Francis Nenik: E. oder Die Insel

Ein namenloser Mann hängt auf einer kleinen Insel unweit des Flussufers fest. Von dort kann er heimlich das Pfarrhaus beobachten, in dem seine Frau und drei Kinder auf ihn warten müssten. Aber sie warten nicht auf ihn. Etwas Unerwartetes ist geschehen. Denn sie sind abends vom Esstisch aufgestanden und haben abrupt das Haus verlassen.

Er beschließt, auf der Insel zu warten, während der Zweite Weltkrieg in die heiße Endphase geht. Von Westen rücken die Amerikaner an, von Osten die Russen. Der Erzähler glaubt, dass seine Familie wegen ihm Repressalien erleiden könnte. Fragen und Vorsicht verbieten ihm, im Pfarrhaus auf seine Familie zu warten. Und während er das Kommen und Gehen im Dorf durch ein Opernglas beobachtet, spekuliert er, was mit seinen Angehörigen passiert sein könnte und ob sie vielleicht wieder auftauchen. Nur eines weiß er mit Sicherheit: Das Ende des Krieges und der Feind werden bald da sein.

Francis Nenik gehört zu den vielseitigen Schriftstellern in Deutschland, die einen fundiert recherchierten Hintergrund in sprachlich ausgefeilten Texten verarbeiten. 2021 erhält er den Anna Seghers-Preis. In seinem aktuellen Roman E. oder die Insel geht es um die Abgründe der deutschen Gesellschaft, die unter der brutalen Herrschaft der Nationalsozialisten unzählige Opfer duldet. Weiterlesen

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Constantin Schreiber: Die Kandidatin

Bei diesem Buch ist es ratsam, Inhalt und Stil getrennt zu betrachten. Denn der Plot, die Handlung und die Hintergründe der Geschichte sind ungemein fesselnd, beängstigend realistisch und professionell geschildert. Der Schreibstil allerdings gemahnt eher an einen politischen Artikel in einem Wochenblatt à la Spiegel oder Zeit als an einen spannenden Roman oder gar Thriller.

Constantin Schreiber ist ein bekannter und renommierter Journalist und Buchautor und seit einigen Monaten außerdem Sprecher bei der ARD-Tagesschau. Darüber hinaus ist er Kenner der arabischen Welt, er ist der arabischen Sprache mächtig und hat einige Jahre in der Region gelebt. Er weiß also, besser als viele andere, worüber er schreibt.

Sein Roman, angesiedelt in Deutschland in etwa dreißig Jahren,  dreht sich um Sabah Hussein. Sie ist die „Kandidatin“. Sie ist Muslima, Feministin und kandidiert für das Amt der Bundeskanzlerin. Dass ihr dadurch noch mehr Hass und Feindschaft entgegenschlägt als sie es aufgrund ihrer Herkunft und Religion ohnehin schon (leider) gewohnt ist, verwundert nicht. Mit viel Sachkenntnis und viel Liebe für Details arbeitet Constantin Schreiber Herkunft, Hintergrund und Wurzeln all diesen Hasses aus, er beschreibt, wie die Menschen gestrickt sind, die so vehement, unter Einsatz von Gewalt und unter Akzeptanz jedweden Risikos gegen die Kandidatin und ihre Partei und vor allem ihre Prinzipien vorgehen. Weiterlesen

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Roxanne Bouchard: Der dunkle Sog des Meeres

Eine junge, an Depressionen leidende Frau reist in einen entlegenen kanadischen Küstenort. Dort will sie Frieden und ihre Mutter finden. Doch dann wird eine weibliche Leiche im Meer geborgen – eben ihre Mutter.

Ein älterer, Mid-life-Krisengeplagter Kommissar siedelt in diesen Küstenort um, wartet auf seine Frau, die später nachkommen will. Er wird, obwohl eigentlich im Urlaub, mit den Ermittlungen hinsichtlich der im Meer gefundenen Frauenleiche beauftragt.

