Anne Stern: Fräulein Gold: Der Himmel über der Stadt

Hulda Gold hat mit Ende zwanzig ein Alter erreicht, in dem die meisten Frauen in einer Ehe mit Kindern angekommen sind. Im Juli 1924 genießt die Berlinerin nicht nur den Sommer. Endlich verfügt sie dank ihrer neuen Stelle über ein regelmäßiges Einkommen. Doch dieser monetäre Vorteil wiegt die Nachteile kaum auf. Abgesehen von dem höheren Arbeitspensum in der Frauenklinik darf die routinierte Hebamme nur zusehen, wie Ärzte und Praktikanten die Geburt begleiten. Auch wenn ihr die Entscheidungen der Oberärzte nicht immer gefallen, weil sie zu Lasten von Mutter und Kind gehen, muss sie ihre Weisungen akzeptieren.

Ihr niedriger Rang in der Krankenhaushierarchie passt so gar nicht zu Huldas eigenständigem Denken und Handeln. Viel zu schnell begreift sie, dass sie ihre Freiheiten als selbständige Hebamme für ein besseres Gehalt verkauft hat.

Anne Stern hat mit ihrem dritten Roman über Fräulein Gold wieder eine spannende und informative Unterhaltung gezaubert. Ihrem Thema Frauenrechte ist sie treu geblieben. An vielen Beispielen zeigt sie, wie verheiratete Frauen ihre Entscheidungsfreiheit abgegeben haben, während alleinstehende Frauen um gesellschaftliche Anerkennung kämpfen. Weiterlesen

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Harry Kämmerer: Oh, Mama! Tagebuch eines Nesthockers und seiner Mutter

Ein witziger, leider aber nicht neuer Plot um einen nicht erwachsen werden wollenden Sohn, der es sich unter den Fittichen der Mama bequem eingerichtet hat. Auch Romane in Tagebuchform gibt es immer mal wieder, wenn sie in früherer Zeit auch sicher häufiger vorkamen. Der Münchner Autor legt hier nun eine moderne Variante vor – ein Zweier-Tagebuch sozusagen, berichten doch abwechselnd Mutter und Sohn.

Daher ist dieser Roman von Ansatz her nicht uninspiriert, in der Umsetzung hingegen hat er mich leider nicht angesprochen. Der Humor ist fad, die Witze platt und abgedroschen, das Frauenbild fragwürdig und die Handlung schon viele Male zuvor weit besser umgesetzt.

Es geht um Tommy, der mit 40 Jahren noch zu Hause bei seiner Mutter lebt, die gerade in den Anfängen einer neuen Beziehung steckt. Natürlich kann der Sohn den Lover der Mutter nicht leiden und bedient sich lausbubenhafter Streiche, um diesen zu vergraulen. Mama und Tommy leben nicht nur zusammen, sondern arbeiten auch beide in der eigenen Firma. Hier ist Tommy damit beschäftigt, unter anderem Bauernkalender zu gestalten und zu drucken. Dafür wirbt er ein mit ihren Reizen nicht geizendes Model an, welches ihm gehörig den Kopf verdreht. Währenddessen wächst und gedeiht die Beziehung zwischen seiner Mutter Michaela und dem attraktiven Arzt York. Doch nicht nur der bedroht Tommys Seelenfrieden. Weiterlesen

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Dagmar Maria Toschka: Alte Anker rosten nicht

Es sollte eine romantische Flusskreuzfahrt auf dem Rhein werden, die Linda und ihr Mann Adi gebucht hatten. Was stattdessen daraus wurde, hätte sich Linda niemals träumen lassen.

Nachdem sie ihren Mann mit einer anderen erwischt hat, tritt Linda die Reise statt mit ihm  zusammen mit ihrer Cousine Maike an. Zu den beiden Frauen gesellt sich bereits am ersten Tag der Fahrt ihre Kabinennachbarin Enni. Alle drei und noch weitere weibliche Passagiere werden von dem alternden Gigolo Gunnar Behorn zu einem klandestinen Stelldichein geladen.

