Elaine Winter: Fräulein Nora findet die Liebe

Nora ist untröstlich. Ihre Granny Elisabeth ist tot. Nie mehr wird sie mit ihrem roten Mini durch Hannover fahren, nie mehr werden sie zusammen Darjeeling trinken. Fast ihr ganzes Leben lang hat sie Nora begleitet und war für sie – obwohl sie eigentlich „nur“ ihre Großtante war – die beste Oma, die sie sich vorstellen kann. Sie beschließt, so schnell wie möglich Grannys verwaiste Wohnung auf- und auszuräumen, in der Hoffnung, dass sie dann besser Abschied nehmen kann.

In Elisabeths „Erinnerungsschrank“ findet Nora ein golden glänzendes Kleid, das ihr wie angegossen passt. Eigentlich gar nicht ihr Stil, aber sie fühlt sich darin wohl und Elisabeth nah. Deshalb trägt sie es bei einem Ball im Kuppelsaal, bei dem sie sich mit einem wichtigen Kunden treffen möchte. Doch das Kleid scheint es in sich zu haben: Als Nora sich kurz auf einer Bank vor dem Saal ausruht, schläft sie ein und als sie aufwacht ist alles anders. Nur sie selbst nicht.

Und so reist die Leserin (und vielleicht auch der ein oder andere Leser) gemeinsam mit Nora ins Jahr 1959. Eine Zeit, in der die Frauen Tonnenmäntel und Blumengartenhüte tragen und ein Date noch Rendezvous heißt, in der ein Kuss im Park noch ein öffentliches Ärgernis und Toast Hawaii die Erfindung des Jahres ist. Weiterlesen

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David M. Barnett: Miss Gladys und ihr Astronaut

Gladys ist um die 70 Jahre alt und manchmal etwas vergesslich, zugegeben, vielleicht sogar schon sehr vergesslich. Ihr Sohn befindet sich zurzeit im Gefängnis, deswegen muss die alte Frau sich um ihre beiden Enkel, die 15-jährige Teenagerin Ellie und den 10-jährigen James kümmern. Dass eigentlich Ellie den Haushalt schmeißt und sogar schwarzarbeiten geht, um die kleine Familie über Wasser zu halten, darf niemand wissen. Deswegen hält Ellie in der Schule Abstand. Doch James wird von seinen Klassenkameraden gemobbt und seine Eltern sollen zum Gespräch in die Schule kommen. Wie löst man dieses Problem?

Astronaut Thomas Major hat ganz andere Probleme. Er sitzt im Raumschiff auf einer Marsmission, ihm ist langweilig und er möchte mit seiner Exfrau telefonieren, die er umständehalber leider niemals mehr echt und in Farbe sehen wird. Denn die Marsmission ist eine Mission ohne Rückticket. Weiterlesen

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Robert Seethaler: Das Feld

Alle sind sie miteinander verbunden, die Leben der Menschen aus dem fiktiven Ort Paulstadt. Aber: Es sind bereits gelebte Leben, denn die Personen um die es geht, sind allesamt tot.

Der Buchtitel „Das Feld entspringt dem Namen des Friedhofs von Paulstadt, dessen ältesten Teil die Einwohner so nennen, weil dort einst die Brache eines Viehbauern lag. – Ein Stück Land, das nicht gut genug für die Tiere war, für die Toten aber ausreichte.

Ein Mann fühlt sich den Verstorbenen nahe, wenn er den Friedhof besucht und sich dort auf die morsche Holzbank unter einer krummgewachsenen Birke setzt. Viele von den Verstorbenen hatte er gekannt. In seinen Erinnerungen lässt er Bilder der Toten aufleben, reimt sich in seiner Phantasie Geschichten über sie zusammen und glaubt, dadurch mit ihnen in Verbindung zu stehen. Ihre Stimmen (mit seiner eigenen 30 an der Zahl) geistern durch seine Gedanken und hauchen den Toten wieder Leben ein.

