Stuart Nadler: Die Unzertrennlichen

In der Werbung dieses Buches steht, dass das ein hochkomisch geschriebener Roman sei. Das wundert mich ein wenig, denn eine komische Seite habe ich bei dieser Geschichte über drei Frauen, Oma, Mutter und Tochter mit dem Hausnamen „Olyphant“ (erinnert mich irgendwie an Otto), eher nicht gefunden. Wenn überhaupt, ist es eine Tragikomödie mit den typischen Merkmalen unserer Zeit und insofern ist es ein Gesellschaftsroman:  Prüderie, Mobbing, Verklemmtheit, Betrug, etc…und deshalb ist klar, wir befinden uns in den Staaten. Genauer in Bosten!  Kurz zur Geschichte: „Oma“ Henrietta hat in den Siebzigern ein »Handbuch für Besucher des weiblichen Körpers« geschrieben, dass quasi wie eine Art Porno die Runde machte, hoch erfolgreich war und mit detailgetreuen Abbildungen der weiblichen Geschlechtsmerkmale glänzte.

Ihr Mann hat mit einem erfolglosen Restaurant das mit dem Roman verdiente Geld pulverisiert. Er hat seine Niederlage nicht verwunden und Henrietta ist nun Witwe. Weiterlesen

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Donal Ryan: Die Lieben der Melody Shee

Melody Shee ist schwanger. Doch nicht von ihrem Mann Pat, sondern vom 17jährigen Martin Toppy, der zu den Travellern, zum fahrenden Volk, gehört und dem sie Lesen beibringen sollte. Eine Racheaktion, eine Trotzreaktion, ein weiterer Tiefschlag von Melody gegen Pat und gleichzeitig ein verzweifelter Versuch, geliebt zu werden und zu lieben.

Denn ihre Ehe ist zerrüttet, gegenseitige Verletzungen sind an der Tagesordnung. Nach zwei (eigentlich sogar drei) Fehlgeburten hat sich Pat ohne Melodys Wissen sterilisieren lassen, weil er verhindern möchte, dass sie durch sein Zutun noch einmal die Schmerzen einer Fehlgeburt erleidet. Für Pat ein notwendiger, logischer Schritt, für Melody ein schlimmer Verrat, auch weil sie weiß, dass er sie mit Prostituierten betrogen hat. Die Situation verschärft sich. Aus der fast symbiotischen Liebe, aus dem Aneinanderhängen seit der Teenagerzeit, das schon immer mit Sticheleien verbunden war, wird ein Krieg, der mit allen Mitteln geführt wird und der beide mit unzähligen Blessuren zurücklässt. Pat zieht zu seinen Eltern, nachdem ihm Melody weisgemacht hat, dass die Schwangerschaft die Folge eines One-Night-Stands mit einer Internetbekanntschaft ist. Es dauert nicht lange, bis im Ort die Gerüchteküche brodelt und Melody die Auswirkungen ihres Handelns zu spüren bekommt. Weiterlesen

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Eyal Megged: Oschralien

Der israelische Schriftsteller und Journalist Eyal Megged (Jahrgang 1948) schreibt Gedichte, Kolumnen und Romane. Auf Deutsch erschienen seine Romane „Sansibar, einfach“ (2005) und „Unter den Lebenden“ (2015). Im Mai 2018 veröffentlichte der Berlin Verlag den Roman „Oschralien“ in einer Übersetzung von Ruth Achlama.

Hillel, ein israelischer Musiker und Komponist, ist nach dreißig Jahren von seiner Ehefrau Alice, ebenfalls Musikerin, verlassen worden. Seit acht Jahren trauert er dieser Beziehung, oder sollte man besser sagen Obsession, nach. Unglücklich und depressiv geht er Affären mit anderen Frauen ein. Seine Gedanken und Gefühle kreisen jedoch unablässig um Alice, die mit einem jungen italienischen Dirigenten liiert ist. Einzig sein Kater Purcell scheint Hillel wichtig zu sein. Bei dem Besuch einer griechischen Insel lernt er Anat kennen. Sie beginnen eine leidenschaftliche Beziehung, Anat wird schwanger und trennt sich von Hillel, der weder Frau noch Kind will. Weiterlesen

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Genki Kawamura: Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden

Ein Roman wie ein Haiku – verdichtet und klar in der Sprache, gehaltvoll-poetisch im Nachklang. Diese Glanzleistung vollbringen japanische Wortkünstler wie sonst keiner! Genki Kawamura macht da keine Ausnahme. Es ist erstaunlich, was der Autor in nur 188 Seiten packt: eine todernste Thematik mit viel Humor, Gesellschaftskritik mit mystischen Anklängen, menschliche Grundthemen, die einmal anders herum aufgerollt werden. Die Frage, worauf es im Leben ankommt, wird nicht dadurch beantwortet, indem der Protagonist angesichts seines nahenden Todes etwas tut. Sondern indem er etwas weglässt.

