Herman van Veen: Es regnet im Radio

Ein Leben in Liedern. Für den niederländischen Liedermacher und Autor Herman van Veen sind Musik und Verse ein Wegweiser und Gerüst für Erinnerungen. Nat King Cole lässt Bilder aus Kindertagen, von Mutter und Vater, entstehen. Der Rap am Geburtstag des 19-jährigen Enkels lässt Wehmut aufkommen „If I had a hammer“ mit Trini Lopez bringt viele Jahre vorher Schwung ins Jugendleben. Und was hat eigentlich Rotkäppchen mit Michael Jacksons „Thriller“ zu tun?

„Es regnet im Radio – Von Liedern und Erinnerungen“ heißt das Buch, mit dem ich Herman van Veen neu entdecke. Bisher kannte ich den Musiker und Kinderbuchautoren. Nun erlebe ich einen humorvollen Erzähler, einen Menschen, der das Staunen nie verlernt hat und der mit offenen Augen und voller Neugier seine Umgebung betrachtet.

Der Autor erzählt im Plauderton aus seinem Leben, knüpft Assoziationsketten und verbindet Vergangenes und Gegenwärtiges, von der Kindheit in den Nachkriegsjahren bis zur aktuellen Corona-Krise. Er schreibt von Menschen und Ereignissen, persönliche Erlebnisse spiegeln sich in historischem oder aktuellem Geschehen.   Weiterlesen

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Francis Nenik: E. oder Die Insel

Ein namenloser Mann hängt auf einer kleinen Insel unweit des Flussufers fest. Von dort kann er heimlich das Pfarrhaus beobachten, in dem seine Frau und drei Kinder auf ihn warten müssten. Aber sie warten nicht auf ihn. Etwas Unerwartetes ist geschehen. Denn sie sind abends vom Esstisch aufgestanden und haben abrupt das Haus verlassen.

Er beschließt, auf der Insel zu warten, während der Zweite Weltkrieg in die heiße Endphase geht. Von Westen rücken die Amerikaner an, von Osten die Russen. Der Erzähler glaubt, dass seine Familie wegen ihm Repressalien erleiden könnte. Fragen und Vorsicht verbieten ihm, im Pfarrhaus auf seine Familie zu warten. Und während er das Kommen und Gehen im Dorf durch ein Opernglas beobachtet, spekuliert er, was mit seinen Angehörigen passiert sein könnte und ob sie vielleicht wieder auftauchen. Nur eines weiß er mit Sicherheit: Das Ende des Krieges und der Feind werden bald da sein.

Francis Nenik gehört zu den vielseitigen Schriftstellern in Deutschland, die einen fundiert recherchierten Hintergrund in sprachlich ausgefeilten Texten verarbeiten. 2021 erhält er den Anna Seghers-Preis. In seinem aktuellen Roman E. oder die Insel geht es um die Abgründe der deutschen Gesellschaft, die unter der brutalen Herrschaft der Nationalsozialisten unzählige Opfer duldet. Weiterlesen

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Constantin Schreiber: Die Kandidatin

Bei diesem Buch ist es ratsam, Inhalt und Stil getrennt zu betrachten. Denn der Plot, die Handlung und die Hintergründe der Geschichte sind ungemein fesselnd, beängstigend realistisch und professionell geschildert. Der Schreibstil allerdings gemahnt eher an einen politischen Artikel in einem Wochenblatt à la Spiegel oder Zeit als an einen spannenden Roman oder gar Thriller.

Constantin Schreiber ist ein bekannter und renommierter Journalist und Buchautor und seit einigen Monaten außerdem Sprecher bei der ARD-Tagesschau. Darüber hinaus ist er Kenner der arabischen Welt, er ist der arabischen Sprache mächtig und hat einige Jahre in der Region gelebt. Er weiß also, besser als viele andere, worüber er schreibt.

