Was bleibt am Ende eines langen Lebens? Wenn die Erinnerung an die eigene Stärke immer mehr verblasst, während Krankheit und alte Schuldgefühle immer stärker ins Bewusstsein drängen?
Für den Juden Jonah Jacobson ist die Erfolgssträhne, Diamanten zu finden, schon lange vorbei. Fast neunzigjährig, behütet von seiner Haushälterin, ist sein Leben in Brasilien vollendet. Was an ihm zehrt, sind die Erinnerung an seine Flucht aus Amsterdam und an das abrupte Ende seiner ersten Liebe. Nun will er zurück. Zurück auf Anfang, um seinen Frieden zu finden.
Der Autor Arjan Visser, geboren 1961 in Nordbrabant, hat mit „Der blaue Vogel kehrt zurück“ seinen vierten Roman vorgelegt. Weiterlesen
Belletristik
George Saunders: Zehnter Dezember
Wie von einem anderen literarischen Stern wirken einige der Kurzgeschichten von George Saunders – so originell, so witzig, so unterhaltsam, so tiefschürfend – schlicht so gut sind sie.
Im neuesten Band unter dem Titel „Zehnter Dezember“ gibt der 1958 geborene Englisch-Professor aus Amerika seinen Storys oft kleine irrationale Drehs, die aus Alltagsbegebenheiten etwas machen, das der Leser schwer fassen kann, das ihn mitunter verstört zurücklässt und diese Geschichten gerade deshalb so reizvoll macht – wie ein an ein Kruzifix erinnerndes Gestell, das ein ansonsten eher biederer Mann in seinem Garten zu jedem Anlass wie Thanksgiving oder Weihnachten passend schmückt. Und als seine Frau stirbt, verkleidet er es als Tod – und schon sieht der Leser den Mann mit anderen Augen. Weiterlesen
Laura Lee Smith: Palmherzen
Die moskitoverseuchte Kleinstadt Utina, Florida, hat ihre glanzvollen Zeiten hinter sich. Auch auf die Familie Bravo trifft das zu, genau wie die Stadt zerfällt sie in ihre Einzelteile. Alle scheinen sich mit ihrem abgefunden zu haben, auch mit schmerzvollen Verlusten. Vater Dean hat die Familie längst verlassen, der kleine Will ist tot, Tochter Sophia scheint ihre Sinne nicht ganz beisammen zu haben, Sohn Carson hält sich aus allem heraus und nur Sohn Frank kümmert sich um die Seinen. Er hat das Lokal seiner Mutter übernommen. Mutter Arla und Tochter Sofia, beide groß und rothaarig, verstehen einander nicht. Eigentlich träumt Frank von seiner Schwägerin Elisabeth und von den Bergen, aber beides scheint unerreichbar. Weiterlesen
Martin Becker: Der Rest der Nacht
Weil sein Vater gestorben ist, muss ein junger Mann ins Dorf seiner Kindheit. Unter anderem will er sich um den Verkauf des elterlichen Hauses kümmern.
Soweit die harten Fakten, mit denen es aber in diesem Buch nicht sonderlich weit her ist. Immer wieder driftet die Handlung ins Surreale ab. So ist mehrfach die Rede von einer ominösen Zigarettenpapierfabrik, die das Haus wohl kaufen will, dann aber sonderbarerweise erst bezahlen will, wenn sie sämtliche Renovierungsarbeiten erledigt hat. Der Mann wiederum akzeptiert nur Bargeld, das er am Ende schließlich in einem Koffer erhält. Weiterlesen
Christos Tsiolkas: Barrakuda
„… Ein Leben, das in Scham und nur durch Scham gelebt wird, es haftet an ihm, es steht wie die Sonne jeden Morgen mit ihm auf, und es wartet, während er schläft. Er lebt in der Scham, er riecht nach ihr. Dann der nächste Gedanke: Ich bin im Wasser.“ (S. 378)
Schwimmer haben in Australien Kult- und zugleich Starstatus wie in Brasilien, Deutschland, England, Spanien bestimmte Fußballspieler. Wer einmal die Goldmedaille gewonnen hat, der hat es geschafft. Jeder kennt und verehrt den Goldjungen, das Goldmädchen wie Nationalheilige. Reich und berühmt können sie werden, egal aus welchen Verhältnissen sie kommen. Weiterlesen
Margot L. Stedman: Das Licht zwischen den Meeren
In der Flut von Büchern, die jedes Jahr auf den Markt kommen, gibt es wenige Geschichten, die man nicht vergisst. Die Australierin Margot L. Stedman erzählt so eine in ihrem Debütroman „Das Licht zwischen den Meeren“.
