Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip

Dieses Buch liest sich wie ein gut geölter Motor, der nicht stottert oder irgendwelche besonderen Geräusche von sich gibt. Sollte also jemand sich sowohl gut unterhalten fühlen wollen als auch eine Einschlaflektüre suchen, dann ist man bei diesem Buch zu hause. Ein Genuss ohne Reue sozusagen, aber eben auch kein Knaller. Weil, außer eine Familientragödie, die unvermittelt die Lebenspläne eins der vier Hauptprotagonisten zerstört, passiert nicht viel. Das Buch läuft mit seinen ewigen Rückblenden wie an der Schnur gezogen vorwärts.

Wir begleiten die anfangs schüchterne Greer Kadetzky auf ihren Weg. Dabei sind noch ihre Jugendliebe Cory und die homosexuelle Zee, die Greer an der Uni kennenlernt. Leicht in Fahrt kommt der Roman durch die frühe Begegnung von Greer mit der bekannten Frauenrechtlerin Faith Frank,  die sie fortan nicht mehr los lässt und auch inhaltlich ihr Berufsleben bestimmt. Interessant sind die Ausflüge in die Historie der amerikanischen Frauenbewegung und ihre vorreitenden Zeitschriften wie „Bloomer“. Weiterlesen

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Richard Yates: Eine letzte Liebschaft

Unerfüllte Sehnsucht umweht all seine Figuren. Wohl kaum einer vermag die Hassliebe einer Alltagsehe, die geplatzten Träume einer Mittelstandsexistenz und die Wunden der Nachkriegsjahre besser auf den Punkt zu bringen als Richard Yates. Er schaut hin, wo es wehtut: hinter die Fassaden der Vorzeigefamilien, in die Schlafsäle der Veteranenkrankenhäuser. Neun Erzählungen zeigen die literarische Größe eines der besten amerikanischen Schriftsteller seiner Zeit auf. Denn Yates komponiert Szenen, die sich einprägen. Symbole, die aufrütteln. Wie die Osterglocken, deren Bedeutung durch den Krieg ins Gegenteil verzerrt, plötzlich wie Vorboten des Todes anmuten.

Die Geschichten dieser Sammlung sind in den 40er und 50er Jahren angesiedelt. Die Erlebnisse des Zweiten Weltkrieges hängen wie ein dunkler Schatten über den Stories. Der Krieg lässt seine Protagonisten nicht los, selbst Jahre später. Ein Gast prahlt auf einer Cocktailparty mit seinen Verdiensten in einer Schlacht und stellt dadurch einen Kollegen bloß. Auf der Tuberkulosestation eines Veteranenkrankenhauses nehmen amouröse Verwicklungen ein ungutes Ende. Die Frau eines GIs vereinsamt in Frankreich, wo ihr die Einheimischen ablehnend begegnen. Weiterlesen

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Joey Comeau: Überqualifiziert

Joey hat genug davon, an den immergleichen Bewerbungsschreiben zu sitzen, seine eigenen Fehler zu kaschieren und Lügen aufzutischen, die er nicht einmal selbst glauben möchte.

In der aalglatten Person, die ihm aus seinen Bewerbungsschreiben entgegenstrahlt, erkennt er sich nicht wieder und als sein Bruder von einem Auto erfasst wird und um sein Leben kämpft, hat Joey es endgültig satt. Und schnell ist klar, dass es längst nicht mehr nur um einen Job geht. Seine Bewerbungen an verschiedenste Arbeitgeber gestalten sich grotesk und erlauben einen Einblick in Joeys Leben: Bei Absolut Vodka bewirbt er sich um eine Stelle im Marketing, da er über Erfahrung mit Alkohol verfügt („Lieber Absolut Vodka …“). Und da er Levi Strauss & Co gegenüber betont, ein eigenes Leben zu haben, ist er durchaus bereit, für schlecht gelaunte Kunden die richtigen Hosengrößen herauszusuchen, um eben dieses Leben führen zu können.

Als Santa Claus zu arbeiten – ohne Erfahrung mit Kindern zu haben, aber angeklagt wegen Belästigung und mit dem Eingeständnis, Kinder zu hassen – wird ihm kaum gelingen.

„Weißt du noch, wie es war, das Beste im Mann zu sein?“, fragt er Gilette (besser, den „lieben Gilette“) und Paramount Pictures vertraut er an: „Ich möchte Horrorfilme schreiben“. Weiterlesen

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Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich

Eine junge Frau nimmt eine Stelle als Nachtwächterin in einer fast schon aufgegebenen Kartonagen-Fabrik außerhalb der Stadt an. Nur noch wenige Menschen arbeiten hier. Alle warten auf das endgültige Aus und nicht nur die Stimmung, sondern auch die Umgebung ist trist: rundherum Felder, weiter hinten der Wald und der Flughafen, Löcher im Zaun, mit Unkraut überzogener Boden, geschlossene Hallen. Und doch ist die junge Nachtwächterin der Meinung, dass es hier viel zu entdecken gibt. Hier ist noch alles möglich. Sogar der Wolf, den der Koch gesehen haben will und der noch einmal für ein wenig Aufregung sorgt.