Sein Roman, angesiedelt in Deutschland in etwa dreißig Jahren,  dreht sich um Sabah Hussein. Sie ist die „Kandidatin“. Sie ist Muslima, Feministin und kandidiert für das Amt der Bundeskanzlerin. Dass ihr dadurch noch mehr Hass und Feindschaft entgegenschlägt als sie es aufgrund ihrer Herkunft und Religion ohnehin schon (leider) gewohnt ist, verwundert nicht. Mit viel Sachkenntnis und viel Liebe für Details arbeitet Constantin Schreiber Herkunft, Hintergrund und Wurzeln all diesen Hasses aus, er beschreibt, wie die Menschen gestrickt sind, die so vehement, unter Einsatz von Gewalt und unter Akzeptanz jedweden Risikos gegen die Kandidatin und ihre Partei und vor allem ihre Prinzipien vorgehen. Weiterlesen

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Roxanne Bouchard: Der dunkle Sog des Meeres

Eine junge, an Depressionen leidende Frau reist in einen entlegenen kanadischen Küstenort. Dort will sie Frieden und ihre Mutter finden. Doch dann wird eine weibliche Leiche im Meer geborgen – eben ihre Mutter.

Ein älterer, Mid-life-Krisengeplagter Kommissar siedelt in diesen Küstenort um, wartet auf seine Frau, die später nachkommen will. Er wird, obwohl eigentlich im Urlaub, mit den Ermittlungen hinsichtlich der im Meer gefundenen Frauenleiche beauftragt.

Die im Dorf lebenden Menschen, wortkarge, wettergegerbte Fischer vor allem, sind dem Ermittler dabei keine Hilfe, verwirren ihn mit ihren spärlichen Informationen. Auch die junge Catherine, die Anschluss sucht und nicht wirklich findet, kommt den Einwohnern nicht recht nah. Dabei spielt im Grunde das Meer die Hauptrolle in diesem recht düsteren Roman.

So recht fand ich nicht den Zugang, weder zur Handlung noch zu den Handelnden. Der Kommissar Joaquín Morales, seinen mexikanischen Wurzeln zum Trotz auf die Frage nach seiner Herkunft stets Montreal nennend, ist sympathisch-verpeilt. Seine Sorgen um seine Ehe, seine altersbedingten Grübeleien kollidieren mit seiner Tätigkeit, lenken ihn ab von den Ermittlungen. Weiterlesen

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Melissa Harrison: Vom Ende eines Sommers

Ein Buch, das sich ins literarische Gedächtnis prägt: Vom Ende eines Sommers ist einerseits geschrieben wie ein wunderschöner Sommertagtraum, geht andererseits an Herz und Nieren. Dies liegt an der ungewöhnlichen Erzählperspektive. Wir Leser erleben die Handlung aus Sicht der 14-jährigen Edith June Mather, genannt Edie. Sie wächst auf einer Farm im ländlichen Suffolk auf. In jenem schwülen, schillernden Sommer 1934 erlebt sie gleich mehrere Wendepunkte. Sie wandelt sich vom Mädchen zur Frau, während der Fortschritt sowie erste faschistische Strömungen das Hinterland erreichen. Diese nahen nicht etwa in Uniformen, sondern in Form der charismatischen Journalistin Constanze FitzAllen aus London. Vieles davon erfahren wir beim Lesen zwischen den Zeilen, da der kindliche, fantasievolle Blick von Edie das Erlebte häufig nicht richtig einordnen kann. Es ist nicht nur das Ende eines Sommers. Es ist das Ende der Kindheit, der Unschuld.

In den 30er Jahren ist die bäuerliche Bevölkerung Englands noch immer von den großen Krisen gezeichnet. Es fehlen tatkräftige Männer, die im ersten Weltkrieg ums Leben kamen. Die Weltwirtschaft schwächelt, der Weizenpreis ist am Boden. Dennoch wächst Edie relativ behütet auf. Sie flüchtet sich in die Natur und in ihre Bücher. Mit 14 Jahren beendet sie die Schule, um künftig auf der Farm mitzuarbeiten, ebenso wie ihr drei Jahre älterer Bruder Frank. Ihre Schwester Mary ist bereits verheiratet, hat ein Baby bekommen und ist weggezogen. Sie wird von Edie schmerzlich vermisst. Weiterlesen

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Maarten ’T Hart: Der Nachtstimmer

Der niederländische Schriftsteller Maarten ’t Hart (Jahrgang 1944) hat einen neuen Roman geschrieben. Am 31. Mai 2021 erschien „Der Nachtstimmer“ in einer Übersetzung von Gregor Seferens im Piper Verlag.

Darin fährt der Orgelstimmer Gabriel Pottjewide in den 1980er Jahren in die südholländische Provinz, um in einer kleinen Hafenstadt die Orgel der Groote Kerk zu stimmen. Gabriel Pottjewide ist wohl der beste Orgelstimmer der Niederlande, sein Spezialgebiet sind Schnitger-Orgeln. Die Orgel in der Groote Kerk stammt von dem Schnitger-Schüler Rudolf Garrels. Die Stadt empfängt ihn mit üblem Geruch, unfreundlichen Menschen und einer sehr einfachen Unterkunft im Seemannsheim. Die Kellnerin Sjaan serviert ihm dort FGK (Fleisch, Gemüse, Kartoffeln). Außerdem tagt gerade eine Versammlung einer freikirchlichen Gemeinde, mit der Pottjewide in eine Diskussion über die Auslegung einer Bibelstelle gerät und einen zusätzlichen Auftrag zum Stimmen der Orgel in der Immanuëlkirche erhält. Zur Unterstützung beim Stimmen werden ihm Mutter und Tochter Edelenbos zur Seite gestellt. Gracinha Edelenbos ist Kapitänswitwe und einst aus Brasilien in die Niederlande gekommen. Ihre Tochter Lanna gilt als geistigbehindert, sie spricht nicht, ist aber eine geniale Orgelstimmer-Helferin. Wegen des Lärms der ortsansässigen Schiffswerft kann Gabriel Pottjewide nur in den Abend- und Nachtstunden stimmen. Zwischen den Dreien entwickelt sich langsam und zögerlich ein freundschaftliches Verhältnis. Das gefällt nicht allen in der kleinen Stadt. Die wunderschöne Gracinha wird von vielen begehrt. Pottjewide bekommt das zu spüren. Nur knapp entgeht er einem Anschlag auf sein Leben. Und er verliebt sich in Gracinha. Weiterlesen

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Rebecca Maria Salentin: Klub Drushba

Auf einem Schild las die Autorin Rebecca Maria Salentin, dass sie gerade auf dem EB, dem Fernwanderweg Eisenach – Budapest, stand. Die Wahlleipzigerin war sofort begeistert und beschloss ihren vierzigsten Geburtstag auf ihm zu erleben. Sie nennt diese Idee eine Wutzidee, ein Begriff für ein absurdes Vorhaben. Für ihre Freunde muss es so geklungen haben, denn sie kennen ihre Rebecca: unsportlich, ängstlich in Wäldern und bei Gewitter. Wandern mag sie nicht und bergauf schon einmal gar nicht.

Viele Berge liegen auf ihrem Weg, manche Strecken sind nur kletternd zu überwinden. Gewitter, Starkregen, Schnee, Hitze und Trockenheit sind zeitweise ihre Begleiter aber auch unberührte Natur und geschundene Füße. Freunde kommen und begleiten sie für ein paar Tage. Oft wandert sie alleine, reflektiert, was war gut, was weniger und die schwierigste Frage überhaupt, was soll aus ihrem Leben werden? Denn am Tag ihrer Abreise liegt ihre gesamte Existenz buchstäblich in Scherben. Alles, was sie besitzt, trägt sie im Rucksack. Für die nächsten Monate heißt die Devise, Flucht nach vorn, alles auf Anfang setzen.

„Ich wollte also mutterseelenallein unberührte Natur durchschreiten und dort zelten, wo Braunbären und Wolfsrudel leben.“ (S. 24) Weiterlesen

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Anna Benning: Vortex 03: Die Liebe, die den Anfang brachte

Elaine hat ihre Kräfte verloren. Sie kann nicht länger durch Zeit und Raum reisen und das fühlt sich wirklich nicht gut an. Gerade jetzt, wo ihr geliebter Bale sich wieder in der Hand von Hawthorne befindet, der nicht weniger will, als den Urvortex im Jahre 2020 mit Bales Hilfe zu erreichen und jegliche Vermengung rückgängig zu machen. Das wäre das Ende der Welt, wie Elaine sie kennt, das Ende vieler ihrer Freunde, die ohne den Urvortex niemals zu Vermengten geworden wären. Der rote Sturm, die Rebellentruppe der Vermengten, dringt mehr und mehr in die Metropolen vor, die ganze Situation spitzt sich zu und Elaine möchte Bale so gerne helfen. Aber hatte er recht, ist wirklich alles vorherbestimmt und sie kann am Lauf der Geschichte gar nichts ändern? Im Laufe des Buches scheint es mehr und mehr so zu sein, auch wenn Elaine an die Vorbestimmung einfach nicht glauben kann, nicht glauben will.

Im zweiten Band der Trilogie, kurz bevor er sich opferte, um sie zu retten, hatte Bale ihr gesagt, dass er sie hat sterben sehen. Dass Elaine zum Urvortex zurückgereist war sich von ihm zermalmen ließ, um den Vortex zu erhalten. Bale glaubte, dass sich an diesem Geschehen nichts mehr ändern lasse. Elaine ist da optimistischer, aber ihn kann sie nicht mehr fragen, denn er steht unter Drogen und kann sich nicht mal mehr an sie erinnern. Weiterlesen

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Meike Eggers: Cybionic: Der unabwendbare Anfang

Das Titelbild mit blauer Erde und Computer-Chip-Ästhetik, der Titel „Cybiotic“, der eine Mensch-Technik-Beziehung andeutet und der erste Satz des Klappentextes, „Wirklichkeit ist nur eine Möglichkeit“, hat mich dazu verführt, Meike Eggers Science Fiction – Thriller zu lesen.

Das Buch beginnt sehr bodenständig im heutigen Berlin mit den Geschwistern Sala und Ksen, deren Vater sie verlassen hat und deren Mutter Alkoholikerin ist. Die beiden studieren und sind auf sich selbst gestellt und entsprechend eng scheint ihr Verhältnis zueinander zu sein. Die Geschichte ihrer Flucht nach Deutschland wird kurz gestreift und es geht sofort los mit dem Verschwinden von Ksen, die Sala vielleicht doch nicht so gut kennt, wie er glaubt. Gemeinsam mit Antonia sucht Sala seine Schwester, sie folgen geheimnisvollen Botschaften und Spuren in Berlin und bald auch in den USA.

Bedeutsam ist der Hinweis auf eine Frau, die in den 30er Jahren aus genau dem Haus verschwunden ist, in dem Ksen seit kurzem wohnt – und das nicht zufällig. Offenbar ist sie in das Haus gezogen, um mehr über die damals verschwundene Ella herauszufinden. Sehr geheimnisvoll wird angedeutet, dass sich das Foto von Ella im Laufe der Zeit verändert, sie wirkt wie eine weitere reale Figur im Roman. Weiterlesen

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Rose Macaulay: Ein unerhörtes Alter (1921)

„Wenn man ihm glauben wollte, waren die Leute ständig damit beschäftigt, das Allerschlimmste entweder zu tun oder tun zu wollen oder zu wünschen und zu träumen, sie hätten es getan.“ (S. 247) Sigmund Freuds Lehren sind gerade in Mode, als die 63-jährige Mrs Hilary erstmals einen Psychiater aufsucht. Offiziell wegen Schlafstörungen, inoffiziell wegen Depressionen. Genauer: Weil sie mit ihrer Zeit nichts mehr anzufangen weiß, außer sie totzuschlagen. Von ihrem Therapeuten erfährt sie, dass ihre jüngste Tochter mit Affinität zu fragwürdigen Affären, nicht etwa in Sünde lebt, sondern „dem natürlichen Selbst gehorcht“.

Unfassbar amüsant, geistreich, sarkastisch: „Ein unerhörtes Alter“ ist ein Roman, der sich gleich auf mehreren Ebenen positiv hervorhebt. Sein großer Trumpf liegt in den Hauptdarstellerinnen. Selbst die Tratschmäuler, Aufbrausenden und Exzentrischen unter ihnen (also praktisch alle!) erobern sofort das Herz der hingerissenen Leserschaft. Das Erstaunlichste: Obwohl Macaulays Werk vor genau 100 Jahren publiziert wurde, ließe es sich problemlos in die Jetztzeit transferieren. Frauen stürzen in Midlife- und Selbstfindungskrisen, müssen sich zwischen verschiedenen Lebensmodellen entscheiden und äugen doch stets auf das der anderen. Dabei zeichnet die Autorin äußerst emanzipierte Charaktere. Während in anderen Romanen die Mehrheit der weiblichen Handlungsträger 1920 gerade erst das Korsett ablegt, schwimmen ihre Protagonistinnen durch Wellenbrecher, streben nach akademischen Titeln, verdienen ihr eigenes Geld, pflegen amouröse Bekanntschaften, tingeln durch Europa – und geben sich nicht mit dem zufrieden, was sie haben. Weiterlesen

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