Mary MacLane: Meine Freundin Annabel Lee (1903)

Irgendwann zu Beginn des 20.Jahrhunderts beginnt in Boston eine ungewöhnliche Freundschaft.

„Annabel Lee gleicht niemandem, den ihr je gekannt habt. Sie ist so ziemlich niemandem ähnlich. Manchmal kann ich eine feine, bewusste Liebe, die von ihren Fingerspitzen auf meine Stirn übergeht, fast spüren. Und dann bin ich, mit meinen einundzwanzig Jahren, einfach nur hin und weg.“

Das Buch „Meine Freundin Annabel Lee“ erschien 1903, da war die Autorin tatsächlich gerade 21 Jahre alt und schon kein unbeschriebenes Blatt mehr. Ihren ersten Roman – „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ schrieb sie mit 19 Jahren und wurde mit einem Schlag berühmt. Der in Tagebuchform verfasste Versuch, in narzisstischer Selbstüberhöhung und provokanter Gesellschaftskritik aus der Enge der Kleinstadt Butte/Montana auszubrechen, war ein voller Erfolg. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Bücher ermöglichten der jungen Autorin, der Provinz den Rücken zuzukehren. Weiterlesen

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Zoe Brisby: Reise mit zwei Unbekannten

Ein Hauch von „Harold and Maud“ weht durch diesen Roman, in dem eine abenteuerlustige Alte und ein depressiver junger Mann sich auf die Reise nach Brüssel machen.  Sie büxt aus einem Altersheim aus und er versucht, eine unglückliche Liebe zu vergessen. Über eine Mitfahrzentrale kommen die beiden zusammen und begeben sich auf die unterhaltsame und spannende Fahrt.

Maxine ist über 90 und glaubt, sie leide unter Alzheimer. Sie möchte den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen, solange sie dies noch kann und will aus diesem Grund nach Brüssel. Alex, der wegen Depressionen in Behandlung ist und sich selbst für einen überängstlichen Versager hält, leidet sehr unter seiner platonischen Liebe zu einer für ihn unerreichbaren Schönheit. Nach anfänglichen Unstimmigkeiten zwischen den beiden sich unbekannten Reisenden fassen sie schnell Vertrauen zueinander. So erzählt Maxine ihm von ihrem verstorbenen Ehemann und von ihrer zur Adoption freigegebenen Tochter, während Alex ihr von seiner hoffnungslosen Liebe und von dem angespannten Verhältnis zu seinen Eltern berichtet.

Aufgrund von Missverständnissen werden die Beiden schließlich polizeilich gesucht, man hält Alex für Maxines Entführer. Auf der nun zu einer Flucht werdenden Reise widerfahren den Beiden die absurdesten Erlebnisse, wie die Verwicklung in einen Tankstellenraub, der Besuch bei einer Wahrsagerin und einiges mehr. Weiterlesen

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Michael Crichton: Andromeda

Den Autor Michael Crichton muss man sicherlich niemandem vorstellen. Viele seiner Romane waren auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten zu finden und wurden auch als Verfilmung erfolgreich. Beste Beispiele sind ‚Timeline‘ oder ‚Jurassic Park‘.

Im Heyne-Verlag ist nun mit ‚Andromeda‘ die Neuauflage des frühesten Werks von Crichton erschienen. Hintergrund für diese Neuauflage dürfte sein, dass zeitgleich mit ‚Andromeda – Die Evolution‘ (Autor: Daniel H. Wilson) eine Fortsetzung erschienen ist, die die ursprünglichen Ereignisse aufgreift und in einer neuen Geschichte weiterführt. Da ist es sinnvoll, vor der Lektüre des neuen Romans, die ursprüngliche Geschichte (noch einmal) zu lesen.

Andromeda befasst sich mit einem leider durchaus aktuellen Thema: die Welt wird von einem tödlichen Virus bedroht. Bei ‚Andromeda‘ kommt diese Bedrohung aus dem All und wird von einer Raumsonde auf die Erde gebracht. Diese stürzt nahe der amerikanischen Kleinstadt Piedmont ab. Die Soldaten, die die Sonde bergen sollen, finden sich plötzlich in einem Ort wieder, dessen Straßen von Leichen gepflastert sind. Auch die beiden Männer der Bergungseinheit werden schnell Opfer des Virus. Nun wird von der Regierung das Projekt ‚Wildfire‘ aktiviert, das zur Abwehr eines aus dem All stammenden Virus ins Leben gerufen wurde. Die vier besten Biophysiker des Landes machen sich an die Arbeit und nehmen den Kampf gegen das Virus auf. Weiterlesen

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Juli Zeh: Über Menschen

April 2020. Dora steht mit einem rostigen Spaten auf dem Flurstück, welches zu dem alten Gutsverwalterhaus gehört, und gräbt um. Irgendwann soll aus der von Brombeeren und Ahornschösslingen überwucherten Fläche ein Garten werden.

