Hélène Gestern: Der Duft des Waldes

Elisabeth Bathori, Historikerin und Expertin für Postkartenforschung, fällt nach dem tragischen Verlust ihres Lebensgefährten in ein tiefes Loch. Soziale Kontakte beschränkt sie auf das unbedingt notwendige Mindestmaß, an die Fortsetzung ihrer Tätigkeit als Professorin ist zunächst nicht zu denken. Um sich abzulenken, nimmt sie eine Stelle in einem Fotoarchiv an. Sortieren, zuschneiden, katalogisieren: mit Hilfe der eintönigen Arbeit schafft sie es zeitweise, ihren Schmerz einzulullen.

Dann bietet Alix de Chalendar, eine ältere Dame, dem Institut eine Sammlung von Briefen, Fotos und Postkarten an, die ihr Onkel Alban de Willcot im ersten Weltkrieg von der Front an seine Schwester Blanche und an seinen Freund, den berühmten Dichter Anatole Massis, geschickt hat. Dokumente von unschätzbarem historischem Wert, wie Elisabeth schnell erkennt. Doch Alix gibt die Sammlung nur unter zwei Bedingungen weiter: Elisabeth muss die Inventarisierung übernehmen und sie muss als ihre Testamentsvollstreckerin fungieren. Weiterlesen

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Zülfü Livaneli: Unruhe

Als in seiner Redaktion in Istanbul die Meldung eingeht, dass ein junger Türke namens Hüseyin Yilmaz im amerikanischen Jacksonville erstochen wurde, horcht der Journalist Ibrahim auf. Schnell wird klar: Es handelt sich tatsächlich um seinen Schulfreund, der dort durch Rassisten zu Tode kam. Ibrahim fährt zum ersten Mal sei Jahren in seine Heimatstadt Mardin, weit im Osten der Türkei an der syrischen Grenze, um die Hintergründe der Tat zu recherchieren und der Beerdigung beizuwohnen. Nachdem er die ersten Gefühle der Fremdheit überwunden hat, taucht er ein in eine Welt, die er fast vergessen hatte, die ihn aber mehr und mehr gefangen nimmt. Sein Leben in Istanbul erscheint ihm hier, „wo die Zeit rückwärts fließt“, wo Mythen noch lebendig sind und Aberglaube keine Seltenheit, als hektisch und sinnlos.

Er erinnert sich an Hüseyin als schmalen, schwachen Jungen, der allerdings im Koran-Unterricht der gelehrigste war. Von allen Verwandten und Freunden wird er als hilfsbereiter Mann geschildert, der sich mit seiner ganzen Kraft für Arme, Kranke und Unterdrückte eingesetzt hat. Zuletzt hatte er viel Zeit in den Flüchtlingslagern verbracht. Dort hatte er auch Meleknaz kennengelernt, für die er seine Verlobung löste und mit der er Hochzeitsvorbereitungen traf. Doch Meleknaz ist Jesidin und damit für Hüseyins Mutter, wie für viele andere, eine Teufelin, die ihren Sohn verhext und alles Unheil, das ihm geschah zu verantworten hat. Meleknaz ist in ihren Augen Schuld daran, dass Hüseyin von Islamisten angeschossen wurde, dass er die Familie durch die Auflösung seiner Verlobung brüskiert hat und dann nach Amerika zu seinen Brüdern fliehen musste, um sich in Sicherheit zu bringen. Weiterlesen

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François Lelord: Hector und die Kunst der Zuversicht

Mit Hector hat der französische Autor François Lelord vor einigen Jahren eine Figur erschaffen, die sich in bisher sieben Bänden mit den Fragen des Lebens auseinandergesetzt hat. Nun ist mit ‚Hector und die Kunst der Zuversicht‘ ein weiterer Band der Reihe erschienen. Nachdem Hector sich bereits auf die Suche nach dem Glück begeben und sich mit der Zeit und der Liebe beschäftigt hatte, befasst er sich diesmal mit dem Thema Optimismus.

Leider läuft es in seinem Leben nicht ganz so, wie er es gerne hätte. Während er mit seiner Arbeit als Psychiater noch einigermaßen zurechtkommt, kriselt es privat: seine Frau Clara zweifelt an ihrer Ehe. Hector merkt, dass er etwas tun muss. Aber was? Zum Glück hat er von seinen Reisen her zahlreiche Bekannte, von denen er sich Ratschläge erhofft. So macht Hector sich auf den Weg nach Asien und Amerika. Auf seiner Reise lernt er, dass man das Leben immer durch unterschiedliche Brillen betrachtet. Weiterlesen

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Dirk von Petersdorff: Wie bin ich denn hierhergekommen

Eine klassische Dreiecksgeschichte unter End-Dreißigern breitet der 1966 geborene deutsche Autor Dirk von Petersdorff in seinem Roman „Wie bin ich denn hierhergekommen“ aus. Tim und Anna leben ein klassisches Leben mit Beruf, Ehe und Kind. Johannes dagegen hat keinen festen Job und führt immer noch das Dasein eines Studenten. Die Drei kennen sich aus alten Zeiten, und auch Johannes und Anna haben ein Faible füreinander.