Am nächsten Morgen findet sich Linda nackt in seinem Bett wieder, geweckt von der Polizei, die den Tod von Behorn untersucht. Dieser ging in der Nacht über Bord und verstarb kurz nach seiner Rettung. Nicht nur Linda, sondern auch die anderen Frauen sind des Mordes verdächtig, ebenso wie einzelne Crewmitglieder oder sogar Lindas Ehemann Adi.

Während Linda – die gerade ihren letzten Geburtstag mit einer Vier vorne feierte – diversen Männern auf dem Schiff, darunter der Kapitän und der ermittelnde Kommissar, den Kopf verdreht und ihr Mann alles daran setzt, sie zurückzugewinnen, versucht sie gleichzeitig, selbst den Täter zu finden. Denn bevor der Fall nicht geklärt ist, dürfen sie und die anderen Verdächtigen das Schiff nicht verlassen. Weiterlesen

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Pride-Special

Sprache ist vielfältig und damit auch die Bücher, die wir lesen. Es gibt dicke Bücher, dünne Bücher, Bücher, die uns zum Lachen bringen und solche, nach denen wir ein paar Stunden lang in Tränen aufgelöst dasitzen und uns fragen, was eigentlich der Sinn des Lebens ist. Es gibt gute Bücher. Und ja, auch schlechte Bücher. Es gibt Bücher, in denen wir uns verlieren können und Bücher, die uns sachlich anweisen, wie unser Mittagessen schmackhaft wird. Aber ganz egal, wie verschieden sie auch sein mögen – sie sind alle Bücher.

Vielfältigkeit ist das, was unsere Gesellschaft zu einem großen Ganzen macht und diese Vielfältigkeit sollte von uns allen gefeiert werden. Deswegen möchten wir in unserem Pride-Special einige Bücher vorstellen, die die schwarz-weißen Konventionen abgelegt haben und uns in bunter Vielfalt empfangen.

 

Cassandra Clare
„Because everyone deserves a great love story“ – C. C.

Die Autorin zeichnet sich nicht nur durch ihre einzigartigen Fantasywelten, ihren unumstößlichen Humor und ihre starken Charaktere aus, sie ist auch eine glühende Verfechterin der LGBTQI+-Rechte. In ihrer Hauptreihe „Die Chroniken der Unterwelt“ treten die Charaktere Alec und Magnus auf, zwei Männer, die sich ineinander verlieben. Der Autorin war zu Beginn nicht klar gewesen, was dieses kleine Detail bewirken würde: Ihre Bücher durften nicht an Schulen vorgestellt werden, Buchläden wollten sie nicht verkaufen, Medienaufsichtsseiten deklarierten das Vorhandensein von schwulen Charakteren als „sexuelle Inhalte“ – auch wenn die beiden sich zu diesem Zeitpunkt nicht einmal geküsst hatten.

Statt sich von dieser Reaktion einschüchtern zu lassen, verstärkte sich der Drang der Autorin, unterrepräsentierte Menschen ans Licht zu holen. Mit „Die ältesten Flüche“ bekamen Alec und Magnus ihre ganz eigene Buchreihe. Ihre aktuellen Werke zeigen die Gesellschaft so wie sie ist: Bunt und vielfältig. In ihrer neusten Reihe „Die letzten Stunden“ sticht vor allem Anna heraus, die junge Frau, die sich allen Konventionen ihrer Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts entzieht, Männerkleidung trägt und reihenweise Frauen das Herz bricht. Und sie ist nicht allein! Wenn man sich in anderen Fantasyromanen nicht vertreten und unverstanden fühlt, ist Cassandra Clare eine sichere Lösung. In ihren Büchern gibt Christina: Das Mädchen, das sich in zwei Männer verliebt und sich nicht zwischen ihnen entscheiden muss. Diana, die transsexuelle Mentorin, die lernen muss, anderen zu vertrauen. Alec, der schwule Schattenjäger, der versteht, dass er erst glücklich sein kann, wenn er sich selbst akzeptiert. Und dann ist da natürlich noch Magnus Bane, der sich selbst als bisexuellen Freigeist definiert. Weiterlesen

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Guillermo Martinez: Der langsame Tod der Luciana B.

Schon die beiden im letzten Jahr erschienenen Kriminalromane des argentinischen Autors haben mir sehr gut gefallen. Doch dieser neue toppt die anderen sogar noch. Die Erzählweise, die altmodisch-fesselnde Handlungsstruktur, die geheimnisvollen Figuren – all das passt perfekt und ergibt einen hochspannenden Krimi.