Der 30jährige namenlose Ich-Erzähler lebt ohne große Ambitionen in den Tag hinein. Er hat einen Kater als Mitbewohner, arbeitet als Postbote, vertreibt sich die Zeit mit Smartphone, Kino, Manga-Comics und Anime-Trickfilmen. Bis bei ihm ein Gehirntumor diagnostiziert wird. In seiner Verzweiflung erscheint ihm der Teufel mit einem zweifelhaften Angebot. Der junge Mann wird morgen sterben. Es sei denn, etwas anderes verschwindet an seiner Stelle von der Welt. Mit diesem Pakt kann er sein Leben Tag für Tag verlängern. Klingt zunächst ganz simpel. Der Erzähler willigt ein. Weiterlesen

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Natalie Buchholz: Der rote Swimmingpool

Adam, ein Junge an der Grenze zur Volljährigkeit, ist Hauptfigur und Ich-Erzähler in Natalie Buchholz‘ Debütroman „Der rote Swimmingpool“. Er kommt nicht darüber hinweg, dass sein Vater die Familie zugunsten einer neuen Freundin und deren Kinder verlassen hat.

Sehr früh – andeutungsweise sogar schon in einem kleinen Vorspann vor dem ersten Kapitel – erfährt der Leser, dass die Situation zwischenzeitlich eskaliert: Adam steckt das Haus in Brand, in dem die Familie früher gewohnt hat und in dem sein Vater nun mit der neuen Familie lebt. Dabei sterben zwei Hundewelpen.

Die 1977 geborene Münchener Autorin verschränkt geschickt zwei Handlungs- und Zeitebenen miteinander. Da ist einerseits die Gegenwart, in der Adam zur Strafe Sozialstunden in der Altenpflege ableisten muss und sich dabei in die Urenkelin einer der Seniorinnen verliebt Weiterlesen

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Denis Johnson: Die Großzügigkeit der Meerjungfrau

Der 2017 gestorbene hochdekorierte amerikanische Schriftsteller Denis Johnson hat der literarischen Welt einen Band mit fünf Erzählungen hinterlassen: „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau“. In allen Geschichten stehen Menschen im Vordergrund, die gerade eine Krise zu bewältigen haben oder am Ende ihres Lebens stehen – so wie Darcy, ein Schriftsteller, der als alter Mann allein in seinem Elend lebt und die Geister längst verstorbener Familienangehöriger sieht. Oder wie Mark, ein hochangesehener Dichter, der literarische Preise absahnt, aber gleichzeitig von dem Wahn besessen ist, Elvis Presley sei ab dem Jahr 1958 durch seinen tot geglaubten Zwillingsbruder ersetzt worden. Er gibt tausende von Dollar für angebliche Dokumente aus, die diese Verschwörungstheorie stützen.

Denis Johnson war sicherlich ein brillanter Schreiber, der tief in die Seelen seiner Figuren blicken konnte und seinen Büchern auf diese Weise einen enormen Tiefgang verlieh. Und doch wird „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau“ nicht jedem Leser gefallen. Weiterlesen

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Carol Rifka Brunt: Sag den Wölfen, ich bin zu Hause

June ist 14 Jahre alt, als ihr Onkel Finn an AIDS stirbt. Mitte der 1980er Jahre ist das noch eine Schlagzeile wert und man weiß mit dieser sonderbaren Krankheit nicht umzugehen. Es wird im Bereich der Medizin geforscht, doch die Überlebenschancen erkrankter Menschen ist gering. Für June bricht damit eine Welt zusammen. Denn Finn war für sie mehr als ein Onkel. Er war ihr bester Freund und – das würde sie allerdings vor niemandem offen zugeben – auch ihre erste große Liebe. June und Finn waren immer ein eingeschworenes Team, selbst ihre Mutter, Finns Schwester, und ihre eigene Schwester Greta konnten sich nicht dazwischendrängen. Mit Finns Tod muss June allerdings nicht nur den Verlust verkraften, sondern auch erfahren, dass es in Finns Leben Dinge gab, über die sie nichts wusste. Wer zum Beispiel ist dieser Toby, der behauptet, seit Jahren mit Finn in einem Bett geschlafen zu haben? Sie hat noch nie von Toby gehört, ihn nie gesehen, auch nicht, wenn sie mit Schwester und Mutter in Finns winziger Wohnung zu Besuch war. Weiterlesen

