Cynthia Swanson: Im Wald der Lügen

Subtiles Psychogramm ohne blutiges Gemetzel: Im Wald der Lügen kommt langsam und bedächtig daher – wie sich wiegende Äste im Wind. Doch spürt man die Bedrohung im Unterholz lauern, ohne sie konkret benennen zu können. Zur Story:  Die junge Angie führt mit ihrem gutaussehenden Mann Paul, einem Künstler sowie ihrem kleinen Sohn ein sorgloses Leben. Bis ein Anruf alles durcheinander bringt. Pauls Bruder Henry wurde tot im Wald aufgefunden, seine Ehefrau Silja ist spurlos verschwunden. Daraufhin reist die Familie zu Pauls 17-jähriger Nichte Ruby, um ihr beizustehen. Bald nach der Ankunft mehren sich die Ungereimtheiten. Ruby nimmt das Geschehen teilnahmslos hin. Ist dies der Schock? Steckt etwas anderes dahinter? Weiß Ruby mehr, als sie zugibt? Paul wird immer reizbarer, herrischer und verschlossener. Und der dunkle Wald, der das Haus umgibt, scheint ebenfalls ein düsteres Geheimnis zu hüten… Was ist hier geschehen?

Um Licht ins Dunkel zu bringen, hat sich Autorin Cynthia Swanson einer ungewöhnlichen Methode bedient. Sie erzählt den Plot abwechselnd aus Sicht von drei Frauen. Die Gegenwart im Jahr 1960 wird aus Sicht von Angie in der ICH-Perspektive und aus Sicht von Ruby in der dritten Person geschrieben. Die Vorgeschichte wird aus Sicht von Silja erzählt und beginnt zur Zeit des zweiten Weltkrieges, als sich Silja in den charismatischen Soldaten Henry verliebt. Weiterlesen

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Eugen Ruge: Metropol

Eugen Ruge wurde 2011 für seinen Debütroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Damals ging es um das Schicksal seiner Familie in der untergehenden DDR.

Nach einigen weniger erfolgreichen Romanen hat sich der 1954 geborene Autor nun erneut seiner Familie zugewandt. „Metropol“ springt gegenüber dem Erstling einige Jahre zurück und zeichnet das Leben Ruges Großmutter ab 1936 in der Sowjetunion nach.

Auf der Flucht vor den Nazis ist die Kommunistin Charlotte mit ihrem Mann Wilhelm in die UdSSR emigriert. Dort arbeiten beide in der „Komintern“, einer Organisation, in der Kommunisten aus dem Ausland tätig sind.

Doch schon bald rückt etwas in den Mittelpunkt ihres Daseins, das heute als die „Große Säuberung“ bekannt ist. Diktator Stalin ließ damals und auch später noch zum Teil völlig grundlos Menschen verhaften und zum Tode verurteilen, die seine Macht gefährden konnten. Es begann eine Zeit der Angst und der Denunziation.

Auch Charlotte und Wilhelm sind bedroht. Sie kannten jemanden der Verhafteten. Allein das reicht schon, sie ihres Jobs bei der Komintern zu entheben und sie im Hotel „Metropol“ – darauf bezieht sich der Titel – zu parken. Eine quälende Zeit der Ungewissheit beginnt. Weiterlesen

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Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Ich mag Bücher von Karen Duve und ich mag historische Romane. Anhand von „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ habe ich allerdings gelernt, dass ich die Kombination aus beiden nicht mag. Annette von Droste-Hülshoff als Protagonistin hat nur genervt und zwar nicht nur ihre Umwelt, sondern auch mich. Der Spiegel der Zeit ist Karen Duve gut gelungen, aber als Roman vermag das Buch nicht zu packen. Die Intrige um Annettes Ehe geht fast unter in den vielen Hä?-Erlebnissen, die man während dieses Romans als Leser hat. Das Handeln der Männer bleibt – auch unter dem Aspekt der anderen Zeit – zum Teil völlig rätselhaft. Ich habe den Roman immer wieder angefangen und wieder weggelegt und fast ein Jahr bis zum Ende gebraucht. Außer „es hat mich überhaupt nicht gepackt“, kann ich auch nicht viel herumkritteln, ich kann an nichts festmachen, was mich eigentlich so gestört hat. Darum greife ich auf die Aussage zurück: Roman und Leserin haben irgendwie nicht zusammen gepasst.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer.
Galiani-Berlin, September 2018.
592 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Regina Lindemann.

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Edward Carey: Das außergewöhnliche Leben eines Dienstmädchens namens PETITE, besser bekannt als Madame Tussaud

„Ich stecke immer in den kleinen Ecken und Nischen dieser Welt. Ich dränge mich niemandem mit großem Gepolter auf. Ich suche mir eine Lücke und richte mich dort ein.“ (Seite 313)

Anna Maria Grosholtz wird 1761 im Elsass geboren und zieht im Alter von sieben Jahren mit ihrer Mutter nach Bern. Bei Dr. Curtius soll ihre Mutter als Haushaltshilfe arbeiten, doch sie stirbt und Marie nimmt ihre Stelle ein. Im Laufe der Zeit übernimmt sie immer mehr die Aufgaben einer Assistentin von Dr. Curtius, der für das Spital Wachsmodelle der menschlichen Organe und Körperteile herstellt.

Zwei Jahre später müssen sie Bern verlassen und gehen nach Paris. Dort mieten sie sich bei der Witwe Picot ein. Marie oder Petite, wie sie wegen ihrer geringen Körpergröße gerufen wird, arbeitet auch im Haushalt der Witwe und ihres Sohnes als Dienstmädchen, wird permanent von der Witwe schikaniert und drangsaliert. Sie muss in einem dunklen Verschlag wohnen und darf nicht mehr das sein, was sie sich am meisten wünscht: die Assistentin von Dr. Curtius. Der hat immer mehr zu tun, da sehr viele Pariser ihre Köpfe in Wachs nachgeformt haben möchten.

Sie treffen die skurrilsten und absonderlichsten Menschen in diesem Paris der vorrevolutionären Jahre. Curtius und Marie formen Wachsköpfe von Adligen und Gaunern, von Philosophen und Mördern, von Lebenden und von Toten. Weiterlesen

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Kjersti A. Skomsvold: meine gedanken stehen unter einem baum und sehen in die krone

Die Ich-Erzählerin hat sich für ein Leben entschieden, in dem nur Raum für das Schreiben bleibt. Bis sie Bo kennenlernt, glaubte sie, sich in der konservierten Einsamkeit eingerichtet zu haben. Und dann, völlig überraschend sagt sie nach fünf Jahren ja zu Bo, einem Mann, der trotz der ständigen Absagen immer wieder auf sie zugegangen ist. Jetzt sind sie eine Familie. Als ihr zweites Kind, eine Tochter, geboren wird, hält sie mit ihr eine Zwiesprache, die eine Liebeserklärung an das Leben ist.

Die Autorin Kjersti A. Skomsvold, 1979 in Oslo geboren, zählt zu den wichtigsten Gegenwartsautorinnen Norwegens. Zahlreiche Preise und unterschiedliche Werke in den Bereichen Lyrik und autobiographischer Prosa zeigen ihre künstlerische Vielfalt. Ihr aktueller Kurzroman handelt von einer schreibenden Frau, die ihre Arbeit und die Natur braucht, um sich vollständig zu fühlen. Die Ich-Erzählerin beschreibt ein an und für sich normales Leben so präzise und zugleich reduziert, dass sich ihre Lebensabschnitte als besonders und einzigartig offenbaren. Mit leichter Hand weiß sie ihren vertraulichen, halb privaten Erzählton einzusetzen, um den Leser für sich einzunehmen. Sie vermittelt damit den Eindruck, man tauche in das reiche Innenleben einer intellektuellen Künstlerin ein. Einige Textpassagen sind direkte Ansprachen an ihre Tochter, viele andere jedoch haben den Charakter des inneren Monologes, in dem die Ich-Erzählerin sich ihrem Thema offen und ehrlich stellt, nämlich der Überwindung der Einsamkeit für eine Zwei- beziehungsweise Mehrsamkeit. Weiterlesen

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Rhiannon Navin: Alles still auf einmal

Zachs Klasse ist in hellem Aufruhr. Die Lehrerin hat sie angewiesen, sich alle leise im Wandschrank zu verstecken. Dort kauern sie nun, als die Schüsse zu hören sind. Peng. Peng. Peng. Immer wieder. Keines der kleinen Kinder traut sich, auch nur einen Laut von sich zu geben. Und dann ist alles vorbei. Niemand von ihnen ist verletzt. Zach findet im Tumult seine Mutter und ist glücklich. Doch das bleibt nicht lange so. Schnell wird klar, dass sein größerer Bruder Andy zu den Opfern des Attentats gehört. Super, denkt sich Zach, dann kann er mich endlich nicht mehr ärgern. Doch was es wirklich heißt, dass Andy tot ist, wird ihm erst nach und nach bewusst.

Rhiannon Navins Roman geht von der ersten Zeile an mitten unter die Haut. Es beginnt mit der Versteck-Situation im Klassenzimmer. Dem ungewissen Bangen, was dort draußen los sein könnte. Man hört im Halbdunkeln nur Geräusche. Geräusche, die nicht sonderlich gut klingen, vor allem aus Sicht eines Erwachsenen nicht. Weiterlesen

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Raymond Federman: Der Pelz meiner Tante Rachel

Diese erstmals illustriert erscheinende Romanausgabe soll an das 10. Todesjahr des 2009 verstorbenen jüdischen Autors Raymond Federman erinnern, der wie kaum ein anderer den amerikanischen Roman durch vielfache Experimente bereichert hat.

Das gesamte Buch ist eine fiktive Unterhaltung des Erzählers mit seinem Freund Samuel Becket in Pariser Cafés, wobei nur die Stimme des Erzählers zu hören, bzw. zu lesen ist. So monologisiert dieser sich mit seinen häufigen Eingangsworten: Ah, du willst wissen oder Okay, also ich mache weiter immer aufs Neue durch die Zeilen.

Nach zehn Jahren ist der Protagonist aus den USA wieder in seine Heimat nach Frankreich zurückgekommen. Er hat einen Roman geschrieben, der sein eigenes Leben in Amerika thematisiert.

In diesem Roman gibt es einen Erzähler mit seinem Helden und eine Person, die das alles festhält.

Seine Zeit und das Leben in Amerika vergleicht er mit einem Zeichentrickfilm für Erwachsene, die er mit der Mentalität Vierjähriger gleichsetzt.

Die jüdische Herkunft des Erzählers und die Geschichte seiner Familie, die den Holocaust nicht überlebt, sind sein eigentliches erzählerisches Anliegen. Weiterlesen

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Sharlene Teo: Schöne Monster

Singapur, 2003: Szu ist 16 Jahre alt und eine Außenseiterin in der Schule. Über die Berühmtheit ihrer Mutter, die einst in einem bekannten Horror-Film namens „Ponti“ mitspielte, versucht sie die Aufmerksamkeit ihrer Mitschülerinnen zu erlangen. Doch das klappt nicht wirklich gut. Erst als sie Circe, einem Mädchen aus ihrer Jahrgangsstufe, hilft, entwickelt sich zwischen den Mädchen ein Freundschaftsband, das seltsamer nicht sein könnte.