Der Ich-Erzähler ist Schriftsteller, noch am Anfang seiner Karriere. Als er wegen eines gebrochenen Arms eine Schreibkraft einstellen muss, engagiert er die junge Luciana, Studentin und normalerweise für den berühmten Kriminalschriftsteller Kloster tätig. Doch dieser ist gerade auf mehrwöchiger Reise, so dass Luciana dem Erzähler – der den ganzen Roman über namenlos bleibt – aushelfen kann. Er verfällt im Laufe der kurzen Wochen, die Luciana für ihn arbeitet, ihrer Schönheit, doch im Grunde geschieht nicht viel mehr als ein kurzer Kuss. Danach verlieren sie sich aus den Augen.

Zehn Jahre später jedoch kontaktiert Luciana ihn erneut und bittet um ein Treffen. Als er sie wiedersieht, ist er entsetzt von ihrem Aussehen. Völlig verstört, frühzeitig gealtert und abgemagert erscheint sie. Und sie erzählt von den Geschehnissen der vergangenen Jahre, wie ihre Familienmitglieder nacheinander verstarben, teils unter mysteriösen Umständen. Weiterlesen

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James Baldwin: Ein anderes Land (1962)

Eine literarische „tour de force“ der großen Emotionen mit gesellschaftspolitischem Sprengstoff: James Baldwin versteht es meisterhaft, seine LeserInnen zu fesseln, sie in den Sog aufreibender Beziehungen zu ziehen. Mal ist es die Hautfarbe, mal die sexuelle Orientierung, mal die sich über die Jahre verändernden Machtverhältnisse, an denen sich die Liebenden abarbeiten. Kein Wunder, dass dieses Buch bei seiner Erstveröffentlichung 1962 einschlug wie eine Bombe. Baldwin schreibt intensiv und lebensklug über Tabuthemen von Rassismus bis Homosexualität. Obwohl in seinem gesamten Plot kein einziger erklärter Rassist vorkommt, zeigt er, wie die unbewusste Ausgrenzung alle Lebensbereiche durchzieht. Selbst liberale Intellektuelle sind davor nicht gefeit. Heute wird dies als „weiße Fragilität“ und „Farbenblindheit“ bezeichnet. Ein und dieselbe Erfahrung kann nicht ohne den jeweiligen Hintergrundkontext bewertet werden. Schmerzlich nah führt uns der Autor an seine Figuren heran. Alles hat bei Baldwin eine tiefgreifende Bedeutung. Sogar die sehr sinnlichen und offenherzigen Sexszenen zeugen von einer emotionalen Wucht, die ganz andere Themen offenlegt. Weiterlesen

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Hannah Mumby: Elefanten

Sie haben ein langes Leben, sie können Gefühle ausdrücken, sich an Ereignisse erinnern und Informationen weitergeben – Elefanten sind dem Menschen viel ähnlicher, als uns bewusst ist. Sie können sich sogar im Spiegel erkennen und verfügen damit über ein Ich-Bewusstsein.

Hannah Mumby geht in ihrem Buch weit über eine rein wissenschaftliche Beschreibung einer Spezies hinaus. Sie zeigt Individuen mit charakteristischen Eigenschaften und unterschiedlichen Lebenswegen. Jeder Elefant ist eine Persönlichkeit mit Vorlieben, Gewohnheiten und einer eigenen Lebensgeschichte.

Mit dem Ziel, Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Lebenszyklen verschiedener Tiere zu untersuchen, begann die Verhaltensbiologin mit der Erforschung der sanften Riesen und erlag ihrer Faszination. In Afrika beobachtete sie die Tiere in freier Wildbahn. In ihrem Buch beschreibt sie Verhalten und Zusammenleben – die von einer Matriarchin geführten Familien aus Elefantenkühen und ihren Kälbern und die in eher lockeren Gruppen umherziehenden Bullen. Ich erfahre, dass Elefanten ähnliche Sozialstrukturen aufweisen wie auch wir Menschen, sie kennen die Mitglieder ihrer Gruppe und wissen um den Platz eines jeden. Weiterlesen

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Auður Ava Ólafsdóttir: Miss Island

Island ist das Land der Schriftsteller*innen, heißt es gemeinhin.  Auch Hekla, die Protagonistin dieses Romans, befasst sich mit dem Schreiben. Die Geschichte beginnt mit ihrer Geburt. Ihr Vater, der von Vulkanausbrüchen fasziniert war, benannte sie nach dem Vulkan Hekla, der viereinhalb Jahre nach ihrer Geburt ausbrach.