Es ist ein wundervolles Buch über die Schicksale mehrerer Familien und am Schluss ein großer Liebesroman. Tom ist Leuchtturmwärter, seine Frau Isabel hatte drei Fehlgeburten. Im April 1926 wird ein Ruderboot an die Leuchtturminsel getrieben. In ihm liegt ein toter Mann und sein gesundes Baby. Tom und Isabel ziehen das Kind auf, ihr Leben verändert sich, als sie zwei Jahre später die leibliche Mutter von Lucy treffen.
Stedman rührt mit der Geschichte über gebrochene Herzen fast zu Tränen, es ist ein Buch voller Gewissenkonflikte, in dem die Spannung bleibt: Wie werden sich die Eltern entscheiden? Dieses großartige Buch sollte man gelesen haben.
Margot L. Stedman: Das Licht zwischen den Meeren.
Limes, September 2013.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Julia Gaß.
Mathias Malzieu: Die Mechanik des Herzens
Edinburgh, 1684: An einem besonders kalten April-Tag wird Jack geboren, der mit einem gefrorenen Herzen zur Welt kommt. Als Ersatz wird ihm eine alte Kuckucksuhr eingesetzt, die täglich aufgezogen werden muss, damit er weiterleben kann. Doch bald stellt sich heraus, dass nicht nur das Jack zu einem besonderen Jungen macht. Die Liebe ist aufgrund dieser Uhr für ihn Tabu und ausgerechnet dann trifft er auf die verwirrend bezaubernde Acacia.
Da wird man von der ersten Zeile an mit so einem pfiffigen Ich-Erzähler namens Jack konfrontiert, der in den kleinsten Details den Tag seiner Geburt umschreibt. Weiterlesen
Mathias Malzieu: Metamorphose am Rande des Himmels
Seit Kindesbeinen an hat Tom Cloudman nur einen Wunsch: Er möchte fliegen können. Und so stürzt er sich schon früh von jedem Dach oder Vorsprung, den er finden kann. Knochenbrüche und blaue Flecken vorprogrammiert, denn das Fallen hat Tom noch nicht so gut gelernt. Im Erwachsenenalter ist er in seiner Gegend eine Berühmtheit und tritt mit seinem selbstzimmerten Sarg, in dem er auch schläft, überall auf. Erst eine Krebserkrankung wirft ihn aus der Bahn … und in die Umlaufbahn der Vogelfrau, die er auf dem Krankenhausdach kennenlernt. Sie verspricht ihm ein gesundes Leben in Freiheit, ein Leben mit Federn und Flug. Ein verlockendes Angebot … Weiterlesen
Saša Stanisic: Vor dem Fest
Humorvoll, poetisch und durchdrungen von einer tiefen Zuneigung zu den Figuren – so lässt sich wohl am besten der neue Roman – „Vor dem Fest“ heißt er – von Saša Stanišić beschreiben, eines 1978 geborenen Autoren, der erst im Alter von 14 Jahren mit seiner Familie aus dem heutigen Bosnien-Herzegowina vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg nach Deutschland floh. Umso erstaunlicher ist es, welch souveräne Gewandtheit Stanišić in einer Sprache entwickelt hat, die nicht seine Muttersprache ist. Weiterlesen
Ida Grass: Hanne greift sich das Leben
Hanne Gellert, Mitte vierzig, Mutter, Single und Chefsekretärin eines älteren Rechtsanwalts plant ihr Leben und Umfeld immer bis ins kleinste Detail. Ihr geht es bestens, wenn nichts dazwischen kommt. Leider kommt ständig etwas dazwischen, das Hannes kreativen Durchsetzungswillen herausfordert. Gerade flüchtet die Tochter nach Marburg, um dort Jura zu studieren. Nun bleibt Hannes Kontrollwahn nur noch das Anwaltsbüro. Der Rest ist Leere, bis Torben, der Kollege ihres Chefs, vor ihr steht. Hanne gefällt, was sie sieht. Er ist der ideale Mann. Auch wenn er verheiratet ist. Immer mehr steigert sie sich in die Vorstellung hinein, diesen Mann für sich zu gewinnen. Koste, was es wolle. Und je mehr Torben sich sträubt, um so hartnäckiger trickst und intrigiert sie für ihren Erfolg. Weiterlesen