Die im Dorf lebenden Menschen, wortkarge, wettergegerbte Fischer vor allem, sind dem Ermittler dabei keine Hilfe, verwirren ihn mit ihren spärlichen Informationen. Auch die junge Catherine, die Anschluss sucht und nicht wirklich findet, kommt den Einwohnern nicht recht nah. Dabei spielt im Grunde das Meer die Hauptrolle in diesem recht düsteren Roman.

So recht fand ich nicht den Zugang, weder zur Handlung noch zu den Handelnden. Der Kommissar Joaquín Morales, seinen mexikanischen Wurzeln zum Trotz auf die Frage nach seiner Herkunft stets Montreal nennend, ist sympathisch-verpeilt. Seine Sorgen um seine Ehe, seine altersbedingten Grübeleien kollidieren mit seiner Tätigkeit, lenken ihn ab von den Ermittlungen. Weiterlesen

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Melissa Harrison: Vom Ende eines Sommers

Ein Buch, das sich ins literarische Gedächtnis prägt: Vom Ende eines Sommers ist einerseits geschrieben wie ein wunderschöner Sommertagtraum, geht andererseits an Herz und Nieren. Dies liegt an der ungewöhnlichen Erzählperspektive. Wir Leser erleben die Handlung aus Sicht der 14-jährigen Edith June Mather, genannt Edie. Sie wächst auf einer Farm im ländlichen Suffolk auf. In jenem schwülen, schillernden Sommer 1934 erlebt sie gleich mehrere Wendepunkte. Sie wandelt sich vom Mädchen zur Frau, während der Fortschritt sowie erste faschistische Strömungen das Hinterland erreichen. Diese nahen nicht etwa in Uniformen, sondern in Form der charismatischen Journalistin Constanze FitzAllen aus London. Vieles davon erfahren wir beim Lesen zwischen den Zeilen, da der kindliche, fantasievolle Blick von Edie das Erlebte häufig nicht richtig einordnen kann. Es ist nicht nur das Ende eines Sommers. Es ist das Ende der Kindheit, der Unschuld.

In den 30er Jahren ist die bäuerliche Bevölkerung Englands noch immer von den großen Krisen gezeichnet. Es fehlen tatkräftige Männer, die im ersten Weltkrieg ums Leben kamen. Die Weltwirtschaft schwächelt, der Weizenpreis ist am Boden. Dennoch wächst Edie relativ behütet auf. Sie flüchtet sich in die Natur und in ihre Bücher. Mit 14 Jahren beendet sie die Schule, um künftig auf der Farm mitzuarbeiten, ebenso wie ihr drei Jahre älterer Bruder Frank. Ihre Schwester Mary ist bereits verheiratet, hat ein Baby bekommen und ist weggezogen. Sie wird von Edie schmerzlich vermisst. Weiterlesen

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Maarten ’T Hart: Der Nachtstimmer

Der niederländische Schriftsteller Maarten ’t Hart (Jahrgang 1944) hat einen neuen Roman geschrieben. Am 31. Mai 2021 erschien „Der Nachtstimmer“ in einer Übersetzung von Gregor Seferens im Piper Verlag.

Darin fährt der Orgelstimmer Gabriel Pottjewide in den 1980er Jahren in die südholländische Provinz, um in einer kleinen Hafenstadt die Orgel der Groote Kerk zu stimmen. Gabriel Pottjewide ist wohl der beste Orgelstimmer der Niederlande, sein Spezialgebiet sind Schnitger-Orgeln. Die Orgel in der Groote Kerk stammt von dem Schnitger-Schüler Rudolf Garrels. Die Stadt empfängt ihn mit üblem Geruch, unfreundlichen Menschen und einer sehr einfachen Unterkunft im Seemannsheim. Die Kellnerin Sjaan serviert ihm dort FGK (Fleisch, Gemüse, Kartoffeln). Außerdem tagt gerade eine Versammlung einer freikirchlichen Gemeinde, mit der Pottjewide in eine Diskussion über die Auslegung einer Bibelstelle gerät und einen zusätzlichen Auftrag zum Stimmen der Orgel in der Immanuëlkirche erhält. Zur Unterstützung beim Stimmen werden ihm Mutter und Tochter Edelenbos zur Seite gestellt. Gracinha Edelenbos ist Kapitänswitwe und einst aus Brasilien in die Niederlande gekommen. Ihre Tochter Lanna gilt als geistigbehindert, sie spricht nicht, ist aber eine geniale Orgelstimmer-Helferin. Wegen des Lärms der ortsansässigen Schiffswerft kann Gabriel Pottjewide nur in den Abend- und Nachtstunden stimmen. Zwischen den Dreien entwickelt sich langsam und zögerlich ein freundschaftliches Verhältnis. Das gefällt nicht allen in der kleinen Stadt. Die wunderschöne Gracinha wird von vielen begehrt. Pottjewide bekommt das zu spüren. Nur knapp entgeht er einem Anschlag auf sein Leben. Und er verliebt sich in Gracinha. Weiterlesen

