Fünf junge Frauen aus Seoul stehen in diesem Buch im Mittelpunkt. Kyuri arbeitet in einem Room- Salon. Männer, die es sich leisten können, verbringen dort gesellige Stunden und suchen Zerstreuung an der Seite hübscher Mädchen. Kyuri ist der Star in ihrem Room-Salon, weil sie so unglaublich schön ist. Was niemand weiß, sie ist heillos bei der „Madame“ des Etablissements verschuldet und ihre Schönheit hat sie der plastischen Chirurgie zu verdanken. Kaum etwas an ihr ist nicht operiert. Außerdem trinkt sie zu viel. Kyuri teilt sich eine kleine Wohnung mit Miho. Sie ist Künstlerin und sehr talentiert. Bei einem Aufenthalt in New York, ermöglicht durch ein Stipendium, lernt sie die superreichen Koreaner in den USA und ihre Welt kennen. Miho aber will es in der Kunstszene ohne Protektion schaffen. Im selben Wohnblock wie Kyuri und Miho leben Sujin und Ara. Sujin ist mit Miho im Waisenhaus groß geworden und möchte unbedingt in einem Room-Salon arbeiten. Dafür spart sie an allen Ecken und Enden, um sich eine Schönheitsoperation leisten zu können. Bei der Operation brechen die Ärzte ihr Kiefer und kreieren ein perfektes Gesicht. Nach einem schier endlosen Heilungsprozess bleiben ihr Kinn und die Mundpartie jedoch taub. Ara hat als Teenager ihre Stimme verloren. Weiterlesen
Belletristik
Louise Nealon: Snowflake
Eine liebenswertere, aber auch eine chaotischere Hauptfigur habe ich lange nicht getroffen in einem Roman. Die irische Autorin erzählt in ihrem Debütroman warmherzig und berührend in vielen Episoden vom so gar nicht einfachen Landleben und dem Erwachsenwerden der Debbie White.
Die blutjunge Debbie wird auf einem Milchbauernhof groß, fern der Großstadt und fern dem „normalen“ Leben. Denn ihre Mutter Maeve lebt ihre Träume, träumt ihr Leben. Und Debbies Onkel Billy, der in einem Wohnwagen haust und mit Debbie in die Sterne schaut, zitiert die alten Griechen und hält zusammen mit James, dem Liebhaber von Maeve, den Hof am Laufen.
Als Debbie 18 wird, beginnt sie ein Literaturstudium in Dublin, pendelt jeden Tag vom Hof in die Stadt, vom Landleben ins Stadtleben. Dort prallen zwei Welten aufeinander und die so weltfremd aufgewachsene Debbie scheitert auf ganzer Linie. Das klingt dramatischer als es im Roman beschrieben ist, denn das Leben und Leiden Debbies wird mit zartem Humor, mit Lakonie und ohne Larmoyanz erzählt. Die Autorin verurteilt ihre Figuren nicht, sie schildert mit Empathie und sanfter Ironie, so dass man im Laufe der Handlung Debbie regelrecht liebgewinnt, auch wenn sie oft unverständlich agiert. Weiterlesen
Cormac McCarthy: Der Passagier
Der 1933 geborene US-amerikanische Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy ist in Deutschland besonders durch seinen Bestseller „Die Straße“ (2006) bekannt. Auch die Romanvorlage zum Kinofilm „No Country for Old Men“ stammt von ihm.
Sein neuestes Werk ist ein inhaltlich zusammenhängender Doppelroman. Teil eins, „Der Passagier“, beginnt mit einem Bergungstaucher namens Western, der in einem Flugzeug auf dem Meeresgrund neun Leichen entdeckt. Es fehlen der zehnte Passagier sowie der Flugschreiber. Bald darauf wird Western von geheimnisvollen Männern verfolgt und muss fliehen.
„Der Passagier“ ist alles andere als leichte Kost. Der Roman wirkt wie Stückwerk, in dem sich eine Szene an die andere reiht, ohne dass sich ein Gesamtzusammenhang erkennen ließe. Weiterlesen
Helga Schubert: Lauter Leben
Einfach genial: Die 2020 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnete Autorin beherrscht nicht nur Kurz-, sondern auch Kürzestgeschichten. Unglaublich, wieviel Leben sie auf eine Seite packen kann. Helga Schubert hat den Blick für die kleinen Spitzen des Alltags, für das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen. Bei diesem Erzählband handelt es sich um Schuberts Frühwerk, ihrem ersten Erzählband aus dem Jahr 1975. Obwohl ihre Geschichten vor 47 Jahren in der damaligen DDR spielen, wirken sie erstaunlich zeitlos. Ob Single-Frauen, Haustiere, Affären, Theaterinszenierungen HINTER dem Vorhang, das Verhalten von Menschen auf Seminaren – die Autorin überwindet im wahrsten Sinne des Wortes Mauern und Dekaden. Witzig, hintergründig, großartig!