Fallen werden ausgelegt, die junge Frau beginnt mit ihrem Kollegen Clemens eine Fallgrube auszuheben und die Überwachungskameras zeichnen auf, was draußen passiert. Allerdings möchte sie nicht, dass dem Wolf etwas geschieht, sie fühlt sich ihm verbunden, verteidigt ihn, den niemand sonst seither gesehen hat. Gibt es ihn tatsächlich? Ist er wirklich gefährlich? Ist er nicht vielmehr nur auf der Suche nach einer anderen Nahrungsquelle, weil er sein angestammtes Umfeld verlassen musste, seine angestammte Beute nicht mehr zur Verfügung steht? Weiterlesen

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Ali Smith: Die ganze Geschichte und andere Geschichten

„Ich habe mich in einen Baum verliebt. Gegenwehr war zwecklos. Er stand in voller Blüte.“

Ladies and Gentleman: Willkommen in der Welt von Ali Smith! Ihre Prosa erinnert an „Alice im Wunderland“ für Erwachsene und ist so mehrdeutig wie mysteriös. Die ganze Geschichte setzt sich aus einer Summe von Puzzleteilchen zusammen, welche die Autorin zusammenfügt. Oder offenlässt. Sie wechselt zwischen Personen, Zeiten und Realitäten. Gekrönt mit viel Humor und einem Faible für das Absurde wird schnell ersichtlich: In diesen Stories ist alles möglich. Mann oder Frau, real oder surreal, Ende oder Anfang – Ali Smith löst Grenzen auf. Die Geschichten fordern ihre Leser. Falsche Fährten, Erinnerungen, Traumbilder und abrupte Perspektivwechsel lassen das Geschriebene plötzlich in einem ganz neuen Kontext erscheinen. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem außergewöhnlichen Leseerlebnis belohnt.

Das Besondere: Ali Smiths zwölf Geschichten sind wie ein Kalender aufgebaut und begleiten uns Leser durch ein Jahr. Bereits die erste Geschichte, die selbstredend nicht wie erwartet im Januar, sondern im Februar einsetzt, zeigt, wohin die Reise geht. In „Allzweckgeschichte“ landen wir nach mehreren Anläufen in einem Antiquariat, nehmen nacheinander die Perspektive einer Angestellten, einer Fliege und eines Buches ein, um schließlich bei einer exzentrischen Künstlerin zu enden. Lange werden wir Leser darüber im Unklaren gelassen, um was es hier geht. Am Ende schließt sich der Kreis wieder rückwirkend. Was übrigens auch für den Anfang und das Ende des Buches gilt. Weiterlesen

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Maile Meloy: Bewahren Sie Ruhe

Eine Kreuzfahrt über die Weihnachtsferien, eine super Idee nach dem anstrengenden Jahr, das hinter ihnen liegt. Die Cousinen Liv und Nora gehen begeistert mit ihren Ehemännern Benjamin und Raymond an Bord. Mit dabei sind auch ihre Kinder, June (5), Marcus (11), Sebastian (8) und Penny (11). An Bord sind sie mit Abstand die jüngsten Reiseteilnehmer, genießen die Fahrt aber dennoch. Als die Mütter mit den Kindern in Argentinien einen Ausflug an Land machen, kommt es allerdings zur Katastrophe. Die Kinder sind wie vom Erdboden verschluckt und wenig später wird eine Leiche ausgegraben. Liv, Nora, Benjamin und Raymond sind in höchster Alarmbereitschaft und schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Bei Maile Meloys Roman muss man erstmal sortieren, wer wer ist und wie alt diese Menschen sind. Damit habe ich einen Großteil der ersten Kapitel verbracht. Dann wird die Geschichte (erstmal) gut. Weiterlesen

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Hala Alyan: Häuser aus Sand

Heimat – was ist das? Der Ort, in dem du geboren wurdest, wo du aufgewachsen bist oder den du dir selbst ausgesucht hast? Oder ist es ein Ort, an dem du nie warst, in dem aber die Familiengeschichte tief verwurzelt ist? Der in Liedern, Gebräuchen und der eigenen Trauer weitergetragen wird? Denn es gibt Menschen und Orte, die hinterlassen generationenübergreifend hinweg ihre Spuren. Hala Alyans Buch erzählt auf berührende Weisen von einer entwurzelten Familie aus Palästina, die gezwungen durch zahlreiche Nahostkonflikte versucht, in Kuweit, Beirut, Amman, London, Boston und New York eine Art von Heimat zu erschaffen.