Hauptproblem dieses Romans ist seine Sprunghaftigkeit und sein Reichtum an überflüssigen Details. Dirk von Petersdorff, der an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena unterrichtet, kommt von einem Thema aufs Nächste, ohne dass das etwas mit den drei Hauptfiguren zu tun haben muss. Weiterlesen

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Jane Gardam: Weit weg von Verona (1971)

Jane Gardam, britische Schriftstellerin, feierte am 11. Juli 2018 ihren 90. Geburtstag. Passend dazu bringt Hanser Berlin am 23. Juli 2018 Gardams Debütroman „Weit weg von Verona“ aus dem Jahre 1971 (Originaltitel: „A long way from Verona“) übersetzt von Isabel Bogdan als deutsche Erstausgabe heraus. Jane Gardam begann erst mit über 40 Jahren zu schreiben, hierzulande wurde sie vor allem durch ihre Old Filth-Trilogie bekannt.

Protagonistin und Ich-Erzählerin in „Weit weg von Verona“ ist die zwölfjährige Jessica Vye, die bereits im Alter von neun Jahren von dem Schriftsteller Arnold Hanger, dem sie alles, was sie je geschrieben hatte, zum Lesen gab, folgendes bestätigt bekam:

„Jessica Vye, du bist ohne jeden Zweifel eine echte Schriftstellerin!“ (S. 15).

Jessica und ihre Familie, sie hat noch einen jüngeren Bruder namens Rowley, ziehen von Kent in den Nordosten Englands nach Cleveland Sands, einem kleinen Ort an der Küste. Ihr Vater hat dort die Stelle eines Hilfsgeistlichen angenommen. Es ist Krieg und Winston Churchill ist Prime Minister. Jessica geht zur High School und hat nur eine Freundin, Florence Bone, bei den anderen Mädchen ist sie nicht sonderlich beliebt, denn sie sagt „immer und überall die Wahrheit“. Weiterlesen

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Christine Féret-Fleury: Das Mädchen, das in der Metro las

Nichts in Juliettes Leben deutet darauf hin, dass es jemals eine Überraschung geben könnte. Ihre Eltern haben dafür gesorgt, dass ihr Weg ohne Hindernisse verläuft, die zu überwinden wären; sie ist zur Schule gegangen, hat studiert, sich vom großmütterlichen Erbe eine verkehrsgünstig gelegene Einzimmerwohnung in einem Pariser Viertel gekauft und arbeitet bei einem Immobilienmakler. In der Stellenanzeige war von Kontakt zu Menschen die Rede, deshalb hat sie den Job angenommen. Sie wollte auf andere zugehen und ein passendes Heim für deren Träume und Wünsche finden. Tatsächlich verbringt sie ihre Zeit nun mit den immer gleichen administrativen Aufgaben; sie verwaltet Akten. Jeden Morgen wappnet sie sich für die Welt mit einem Buch und nimmt die Metro Linie 6 zur Arbeit. Zum Lesen kommt sie in der Metro allerdings kaum, es ist zu spannend, andere Menschen mit ihren Büchern zu beobachten und sich etwas über sie auszudenken, über die ältere Dame, die auf jeder Fahrt dasselbe italienische Kochbuch liest, über den Herrn mit Hut, der täglich eine Dosis von zwei oder drei Seiten seines Insektenbuchs genießt, Weiterlesen

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Jeroen Olyslaegers: Weil der Mensch erbärmlich ist

Einen Brief an seinen fiktiven Urenkel lässt der belgische Autor Jeroen Olyslaegers  den über 90 Jahre alten Wilfried Wils schreiben. Darin geht es vor allem um Wils‘ Erlebnisse in der Zeit, als Belgien von den Nazis besetzt war. In einer Stadt, die zwar nie benannt, aber mit der wohl Antwerpen gemeint ist, dient Wils Anfang der 1940er-Jahre als Hilfspolizist und findet sich zwischen allen Stühlen wieder: Auf der einen Seite muss er den neuen Machthabern dabei helfen, Juden zu verhaften und abzuführen, andererseits unterstützt er seinen Freund Lode, der im Keller einen der Verfolgten versteckt.