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Richard Russo: Immergleiche Wege

Pulitzer-Preisträger Richard Russo hat ein Buch mit vier Erzählungen geschrieben, in denen Akademiker im Mittelpunkt stehen, die bereits etwas älter sind. Sie müssen feststellen, dass sie ihr Plus an Lebenserfahrung nicht davor bewahrt, Rückschläge einzustecken. Eine Uni-Dozentin sieht sich mit einem Plagiatsfall konfrontiert, ein Immobilienmakler ist an Krebs erkrankt und ein Drehbuchautor wird von der Filmbranche böse hintergangen.

Die längste Geschichte handelt von einem Englisch-Professor, der sich in Venedig verliert. Diese Geschichte, die womöglich die stärkste im ganzen Buch ist, hat Parallelen zu der berühmten Thomas-Mann-Novelle „Der Tod in Venedig“. Unser Held hat Schwierigkeiten mit seinem Handy, er verirrt sich und weiß nicht recht, wie er mit den Avancen einer Frau umgehen soll, die zu seiner Reisegruppe gehört. Weiterlesen

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Clare Swatman: Before you go – Jeder letzte Tag mit dir

Mit 38 Jahren muss Zoe ihren Ehemann Ed zu Grabe tragen. Er kam bei einem Fahrradunfall ums Leben. Noch viel tragischer für Zoe ist, dass sie im Streit auseinandergingen und keine netten Worte mehr wechseln konnten. Zoe fällt in ein tiefes Loch der Trauer. Dann schlägt sie eines Morgens ihre Augen auf und ist orientierungslos. Erst nach ein paar Augenblicken erkennt sie, dass sie sich in ihrem alten Kinderzimmer im Haus ihrer Eltern befindet. Es ist 1993! Und sie erlebt den Tag erneut, an dem sie Ed erst kennenlernte. Zoe hält alles für einen schönen Traum. Doch als sie am nächsten Morgen die Augen aufschlägt und sich an einem wichtigen Tag im Jahr 1994 befindet, hält sie es nicht mehr für einen Zufall. Sollte es möglich sein, dass Zoe eine zweite Chance erhält, um ihre Beziehung mit Ed zu ändern?

Die Geschichte klingt sehr schön, aber an der Umsetzung hapert es gewaltig. Zuerst einmal sollen Zoe und Ed das Traumpaar schlechthin sein. Davon merkt man aber gar nichts. Weiterlesen

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Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf

Was haben eine Krähe, der Dreißigjährige Krieg und eine Sängerin, die jeden Tag auf ihrem Balkon Arien schmettert miteinander zu tun? Zunächst nicht viel. Aber im Verlauf von Monika Marons neuestem Roman verknüpfen und verwirren sie sich mehr und mehr, bis die Protagonistin Mina Wolf nur noch Chaos im Kopf hat.

Die Journalistin Mina Wolf wohnt in einer kurzen, nur acht Häuser zählenden Straße in Berlin-Schönefeld. Für den Sommer hat sie den lukrativen Auftrag angenommen, für die Festschrift zum tausendjährigen Jubiläum einer westfälischen Kleinstadt einen Aufsatz über den Dreißigjährigen Krieg zu verfassen. Sie hat zwar bisher weder über Kriege noch über das 17. Jahrhundert geschrieben und kann sich nicht richtig erklären, wie die Stadt darauf gekommen ist, sie für diesen Aufsatz auszuwählen, aber das kümmert sie nicht weiter, denn: „Ich war nicht zum ersten Mal gezwungen, mir in wenigen Wochen ein hochgestapeltes Expertentum anlesen zu müssen um über ein Thema zu schreiben, von dem ich keine Ahnung hatte, jedenfalls nicht mehr als jeder andere oberflächlich gebildete Mensch.“ Weiterlesen

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