Sie ist aufs Land geflohen, nachdem ihr in Berlin alles über den Kopf gewachsen war. Vor allem das Zusammenleben mit Robert war unerträglich geworden. Sie mochte sich nicht länger seinem übereifrigen Reglementierungszwang unterwerfen. Robert, der zum Klimaschützer-Guru avanciert ist, der enthusiastisch seinen Lebensstil ändert, immer bestrebt, nicht nur den eigenen, sondern auch den ´CO2-Fußabdruck seiner Mitmenschen zu reduzieren, aber zu einer Demo mit Greta Thunberg auch mal fliegt. Robert, der sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt und Zweifel nicht duldet. Der schon ein „Aber“ als Rebellion gegen die Vernunft wertet.

Dora sind absolute Wahrheiten suspekt. Sie beharrt auf ihrem Recht, zu zweifeln und nachzufragen. „Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Meinungsmannschaft sein.“ (Seite 21) Es wird immer schwieriger, mit Robert ein normales Gespräch zu führen. Dora empfindet das Zusammenleben mit ihm als anstrengend. Sie lachen kaum noch miteinander.

„Dann kam Corona, und Robert entdeckte seine wahre Berufung.“ (Seite 23) Als er versucht, Dora die Spaziergänge mit ihrer Hündin zu verbieten, ist für sie die Grenze erreicht. Sie packt ihre Sachen. Weiterlesen

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Brigid Kemmerer: Ein Fluch so ewig und kalt, gelesen von Funda Vanroy

Mit diesem Hörbuch ist mir etwas passiert, was mir schon sehr lange nicht mehr passiert ist: Erst hatte ich schlaflose Nächte, weil ich nicht aufhören konnte zuzuhören. Dann habe ich mir die Folgebände als englisches E-Book geholt. Dann habe ich sie tatsächlich gelesen, beide. Dann habe ich mit dem E-Book des ersten Teils weitergemacht. Und jetzt kann ich es kaum erwarten, dass die deutschen Hörbücher von Teil 2 und 3 endlich rauskommen. Kürzer gesagt: ich bin völlig fasziniert von dieser Story um die (nicht sooo) Schöne und das (wirklich schreckliche) Biest.

Worum geht es? Prinz Rhen durchläuft mit seinem Wachkommandanten Grey zum inzwischen 328. Mal die exakt gleiche Szenerie: Grey besorgt ein Mädchen aus einer Parallelwelt (unserer), nach 3 Monaten verwandelt sich Rhen in ein Monster und tötet was ihm unter die Pfoten kommt. Alle Protagonisten und der Leser erwarten, dass die Liebe des Mädchens zu Rhen den Fluch brechen muss und dass das halt noch nicht passiert ist. Beim 328. Mal läuft von Anfang an alles schief. Statt des Nutte, die er eigentlich im Auge hatte kehrt Grey mit Harper zurück, weil diese ihn während der Entführung angegriffen hat, um dem Mädchen zu helfen. Und Harper verhält sich so gar nicht wie die 327 anderen Mädchen vorher. Sie ist nicht interessiert an den schönen Kleidern, dem Schloß oder daran, Prinzessin zu sein. Sie setzt sich zur Wehr und zwingt Rhen dazu, sich endlich mal nicht mit sich selbst, sondern mit seinem Königreich auseinanderzusetzen. Soweit so wenig neu, es gibt einige neue Aspekte der Geschichte, wie den Schwertkämpfer Grey oder die Tatsache, dass Rhen nicht von Anfang des Zyklus an ein Monster ist, aber die Story an sich ist bekannt. Weiterlesen

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Sarah Hall: Die Töchter des Nordens

Erschreckend, schonungslos, mitreißend: Halls Prosa erinnert ein wenig an Margaret Atwoods Roman „The Handmaid‘s Tale“. Auch hier werden in naher Zukunft Menschen, insbesondere Frauen, durch ein totalitäres Regime unterdrückt und planen den Aufstand. Allerdings haben die Frauen in Halls Roman wesentlich mehr Handlungsspielraum, Testosteron und Power! Die Times bezeichnete den erstmals 2007 erschienen Roman als „eines der besten Bücher des Jahrzehnts.“ Dass er 14 Jahre später aktueller denn je ist, sorgt umso mehr für Unbehagen. Ein Must-Read der Extraklasse.

England in naher Zukunft. Zerstört durch Umweltkatastrophen und Kriege fristen die Menschen ein kärgliches Dasein in urbanen Ghettos. Im Zuge des „staatlichen Aufbaus“ ist alles reglementiert. Essrationen und Wohnunterkünfte werden zugeteilt, die Meinungsfreiheit gilt als abgeschafft. Frauen wird prophylaktisch ein Verhütungsapparat eingebaut, das Recht aufs Kinderkriegen per Lotterie ausgelost. Die Ich-Erzählerin, die im Roman nur als „Schwester“ auftritt, will sich damit nicht mehr abfinden. Ihre Ehe ist am Ende, ihre Geduld ebenso. Eines Nachts verlässt sie ihr Ghetto und flüchtet nach Carhullan. Diese abgelegene Farm im Lake District wird von ein paar Rebellinnen rund um die Anführerin Jackie Nixon geführt. Der Weg dorthin ist hart. Das Aufnahmeritual allerdings noch härter. Weiterlesen

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Tania Goryushina & Andrej Kurkow: Warum keiner den Igel streichelt

Der kleine Igel macht einen gemütlichen Spaziergang die Dorfstraße entlang. Die Sonne scheint, überall blühen Blumen und in den Gärten kann er die Menschen und Tiere sehen. Auf einmal fällt ihm etwas auf: Egal ob Hund, Katze oder Pferd, sie alle werden von den Menschen gestreichelt und sehen dabei glücklich und zufrieden aus.

Der kleine Igel ist eifersüchtig. Er wird nie von irgendjemandem gestreichelt! Zunächst beneidet er die anderen Tiere nur, doch schließlich wird er richtig traurig. Bedeutet, dass niemand ihn streichelt vielleicht, dass niemand ihn liebhat? Zum Glück weiß die kleine Maus Bescheid und kann dem Igel erklären, was es mit dem Streicheln auf sich hat. Der Igel und die Maus werden Freunde und auch, wenn keiner von beiden gestreichelt wird, sind sie nun nicht mehr einsam. Und der kleine Igel ist auch nicht mehr traurig, denn er weiß nun, dass seine Sorgen und seine Traurigkeit gar nicht nötig waren. Weiterlesen

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Ewald Arenz: Der große Sommer

Schon von Ewald Arenz großartigem Roman „Alte Sorten“ aus dem vergangenen Jahr war ich restlos begeistert. Sein neues Buch, ein Coming-of-Age-Roman, steht diesem in nichts nach.

Er erzählt von einem hitzeflirrenden Sommer Anfang der 80er Jahre. Der 16-jährige Frieder kann nicht mit seiner Familie in den Sommerurlaub fahren, denn er hat im abgelaufenen Schuljahr die Dinge zu sehr schleifen lassen und muss daher jetzt für Nachprüfungen büffeln. Er zieht für diese Wochen zu seinen Großeltern, Nana, der geliebten und verehrten Großmutter und ihrem Mann, seinem Stief-Großvater, der mit ihm lernen soll.

Frieder hat eine eher zwiespältige Beziehung zu diesem Großvater, den er bis vor kurzem noch mit Sie anreden musste. Er empfindet ihn als streng, humorlos und steif. Demzufolge blickt er seinen Sommerferien wenig begeistert entgegen. Das ändert sich schlagartig, als er im Schwimmbad dem Mädchen mit dem flaschengrünen Badeanzug begegnet und sich ohne Vorwarnung unmittelbar in sie verliebt.