Später, im Alter von zweiundzwanzig verlässt die junge Hekla Eltern und Hof und fährt im Überlandbus nach Reykjavik. In der Hauptstadt möchte sie ihren Traum Schriftstellerin zu werden, verwirklichen. Während der Busfahrt lädt ihr Sitznachbar sie dazu ein, am Wettbewerb zur Miss Island teilzunehmen, was Hekla jedoch gar nicht interessiert. Ihr Wunsch ist es, Bücher zu schreiben, nicht ihren Körper „bewerten und vermessen lassen wie ein Stück Vieh“ (E-Book S. 160), wie ihr Vater es später ausdrücken wird. Doch immer wieder wird sie in der folgenden Zeit mit Miss Island in Verbindung gebracht.

In Reykjavik lebt auch ihr Freund Jón John aus der Jugendzeit. Jón John, mit dem sie seit damals ein Geheimnis teilt, bleibt ihr Verbündeter und Seelenverwandter. Als Homosexueller ist es Jón John in den Sechzigern unmöglich, so leben zu können, wie es seinen Neigungen entspricht. Auch Hekla hat mit Vorurteilen zu kämpfen. Weiterlesen

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Colin Niel: Nur die Tiere

Alice ist Anfang 40 und Sozialarbeiterin im französischen Zentralmassiv. Sie unterstützt vereinsamte Bauern, die alleine auf ihren Höfen leben und mit ihren Betrieben kaum mehr zurechtkommen.  Zusätzlich zu einem bisschen Gesellschaft, das sie ihnen durch ihre Besuche beschert, hilft sie ihnen bei den Förderungsanträgen, berät sie sie in Schuldenfragen und der Betriebsführung allgemein.  Obwohl mit Michel verheiratet, beginnt sie eine Affäre mit dem alleinstehenden Joseph.  Kinder haben Alice und Michel keine. Sie leben lieblos nebeneinander her. Die Treffen mit dem schweigsamen Joseph bringen einen verbotenen Kitzel in ihr farbloses Leben.

Eines Tages wird Evelyne Ducat vermisst, 49 Jahre alt, elegant, mit einem sehr erfolgreichen Mann verheiratet, der aus der Gegend stammt und der gemeinsam mit ihr Paris den Rücken gekehrt hat.  In einem Schneesturm und mitten in der Nacht fährt ein fremdes Auto auf Josephs Hof und lädt ein verschnürtes Bündel ab. Die Leiche von Evelyne Ducat.  Joseph kann weder Automarke noch das Kennzeichen erkennen. Weiterlesen

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Alex George: An jenem Tag in Paris

Der britische Autor Alex George legt einen Roman vor, in dem eine Stadt im Mittelpunkt steht: Paris im Jahre 1927. Ein Pluspunkt dieses Buches ist sicherlich seine atmosphärische Dichte. Wer ein Faible für die französische Hauptstadt hat, dürfte Gefallen an diesem Werk finden.

George folgt dem Weg von vier Protagonisten, die allesamt einigermaßen problembeladen sind. Da ist zum Beispiel ein unglücklich verliebter Künstler, der fest davon überzeugt ist, die Tochter seiner Angebeteten sei von ihm, da ist die Haushälterin von Marcel Proust, die dem großen Schriftsteller ein Geheimnis anvertraut hat, und da ist ein Puppenspieler, der den grausamen Tod seines Bruders in Kindertagen nicht verwinden kann.

Damit geht eine gewisse Melancholie einher, die zu einem Klischee über Paris passt, wie es beispielsweise auch in den Chansons von Charles Aznavour oder Jacques Brel bedient wird. Ob das dem tatsächlichen Leben in dieser Stadt entspricht oder entsprochen hat, sei einmal dahingestellt. Weiterlesen

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