch dann wird Henri festgenommen, da die Nazis ihm finanzielle Unterstützung des Widerstands in Frankreich nachweisen können. Henri ist schlimmster Folter ausgesetzt und Nancy muss in Ungewissheit um sein Leben nach London fliehen.

Nancy Wake ist geborene Australierin, die im Jahr 1912 zur Welt kam und erst im Jahr 2011 verstarb. Sie verhalf zur Zeit des Zweiten Weltkriegs Flüchtlingen über die spanische Grenze und war Teil der Résistance. Hinter Imogen Kealey verbirgt sich das Duo aus dem Drehbuchautor Darby Kealey und der Autorin für historische Romane, Imogen Robertson. Der Roman wird zurzeit mit Oscar-Preisträgerin Anne Hathaway verfilmt. Beschrieben wird die Zeit von Henris Festnahme bis knapp nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Dies geschieht überraschend klischeefrei und lebhaft. Längen sucht man in diesem Roman vergebens. Dabei ist Nancy genau die typische Figur eines historischen Romans: Eine Frau, die nicht ins Bild passt, statt Ballkleidern lieber Tarnmuster trägt und eine Waffe. Weiterlesen →

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Carrie Callaghan: Die Nachtmalerin

Haarlem, 1633: Die junge Judith Leyster zeigt sich in ihrer Lehre zur Malerin talentiert und ist die erste, die Licht in die Dunkelheit gemalt hat. Doch als Frau im 17. Jahrhundert in den Niederlanden hat man nichts zu sagen. Der Gilde der Maler gehören bisher nur Männer an. Das allerdings möchte Judith nicht auf sich sitzen lassen. Sie bewirbt sich um einen Platz in der Gilde und mietet mutig ein kleines Atelier zum Malen an. Ihre Freundin Maria, die Tochter ihres Ausbilders und gleichzeitig Zimmergenossin von Judith, glaubt nicht, dass ihr Weg in der Malerei liegt. Sie hat gesündigt und muss dafür Buße tun. Doch niemand darf von ihrem Geheimnis erfahren, nicht einmal Judith.

Dieser kurze Abriss der Handlung lässt das übliche vermuten. Starke Frauenfiguren in einem historischen Roman voller mächtiger Männer – Klischees vorprogrammiert. Doch Carrie Callaghan folgt diesem üblichen Weg nicht. Die Lektüre von „Die Nachtmalerin“ ist sehr erfrischend und in meinen Augen klischeefrei. Mit Hilfe der Übersetzerin Sabine Schilasky ist ein gut zu lesender Roman entstanden, in dem man viel über die Malerei zur damaligen Zeit erfahren kann, ohne dass Langeweile aufkommt. Das Geschriebene ist kurzweilig und treffend formuliert, der Text hat keine unnötigen Längen. Weiterlesen →

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Oliver Pötzsch: Faustus 02: Der Lehrmeister

Herbst, 1518: Vor sechs Jahren ist Johann Georg Faustus aus Nürnberg verschwunden. In den letzten Jahren war Faustus nicht sesshaft und ist mit Karl Wagner und Greta, der Tochter seiner verstorbenen Jugendliebe Margarete, als Zauberer und Gaukler durch das Land gezogen. Nie konnte er länger an einem Ort bleiben, denn sein ehemaliger Lehrmeister Tonio suchte ihn im ganzen Land. Doch auch andere Menschen werden auf Faustus aufmerksam, als das Gerücht aufkommt, dass er in der Lage sei, Gold herzustellen. Es beginnt eine Jagd durch das ganze Land …

Oliver Pötzschs „Der Lehrmeister“ ist der zweite Teil seiner Dilogie um „Die Geschichte des Johann Georg Faustus“. Der erste Band „Der Spielmann“ erschien im Herbst 2018 ebenfalls bei List. Zusammen umfassen die beiden Bände fast 1600 Seiten. Kaum zu glauben, dass man trotz der schieren Menge an Text vergeblich nach Längen sucht. Wie der erste Band ist auch „Der Lehrmeister“ durchweg interessant und spannend.

Der Geschichte wohnt eine ganz besondere Atmosphäre innen und innerhalb weniger Seiten hat man bereits das Gefühl, selbst ein Teil der Geschichte zu sein und viele der Erlebnisse am eigenen Leib zu erfahren. Weiterlesen →

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