Sarah Hall: Die Töchter des Nordens

Erschreckend, schonungslos, mitreißend: Halls Prosa erinnert ein wenig an Margaret Atwoods Roman „The Handmaid‘s Tale“. Auch hier werden in naher Zukunft Menschen, insbesondere Frauen, durch ein totalitäres Regime unterdrückt und planen den Aufstand. Allerdings haben die Frauen in Halls Roman wesentlich mehr Handlungsspielraum, Testosteron und Power! Die Times bezeichnete den erstmals 2007 erschienen Roman als „eines der besten Bücher des Jahrzehnts.“ Dass er 14 Jahre später aktueller denn je ist, sorgt umso mehr für Unbehagen. Ein Must-Read der Extraklasse.

England in naher Zukunft. Zerstört durch Umweltkatastrophen und Kriege fristen die Menschen ein kärgliches Dasein in urbanen Ghettos. Im Zuge des „staatlichen Aufbaus“ ist alles reglementiert. Essrationen und Wohnunterkünfte werden zugeteilt, die Meinungsfreiheit gilt als abgeschafft. Frauen wird prophylaktisch ein Verhütungsapparat eingebaut, das Recht aufs Kinderkriegen per Lotterie ausgelost. Die Ich-Erzählerin, die im Roman nur als „Schwester“ auftritt, will sich damit nicht mehr abfinden. Ihre Ehe ist am Ende, ihre Geduld ebenso. Eines Nachts verlässt sie ihr Ghetto und flüchtet nach Carhullan. Diese abgelegene Farm im Lake District wird von ein paar Rebellinnen rund um die Anführerin Jackie Nixon geführt. Der Weg dorthin ist hart. Das Aufnahmeritual allerdings noch härter. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ewald Arenz: Der große Sommer

Schon von Ewald Arenz großartigem Roman „Alte Sorten“ aus dem vergangenen Jahr war ich restlos begeistert. Sein neues Buch, ein Coming-of-Age-Roman, steht diesem in nichts nach.

Er erzählt von einem hitzeflirrenden Sommer Anfang der 80er Jahre. Der 16-jährige Frieder kann nicht mit seiner Familie in den Sommerurlaub fahren, denn er hat im abgelaufenen Schuljahr die Dinge zu sehr schleifen lassen und muss daher jetzt für Nachprüfungen büffeln. Er zieht für diese Wochen zu seinen Großeltern, Nana, der geliebten und verehrten Großmutter und ihrem Mann, seinem Stief-Großvater, der mit ihm lernen soll.

Frieder hat eine eher zwiespältige Beziehung zu diesem Großvater, den er bis vor kurzem noch mit Sie anreden musste. Er empfindet ihn als streng, humorlos und steif. Demzufolge blickt er seinen Sommerferien wenig begeistert entgegen. Das ändert sich schlagartig, als er im Schwimmbad dem Mädchen mit dem flaschengrünen Badeanzug begegnet und sich ohne Vorwarnung unmittelbar in sie verliebt.

Zum Glück versteht sich Beate, seine Angebetete, auch sehr schnell mit seiner Schwester Alma und seinem Freund Johann. Im Laufe der Ferien vertiefen sich nicht nur seine Gefühle für Beate, die von ihr erwidert werden. Er lernt auch seinen Großvater von ganz anderen Seiten kennen und schätzen. Und er lernt nicht nur Vokabeln und Integrale, sondern auch viel über Freundschaft und Zusammenhalt, über Verantwortung, Achtung und über die Liebe. Heimlich liest er im Tagebuch seiner Großmutter und erfährt von ihrer Liebesgeschichte. Und er begegnet dem Tod. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Jiří Hájíček: Vignetten mit Segelschiff

Der Anfang des Buches gibt ein paar Rätsel auf. Marie, Dozentin für Literatur an der Prager Universität, sitzt im Oktober reichlich angeschlagen in der (sonst unbewohnten) Wohnung ihrer Schwester in Krumlov, als die Polizei anruft. Ihr Wagen steht mitten auf einem Feld in ihrem Heimatort, nicht weit entfernt. Außerdem liegt dort auch die Meldung einer schweren Körperverletzung vor. Maries Schwager behauptet, dass er das Auto – einen SUV – einfach mal im Gelände ausprobieren wollte und steckengeblieben ist. Von einer Körperverletzung will er nichts wissen. Keiner glaubt ihm – weder die Polizei noch Marie.  Marie hat sowieso andere Sorgen. Anfang des Jahres hat sich ihr Mann Luboš von ihr scheiden lassen. Seine neue Lebensgefährtin ist nur wenig älter als die gemeinsame Tochter Lenka, die derzeit in Wien studiert und ihren Vater seither meidet. Marie ist verwirrt und einsam.