„Er sitzt an der Bar. Mit einem nackten Gesicht. Wimpern und Augenbrauen und Haare haben eine Tarnfarbe.“ (S.41). Mit wenigen Worten macht Schubert einen Charakter lebendig, bei dem wir von Anfang an ahnen, dass seine Flirtversuche zum Scheitern verurteilt sind. Sprachlich virtuos löst die Autorin in nur eineinhalb Seiten den Titel der Erzählung „Taube Ohren“ auf. Durch ein geschmeidiges Stakkato an kurzen, treffsicheren Sätzen.
Zum Niederknien komisch ist die Erzählung „Der Hund“. Ein Kind möchte einen Hund als Haustier, was die Eltern aus verschiedenen Gründen nicht billigen. Nun wird es mit einem Ersatztier – genauer: zwei Vögeln – abgespeist. Mit mäßigem Erfolg. Ihr schlechtes Gewissen treibt sie zu weiteren Anschaffungen tierischer Art. Die Lage eskaliert. Weiterlesen
Nicolas Mathieu: Connemara
Der Prix-Goncourt Preisträger von 2018, Nicolas Mathieu (Jahrgang 1978), hat einen neuen Roman geschrieben. „Connemara“ ist am 26. September 2022 bei Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag erschienen. Lena Müller und André Hansen haben ihn aus dem Französischen übersetzt.
Wie in „Rose Royal“ aus dem Jahre 2020 hat sich Nicolas Mathieu wieder eine weibliche Protagonistin ausgesucht. Hélène ist eine erfolgreiche Unternehmensberaterin und verheiratet mit Philippe. Sie haben zwei Töchter. Die Familie ist nach Hélènes Burn-out aus Paris nach Nancy gezogen, in die Nähe ihrer alten Heimatstadt Cornécourt in der Region Grand Est, Frankreich. Hélène stammt aus einfachen Verhältnissen und ist stolz auf ihre Karriere und Milieuflucht.
Mathieus zweite Hauptfigur Christophe Marchal, ehemaliger Eishockeystar, lebt immer noch in Cornécourt und fährt als Vertreter für Hundefutter durch Lothringen. Er hat einen kleinen Sohn, eine gescheiterte Ehe mit Charlie und einen Vater mit beginnender Demenz. Hélène und Christophe kennen sich aus der Schule. In Rückblenden beschreibt Mathieu ihre Jugend. Als die beiden sich nach etlichen Jahren wieder treffen, beginnen sie eine Affäre. Weiterlesen
Beate Kniescheck: Eva und Söhne
Der sterbende Vater macht die Journalistin Katharina auf einen Brief aufmerksam, den er vor langer Zeit geschrieben und versteckt hat. Darauf steht „Nach meinem Tod zu öffnen“. In d
em Schriftstück spricht er nur Katharinas Brüder Toni und Thomas an. Er gibt ihnen gute Ratschläge für das Leben und Tipps, wie sie das Familienunternehmen führen sollen. Katharina wird nur in einem lapidaren Nebensatz erwähnt. Frauen zählen nicht viel in der Familie und das seit Generationen. Sie stehen im Hintergrund, stärken den kulturell und unternehmerisch tätigen Männern den Rücken, haben Kinder zu versorgen, den Haushalt zu organisieren und sich in die Vorgaben des Hausherrn zu fügen. Das macht Katharina wütend. Auch ihre Mutter, nach dem Tod des Vaters führerlos, weiß nicht recht, wohin mit sich, weil sie ihr Leben nie wirklich selbst in die Hand nehmen durfte. Geraume Zeit nach dem Begräbnis des Vaters räumt Katharina gemeinsam mit der Mutter seine Sachen zur Altkleidersammlung. Weiterlesen
Mary Beth Keane: Mit dir bis ans andere Ende der Welt
Ihren im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ habe ich mit großer Begeisterung gelesen. Er hat lange nachgehallt, nicht nur wegen des Inhalts, sondern vor allem wegen des sehr einfühlsamen Schreibstils der amerikanischen Autorin. Nun hat der Eisele-Verlag auch ihren Debütroman veröffentlicht, der in seiner behutsamen Erzählweise dem anderen Buch in nichts nachsteht.
Erzählt wird die Geschichte von Greta, die Ende der vierziger Jahre in Irland geboren wird, als jüngstes Kind nach vier Brüdern und einer älteren Schwester, Johanna. Die Familie ist arm und muss zum Überleben dem illegalen Lachsfang nachgehen. Das führt zu Unheil und noch größerer Armut, während das Dorf, in dem die Familie lebt, immer einsamer wird. Denn nach und nach wandern die Einwohner ab, entweder in größere Städte oder noch weiter, nach Australien, Neuseeland oder Amerika.
