Philippe Amar: Victor, Lily und der Weg nach Hause

Mit viel Geschick umschifft der Autor alle Kitschklippen in seinem Roman um einen Waisenjungen, der sich eine neue Mutter über ein Datingportal suchen willVictor ist 12 und lebt bei seiner geliebten Pflegemutter Annie. Seine Eltern hat er nie kennengelernt. Das Licht der Welt erblickte er bei einer anonymen Geburt, ohne dass seine Mutter eine Spur zurückgelassen hätte, mit der er sie finden könnte. Sein Vater war ihm zwar bekannt und er hat auch mit ihm korrespondiert, doch ist er jung gestorben, so dass sie sich nie begegnen konnten.

Nun soll Victor zu Adoptiveltern kommen, denn Annie ist herzkrank und kann künftig nicht mehr für ihn sorgen. Doch Victor will sich nicht wie ein fügsames Lamm neuen Eltern zuführen lassen, er will selbst entscheiden, wer seine Mutter sein soll.

Also erstellt er mit Hilfe seiner Freunde ein erfundenes Profil von sich auf ein Datingportal. Auf diese Weise lernt er Lily kennen. Sie ist Patissière in einem Nobelrestaurant, hat diverse schlechte Erfahrungen mit auf diesem Weg zustande gekommenen Dates hinter sich. Außerdem hat auch sie eine schwierige Familiengeschichte zu verarbeiten. Sie steht Victors Ansinnen daher eher skeptisch bis ablehnend gegenüber. Doch er lässt nicht locker, sondern stattdessen all seine Verführungskünste spielen. Weiterlesen

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Safia Monney: Ich traf Gott und Sie heißt Miranda

Maike Sander ist eine anerkannte Wissenschaftlerin in der Genforschung. Trotzdem hat sie gerade keine gute Zeit, denn ihr Forschungsauftrag läuft aus und scheitert nicht nur am fehlenden Geld, sondern auch an Ergebnissen. Könnte sie die Uhr zurückdrehen, hätte sie nie für ihren Kollegen und Liebhaber Matthias recherchiert. Sie hätte die Zeit für ihre eigene Forschung genutzt.

Kurz vor Weihnachten erfährt sie von Matthias Veröffentlichung in einer renommierten Fachzeitschrift. Die Publikation über seinen Erfolg hat nur einen Schönheitsfehler. Maikes Name fehlt in seinem Artikel. Während er sich erneut Forschungsgelder sichert, geht Maike leer aus.

Am gleichen Tag ist sie zu einer Taufe eingeladen, wo sie unter anderem Mirandas Weg kreuzt. Die selbstbewusste Frau, der Konventionen völlig egal sind, beginnt sofort Maikes Leben umzukrempeln. Miranda nimmt sich auch sonst jede Freiheit, denn sie ist Gott höchst persönlich. Und Gott hat für Maike einen heiklen Auftrag.

In ihrem dritten Roman thematisiert die Schriftstellerin und Drehbuchautorin Safia Monney die Facetten der Weiblichkeit, in dem sie mit Klischees spielt und dies auf die Spitze treibt. Wie der Titel es schon verrät, nimmt die Autorin auch christliche Vorstellungen auseinander. Das Rollenbild zwischen Mann und Frau überträgt sie auch auf Gott und den Teufel, der gerade unter Liebeskummer und Eifersucht leidet. Weiterlesen

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Rena Fischer: Das Lied der Wölfe

Kaya hat Gründe, dem Leben in Deutschland entfliehen zu wollen. Die junge Wolfsforscherin nimmt das Angebot des schottischen Milliardärs Allistair an, im Hochland sein Wolfsprojekt zu betreuen. Die Briten haben nicht weniger Vorurteile gegen freilaufende Wölfe als die deutschen Landwirte, aber noch liegt Allistairs Projekt hinter Zäunen und beschränkt sich auf ein Pärchen. Ebenfalls in dem Herrenhaus, in dem Kaya untergebracht ist, wohnt Allistairs Sohn Nevis, der sich dort von den Verletzungen erholen soll, die er während seiner Soldateneinsätze erlitten hat – den physischen und den psychischen. Nevis fühlt sich durch das Projekt seines Vaters unter Druck gesetzt und versucht alles, um nicht mit hineingezogen zu werden.