Und das sind noch nicht alle „Baustellen“, mit denen Marie zu tun hat. Nach und nach rollt der Autor Jiří Hájíček auf, wie sich die Sache so zugespitzt hat – angefangen im Januar. Jedem Monat des Jahres 2018 – in dem Marie eine emotionale Berg- und Talfahrt erlebt – widmet er ein Kapitel. Es geht um die Freundschaft zu ihrem verheirateten Kollegen Milan Koutský, der sich mehr erwartet, als Marie zu geben bereit ist, um ihre Eltern, die alt und krank sind und um ihre Schwester Veronika, die ein Vorwurf auf zwei Beinen ist – schließlich sitzt ihre überhebliche Schwester in Prag und nur sie – Veronika – kümmert sich um die bedürftigen Eltern.    Die Wohnung, die Luboš Marie überlassen hat, kommt ihr fremd vor. Immer öfter flieht sie in ein Café in der Stadt. Als es den Eltern immer schlechter geht, beschließt Marie, Veronika zu unterstützen und zieht über den Sommer in die alte Heimat. Sie sucht Orientierung, aber auch Freiheit und testet diese aus, als der junge Buchhändler Filip versucht, ihr näher zu kommen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Kuwana Haulsey: Der Engel von Harlem: Die Lebensgeschichte der ersten farbigen Ärztin in New York

Dr. May Chinn lebte von 1896 bis 1980 in New York und wurde der Engel von Harlem genannt. Für die Tochter eines ehemaligen Sklaven und einer Halbindianerin gab es nur wenige Optionen: ein früher Tod durch Gewalt oder Krankheit, viel zu jung und ohne Bildung Kinder zu bekommen sowie Armut, weil Farbige aus Prinzip für ihre Arbeit extrem schlecht bezahlt wurden. May hatte das große Glück, dass ihre Mutter Lulu für sie da war. Schon sehr früh fiel ihr Mays Intelligenz auf. Sie erkannte bei ihrer Arbeit in den Haushalten reicher Weißer, wie wichtig Bildung und Förderung bei Kindern ist. Also versteckte sie jede Münze vor Mays trinkfreudigem Vater und sorgte für die häufigen Umzüge aus der Gefahrenzone sozialer Brennpunkte.

Kuwana Haulseys wunderbarer Roman ist ein Hohelied auf die Stärke der Frauen. Nach ihrem preisgekrönten Debütroman „The Red Moon“ gelang der Autorin das Kunststück, für ihren zweiten Roman gleich mehrere Preise zu erhalten. Dies liegt auch an ihrem sprachlichen Talent, mit dem sie ein aktuelles Thema mit geschichtlichen Fakten unterfüttert. Mays berührende Geschichte wurde von Dieter Fuchs übersetzt.

Anschaulich beschreibt die Autorin, wie die Hauttöne von schwarz, braun und creme sogar unter Farbigen eine zentrale Rolle spielen, als sei allein die Annäherung zur Hellhäutigkeit ein Aufstieg in der gesellschaftlichen Hierarchie. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Marie Aubert: Erwachsene Menschen

Die Norwegerin Marie Aubert (Jahrgang 1979) legt mit „Erwachsene Menschen“ ihren ersten Roman vor. Das Buch ist am 21. April 2021 im Rowohlt Verlag erschienen. Ursel Allenstein übersetzte den Roman aus dem Norwegischen.