Es sind die unterschiedlichsten Menschen, um die es geht. Eine der Toten ist die Blumenhändlerin Gregorina, die zwei Wochen tot und unbemerkt in der Lagerkammer ihrer Blumenhandlung gelegen hatte. Weiterlesen

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Alexander Schimmelbusch: Hochdeutschland

Ja! Ja! Ja! Und alle Sterne und meinetwegen den deutschen Buchpreis, oder was immer! Schiefelbusch ist es mit Hochdeutschland gelungen, die Absurdität unseres Daseins, unser Leben im Deutschland des Spätkapitalismus, den Widersinn unserer eigenen Vorstellungen, die Obszönität der Hure Geld, etc., endlich richtig zu verorten und klarzustellen. Wir leben in einer unglaublichen Dynamik, voller bescheuerter Ideologien und sonstigen Dummheiten und der Zug rast, voll mit frohgelaunten, feierwütigen deutschen Kegelbrüdern und quiekendem Wellfleisch auf Junggesellinnenabschied, dem Abgrund entgegen. Victor ist erfolgreicher Investmentbanker in einem Frankfurter Glaspalast und bleibt trotzdem auf wundersamer Weise das ganze Buch durch sympathisch.

Er reitet gekonnt auf hohem Ross durch das Durcheinander der deregulierten Märkte und der Sackgasse des Neoliberalismus und macht damit so unvorstellbar viel Geld wie auch jetzt wieder mit dem Gespür, dass was anders werden muss, bis hin zur verdeckten Verstaatlichung zum Beispiel der Energiewirtschaft. Weiterlesen

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Elizabeth H. Winthrop: Mercy Seat

Louisiana, 1943: Der junge Schwarze Willie ist angeklagt, weil er ein weißes Mädchen vergewaltigt haben soll. Diese hat sich in der darauffolgenden Nacht umgebracht mit dem Revolver ihres Vaters. Nun steht Willies Strafe fest: Er soll auf dem elektrischen Stuhl, einer Neuheit im Strafsystem, sterben. In dem kleinen Örtchen sind die Meinungen über die Strafe geteilt. Der Pfarrer glaubt nicht, dass Willie wirklich schuldig ist. Auch die Ehefrau des anklagenden Anwalts ist skeptisch. Und ihr Sohn will unbedingt die Hinrichtung sehen. Willies Vater Frank will nur noch einmal seinen Sohn lebend sehen und dann seinen Grabstein aufstellen. Am Tag von Willies Hinrichtung treffen die verschiedensten Menschen aufeinander.

„Mercy Seat“ ist ein besonderes Buch. In den unterschiedlichsten Perspektiven entwirft die Autorin ein buntes, aber bedrückendes Bild verschiedenster Südstaaten-Leben in den 1940ern. Weiterlesen

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Franziska Hauser: Die Gewitterschwimmerin

Im Vorwort erläutert Franziska Hauser, dass die Grundlage dieses Romans die Geschichte ihrer eigenen Familie ist. Die Ausgestaltung  entspringt ihrer persönlichen Sichtweise und ihrer Kreativität.

Es ist die Zeit der fünfziger Jahre, in denen die Ich-Erzählerin Tamara Hirsch in der ehemaligen DDR aufwächst. Bis in die achtziger Jahre folgen wir ihrem Weg und dem ihrer Familie. Die Autorin geht in der Familiengeschichte 120 Jahre zurück. Ihre jüdischen Wurzeln, Krieg und Nationalsozialismus haben die Hirschs geprägt.

So liest man von dieser ehemals angesehenen bekannten Familie mit dem hochgebildeten Großvater Friedrich Hirsch und den herrschaftlichen Verhältnissen im Großelternhaus. Wir erfahren von  den Herausforderungen, bzw. den sich immer weiter zuspitzenden gesellschaftlichen Problemen des Nationalsozialismus, denen Friedrich Hirsch sich stellen muss, bis er nach England ins Exil geht.

Tamaras Vater Alfred dagegen vertritt die gegenteilige politische Maxime seines Vaters. Er steht hinter Kommunismus und Sozialismus, was ihm durch seinen Sonderstatus, den er als Romanautor genießt, nicht schwer fällt. Weiterlesen

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Raja Alem: Sarab

Es gibt viele Geschichten, die von einem Rollenwechsel berichten: Frauen, die sich als Männer verkleiden, Männer als Frauen. Bei dem Beduinenmädchen Sarab beginnt der Rollenwechsel bereits bei der Geburt. Denn ihre Mutter behauptet, sie habe einen zweiten Sohn geboren. Kurz darauf stirbt ihr Mann, ein alter Scheich, und sie muss mit ihren zwei Söhnen ohne männlichen Schutz überleben.