Rena Fischer erzählt uns die Geschichte aus zwei Perspektiven: aus Kayas und aus Nevis. So erfahren wir nach und nach, was die beiden auch innerlich umtreibt. Sie haben beide mit eigenen Dämonen zu kämpfen und nähern sich doch Schritt für Schritt an. Denn Kaya kann Nevis mit ihrer Begeisterung mitreißen und sie verhält sich so ganz anders, als die Frauen, die Nevis bislang kannte. Trotzdem ist diese Geschichte sehr viel mehr, als eine Highlander-Liebesgeschichte mit Wölfen. Denn die Autorin hat hervorragend recherchiert, sich sowohl mit der modernen Wolfsforschung, den Gründen für die Ablehnung in der Bevölkerung für alles was „Wolf“ heißt, als auch mit den Auswirkungen des Krieges auf den Menschen auseinandergesetzt. Weiterlesen

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Ingo Schulze: Tasso im Irrenhaus

Ein literarisches Schmankerl für Kunstliebhaber und Freunde feiner, intellektueller Spitzen! In diesen drei Erzählungen von Ingo Schulze spielt die Kunst eine wesentliche Rolle. Was sagt sie uns wirklich? Auch das intellektuelle Umfeld nimmt Raum ein, welches er in herrlich entlarvenden Dialogen zeichnet. Man debattiert über Hochgeistiges, offenbart dabei Tiefemotionales. Komik und Tragik halten sich in Schulzes Prosa gekonnt die Waage. Am Ende stellt sich die Frage: Sind die Verrückten im Irrenhaus – oder tummeln sie sich draußen herum?

Die drei im Band versammelten Erzählungen wurden von Schulze bereits in Literaturzeitschriften veröffentlicht, entfalten ihre ganze Kraft aber in gebündelter Form. Der Autor selbst bezeichnet sie als Reflexionen eines Künstlers über drei Kunstwerke. In der ersten Erzählung „Das Deutschlandgerät“ handelt es sich um eine Installation von Reinhold Mucha, die 1990 für den Deutschland-Pavillon auf der Biennale in Venedig aufgebaut und später in Düsseldorf reinstalliert wurde. Der Schriftsteller B.C. erkennt sich in dem Kunstwerk wieder. Auch für ihn bedarf es einer Re-Installierung, da seine Worte plötzlich „falsch im Raum stehen“. Als Dissident war er einst aus der DDR in den Westen gekommen. Er hat erfahren, dass man als Person oder Schriftsteller nicht einfach so versetzt werden kann, ohne in einen anderen Kontext gerückt zu werden. Für Worte, für die er einst gefeiert wurde, wird er heute verurteilt. Hier wie dort fühlt sich B.C. nicht zugehörig. Weiterlesen

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Marcy Dermansky: Wirklich nett

Becca, Jonathan und Rachel Klein sind eine wirklich nette amerikanische Bilderbuchfamilie – wohlhabend, mit großem Haus, Garten, Swimmingpool und dem Pudel Posey. Bis Jonathan eine Affäre mit der jungen Pilotin Mandy beginnt und aus der beschaulichen Kleinstadt in Connecticut in ihr kleines Appartement nach New York zieht. Becca ist sauer. Wie konnte er sie verlassen, wo doch gerade Posey gestorben ist? „Er schuldet mir was. Dieser Arsch mit Ohren.“ (Seite 58) Nämlich das Haus, in das sie ihre ganze Persönlichkeit gesteckt hat.