​Der Roman stellt die Frage nach Schuld und Mitverantwortung für die Nazi-Gräuel durch Mitläufer wie unseren Helden. Hätte der damals 20-Jährige sich widersetzen können und sollen? Hätte er seinen Job kündigen müssen, in dem er den Nazis sehr nahe kam, obwohl er der einzige Ernährer der Familie war? Ist man feige, wenn man nicht den Helden markiert? Weiterlesen

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Ayọ̀bámi Adébáyọ̀: Bleib bei mir

Anfang der 1980er Jahre in Nigeria: Akin trifft Yejide im Kino und ist vom ersten Augenblick an fasziniert von ihr. Sie ist kämpferisch, selbstbewusst und stolz, studiert und verdient ihr eigenes Geld als Friseurin. Nur wenige Monate später heiraten sie und werden zu einem modernen Paar, das sich politisch engagiert und die überkommenen Traditionen, wie die Polygamie, hinter sich lassen will. Yejide fühlt sich in Akins Familie, vor allem bei seiner Mutter, gut aufgehoben und angenommen. Ihre Kindheit war schwer und zum ersten Mal spürt sie Geborgenheit.

Doch alles ändert sich, als Yejide nicht schwanger wird. Sie wünscht sich sehnlichst ein Kind und auch Akin möchte eine Familie gründen. Natürlich erwartet die Verwandtschaft ebenfalls, dass sich Nachwuchs einstellt. Schließlich soll die Familie weiterleben . Die Ärzte bestätigen Yejide, dass sie Kinder bekommen kann und auch Akin lässt sich untersuchen, um seine Zeugungsfähigkeit nachzuweisen. Yejide versucht alles, lässt sich von Wunderheilern behandeln und reist zu Propheten. Nichts hilft. Weiterlesen

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Balli Kaur Jaswal: Geheime Geschichten für Frauen, die Saris tragen

So scharf wie ein gutes Curry! Balli Kaur Jaswal ist ein verwegener Mix aus Emanzipations-Story, Komödie, Krimi, Kulturpanorama und einem „Kamasutra meets Sextoys“ gelungen. Ja, Sie haben richtig gelesen! Doch der sexuelle Befreiungsschlag geht nicht etwa von der 22-jährigen Engländerin Nikki aus, die zwar indische Wurzeln hat, aber ansonsten mit den Gebräuchen ihrer Eltern nichts mehr anfangen kann. Es sind alte Witwen in traditionellen Saris, die in Nikkis Schreibworkshop ihre erotischen Fantasien zum Besten geben! Dieser Roman ist ein unkonventionelles Bravourstück, das – im wahrsten Sinne des Wortes – Lust auf mehr macht…

Nikki hat ihr Jura-Studium geschmissen, jobbt als Kellnerin in einem Pub und lebt relativ planlos in den Tag hinein. Sie hat Spaß mit ihrer besten Freundin Olive, trinkt gerne Wein, ist Zigaretten und Männerbekanntschaften nicht abgeneigt. Weiter nicht verwunderlich, wäre da nicht ein kleines Detail wie Nikkis Nachname: Grewal. Denn Nikki ist die Tochter von Sikhs. Während ihre ältere Schwester sich gerade an einer arrangierten Ehe versucht, lehnt Nikki die alten Traditionen ab. Sie ist aus ihrem Elternhaus in Southall, dem indischen Stadtteil Londons, ausgezogen, sehr zum Missfallen ihrer Mutter.

Aus Geldnot bewirbt sie sich um einen Job als Schreibwerkstättenleiterin im Gemeindezentrum eines Sikh-Tempels. Allerdings hat die zuständige Leiterin Kulwinder das Ganze als Alphabetisierungskurs ausgeschrieben. Weiterlesen

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Dianne Touchell: Foster vergessen

Foster ist sieben Jahre alt, als sein Vater immer mehr Sachen vergisst. Erst ist es nur der Herd, der nicht ausgestellt ist, dann ein Geburtstag, hier etwas beim Einkaufen, den Nachhauseweg vom Supermarkt. Ja, es wird immer schlimmer. Und Foster weiß nicht, wie er seinem Vater helfen kann. Der war doch immer so fantasievoll und dachte sich mit Foster Geschichten über Drachen und andere Fantasiewesen aus. Foster versteht die Welt nicht mehr und seine Mutter sagt ihm nur, dass er sich darum keine Sorgen machen müsse. Was aber passiert, wenn Papa auch Foster vergisst und sich nicht mehr an ihn erinnern kann?

In Dianne Touchells neuer Geschichte liegen Lachen und Weinen nah beieinander. Die Geschichte wird aus den Augen des 7-jährigen Fosters erzählt, der natürlich nicht alle Zusammenhänge der Krankheit seines Vaters versteht und auch nicht recht weiß, was die Folgen sein können. Er macht sich auf kindliche Art und Weise seine Gedanken und die sind berührend und wundervoll. Das Buch geht ans Herz und ist weniger Jugendbuch, sondern ein Buch für Erwachsene, das sie dazu aufruft, ihren Umgang mit Kindern in solchen Extremsituationen zu hinterfragen. Weiterlesen

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