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Harry Kämmerer: Oh, Mama! Tagebuch eines Nesthockers und seiner Mutter

Ein witziger, leider aber nicht neuer Plot um einen nicht erwachsen werden wollenden Sohn, der es sich unter den Fittichen der Mama bequem eingerichtet hat. Auch Romane in Tagebuchform gibt es immer mal wieder, wenn sie in früherer Zeit auch sicher häufiger vorkamen. Der Münchner Autor legt hier nun eine moderne Variante vor – ein Zweier-Tagebuch sozusagen, berichten doch abwechselnd Mutter und Sohn.

Daher ist dieser Roman von Ansatz her nicht uninspiriert, in der Umsetzung hingegen hat er mich leider nicht angesprochen. Der Humor ist fad, die Witze platt und abgedroschen, das Frauenbild fragwürdig und die Handlung schon viele Male zuvor weit besser umgesetzt.

Es geht um Tommy, der mit 40 Jahren noch zu Hause bei seiner Mutter lebt, die gerade in den Anfängen einer neuen Beziehung steckt. Natürlich kann der Sohn den Lover der Mutter nicht leiden und bedient sich lausbubenhafter Streiche, um diesen zu vergraulen. Mama und Tommy leben nicht nur zusammen, sondern arbeiten auch beide in der eigenen Firma. Hier ist Tommy damit beschäftigt, unter anderem Bauernkalender zu gestalten und zu drucken. Dafür wirbt er ein mit ihren Reizen nicht geizendes Model an, welches ihm gehörig den Kopf verdreht. Währenddessen wächst und gedeiht die Beziehung zwischen seiner Mutter Michaela und dem attraktiven Arzt York. Doch nicht nur der bedroht Tommys Seelenfrieden. Weiterlesen

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Dagmar Maria Toschka: Alte Anker rosten nicht

Es sollte eine romantische Flusskreuzfahrt auf dem Rhein werden, die Linda und ihr Mann Adi gebucht hatten. Was stattdessen daraus wurde, hätte sich Linda niemals träumen lassen.

Nachdem sie ihren Mann mit einer anderen erwischt hat, tritt Linda die Reise statt mit ihm  zusammen mit ihrer Cousine Maike an. Zu den beiden Frauen gesellt sich bereits am ersten Tag der Fahrt ihre Kabinennachbarin Enni. Alle drei und noch weitere weibliche Passagiere werden von dem alternden Gigolo Gunnar Behorn zu einem klandestinen Stelldichein geladen.

Am nächsten Morgen findet sich Linda nackt in seinem Bett wieder, geweckt von der Polizei, die den Tod von Behorn untersucht. Dieser ging in der Nacht über Bord und verstarb kurz nach seiner Rettung. Nicht nur Linda, sondern auch die anderen Frauen sind des Mordes verdächtig, ebenso wie einzelne Crewmitglieder oder sogar Lindas Ehemann Adi.

Während Linda – die gerade ihren letzten Geburtstag mit einer Vier vorne feierte – diversen Männern auf dem Schiff, darunter der Kapitän und der ermittelnde Kommissar, den Kopf verdreht und ihr Mann alles daran setzt, sie zurückzugewinnen, versucht sie gleichzeitig, selbst den Täter zu finden. Denn bevor der Fall nicht geklärt ist, dürfen sie und die anderen Verdächtigen das Schiff nicht verlassen. Weiterlesen

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Auður Ava Ólafsdóttir: Miss Island

Island ist das Land der Schriftsteller*innen, heißt es gemeinhin.  Auch Hekla, die Protagonistin dieses Romans, befasst sich mit dem Schreiben. Die Geschichte beginnt mit ihrer Geburt. Ihr Vater, der von Vulkanausbrüchen fasziniert war, benannte sie nach dem Vulkan Hekla, der viereinhalb Jahre nach ihrer Geburt ausbrach.

