Gisèle Pelicot: Eine Hymne an das Leben: Die Scham muss die Seite wechseln

„Ich dachte, unser Leben wäre gelungen, das Böse vermodere unter der Erde. Dabei gedieh es in ihm, der direkt neben mir stand …“ (S. 145)

Dieses Buch erzählt die verstörende Geschichte von Gisèle Pelicot, einer Frau, die zu einer Ikone der Frauenbewegung wurde, weil sie das Schweigen der Scham überwand.

Gisèle Pelicot hat drei Kinder und sieben Enkelkinder. Fünfzig Jahre ihres Lebens verbrachte sie mit dem Mann, der sie über zehn Jahre hinweg betäubte, missbrauchte und sie mehr als 70 weiteren Männern zur Vergewaltigung überließ. Heute nennt sie diesen Mann nur Monsieur Pelicot. Mehr als 200 dieser Vergewaltigungen hat er gefilmt. Nur weil es dieses Filmmaterial gibt, fand 2024 ein Gerichtsprozess statt, bei dem die Täter mit ihren Ausreden und infamen Behauptungen, es wäre alles nur ein Spiel gewesen, Gisèle hätte davon gewusst und zugestimmt, nicht durchkamen. Diese zarte, zerbrechliche Frau entschied, dass die Videos der Verbrechen während der Verhandlung gezeigt werden. Was ihr geschah, soll die Öffentlichkeit erfahren, damit die Scham endlich die Seite wechselt: weg vom Opfer, hin zu denen, die diese Taten verüben. Für ihren Mut wurde Gisèle Pelicot die höchste zivile Auszeichnung Frankreichs verliehen, der Verdienstorden der Ehrenlegion.

Dieses Buch zu lesen ist nicht leicht. Wir erleben eine Frau bei ihren Versuchen, einen absolut unfassbaren Verrat zu begreifen – eine Frau, die mit ansehen muss, wie ihre Familie und das Leben, das sie fünfzig Jahre lang führte, an den Perversionen ihres eigenen Mannes zerbrechen. Immer wieder schimmert dabei durch, wie selbstverständlich bestimmte patriarchale Muster für viele Frauen im anstrengenden Alltag werden, sodass sie ihre Erscheinungen kaum mehr bemerken und ihren Instinkten nicht mehr trauen. Wenn Frauen alles am Laufen halten, die Sorge um die Kinder allein meistern – neben einem anstrengenden Job –, damit der Mann sich den Luxus erlauben kann, den Beruf zu finden, auf den er Lust hat, dann kommt er irgendwann vielleicht auf die Idee, eine Frau wäre nur dafür da, seine Bedürfnisse zu erfüllen, egal wie widerlich diese auch sein mögen. Nur so ist auch zu erklären, dass einige der Täter trotz überwältigender Masse an Beweisen nicht einsehen wollten, dass sie eine Frau vergewaltigt haben, auch wenn sie diese nicht gewaltsam überwältigen mussten. Es bleibt zu hoffen, dass der Fall Pelicot und dieses Buch dazu beitragen, die jahrtausendealte Frauenfeindlichkeit zu überwinden, die in vielen anderen Vergewaltigungsfällen auch heute noch viel zu oft zu einem Freispruch der Täter führt, und Frauen und Männer gleichermaßen dafür sensibilisieren, dass nur ein Ja auch Ja bedeutet.

Gisèle Pelicot mit Judith Perrignon: Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seite wechseln
Piper, Februar 2026.
255 Seiten, Hardcover, 25 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Antje Lehnert.

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