Darin erzählt Marie Aubert die Geschichte der vierzigjährigen Ida, die sich mit ihrer Familie in einem Ferienhaus an der Küste Norwegens trifft. Ida ist Architektin und möchte ihre Eizellen in einer Klinik in Schweden einfrieren lassen, damit sie, wenn sie den richtigen Partner gefunden hat, Kinder mit ihm bekommen kann. Marthe, ihre jüngere Schwester, ist mit Kristoffer verheiratet, der eine sechsjährige Tochter namens Olea hat. Sie wollen den fünfundsechzigsten Geburtstag der Mutter feiern. Diese reist mit ihrem Lebensgefährten Stein an. Idas und Marthes Vater hatte sich vor Jahrzehnten von der Familie getrennt und ist inzwischen verstorben. Bevor Ida von ihren Kinderwunsch-Plänen erzählen kann, erklärt Marthe ihr, dass sie schwanger ist. Und Ida erfährt, dass sich eine Eizellenentnahme bei ihr nicht mehr lohnt. Ida lässt ihre Enttäuschung an Marthe aus, flirtet mit Kristoffer und bricht nach einem Streit zu einer Bootstour mit der kleinen Olea auf. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Sophie Hardcastle: Unter Deck

Die junge Protagonistin Olivia hat während ihres Studiums bei ihrem Großvater in Sydney gewohnt. Ihre Eltern leben woanders, zudem ist das Verhältnis zu ihnen nie sehr eng gewesen und seitens des Vaters mit ständigen Erwartungshaltungen verknüpft. Wegen ihm hat sie, anstatt ihrem Wunsch ein Kunststudium aufzunehmen, nun ihren Master in Wirtschaftswissenschaften absolviert.

Die Beerdigungsfeier für den Großvater ist für Olivias Eltern eher eine Pflichtveranstaltung, bei der das Tragen korrekter Kleidung wichtiger scheint als überhaupt zu trauern. Dennoch bricht die Mutter dann doch noch in Tränen aus: Die Farbe ihres Geheuls ist ein unbehagliches Orangerot wie nasses Herbstlaub, matschig und halb verrottet (E-Book S. 56) – In diesem Satz wird wie im gesamten Romanverlauf immer wieder verdeutlicht, wie mit Olivias Leben – vornehmlich mit ihren Gefühlen – Farben verwoben sind.

Der Dominanz ihres langjährigen Freundes Adam ist Olivia ebenso ausgeliefert wie zuvor dem Vater. Als sie eines Tages völlig verkatert auf einem Segelboot unter Deck zu sich kommt, ändert sich ihr Leben durch den Bootsführer Mac und dessen Partnerin Maggie. Die beiden, die eigentlich ihre Eltern sein könnten,  werden zu engen Vertrauenspersonen für Olivia. Vor allem in Maggie findet sie eine Seelenverwandte. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Claudia Durastanti: Die Fremde

Was für ein Buch. Ich tauche ein in den Wechsel der Ereignisse, versinke im Strudel von Verlieren und Wiederfinden, stehe staunend vor Gedankengebäuden und Sprachkunstwerken. Hin und wieder blitzt etwas Vertrautes auf, ich fühle mich erkannt. Oft genug fühle ich mich fremd.

„Die Fremde“ von Claudia Durastanti ist ein erstaunliches Buch. Jetzt, am Ende des letzten Kapitels, frage ich mich: Was habe ich gelesen, was war der Plan und wo das Ziel?

Zuerst und vor allem: Es handelt sich um eine wahre Geschichte. Die Ich-Erzählerin entrollt vor den Augen des Lesers die Welt ihrer Familie, ein Puzzle aus Orten und Ereignissen. „Die Geschichte einer Familie ähnelt eher einer topographischen Karte als einem Roman“, lese ich und sehe Schicht um Schicht ein kraftvolles und facettenreiches Bild vor mir entstehen, Banales, Schönes, Abgründiges; Wut, Glück, Alltag. Woher kommen wir, was macht uns aus, welche Verletzungen tragen wir mit uns herum? Was macht uns stark?

Claudia Durastanti erzählt uns die Geschichte ihrer Familie: Italienische Vorfahren, in den 60er Jahren ausgewandert und in Bensonhurst/Brooklyn neu begonnen. Sie verwebt Beziehungsfäden zu einem dichten Geflecht aus Banalem und Besonderem, aus Liebe und Wut und Alltag; ein Muster aus eigenen Erinnerungen und Berichten. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Kerstin Campbell: Ruthchen schläft

Ein Buch genau nach meinem Geschmack. Denn es sind vor allem die charaktergetriebenen Geschichten, die ich mag. Die Geschichten, in denen die Figuren, möglichst sonderliche Sonderlinge, die Handlung vorantreiben. Dabei sind es dann gerade die Schrullen, die Macken und Ticks, die diese Protagonisten so liebenswert machen.