Sharlene Teos Geschichte entwickelt sich durch drei Figuren auf verschiedenen Zeitebenen. Begleitet wird Amisa, Szus Mutter, in den 1970er und 1980er Jahren, Szu selbst im Jahr 2003 und schließlich ihre Freundin Circe, als diese bereits erwachsen ist, im Jahr 2020. Der Schauplatz der Geschichte bleibt dabei meist gleich und man erlebt Singapur im Wandel der Zeit. Selbst der Sprung von 2003 bis 2020 ist wirklich eindrucksvoll, denn Circe ist erfolgreich, frisch geschieden und geht ihren Weg, undenkbar beispielsweise für Amisa im Jahr 1975. Weiterlesen

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Roy Jacobsen: Die Unsichtbaren

Fast ein Kilogramm wiegt das Buch, aber nicht nur deshalb ist der Roman ein schweres, ein gewichtiges Werk.

Die Unsichtbaren erzählt von den Bewohnern der kleinen norwegischen Insel Barrøy, dem verwitweten Martin, seinem Sohn Hans mit seiner Frau Marie und ihrer gemeinsamen Tochter Ingrid sowie Barbro, Hans‘ Schwester.  Die Handlung setzt ein, als Ingrid drei Jahre alt ist, einige Jahre vor Beginn des ersten Weltkriegs.

Es geschieht nicht viel im Leben der Inselbewohner und doch ist jedes Ereignis überlebens-entscheidend. Jede Neuerung kommt einem Sakrileg gleich, alle Veränderungen müssen lange überdacht werden. Vor allem vor sich selbst gerechtfertigt werden. Wenn Hans ein Gebäude von außen streichen möchte, eine Idee, auf die noch niemand vorher kam, wenn er ein Pferd auf die Insel bringen möchte, dann spricht er nicht mit den anderen darüber, macht es mit sich allein aus und entscheidet dann. Nicht immer ist er dann hinterher glücklich mit seiner Entscheidung.

Es wird kaum geredet in diesem Roman, die Menschen sind wortkarg, jedoch ohne gefühlskarg zu sein. Die Gefühle brodeln in den Männern und Frauen und der innere Druck findet keinen Ausdruck. Es gibt wenig Dialoge im klassischen Sinn, die meisten der Gespräche, die überhaupt so genannt werden können, werden in indirekter Rede dargestellt. Ein überaus wirkungsvolles Stilmittel, um die Sprachlosigkeit der Menschen plastisch zu machen. Weiterlesen

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Tom Saller: Ein neues Blau

1985 in Berlin-Charlottenburg: Die Gymnasiastin Anja bekommt von ihrem Vertrauenslehrer einen Nebenjob vermittelt. Doch die alte Dame, deren „Gesellschafterin“ sie werden soll, weiß noch gar nichts von ihrem Glück. Ihr Sohn hat ohne ihr Wissen nach einer Betreuung für ein paar Nachmittage gesucht. Zuerst ist Fräulein Kuhn – die Mutter – nicht begeistert von seiner Eigenmächtigkeit, aber als sie im Gespräch feststellt, dass Anja in dieselbe Schule geht, die auch sie besucht hat und wie sie selbst zur Hälfte Jüdin ist, stellt sie die junge Frau kurzerhand ein.

Der Austausch und das Zusammensein tut den beiden Frauen gut. Sie fassen Vertrauen zueinander und Lili Kuhn erzählt Anja von ihrer Kindheit und Jugend in den 1920er Jahren. Wie sie früh ihre Mutter verlor, wie ihr Vater – ein erfolgreicher Teehändler – zu seiner Unterstützung seinen halb japanischen, halb chinesischen Freund Takeshi nach Deutschland holte, der für Lili lebenslang ein Vertrauter bleiben sollte, wie sie als Kind und junges Mädchen in einem Haushalt mit zwei Männern und einer resoluten Haushälterin aufwuchs, umgeben von Liebe, Verständnis und einer für die damalige Zeit fast verwegenen Mischung aus westlicher, asiatischer und jüdischer Kultur. Weiterlesen

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