Später, im Alter von zweiundzwanzig verlässt die junge Hekla Eltern und Hof und fährt im Überlandbus nach Reykjavik. In der Hauptstadt möchte sie ihren Traum Schriftstellerin zu werden, verwirklichen. Während der Busfahrt lädt ihr Sitznachbar sie dazu ein, am Wettbewerb zur Miss Island teilzunehmen, was Hekla jedoch gar nicht interessiert. Ihr Wunsch ist es, Bücher zu schreiben, nicht ihren Körper „bewerten und vermessen lassen wie ein Stück Vieh“ (E-Book S. 160), wie ihr Vater es später ausdrücken wird. Doch immer wieder wird sie in der folgenden Zeit mit Miss Island in Verbindung gebracht.

In Reykjavik lebt auch ihr Freund Jón John aus der Jugendzeit. Jón John, mit dem sie seit damals ein Geheimnis teilt, bleibt ihr Verbündeter und Seelenverwandter. Als Homosexueller ist es Jón John in den Sechzigern unmöglich, so leben zu können, wie es seinen Neigungen entspricht. Auch Hekla hat mit Vorurteilen zu kämpfen. Weiterlesen

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Colin Niel: Nur die Tiere

Alice ist Anfang 40 und Sozialarbeiterin im französischen Zentralmassiv. Sie unterstützt vereinsamte Bauern, die alleine auf ihren Höfen leben und mit ihren Betrieben kaum mehr zurechtkommen.  Zusätzlich zu einem bisschen Gesellschaft, das sie ihnen durch ihre Besuche beschert, hilft sie ihnen bei den Förderungsanträgen, berät sie sie in Schuldenfragen und der Betriebsführung allgemein.  Obwohl mit Michel verheiratet, beginnt sie eine Affäre mit dem alleinstehenden Joseph.  Kinder haben Alice und Michel keine. Sie leben lieblos nebeneinander her. Die Treffen mit dem schweigsamen Joseph bringen einen verbotenen Kitzel in ihr farbloses Leben.

Eines Tages wird Evelyne Ducat vermisst, 49 Jahre alt, elegant, mit einem sehr erfolgreichen Mann verheiratet, der aus der Gegend stammt und der gemeinsam mit ihr Paris den Rücken gekehrt hat.  In einem Schneesturm und mitten in der Nacht fährt ein fremdes Auto auf Josephs Hof und lädt ein verschnürtes Bündel ab. Die Leiche von Evelyne Ducat.  Joseph kann weder Automarke noch das Kennzeichen erkennen. Weiterlesen

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Alex George: An jenem Tag in Paris

Der britische Autor Alex George legt einen Roman vor, in dem eine Stadt im Mittelpunkt steht: Paris im Jahre 1927. Ein Pluspunkt dieses Buches ist sicherlich seine atmosphärische Dichte. Wer ein Faible für die französische Hauptstadt hat, dürfte Gefallen an diesem Werk finden.

George folgt dem Weg von vier Protagonisten, die allesamt einigermaßen problembeladen sind. Da ist zum Beispiel ein unglücklich verliebter Künstler, der fest davon überzeugt ist, die Tochter seiner Angebeteten sei von ihm, da ist die Haushälterin von Marcel Proust, die dem großen Schriftsteller ein Geheimnis anvertraut hat, und da ist ein Puppenspieler, der den grausamen Tod seines Bruders in Kindertagen nicht verwinden kann.

Damit geht eine gewisse Melancholie einher, die zu einem Klischee über Paris passt, wie es beispielsweise auch in den Chansons von Charles Aznavour oder Jacques Brel bedient wird. Ob das dem tatsächlichen Leben in dieser Stadt entspricht oder entsprochen hat, sei einmal dahingestellt. Weiterlesen

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