»… Sie verbrachten ihre Kindheit in einem eingebildeten Kriegslager, in dem die Mutter sie zu Kämpfern gegen den Satan ausbildete. Ihr Glaubenskrieg wurde für den Stamm zu einer Quelle der Offenbarung. (S. 144)

Als ihre Mutter stirbt, folgt ihr Bruder Saifallah dem Ruf des Predigers Mudschan nach Medina. Und Sarab folgt ihm wie gewohnt als sein Schatten in Männerkleidern. Während Saifallah von Mudschan begeistert ist, fühlt sich Sarab von Mudschans Schwager, dem auserkorenen Mahdi, angezogen. Die Geschwister befolgen nicht nur die neuen Doktrin, sie ziehen mit Mudschan und dem Mahdi in den Krieg nach Mekka, um die große Moschee in ihre Gewalt zu bringen. Danach seien sie alle erlöst, behauptet Mudschan. Weiterlesen

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Tim Krohn: Erich Wyss übt den freien Fall

Ich bleibe dabei, auch beim zweiten Band bleibt diese Idee grandios. Nämlich „Ein Buch über Gefühlsregungen zu schreiben, die von Mitmenschen vorgeschlagen werden, und die Tim Krohn so wunderbar in diese Mietshausgeschichten aus der Röntgenstraße in Zürich, einflechtet. In allen Gestalten, noch so verrückt oder jung, sexbesessen, forschend oder über das Sterben sinnend – in allen findet sich ein Teil von uns wider.“ (s. meine Kritik: Herr Brechbühl sucht eine Katze) In der Fortsetzung befinden wir uns nun im Jahre 2001. Wir alle wissen, wie dieses Jahr die Welt verändert hat: 9/11! Und so kommt es, dass diese furchtbare Katastrophe sich auch in die Geschichten in und um das Haus widerfinden. Schließlich werden die Anregungen für Stories ja auch von Lesern vorgeschlagen.

Tim Krohn spinnt sich daraus eine Art „Lindenstraße“, die ich zwar nie gesehen habe, aber wo das Drehbuch sich sicher auch daran hält, die persönlichen Geschichten mit denen aus der Realität korrespondieren zu lassen. Man hat die Figuren aus dem ersten Band ja bereits lieb gewonnen und Weiterlesen

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Sara Nović: Das Echo der Bäume

Zagreb 1991. Der Krieg erreicht die Stadt kurz nach Anas zehntem Geburtstag. Lebensmittel sind seit längerem knapp, nun wird es plötzlich wichtig, ob der Patenonkel eine kroatische oder eine serbische Zigarettensorte raucht. Der Strom fällt immer wieder aus, das Wasser wird oft abgestellt, die ersten Flüchtlinge kommen nach Zagreb und werden von den Einheimischen beäugt. Es muss verdunkelt werden, irgendwann tönt der erste Luftalarm, alle flüchten in provisorische Bunker. Ana ist gerade mit ihrem besten Freund Luka unterwegs. Die beiden wissen, was bei Alarm zu tun ist, scheinbar sind die Menschen in der Stadt auf alles vorbereitet. Bei ihren Eltern fühlt sich Ana geborgen, vor allem beim Vater, zu dem sie eine besondere Verbindung hat.

Anas Schwester Rahela ist noch ein Baby, sie ist krank; es wird immer schwieriger, sie am Leben zu erhalten. Die Eltern fassen den verzweifelten Entschluss, das Kind zur Behandlung nach Amerika zu schicken. Sie bringen Rahela nach Sarajevo zur Hilfsorganisation. Auf dem Heimweg geraten Vater, Mutter, Ana und andere Zivilisten in die Hände serbischer Freischärler. Weiterlesen

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Michael Nast: #Egoland

Der Klappentext klingt superspannend. Auch die Idee ist an sich gut: Schriftsteller mit offensichtlicher Schreibblockade sucht sich Anschauungsmaterial in der Realität und hetzt ein Paar in der Krise noch gegeneinander auf, um dann darüber zu Schreiben. Die Umsetzung fand ich allerdings eher mäßig. Zum ersten fand ich den Kniff zu behaupten, es handele sich um reale Ereignisse eher nervig, sollte es Andreas Landsberger wirklich gegeben haben, hat er es als Schriftsteller zumindest nicht ins Internet geschafft und außerdem könnte man beim sonstigen Aufbau des Buches über die Einstufung als „Roman“ diskutieren. Somit blieb mir der Sinn der Realitätsbehauptung verschlossen.

Und nein, es ist kein gelungenes Spiel mit dem Leser. Wir haben also einen fiktiven Schriftsteller, der Menschen gegeneinander aufhetzt. Das böte jetzt Stoff für einen tollen Thriller, der mit der Realität des betroffenen Paares spielt. Und einen tollen Protagonisten, der durch und durch böse oder zumindest sozial gestört ist. Weiterlesen

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