Ali Smith: Gliff

Die Schriftstellerin Ali Smith wurde 1962 in Schottland geboren. Aktuell lebt und arbeitet sie in Cambridge. Ihr Jahreszeitenquartett („Herbst“, „Winter“, „Frühling“ und „Sommer“), das in den Jahren 2019 bis 2021 erschienen ist, wurde sehr gut besprochen. 2023 veröffentlichte sie den Roman „Gefährten“. Nun ist am 16. April 2026 Ali Smiths neues Buch unter dem Titel „Gliff“ im Luchterhand Literaturverlag erschienen. Stefanie Jacobs übersetzte es aus dem Englischen.

Ali Smith erzählt von einer „schönen neuen Welt“

„Gliff“ von Ali Smith spielt in Großbritannien in naher Zukunft. Aber es ist nicht das Großbritannien, das wir von heute kennen. Großbritannien ist ein Überwachungsstaat geworden, wie er schon in Aldous Huxleys „Brave New World“ aus dem Jahre 1932 beschrieben wurde. Dazu finden sich auch in „Gliff“ Verweise. Smith erzählt in ihrer unnachahmlichen, unkonventionellen Weise und Sprache von den Geschwistern Briar und Rose, die von ihrer Mutter getrennt werden und ihr Haus verlassen müssen. Sie verstecken sich in einem leerstehenden Gebäude und entdecken eine Wiese mit Pferden. Rose freundet sich mit einem der Pferde, einem grauen Wallach, an. Sie nennt ihn „Gliff“. Dann schlüpfen sie bei Menschen unter, die in einer ehemaligen Schule leben. Es handelt sich um eine zusammengewürfelte Gruppe, die Widerstand gegen den Staat leistet und für andere Lebensbedingungen kämpft.

Briar und Rose warten vergeblich auf die Rückkehr ihrer Mutter. Mit „Gliff“ machen sie sich auf die Suche nach ihr sowie ihrer Schwester Alana und Leif, dem Lebensgefährten der Mutter. Doch den Fängen der Regierung entkommt niemand so leicht.

Noch Dystopie oder schon Gegenwart?

Ali Smiths „Gliff“ kommt daher wie eine dystopische Geschichte. Ein modernes Märchen, das einem einen Schrecken einjagt. Smith versetzt ihre beiden klugen Geschwister in ein Land der Unfreiheit, der Überwachung und der Gewalt. Es gibt rote Linien, die kennzeichnen, was entfernt und unerwünscht ist. Und es gibt Unverifizierbare, das sind Menschen, die verfolgt und geächtet werden, weil sie ihre (andere) Meinung geäußert haben. Es gibt Voids, Räume, in denen Unsägliches geschieht. Ali Smith hat mit „Gliff“ kein Zukunftsszenario geschrieben, sondern eine Klage gegen Unrecht, Unterdrückung und Machtmissbrauch. Und das alles vor dem Hintergrund des aktuellen Wirkens von Wladimir Putin, Donald Trump, Kim Jong-un, Benjamin Netanyahu, Recep Tayyip Erdoğan und vielen anderen. Das macht „Gliff“ viel weniger zu einer Dystopie als zu einer Gegenwartsbeschreibung über viele Staaten und deren Regierungen in dieser unserer Welt:

„Der Transformationsindex der Bertelsmann Stiftung (BTI) analysiert seit 2006 alle zwei Jahre die Qualität von Demokratie, Marktwirtschaft und Regierungsführung in 137 Entwicklungs- und Transformationsländern. Eine Mehrheit von 77 der 137 vom BTI untersuchten Staaten wird autokratisch regiert. Sie gehen immer repressiver gegen Opposition, Medien und Zivilgesellschaft vor. 52 der 77 Autokratien sind laut BTI harte Autokratien, in denen Grundrechte vollständig missachtet werden – so viele wie noch nie seit dem Beginn der Erhebung 2006.“ (Quelle: BTI 2026, Presseinformationen)

Ali Smiths schärfstes Schwert ist das Wort und ihr Wortwitz. Und damit stählt sie auch ihre Charaktere. Wie köstlich sind die Dialoge zwischen Briar und Rose, wie pur ist Briars Freude beim Anblick der (Wörter-)Bücher in der verlassenen Bibliothek in ihrer Zufluchtsstätte, dem alten Gymnasium. Und dann ihre Definition des Wortes „Gliff“, über das Briar zu Rose sagt: „Du hast ihm als Namen ein Wort gegeben, das nicht nur ganz viele verschiedene Bedeutungen hat, sondern gleichzeitig alle davon haben kann und gar keine.“ (S. 205) Das Pferd, das den Namen „Gliff“ trägt, trägt diese Vieldeutigkeit in der Geschichte in sich: Es ist ein Schlachtpferd und es ist frei.

Ali Smiths Romane sind keine einfach zu lesenden Geschichten, aber warum sollten sie es auch sein, wenn Sprache so herrlich facettenreich, modern und experimentell sein kann? „Gliff“ macht da keine Ausnahme und ist durch und durch lesenswert.

Ali Smith: Gliff
Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs
Luchterhand Literaturverlag, 16. April 2026
Hardcover, 304 S., 25,- Euro                                           

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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