Zum Glück versteht sich Beate, seine Angebetete, auch sehr schnell mit seiner Schwester Alma und seinem Freund Johann. Im Laufe der Ferien vertiefen sich nicht nur seine Gefühle für Beate, die von ihr erwidert werden. Er lernt auch seinen Großvater von ganz anderen Seiten kennen und schätzen. Und er lernt nicht nur Vokabeln und Integrale, sondern auch viel über Freundschaft und Zusammenhalt, über Verantwortung, Achtung und über die Liebe. Heimlich liest er im Tagebuch seiner Großmutter und erfährt von ihrer Liebesgeschichte. Und er begegnet dem Tod. Weiterlesen

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Jiří Hájíček: Vignetten mit Segelschiff

Der Anfang des Buches gibt ein paar Rätsel auf. Marie, Dozentin für Literatur an der Prager Universität, sitzt im Oktober reichlich angeschlagen in der (sonst unbewohnten) Wohnung ihrer Schwester in Krumlov, als die Polizei anruft. Ihr Wagen steht mitten auf einem Feld in ihrem Heimatort, nicht weit entfernt. Außerdem liegt dort auch die Meldung einer schweren Körperverletzung vor. Maries Schwager behauptet, dass er das Auto – einen SUV – einfach mal im Gelände ausprobieren wollte und steckengeblieben ist. Von einer Körperverletzung will er nichts wissen. Keiner glaubt ihm – weder die Polizei noch Marie.  Marie hat sowieso andere Sorgen. Anfang des Jahres hat sich ihr Mann Luboš von ihr scheiden lassen. Seine neue Lebensgefährtin ist nur wenig älter als die gemeinsame Tochter Lenka, die derzeit in Wien studiert und ihren Vater seither meidet. Marie ist verwirrt und einsam.

Und das sind noch nicht alle „Baustellen“, mit denen Marie zu tun hat. Nach und nach rollt der Autor Jiří Hájíček auf, wie sich die Sache so zugespitzt hat – angefangen im Januar. Jedem Monat des Jahres 2018 – in dem Marie eine emotionale Berg- und Talfahrt erlebt – widmet er ein Kapitel. Es geht um die Freundschaft zu ihrem verheirateten Kollegen Milan Koutský, der sich mehr erwartet, als Marie zu geben bereit ist, um ihre Eltern, die alt und krank sind und um ihre Schwester Veronika, die ein Vorwurf auf zwei Beinen ist – schließlich sitzt ihre überhebliche Schwester in Prag und nur sie – Veronika – kümmert sich um die bedürftigen Eltern.    Die Wohnung, die Luboš Marie überlassen hat, kommt ihr fremd vor. Immer öfter flieht sie in ein Café in der Stadt. Als es den Eltern immer schlechter geht, beschließt Marie, Veronika zu unterstützen und zieht über den Sommer in die alte Heimat. Sie sucht Orientierung, aber auch Freiheit und testet diese aus, als der junge Buchhändler Filip versucht, ihr näher zu kommen. Weiterlesen

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Kuwana Haulsey: Der Engel von Harlem: Die Lebensgeschichte der ersten farbigen Ärztin in New York

Dr. May Chinn lebte von 1896 bis 1980 in New York und wurde der Engel von Harlem genannt. Für die Tochter eines ehemaligen Sklaven und einer Halbindianerin gab es nur wenige Optionen: ein früher Tod durch Gewalt oder Krankheit, viel zu jung und ohne Bildung Kinder zu bekommen sowie Armut, weil Farbige aus Prinzip für ihre Arbeit extrem schlecht bezahlt wurden. May hatte das große Glück, dass ihre Mutter Lulu für sie da war. Schon sehr früh fiel ihr Mays Intelligenz auf. Sie erkannte bei ihrer Arbeit in den Haushalten reicher Weißer, wie wichtig Bildung und Förderung bei Kindern ist. Also versteckte sie jede Münze vor Mays trinkfreudigem Vater und sorgte für die häufigen Umzüge aus der Gefahrenzone sozialer Brennpunkte.

Kuwana Haulseys wunderbarer Roman ist ein Hohelied auf die Stärke der Frauen. Nach ihrem preisgekrönten Debütroman „The Red Moon“ gelang der Autorin das Kunststück, für ihren zweiten Roman gleich mehrere Preise zu erhalten. Dies liegt auch an ihrem sprachlichen Talent, mit dem sie ein aktuelles Thema mit geschichtlichen Fakten unterfüttert. Mays berührende Geschichte wurde von Dieter Fuchs übersetzt.

Anschaulich beschreibt die Autorin, wie die Hauttöne von schwarz, braun und creme sogar unter Farbigen eine zentrale Rolle spielen, als sei allein die Annäherung zur Hellhäutigkeit ein Aufstieg in der gesellschaftlichen Hierarchie. Weiterlesen

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