Dann steht auch noch dieser verrückte Junge mit einer Waffe in ihrem Klassenzimmer in der Grundschule, in der sie unterrichtet. Doch sie regelt die Sache ohne Blutvergießen, genauso wie sie alles regelt: souverän und äußerlich gelassen. Dass es in ihr ganz anders aussieht, zeigt sich auch daran, dass ihre Yoga-Übungen beinahe exzessiv ausdehnt – bis sie im Yogastudio zu den „Älteren“ gezählt wird. Und dann bringt Rachel in den College-Ferien auch noch einen neuen Pudel mit: Princess, den Hund ihres Professors Zahid Azzam, der sie in kreativem Schreiben unterrichtet, der vor Jahren einen Bestseller geschrieben hat und mit dem sie wirklich netten Sex hatte. Er musste zu seiner Großmutter nach Pakistan fahren, die im Sterben liegt. Weiterlesen

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H. J. Welch: Rosavia Royals 02: Royaler Retter

Als Prinz ist es für Cas nicht einfach. Seine Zeit besteht daraus, internationale Beziehungen zu pflegen, sich bei Staatsterminen blicken zu lassen und hinter seinen Brüdern aufzuräumen. Alles was er sich wünscht, ist ein ganz normales Leben, in dem niemand ihn kennt. Für Matty ist ein solches Leben Alltag, als er mit seiner Nichte ins Land kommt. Niemals würde der unsichere junge Mann Aufmerksamkeit erregen oder im Mittelpunkt stehen wollen. Die beiden können unterschiedlicher nicht sein, doch als Matty unverhofft Hilfe braucht, ist es gerade Cas, der alles tut, um ihm zu helfen. Die beiden kommen sich näher, doch Matty weiß nicht, dass Cas der Prinz des Landes ist. Kann diese Liebe dennoch Bestand haben?

„Royaler Retter“ ist der zweite Teil der Rosavia Royals Reihe. Sehr gefallen hat mir die Dynamik, welche sich nach und nach zwischen den Protagonisten entwickelte und die Geschichte sehr lebendig gemacht hat. Was mir weniger gut gefallen hat, war, dass die beiden an einigen Stellen wirklich flach wirkten, was es für mich schwer machte, mich voll und ganz in die Story eintauchen zu lassen. Weiterlesen

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James Bailey: Du kannst kein Zufall sein

Ein Orakel zu befragen, wer hätte das noch nie getan. Der Protagonist dieses humorvollen Romans lässt eine Münze über jeden seiner Schritte entscheiden – ein ganzes Jahr lang. Das nimmt er sich vor, nachdem er von seiner Freundin verlassen wird und Job und Wohnung verliert.

Josh zieht wieder bei seinen Eltern ein, zusammen mit seinem Kaninchen Jeremy. Für einen Sohn Mitte Zwanzig sicher nicht einfach, für Josh eine Katastrophe. Sein Vater öffnet all seine Briefe, seine Mutter versucht ständig, ihn zu verkuppeln. Nur seine Freunde Jessie und Jake können ihn jetzt noch aufmuntern.

Doch dann begegnet er seiner Traumfrau. Aber bevor er sie nach ihrem Namen oder ihrer Adresse fragen kann, verliert er sie schon wieder aus den Augen, mitten in London während des Marathons. Der einzige Hinweis, den er hat, ist ihr Arbeitsplatz in einer englischen Buchhandlung in einer Stadt außerhalb Englands und ihre Vorliebe für die Sonnenblumenbilder van Goghs. Mit diesen rudimentären Angaben begibt er sich auf die Suche in den europäischen Großstädten. Weiterlesen

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Klara Jahn: Die Farbe des Nordwinds

Wie aus dem Nichts ergreift Klara Jahn die Enden der beiden Handlungsstränge, die schließlich die Geschichte dieses Buches weben.

Es geht zum einen um Ellen, die von ihrer unsteten und haltlosen Mutter 1985 auf eine Hallig in Norddeutschland mitgenommen wird, weil sie dort einen Bauern zu lieben glaubt.  Als die Beziehung scheitert, muss Ellen mit ihrer Mutter weiterziehen, aber das Land hat sie zutiefst geprägt und 20 Jahre später kommt sie zurück, um auf ebendieser Hallig als Lehrerin zu arbeiten.

Zum anderen erzählt dieses Buch die Geschichte von Arjen Martenson, der 1825 auf derselben Hallig als Lehrer tätig ist und eine Chronik schreibt über eine große Sturmflut. Diese Chronik dient Ellen und ihren Schülern als Basis für ein Theaterstück.

Vergangenheit und Gegenwart berühren einander in den Menschen und ihren Schicksalen. Wie Ebbe und Flut kehren Probleme in jeder Generation wieder, verlassen Menschen die Hallig und kommen zurück, oder auch nicht.  Manche sind ihr Leben lang an sie gebunden, ohne das zu wollen. Weiterlesen

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Helen Macdonald: Abendflüge

Helen Macdonald lässt uns mit ihren Geschichten die Natur neu entdecken. Sie zeigt mit ihren Beobachtungen auf, wie wir unsere Sinne einsetzen können, um zu erfassen, was um uns herum, über uns oder im Wasser vor sich geht. Mit den Beschreibungen ihrer eigenen Wahrnehmungen schult sie unsere Augen und unsere Ohren. So sensibilisiert, können wir Vorgänge erkennen, die, weil viel zu oft nie bewusst registriert, plötzlich als faszinierendes Neuland erscheinen. Und letztlich erdet Macdonald uns gewissermaßen, indem sie wieder und wieder vermittelt, dass die Sichtweise von uns Menschen auf die Komplexität der Welt sehr eingeschränkt ist. Sie appelliert an uns, Verantwortung für das, was vorhanden ist zu übernehmen, um die Dinge bewahren zu können.

Die verschiedensten Themenbereiche, die Helen Macdonald in ihren Kapiteln behandelt, sind nicht zusammenhängend und lassen sich allesamt einzeln lesen. Dabei geht es unter anderem um winterliche Wälder, Hasen, Wild im Scheinwerferlicht, um Nistkästen, Wolkenkratzer, Wicken, Gewitter, Eschen, Beeren, Verstecke, Ziegen uvm. So schreibt Helen Macdonald beispielsweise vom Hochzeitsflug einer Ameisenart, die in der Thermik warmer Luft aufsteigen und weiter, wie diese Ameisen dabei dem Ansturm der Schnäbel ihrer Fressfeinde – also Möwen, Schwalben oder dem Rotmilan ausgesetzt sind. Durch die detailgetreue Wiedergabe des eindrucksvollen Spektakels der Tiere am Himmel läuft das Geschehen wie ein Film vor den Augen ab. Weiterlesen

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Mia Couto: Asche und Sand

Der Autor Mia Couto ist der Sohn portugiesischer Einwanderer in Mosambik. Nach seiner Karriere als Journalist und Chefredakteur zählt er heute zu den bemerkenswerten Schriftstellern im portugiesischsprachigen Afrika. Seit 1983 veröffentlicht er Prosa und Lyrik und erhielt einige Literaturpreise. Sein Werk Asche und Sand ist der Folgeband zu seinem Roman Imani, der die Entwurzelung eines Mädchens von ihrer Sprache und Tradition zeigt. Schon als Kind lernt sie bei den Missionaren verschiedene Sprachen sowie das Lesen und Schreiben auf Portugiesisch. Imani erwirbt Fertigkeiten, die sie zu einer Gelehrten machen könnten, wenn nicht der geringe Rang als Mädchen in ihrem Volk wäre. Ein nach unten gerichteter Blick und bedingungsloser Gehorsam passen nicht zu einer Fünfzehnjährigen, die zwischen den Stammesführern und portugiesischen Befehlshabern dolmetschen soll. 1895 herrscht in Mosambik ein scheinbar ewiger Krieg, in dem nun auch Portugal als Kolonialmacht mitmischt und gegen die siegreiche Armee des Königs von Gaza kämpft.

Der fulminante Roman Asche und Sand, übersetzt von Karin von Schweder-Schreiner, beschreibt den geschichtsträchtigen Wendepunkt von Mosambik. Die wichtigen Ereignisse erlebt Imani direkt als Zeugin von Gewalt oder Dolmetscherin. Andere Ereignisse werden ihr in Briefen berichtet. Auf diese Weise wird sie das Bindeglied einer breit angelegten Geschichte der Zerstörung, in der alle Beteiligten verlieren. Doch die Erkenntnis kommt zu spät. Weiterlesen

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