Nablus, Palästina 1963: Vor der Hochzeit ihrer jüngsten Tochter Alia liest Salma aus deren Kaffeesatz. Sie weiß, dass sie ihr nicht die ganze Wahrheit sagen darf. Ein unstetes Leben steht ihrer Tochter bevor. Was sich nur bald bewahrheiten soll. Vier Jahre später, nach dem Sechstagekrieg mit Israel, ist alles verloren. Die israelische Armee zerstört Olivenhaine und Häuser, tötet junge Männer, darunter auch Alias Bruder Mustafa. Die Familie Yacoub ist heimatlos. Hala Alyan begleitet ihre Nachfahren bis zum heutigen Tag. Kriegerische Konflikte holen die Yacoubs in Kuweit und Beirut ein. Im Westen kämpfen ihre Nachfahren gegen sich selbst, gefangen im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Weiterlesen

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Nicole Trope: Das Finkenmädchen

Birdy und Rose erzählen aus ihrem Leben. Früher kannten sie sich, waren Nachbarinnen und haben sich dann aus den Augen verloren. Damals war Birdy ein Kind und Rose schon erwachsen. Jetzt berühren sich ihre Geschichten wieder: Heute sind sie sich – wie vor 25 Jahren – ganz nah.

Birdy ist anders als andere. Langsamer. Sie kann sich nicht viel merken. In ihrem Gehirn ist eine Tür offen, durch die Vieles, was dort ankommt gleich wieder entwischt. Sie muss alles ganz oft hören, bis es sich darin festsetzt. Nur ein paar wirklich schlimme Dinge sind auf Anhieb dringeblieben und wollen nicht verschwinden. Diese Dinge hängen mit den früheren Nachbarn zusammen. Deshalb erinnert sie sich auch so gut an Rose.

Rose ist im ganzen Land bekannt. Ihr Mann Simon war ein Fernsehstar und sie war oft mit ihm gemeinsam in den Zeitungen. In über 40 Ehejahren hat sie immer zu ihm gehalten, hat alles für ihn getan, hat sich ihm ganz und gar unterworfen. Ihr Lebenszweck war, ihn glücklich und zufrieden zu machen. Dann kommen Gerüchte auf und sie beginnt zu zweifeln: Hat Simon Mädchen belästigt oder gar missbraucht? Kennt sie diesen Mann überhaupt? Hat sie jemals hinter seine attraktive, charmante Fassade geblickt? Weiterlesen

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Philip Teir: So also endet die Welt

Der Roman erzählt von einem Konflikt zwischen den Eheleuten Julia und Erik, der sich immer weiter verstärkt. Anstatt die Ferien in ihrem Sommerhaus, das nur wenige hundert Meter von der finnischen Küste entfernt ist genießen zu können, schaukelt sich ein Familiendrama auf. Julia ist Autorin und flüchtet sich ins Schreiben um der Einsamkeit zu entfliehen. Von ihrem Mann Erik fühlt sie sich schon längst nicht mehr verstanden. Erik seinerseits verheimlicht ihr, dass ihm sein Job als Informatiker gekündigt wurde. So ertränkt er seine Probleme immer wieder im Alkohol. Er hat keinen Plan, wie es mit seinem Leben weitergehen könnte.

Im Nachbarhaus, in dem Julias einstige Jugendfreundin Marika mit ihrem Partner und dem gemeinsamen Sohn Leo wohnt, ist das Zusammenleben ein ganz anderes. Unkonventionell und alternativ unterscheidet sich die Lebensform der Nachbarsfamilie, die sich dem Umweltaktivismus verschrieben hat und sich auf den Weltuntergang vorbereitet, bzw. zu einer Art vorindustrieller Welt zurückkehren will, gravierend von Julias Familienleben. Aber auch Marika hat ihre ureigenen Probleme mit ihrem Partner. Weiterlesen

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Claire-Louise Bennett: Teich

Ein kleines hundertjähriges Steinhaus an der irischen Atlantikküste wird zum neuen Lebensbereich einer Ich-Erzählerin.

Die damit einhergehende Rückbesinnung auf die Natur und das Alleinsein schärft den Blick der jungen Protagonistin auf das Elementare. So entsteht eine andere Wahrnehmung, das Leben wird neu fokussiert.  Wie sie damit umgeht, was sie bewegt, welchen Gedanken und welchem Tun sie nun nachgeht, schildert die Autorin in kurzen, ganz unterschiedlichen, nicht zusammenhängenden Kapiteln, die auch eigene Interpretationen zulassen.

Die dichte Sprache reflektiert das aufs Notwendigste reduzierte Leben der Protagonistin. In ihren nicht immer leicht zu durchdringenden Gedanken spielt sich eine Revolte ab. Hierbei rückt das ansonsten oft Unbeachtete, Selbstverständliche in den Mittelpunkt. So kann unter anderem das Klacken des Messers beim Zerkleinern von Nüssen zum verzaubernden schamanischen Singsang für sie werden. Weiterlesen

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