Mechtild Borrmann: Glück hat einen langsamen Takt

Nicht jede Romanautorin oder jeder Romanautor kann auch Kurzgeschichte. Mechtild Borrmann kann. Was sie virtuos in diesem Band unter Beweis stellt, der zwanzig lebendige und lebensnahe Erzählungen aus ihrer Feder vorstellt.

Mechtild Borrmann, am Niederrhein geboren und heute in Bielefeld lebend, ist eine bekannte Bestsellerautorin. Ihre historischen Romane „Trümmerkind“ und „Grenzgänger“ sind mit Preisen ausgezeichnet worden und das wohlverdient. Doch ihre Kurzgeschichten stehen dem in nichts nach.

Der Stoff jeder dieser Geschichte hätte vermutlich auch für einen ganzen Roman gereicht, so prall, so tief sind die Texte. Es ist fabelhaft, wie es der Autorin gelingt, die Leserin mit wenigen Sätzen, mit ein paar Bildern in die Geschichten hineinzuziehen. Wie sie Stimmungen erzeugt, Settings erschafft und Figuren zum Leben erweckt. So dass man es fast bedauert, diese nach wenigen Seiten schon wieder verlassen zu müssen. Doch die nächste Erzählung fesselt wieder von neuem. Weiterlesen

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Julia Quinn: Bridgerton: Der Duke und ich

1813: Es ist bereits Daphnes zweite Ballsaison und noch immer hat sie keinen Ehemann – ganz zum Leidwesen ihrer Mutter, die sie durch die feine Gesellschaft schleppt, um einen passenden Junggesellen aufzutreiben. Das Interesse an Daphne ist jedoch meist nur freundschaftlicher Natur und langsam muss sie sich mit dem Gedanken anfreunden, auch in diesem Jahr keinen Mann zu finden.

Simon ist seit dem Tod seines Vaters der Duke von Hastings und damit wohlhabender und einflussreicher als die meisten Mitglieder des Londoner Adels – und damit ein gefundenes Fressen für alle Mütter, die ihren Töchtern ein sorgenfreies Leben bescheren wollen. Dass der Duke gar nicht heiraten will, ist ihnen natürlich völlig egal.

Als Daphne und Simon aufeinandertreffen, entwickeln sie einen wagemutigen Plan: Er tut so, als würde er ihr den Hof machen, damit er vor anderen Bewerberinnen sicher ist. Gleichzeitig wird Daphne durch sein Interesse für die Männer interessant, die bisher nur eine Freundin in ihr gesehen haben und hat außerdem endlich Ruhe vor ihrer übereifrigen Mutter.

Der Plan scheint aufzugehen: Sofort hat Daphne mehr Verehrer und Simon einen trifftigen Grund, jeder feinen Dame abzusagen. Die beiden freunden sich an und genießen die Auszeit von den Verwicklungen, die die Ballsaison mit sich bringt. Weiterlesen

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Olga Flor: Morituri

In einem monumentalen Wortölgemälde mit ausufernden Sprachkonstrukten und ineinander verschachtelten Einzelsätzen voller Neologismen bringt Olga Flor uns eine vom Leser diffizil zu entwirrende provinzpossenartige Breitbandbildgeschichte dar.

Auf Olga Flors Buch muss man sich konzentriert einlassen wollen. Das liest sich nicht nebenbei.  Es geht um viele Themen: Unter anderem um Korruption in der Politik und der Baubranche, Feminismus, sämtliche Probleme der Generation Ü50, fragwürdige Forschung, Affären und lieblose Seitensprünge, Tourismus und ein Attentat.

Max, ein Architekt mit ausgelaufenem Dienstvertrag, geschieden und Vater einer erwachsenen Tochter, kauft ein Haus am Land. Dort züchtet er Hühner und Bienen und erwägt, autark zu leben, was nicht durchführbar ist. Er pflegt seine Midlife-Crisis und gibt sich der Sinnlosigkeit seiner Existenz hin. Alle Handlungsstränge laufen kreuz und quer über und unter und um Max herum. Die Geschichte, sofern es eine gibt, wird dabei immer skurriler. Weiterlesen

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Donal Ryan: Die Stille des Meeres

Der Ire Donal Ryan (Jahrgang 1976) stand 2018 mit seinem Roman „From a Low and Quiet Sea“ auf der Longlist des Man Booker Prize. Der Diogenes Verlag veröffentlichte am 26. Mai 2021 die deutsche Erstausgabe des Buches unter dem Titel „Die Stille des Meeres“ in einer Übersetzung von Anna-Nina Kroll. Es ist Donal Ryans viertes Buch.

Donal Ryan erzählt in „Die Stille des Meeres“ die Geschichte dreier Männer, Farouk, Lampy und John, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

Der syrische Arzt Farouk Alahad flüchtet mit seiner Frau und seiner Tochter über das Mittelmeer aus seiner Heimat. Das Boot kentert bei stürmischer See. Farouk wird geborgen. Die  Suche nach seiner Familie beginnt.

Der junge Ire Laurence (Lampy) Shanley hat Liebeskummer. Er lebt mit seinem Großvater Dixie (Pop) und seiner Mutter Florence in einer kleinen Stadt. Seine Freundin Chloe hat mit ihm Schluss gemacht und studiert jetzt in Dublin. Lampy arbeitet in einem Altenheim. Er kennt seinen leiblichen Vater nicht.

John ist ein fieser Typ. Er hat sein Leben damit zugebracht, Menschen auszunutzen und zu betrügen. Jetzt ist er alt, krank und sucht nach Vergebung.

In der irischen Kleinstadt treffen die drei Männer aufeinander. Weiterlesen

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Claire Berest: Das Leben ist ein Fest – Ein Frida-Kahlo-Roman

Frida Kahlo (1907 – 1954) gilt als berühmteste Malerin Mexikos. Ihr Malstil ist einzigartig und von hohem Wiedererkennungswert. In ihren vielen Selbstbildnissen hebt Frida Kahlo in ihren Gesichtszügen explizit die zusammengewachsenen Augenbrauen und den dunklen Schatten über ihrer Oberlippe hervor. Ihre Werke gelten als surrealistisch. Jedoch hat Frida Kahlo nach eigenen Aussagen immer nur ihre Gefühle, die häufig von unsäglichem Leid und von Schmerzen geprägt sind, in ihren Bildern verarbeitet. Fridas plakative Gemälde strotzen vor Knallfarben und Intensität. Ihre Welt ist in Farben aufgegliedert. Violett, lila Dahlie, Himmel, Blut, Apparat, Atmung, Langsamkeit, Schmerz… (E-Book S. 102). Purpur wird zur dominierenden Farbe für sie.

Im Alter von sechs Jahren erkrankt Frida Kahlo an Kinderlähmung. Mit 18 Jahren erleidet sie bei einem Straßenbahnunglück schwerste Verletzungen, als eine Eisenstange ihren Unterleib durchbohrt. Fridas rechtes Bein ist mehrmals gebrochen, mehrere Rippen sind gebrochen, der Fuß zerquetscht, das Becken ist an drei Stellen gebrochen, die Schulter verrenkt. Ein qualvoller Leidensweg beginnt von nun an für junge Frau. Weiterlesen

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Marc Levy: Jeder Anfang mit dir

Ein Liebesroman? Ein Science-Fiction-Roman? Ein Wissenschaftsthriller? So ganz kann ich mich nicht entscheiden, welchem Genre dieser Roman zuzuordnen ist. Vielleicht war es dem Autor selbst auch nicht so klar.

Vorrangig erzählt Marc Levy, der mit seinen Romanen schon weltweit erfolgreich war, die Liebesgeschichte zwischen Hope und Josh. Beide lernen sich während ihres Studiums kennen und lieben. Josh forscht gemeinsam mit seinem Freund Luke in einem geheimnisvollen Zentrum, dessen Betreiber den Beiden das Studium finanziert. Hope wird nach einer Weile Mitglied ihres Teams und während die Liebe zwischen Josh und ihr wächst, entwickeln die Drei gleichzeitig eine Methode, die Erinnerungen, das Gedächtnis eines Menschen zu speichern, aufzubewahren. Selbst lange verschüttete Kindheitserlebnisse werden dadurch wieder aufgerufen, eine Erfahrung, die Josh während eines Selbstversuchs durchlebt. Als Hope unheilbar erkrankt, beginnen die Forschenden, ihr Gedächtnis mittels ihrer Methode abzuspeichern. Denn sie haben beschlossen, dass sich Hope nach ihrem Tod einfrieren lässt.

Gut die ersten zwei Drittel des Romans befassen sich mit den Forschungen der jungen Leute und der wachsenden Liebe zwischen Josh und Hope. Besonders Hope ist eine sehr liebenswerte Figur, humorvoll, intelligent und offen. Die Gefühle zwischen ihr und Josh, die Eifersucht Lukes, dessen Besessenheit für seine Forschungen, all das zeichnet Marc Levy stimmig und nachfühlbar. Als Hope dann erkrankt, zeigt sie sehr viel Mut, sie trotzt den Schmerzen bis zuletzt. Weiterlesen

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Astrid Rosenfeld: Die einzige Straße

Ein Roman, der die Leserin nicht unberührt lässt. Der aber auch runterzieht, der wenig Frohsinn versprüht.

Astrid Rosenfeld, in Köln geborene und heute in Texas lebende Autorin, erzählt von einer Gruppe Menschen, die der Zufall in einer Kleinstadt in Virginia zusammenführt. Alle leben in einem, in den USA nicht unüblichen, Bungalowpark. Alle sind Gestrandete, Verlorene, Suchende, Versehrte. Die hier entweder ganz allein, mit ihrer Familie oder auch nur mit einem aus dem Müll geretteten Chihuahua leben.

Die 13-jährige Jackie, die sich so sehr nach Anerkennung und Lob von ihrem Vater sehnt, die zu dick ist und die keine Freunde hat, quält sich durch Tanzübungen, weil ihr Vater es auf den Geldgewinn bei einem Wettbewerb abgesehen hat. Stanley, ihr Vater, trinkt mehr als gut für ihn ist und glaubt, diesen Gewinn schon in den Händen zu halten.

Travis ist 16, wild und aufsässig, an guten Tagen ignoriert er die Verbote seiner alleinerziehenden Mutter Brianna, an schlechten macht er das genaue Gegenteil. Als sie ihm anbietet, sich im Supermarkt einen Gegenstand seiner Wahl auszusuchen, wählt er eine Axt. Weiterlesen

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Tijan Sila: Krach

Einen rotzfrechen Punkrock-Roman, der ganz einfach Spaß macht, legt der 1981 in Sarajewo geborene deutsche Autor Tijan Sila vor: „Krach“.

Der 18-jährige Gansi gründet Ende der 90er die Punkband Pur Jus. Leider verliebt er sich zugleich in das weibliche ultracoole Bandmitglied Ursel, was einige Komplikationen nach sich zieht. Und überhaupt gibt es in Gansis Leben so einiges, was sich nicht hundertprozentig mit dem Bild eines lässigen Rockers in Einklang bringen lässt. Und dabei geht‘s nicht nur um Gansis kleine Zwillingsschwestern, die ganz schön nerven.

Tijan Silas Roman hat jede Menge Drive und Tempo. Das Milieu, in dem sich unser Held bewegt – Auftritte in besetzten Häusern, ständig drohende Schlägereien mit Nazis – kommt sehr authentisch rüber, was sicherlich auch daran liegt, dass der Autor selbst ebenfalls Gitarrist in einer Punkband ist: „Korrekte Drinks“.

Tijan Sila: Krach.
Kiepenheuer&Witsch, Mai 2021.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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Zoe Brisby: Reise mit zwei Unbekannten

Ein Hauch von „Harold and Maud“ weht durch diesen Roman, in dem eine abenteuerlustige Alte und ein depressiver junger Mann sich auf die Reise nach Brüssel machen.  Sie büxt aus einem Altersheim aus und er versucht, eine unglückliche Liebe zu vergessen. Über eine Mitfahrzentrale kommen die beiden zusammen und begeben sich auf die unterhaltsame und spannende Fahrt.

Maxine ist über 90 und glaubt, sie leide unter Alzheimer. Sie möchte den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen, solange sie dies noch kann und will aus diesem Grund nach Brüssel. Alex, der wegen Depressionen in Behandlung ist und sich selbst für einen überängstlichen Versager hält, leidet sehr unter seiner platonischen Liebe zu einer für ihn unerreichbaren Schönheit. Nach anfänglichen Unstimmigkeiten zwischen den beiden sich unbekannten Reisenden fassen sie schnell Vertrauen zueinander. So erzählt Maxine ihm von ihrem verstorbenen Ehemann und von ihrer zur Adoption freigegebenen Tochter, während Alex ihr von seiner hoffnungslosen Liebe und von dem angespannten Verhältnis zu seinen Eltern berichtet.

Aufgrund von Missverständnissen werden die Beiden schließlich polizeilich gesucht, man hält Alex für Maxines Entführer. Auf der nun zu einer Flucht werdenden Reise widerfahren den Beiden die absurdesten Erlebnisse, wie die Verwicklung in einen Tankstellenraub, der Besuch bei einer Wahrsagerin und einiges mehr. Weiterlesen

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Juli Zeh: Über Menschen

April 2020. Dora steht mit einem rostigen Spaten auf dem Flurstück, welches zu dem alten Gutsverwalterhaus gehört, und gräbt um. Irgendwann soll aus der von Brombeeren und Ahornschösslingen überwucherten Fläche ein Garten werden.

Sie ist aufs Land geflohen, nachdem ihr in Berlin alles über den Kopf gewachsen war. Vor allem das Zusammenleben mit Robert war unerträglich geworden. Sie mochte sich nicht länger seinem übereifrigen Reglementierungszwang unterwerfen. Robert, der zum Klimaschützer-Guru avanciert ist, der enthusiastisch seinen Lebensstil ändert, immer bestrebt, nicht nur den eigenen, sondern auch den ´CO2-Fußabdruck seiner Mitmenschen zu reduzieren, aber zu einer Demo mit Greta Thunberg auch mal fliegt. Robert, der sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt und Zweifel nicht duldet. Der schon ein „Aber“ als Rebellion gegen die Vernunft wertet.

Dora sind absolute Wahrheiten suspekt. Sie beharrt auf ihrem Recht, zu zweifeln und nachzufragen. „Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Meinungsmannschaft sein.“ (Seite 21) Es wird immer schwieriger, mit Robert ein normales Gespräch zu führen. Dora empfindet das Zusammenleben mit ihm als anstrengend. Sie lachen kaum noch miteinander.

„Dann kam Corona, und Robert entdeckte seine wahre Berufung.“ (Seite 23) Als er versucht, Dora die Spaziergänge mit ihrer Hündin zu verbieten, ist für sie die Grenze erreicht. Sie packt ihre Sachen. Weiterlesen

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