Ein solcher liebenswerter Charakter ist Georg. Seine langjährige Freundin Linda hat ihn verlassen, eineinhalb Jahre ist das jetzt her und noch immer wartet er auf ihre Rückkehr. All ihre Sachen befinden sich unverändert in seiner Wohnung. Georg lebt in seinem eigenen, vom Großvater ererbten Mietshaus. Seine Mieterin Frau Lemke ist für ihn gleichzeitig die wichtigste Bezugsperson, seit seiner mehr als problematischen Kindheit.

Frau Lemke nun soll auf Wunsch ihres Sohnes Wolfgang zu diesem nach New York umziehen. Sie möchte das zwar nicht, wagt aber gleichzeitig nicht, sich diesem Wunsch zu widersetzen. So lautet die Vereinbarung: solange ihre Katze Ruthchen noch lebt, wird sie in Berlin in ihrer Wohnung bleiben. Nur dann segnet Ruthchen das Zeitliche und sowohl Frau Lemke wie auch Georg suchen verzweifelt nach einer Lösung. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Julie Estève: Ich, Antoine

Die Französin Julie Estève lebt und arbeitet in Paris, wo sie 1979 auch geboren wurde. Ihr erster Roman „Lola“ erschien 2017 auf Deutsch. Nun hat sie bei dtv ihren zweiten Roman mit dem Titel „Ich, Antoine“ in einer Übersetzung von Christian Kolb veröffentlicht.

„Ich, Antoine“ lebt in den 1980er Jahren auf der Mittelmeerinsel Korsika und ist der Dorftrottel, der „Scheißspasti“. Antoine Orsini saß im Gefängnis. Man hatte ihn für schuldig am Tod der 16jährigen Florence Biancarelli befunden. Nun ist er zurück, spricht mit einem kaputten Plastikstuhl und erzählt ihm seine Geschichte. Antoines Mutter stirbt bei seiner Geburt. Er wächst bei seinem Vater gemeinsam mit seinem Bruder Pierre und seiner Schwester Tomasine auf. Antoines „bester Freund“ ist ein Diktiergerät, das er Magic nennt. Nur die Lehrerin Madame Madeleine kümmert sich um ihn und fördert ihn. Als sie stirbt und Tomasine nach Paris geht, bleibt Antoine traurig und verlassen zurück. Im Dorf wird er von den anderen Bewohnern gemobbt. Er wird zum Außenseiter, der lieber in der Macchia, in den Bergen und Wäldern herumstreift. Antoine terrorisiert Pariser, er klaut ihnen Benzin aus den Tanks ihrer Autos, er belästigt sie mit Anrufen aus der einzigen Telefonzelle des Dorfes. Er schließt einen Deal mit Yvan Castelli, dem Außerirdischen, der heimlich in Florence verliebt ist. Antoine soll Florence im Auge behalten. Antoine fährt sie mit seinem Mofa heimlich in die Disco und erfährt so manches Geheimnis. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Rainer Moritz: Als wär das Leben so

Eine ungewöhnliche Frau ist die Protagonistin dieses Romans. Lisa weiß schon als Kind, wie sie sich ihre Freiräume verschafft. Sie hat ihren eigenen Kopf und geht ihre eigenen Wege, schwimmt gegen den Strom und lässt sich nicht beirren. Wenn sie unschlüssig ist, hält sie inne, probiert Dinge aus und ändert ihre Richtung, ohne über verpasste Chancen oder vertane Zeit zu klagen.

Der Autor erzählt uns die Geschichte dieser Frau in Rückblenden. In der aktuellen Zeitebene sitzt sie am Tisch auf ihrem Balkon und versucht, einen Brief zu schreiben, an ihre Eltern. Doch immer wieder bricht sie ab, beginnt neu.

Dabei ist der Stil, in welchem wir von Lisas Leben erfahren, von ihren Erfolgen und ihren Irrtümern, von ihren glücklichen Momenten und den Zeiten, in denen sie unglücklich war, sehr eigentümlich. Rainer Moritz greift einzelne Szenen auf, schildert sie detailliert, überspringt andere Lebensphasen Lisas mit großen Sprüngen. Der Kunstgriff, den er verwendet, liegt in der immer wiederkehrenden Bezugnahme auf Lisas Alter: „Als Fünfjährige, als Achtjährige, als Zwölfjährige, als Fünfzehnjährige.“ (S. 17). So geht es durch das Buch, durch ihr Leben. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: