Michael Stavarič: Fremdes Licht

Beängstigend gut: Ein Roman, der das Thema „Kälte“ sprichwörtlich in jeder Zeile verkörpert – und unbewusste Endzeitszenerien als Parallele zur aktuellen Situation zwischen Klimawandel und Corona hervorruft. Wer schon bei „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ der Faszination des ewigen Eises erlegen ist, darf diesen schaurig-schönen Roman nicht verpassen. Die weiblichen Protagonistinnen der Geschichte kämpfen sich durch zwei unwirtliche Settings. Erstens: ein unbewohnter Eisplanet in der Zukunft. Zweitens: Grönland im ausgehenden 19. Jahrhundert. Meisterlich verwebt der Autor die beiden Plotebenen miteinander, legt Fragmente, Szenen, Gedanken, Erinnerungen, Märchenhaftes und Wissenschaftliches wie Puzzleteilchen aneinander. Wir Leser werden in ein weißes Nichts geworfen, das eigenen Naturgesetzten folgt. Hier herrscht nicht der Mensch über die Materie, hier kämpft er im Würgegriff gnadenloser Elemente ums nackte Überleben.

Gleich die ersten Seiten des Romans treiben uns eiskalte Schauer über den Rücken. Die Biologin Elaine erwacht in einer unbekannten Umgebung. Der Boden bedeckt von Eis und Schnee, der Himmel verdunkelt durch graue Nebelwände, durch die ein diffuses Licht hindurchscheint. Hier kann nichts Lebendiges gedeihen. Elaine ist mutterseelenallein. Nach und nach kommt die Erinnerung zurück an ein nicht minder schreckliches Szenario. Die Erde wurde durch einen Kometeneinschlag zerstört. Weiterlesen

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Sara Wolf: Heartless 02: Das Herz der Verräterin

Früher stand mein Herz in einem Glas über dem magischen Feuer einer Hexe. Als Herzlose war ich zwar gebunden, aber auch unsterblich – leider hatte ich mit meinem Herz auch all meine Erinnerungen an mein Leben bis zu dem Zeitpunkt, als die Hexe mir selbiges entriss, verloren. Ich würde alles tun, um mein Herz wieder zu bekommen – auch meine Liebe, Lucien, den Prinzen des Reiches zu meucheln und sein Herz meiner Hexe zu bringen. Doch dann mischte sich jemand ein, der seit fünf Jahren spurlos verschwunden war – Prinzessin Varia von Cavanos, die Schwester meines Geliebten ist zurück.

Und sie hat Pläne, große Pläne. Nicht nur, dass sie mein Herz meiner Hexe stiehlt und damit frei über mich verfügen kann, sie will den ewigen Krieg zwischen Menschen und Hexen beenden. Eigentlich ein hehres Unterfangen, das Unterstützung verdient. Kein tausendfacher Tot auf dem Schlachtfeld, keine Verbrennungen der Herzlosen und keine Wassertode für die Hexen mehr. Doch Varia plant nichts anderes, als ein seit Generationen gebanntes Übel wieder auf die Welt loszulassen – in der irrigen Meinung, dieses beherrschen zu können. Fehler, großer Fehler, wie ich Ihnen versichern kann. Doch wer bin ich, eine kleine, machtlose Herzlose, dass ich der mächtigsten Hexe meiner Zeit entgegentreten könnte?

Zumal Varia mir versprochen hat, dass ich mein Herz von ihr zurückbekomme, wenn ich sie entscheidend bei ihrem Vorhaben unterstütze. Das bringt mich jetzt doch in einen gehörigen Zwiespalt – stelle ich mich gegen meine Herrin, oder versuche ich mein Herz, meine Erinnerungen, mein Selbst zurückzubekommen? Weiterlesen

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Eric Berg: Mörderinsel

„Noch 34 Tage bis zum zweiten Mord“ (S. 9).

Was für ein erster Satz! Wer würde da nicht sofort weiterlesen wollen.

Und das Weiterlesen lohnt sich. Ich habe schon lange nicht mehr so einen gut konstruierten und gut aufgebauten Kriminalroman gelesen. Dabei sind die bisherigen Romane von Eric Berg alle gut, der eine mehr, der andere weniger. Aber wie er hier die Spannung hochhält, wie er die Spuren auslegt und die Leserin immer wieder in die Irre führt, so dass man auf jeder neuen Seite einen neuen Täter in Verdacht hat, das ist schon genial.

Auf der Ostseeinsel Usedom wurde eine junge Frau brutal ermordet. Eine Frau, die jeder kannte und schätzte. Als Mörder vor Gericht steht Holger Simonsmeyer, Hotelier in dem kleinen Dorf, aus dem auch die Tote stammte. Doch er wird freigesprochen. Das Entsetzen im Dorf ist groß, alle dort halten ihn dennoch für den Täter. Außer seiner Frau und seinen Söhnen, die unerschütterlich zu ihm halten.

Dann geschieht ein zweiter Mord und wenig später steht das Haus der Simonsmeyers in Flammen und vier Menschen kommen darin ums Leben. Weiterlesen

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Sandra Lüpkes: Die Schule am Meer

Wer die Bücher von Sandra Lüpkes nicht kennt, hat etwas verpasst. Sie schreibt unglaublich spannende Krimis um die Ermittlerin Wencke Tydmers, romantisch-witzige Romane um ein heimeliges Inselhotel, heiter-verwickelte Kurzgeschichten und noch vieles weitere mehr. Wer ihre Bücher nicht kennt, kennt aber vermutlich ihre Filme, denn Sandra Lüpkes ist auch eine fleißige Drehbuchautorin, so beispielsweise für die Reihen „Wilsberg“ oder „Friesland“.

Und nun legt sie mit „Die Schule am Meer“ einen Roman ganz anderer Art vor. Sie erzählt darin die wahre Geschichte einer Schule, die in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts auf der Nordseeinsel Juist entstand. Wenn man weiß, dass die Autorin selbst ihre Kindheit auf Juist verbrachte und daher eine besondere Beziehung zu dieser Insel hat (die sich auch in ihren anderen Romanen niederschlägt), dann mag man verstehen, dass sie sich für diese Schule und ihre Hintergründe interessiert hat.

Im Nachwort erläutert sie, was sie veranlasste, aus dieser Geschichte einen Roman zu machen, wie sie die Recherchen durchgeführt und wer sie dabei unterstützt hat. Dort erfährt man dann auch, welche der im Roman auftretenden Figuren authentisch, also historisch belegt sind und welche hinzuerfunden wurden.

Die Schule am Meer entsteht 1925, gegründet von idealistischen und enthusiastischen Lehrern und ihren Familien. Sie wollen einen neuen Weg der Kindererziehung gehen, mit Koedukation, mit der Erziehung zu selbstständigem Denken und Handeln der Schüler, Übernehmen von Verantwortung, Abkehr von Züchtigung und Strafe, Hinwendung zu Verständnis, Vertrauen und Zusammenhalt. Weiterlesen

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Regina Scheer: Gott wohnt im Wedding

Die Idee könnte aus einem Kinderbuch stammen: ein Haus erzählt seine Geschichte. Berliner Gründerzeit, um 1890, Wedding! Da wurde dieses, damals prachtvolle Haus erbaut. Heute verdammt in die Jahre gekommen und nahezu abbruchreif. Allerdings hat es die Kriege überlebt, aber so wie es aussieht, wohl nicht mehr das heutige Spekulantentum.

Es gibt drei Haupterzählstränge: die von Getrud, Leo und Leila. Gertrud, hoch in den Neunzigern, Leo ebenso und Leila die noch mitten im Berliner Alltagsdurcheinander lebt, ausgerechnet als Sozialarbeiterin. (so eine Art Quartiersmanagerin im Neusprech) Gertrud hat seit Jahrzehnten das Haus nicht mehr verlassen, Leo ist aus Israel angereist und Leila, die gar nicht weiß, dass einst ihre Sintifamilie hier gelebt hat.  Diese drei tragen die Hauptlast der Geschichten, die von großer, profunder Kenntnis sind! Von der Judenverfolgung, der Sinti und Roma Verjagungen aus und in ganz Europa, des Naziterrors, und der langsamen Inanspruchnahme des Hauses durch alle möglichen Ethnien, zuerst der Wolga- und Russlanddeutschen und heute das prekäre Leben bulgarischer und/oder rumänischer Großfamilien beherbergt. Weiterlesen

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Eshkol Nevo: Die Wahrheit ist

Den Roman „Die Wahrheit ist“ von Eshkol Nevo haben gleich zwei unserer Rezensenten gelesen. Lesen Sie hier beide Beiträge von Sabine Sürder und Andreas Schröter.

Sabine Sürder meint: Der israelische Schriftsteller und ehemalige Werbetexter Eshkol Nevo (Jahrgang 1971) landete 2007 mit seinem zweiten Roman „Wir haben noch das ganze Leben“ in Deutschland einen Bestseller. 2018 veröffentlichte dtv seinen Roman „Über uns“. Nun erschien ebenda am 24. April 2020 Nevos neuestes Werk unter dem Titel „Die Wahrheit ist“ in einer Übersetzung von Markus Lemke.

Darin beantwortet ein Autor mit dem Namen Eshkol Nevo Leserfragen, die ihm ein Online-Redakteur übermittelt. Und es beginnt ein Spiel mit Wahrheit und Lüge. Der Autor lässt seine Lesenden im Unklaren darüber, wie viel in seinen Antworten wahr ist und wie viel er erfunden hat. Das hat anfänglich viel Reiz, da ich mich als Lesende immer wieder neu frage: stimmt es oder stimmt es nicht? Aber mit zunehmender Seitenzahl und Lesedauer ermüdet mich dieses Frage- und Antwortspiel. Und zwar vor allem deswegen, weil der Autor penetrant darauf besteht, ein notorischer Lügner und Geschichtenerfinder zu sein. Der alles und jede/n zu einer Geschichte macht. Wie unnötig, mich fortwährend mit der Nase darauf zu stoßen. Genauso unnötig wie das fortlaufende Gejammer über Dysthemie („einer auf kleiner Flamme schmorenden Missstimmung“), unbefriedigende Lesereisen und mangelndes Talent.  Weiterlesen

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Alex Wheatle: Home Girl

Naomi ist 14 Jahre alt und lebt in einem Heim. Streit und Prügeleien gehören genauso zur Tagesordnung wie ein fehlender Schulunterricht. Wer wie Naomi schon von vielen Schulen verwiesen wurde, darf kaum auf eine erneute Chance hoffen. Auch die Hoffnung auf ein normales Familienleben will sich nicht einfinden, denn bei den Pflegefamilien bleibt sie nie lange. Inzwischen glaubt Naomi, mit ihr komme kein Mensch zurecht.

Doch dann wird sie für die Übergangszeit bei einer schwarzen Familie mit zwei Kindern untergebracht. Zum ersten Mal erfährt Naomi echte Zuneigung. Ihre Festung aus Ablehnung beginnt zu bröckeln, was nicht jedem gefällt.

Alex Wheatle hatte eine geniale Idee. Er begann Jugendromane zu schreiben und dies so gut, dass seine Bücher mit Preisen gewürdigt wurden. Seine Geschichten ranken um charakterstarke Jugendliche in sozialen Brennpunkten, die aus extremen Situationen einen Ausweg suchen. Weiterlesen

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Hartmut Lange: Der Lichthof

In fünf unterschiedlichen Novellen beschreibt Hartmut Lange Menschen in ihrem Alltag, der durch bestimmte Ereignisse kein Alltag mehr ist. Sie erleben Grenzerfahrungen, die ein Umdenken, Anpassen oder sogar ein Aufgeben erforderlich machen:

Eine Frau, die für ihren Mann ihre gut dotierte Stellung aufgibt, wird nach dem gemeinsamen Umzug auf einmal von ihrem Ehemann verlassen.

Ein Paar verreist nach Italien, während ihr defektes Navigationsgerät für Umwege und Unstimmigkeiten sorgt.
Ein Schauspieler gerät an seine körperlichen Grenzen und sieht ein Scheitern auf sich zukommen.
Ein Politologe erlebt nach seiner Emeritierung eine erhellende Reise.
Und als letzte Novelle erzählt Hartmut Lange von einem Umbruch in seiner Kindheit, in der Mord, Flucht und Gewalt seiner Biografie eine gravierende Wendung geben.

Der Autor und Dramaturg Hartmut Lange hat sich im Laufe seines Schaffens auf Novellen spezialisiert, in denen Ereignisse und nicht die Personen eine Veränderung erfahren. Weiterlesen

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Marina Neumeier: Aquarius: Herz über Kopf durch die Zeit

Rosalie ist eine Studentin wie jede andere, bis zu dem Moment, an dem sie auf einer Ausstellung ihres Professors ein Gemälde berührt, auf dem sie selbst abgebildet zu sein scheint. Die Berührung katapultiert die junge Frau direkt nach Florenz im Jahr 1480. Erst glaubt Rosalie an einen schlechten Scherz und ein Schauspiel, doch dann taucht der neue Austauschstudent Leopoldo immer wieder in ihrer Nähe auf und erzählt ihr schon bald von den Zeitreisenden, zu denen auch sie selbst gehören soll. Und schon ist Rosalie mit Leopoldo in einem Wettlauf gegen die Zeit gefangen, bei dem nicht weniger auf der Kippe steht als die Zukunft.

Marina Neumeier, Jahrgang 1995, gewann in diesem Jahr den Newtalent-Wettbewerb vom Piper Verlag. „Aquarius – Herz über Kopf durch die Zeit“ ist ihr Debütroman. Und diesem Roman merkt man sofort an, dass sie von seinem Setting sehr viel versteht. Denn Neumeier hat Kunstgeschichte studiert und ihren Roman mit allerhand Wissenswertem angereichert. Wer die Renaissance mag, wird auch diesen Roman mögen. Entfernt erinnert er an Kerstin Giers Zeitreisentrilogie, ist aber weniger „jugendlich“, sondern ernster und erwachsener. Weiterlesen

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Ulf Schiewe: Die Kinder von Nebra

Nebra, etwa 2000 v. Christus: Rana ist jung und hat das Leben noch vor sich. Doch sie muss sich auch entscheiden, für einen klassischen Weg einer Familiengründung oder das Dienen für die Göttin Destarte, wie ihre Mutter. Bei einem ihrer Streifzüge durch den Wald wird sie von mehreren jungen Männern überrascht und fast vergewaltigt. Als wenig später Arrak, der Sohn des Herrschenden Orkon und einer der besagten Männer, auf dem Hof ihrer Familie steht und ihre Herausgabe fordert, lügt ihre Mutter in der Not, dass Rana bereits geweiht sei und Arrak somit den Zorn der Götter auf sich ziehen würde. Ist Ranas Schicksal damit endgültig vorbestimmt? Viel lieber würde sie ihren Vater dabei beobachten, wie er die Himmelsscheibe herstellt. Die Scheibe muss Geheimnisse bürgen, von denen Rana noch nichts ahnt.

Ulf Schiewe, stets bekannt für faszinierende, auf den Punkt recherchierte historische Romane ohne Klischees, hat sich in „Die Kinder von Nebra“ einem sehr spannenden, in der Unterhaltungsliteratur bisher vernachlässigten Thema gewidmet. Die kleine Gemeinde Nebra liegt heute in Sachsen-Anhalt. Hier fand man Ende der 1990er Jahren die Himmelsscheibe, die etwa 4000 Jahre zurückdatiert wird. Schiewe begibt sich in „Die Kinder von Nebra“ auf die Spuren einer möglichen Entstehung der Scheibe. Weiterlesen

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