Dorthin reist schließlich auch Greta zusammen mit Johanna und dem jungen Michael, der den umherziehenden Travellern entstammt und zuletzt im Hof der Familie zur Hand ging. Aus der Beziehung dieser drei Menschen zueinander, die zum Zeitpunkt ihres Auswanderns noch blutjung sind, entwickelt sich eine hochdramatische, spannende und sehr berührende Lebensgeschichte. Weiterlesen
Theresia Enzensberger: Auf See
Entlang zweier Handlungsstränge führt Theresia Enzensberger ihre Leser:innen durch diese Dystopie. Der erst befasst sich mit Yada. Sie wächst auf der Sees
tatt auf, einer künstlichen Insel in der Ostsee vor Deutschland. Ihr Vater war maßgeblich an deren Erbauung beteiligt und ist dort der unmissverständliche Chef. Yadas Mutter ist an einer rätselhaften Krankheit gestorben. Weitere Kinder gibt es auf Seestatt nicht. Ursprünglich sollte die Insel Visionäre vor dem Chaos einer untergehenden Welt retten, autark und demokratisch funktionieren. Inzwischen ist sie aber ein heruntergekommenes Refugium einiger weniger schräger Kauze, die von modernen Sklaven bedient werden. Diese „Mitarbeiter“ müssen abseits auf einem ausrangierten Kreuzfahrtschiff unter üblen Bedingungen hausen. Yada wird von ihrem despotischen Vater überwacht, isoliert und unter Medikamenten gehalten, damit ihr nicht das Schicksal ihrer Mutter widerfährt. Führende Wissenschaftler dieses Planenten unterrichten sie online, ihr Tag ist durchgetaktet und alles Künstlerische, Musische wird von ihr ferngehalten, um ihren Geist nicht zu gefährden. Mit 17 Jahren beginnt sie aber trotzdem, den Blick über den engen Horizont hinaus zu heben, sich Fragen zu stellen und unerlaubt im Computer ihres Vaters zu stöbern. Weiterlesen
Alexa Hennig von Lange: Die karierten Mädchen
Die karierten Mädchen: Jene fesch im karierten Dirndl auflaufenden jungen Frauen erhalten im Waisenhaus Oranienbaum eine Hauswirtschaftsausbildung, bekochen und beaufsichtigen die kleinen Bewohner. Zwar versucht die junge Lehrerin Klara, ihren Schützlingen Individualität beizubringen, doch steht dies im größtmöglichen Gegensatz zu den Lehren des Nationalsozialismus. Hier soll die Frau dem Führer vor allem reinrassige deutsche Kinder schenken. Und die Dirndl? Nun ja, der Führer liebt Bayern und sein Kehlsteinhaus bei Berchtesgaden.
Die 93-jährige blinde Klara beginnt, die verdrängten Ereignisse ab 1929 auf Kassetten aufzusprechen. Nicht einmal ihre vier Kinder wissen vom dunklen Fleck ihrer Vergangenheit. Als junge Frau in Oranienbaum ist sie noch voller Träume. Beseelt von dem Gedanken den verwaisten und kranken Kindern eine bessere Zukunft zu bieten. Und den jungen Hauswirtschafterinnen aufzuzeigen, dass es für sie eine selbstbestimmte Zukunft abseits von Hochzeit und Unterwerfung geben kann. Doch ein Ereignis bringt die pflichtbewusste Klara dazu, die Regeln zu brechen. Weiterlesen
Alex Capus: Susanna
Es sind mit der Zeit schon einige Romane von Alex Capus, die ich gelesen und sehr gemocht habe. Sie sind meist vielschichtig, ruhig und doch spannend. Oft haben sie auch einen historischen Hintergrund.
Dies gilt auch für seinen neuen Roman „Susanna“, der die Geschichte der Susanna Faesch (1844-1921, Künstlername Caroline Weldon) erzählt, einer in der Schweiz geborenen Malerin, die als Jugendliche mit ihrer Mutter nach Amerika auswandert. Zu einer Zeit voller Umbrüche und Wandlungen. Elektrizität und Dampfkraft nehmen an Bedeutung zu, die Städte verändern sich gravierend und im Westen der USA gibt es immer wieder heftige Kämpfe zwischen den neuen Siedlern und den verschiedenen Indianerstämmen.
Susanna ist schon als kleines Mädchen eigenwillig, beginnt doch der Roman damit, dass sie als Fünfjährige einem Kutscher ein Auge aussticht. Ihre Mutter ist eine sehr stille Frau, die sich streng an Konventionen hält, dann aber doch die Trennung von ihrem viel älteren Mann sucht. Unter Zurücklassung der drei Söhne, nur mit Susanna, reist sie nach Amerika und lebt dann dort zusammen mit einem anderen Mann, den sie erst durch ihren Ehemann kennenlernte. Weiterlesen