Cora Stephan: Margos Töchter

Über neun Jahre ist es her, dass Jana Seliger einen Antrag auf Einsicht in die Unterlagen gestellt hat, die das Ministeriums für Staatssicherheit über ihre Mutter gesammelt hat. Nun, im Jahr 2011, kommt der Bescheid, dass die Akten einen Vorgang zu Leonore Seliger enthalten. Will sie jetzt überhaupt noch wissen, was darin steht? Würde sie erfahren, was im Mai 1991 geschehen war, als ihre Adoptivmutter Leonore ums Leben kam? Nie hatte sich Jana damit abgefunden, dass es Selbstmord gewesen sein sollte. Dass sie vielleicht schon von der zweiten Mutter freiwillig im Stich gelassen wurde. Janas Mann rät ihr, die Vergangenheit ruhen zu lassen, doch sie beschließt, nach Berlin zu fahren, um sich Klarheit zu verschaffen.

Was Jana in den Unterlagen findet, erfahren die Leserinnen und Leser erst eine ganze Weile später. Zunächst nimmt sie die Autorin Cora Stephan mit ins Jahr 1964, in die Jugend von Leonore. Sie erzählt vom (ziemlich gestörten) Verhältnis zwischen Leonore und ihrer Mutter Margo. Nie scheint Leonore ihr gut genug zu sein, eigentlich interessiert sie sich nicht besonders für ihre Tochter. Margos Arbeit steht immer an erster Stelle. Sie ist stolz darauf, was sie erreicht hat. Ihr Mann Henry kann sich die Zeit als Richter so einteilen, dass er daheim ist, um für die Tochter zu kochen, doch er trinkt häufig einen über den Durst und seine Stimmung kann unberechenbar schwanken. Weiterlesen

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Chris Inken Soppa: Der große Muntprat

Lütfrid Muntprat wurde 1383 in Konstanz geboren und nach seinem Vater, einem reichen Kaufmann, benannt. Er starb 1447 in seiner Heimatstadt. Zwischen diesen beiden Daten lag ein ereignisreiches Leben voller Gefahren, Reisen und erfolgreichem Handel. Lütfrid der II., auch genannt der große Muntprat, erwarb sich den Ruf eines freidenkenden Mannes, der zum reichsten Kaufmann in Süddeutschland wurde.

Seine Geschichte ist eine der Willenskraft, der Klugheit, aber auch des Glücks.

„… Zu vielem hatte man ihn im Leben gemacht, zum Kaufmann, zum Vater, zum Ehegenossen. Zum Ratsherrn, Gesandten des Königs, zum Bürgermeister und Vogt.“ (S. 491)

Mit enormen Fleiß und Akribie ist der Autorin Chris Inken Soppa ein wunderbarer biografischer Roman gelungen, der spannungsreich, informativ und wendungsreich den Leser in die Vergangenheit entführt, in der sich das Überleben, mehr als nur schwierig erweist. Ein starres Kastensystem durch die Zünfte und den handeltreibenden Städten sowie unfaire Steuern belasten nicht nur die Kaufleute. Auch die Weber werden gezwungen, so wenig Leinen zu weben, so dass sie kaum von dem Erlös leben können. Die künstliche Verknappung verhilft dagegen den Kaufleuten zu Reichtum. Ein Leben im Mangel findet ebenfalls bei den Bauern und Dienstboten statt, die ihren Herren völlig ausgeliefert sind. Das falsche Wort im falschen Moment, eine Flucht vor Hunger und Unterdrückung werden so hart bestraft, dass Nachahmer ihren Mut verlieren. Weiterlesen

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Antonia Marker (Hg.): Lesezeit. Liebe. Lektüre für jedes Zeitfenster

Das Thema Liebe ist unerschöpflich. Wer hat nicht alles darüber geschrieben: Haruki Murakami, Delphine de Vigan, Mariana Leky, Kurt Schwitters und viele andere. Von all diesen wunderbaren Autoren versammelt der Band aus dem DuMont-Verlag Auszüge aus in seinem Haus erschienenen Büchern, die sich mit diesem aufregendsten aller Gefühle beschäftigen.

Dabei, und das finde ich ganz hilfreich und spannend, wird für jeden Text die geschätzte Lesezeit benannt, basierend auf der Annahme, dass ein geübter Leser etwa zweihundertfünfzig Wörter in der Minute lesen kann. Diese im Inhaltsverzeichnis bei den jeweiligen Titeln gegebene Information erweist sich als ausgesprochen nützlich, möchte man beispielsweise zwischen zwei Haltestellen oder beim Warten auf den Anschlusszug einen Text lesen und ihn auch beenden können, ohne unterbrochen zu werden.

Einer der Auszüge, die mir besonders gut gefallen haben, stammt von Delphine de Vigan, aus ihrem Buch „Loyalitäten“: Es geht darin um Théo, den Sohn getrennt lebender Eltern, und die Liebe seiner Mutter. Weiterlesen

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Sorj Chalandon: Am Tag davor

Ein bisschen „Spiel mir das Lied vom Tod“ finde ich hier. Nach 40 Jahren in die Stadt des vermeintlich größten Unglücks seines Lebens – dem Tod des geliebten Bruders – zurückkommen und sich an dem Schuldigen rächen. Michels (16)  vierzehn Jahre älterer Bruder Joseph (Jojo) war Bergmann und im Hirn des jungen Michel hat sich ein Gespinst festgesetzt: am Tag des Unglücks, hervorgerufen durch eine schlampige, nur gewinnorientierte Bergwerksleitung, bei dem 42 Kumpel am 27.Dezember 1974, durch eine Schlagwetterexplosion umkamen, hatte Michel als Fahrer des Mopeds, auf dem hinten sein Bruder Joseph saß, glatteisbedingt einen Unfall.

Jojo hatte also das zweifelhafte Glück, nicht im Berg gewesen zu sein als die Explosion geschah, sondern am gleichen Morgen auf der Straße zu verunglücken und erst 22 Tage später im Krankenhaus zu sterben. Trotzdem macht sich im Kopf von Michel die Schuldfrage breit, von der er sein Leben lang nicht mehr los kommt. Die Profitgier der Werksleitung war schuld, personifiziert durch den damaligen Schichtführer, den Michel dann nach 40 Jahren gebeutelten Lebens endlich aufsucht. Weiterlesen

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Karolyn Ciseau: Ezlyn. Im Zeichen der Seherin

Die junge Ezlyn hat eine ganz besondere Gabe. Wenn sie einen Menschen länger berührt, sieht sie dessen Tod vor ihren Augen. Das ist natürlich eine wertvolle Information und so kaufen sich angesehene Männer eine Todesseherin, die immer wieder ihren Tod vorhersehen muss und dann dazu da ist, diesen zu verhindern. Denn kennt man beispielweise den Ort, an dem man zu Tode kommt, kann man diesen natürlich meiden und so auch dem Tod ein Schnippchen schlagen. Als Ezlyn fertig ausgebildet ist, gelangt sie so an den Hof von Malachi. Hier trifft sie auf Dorian, einen Schattenkrieger, der dazu ausgebildet wurde, Menschen umzubringen. Doch damit nicht genug: Auch Ezlyn wird er, das weiß sie, eines Tages umbringen!

Karolyn Ciseau, die 2018 das Finale des Kindle Storyteller Awards gewann, hat mit dem ersten Band von „Ezlyn“ eine spannende Kombination aus Figuren entworfen. Es steckt viel Zündstoff zwischen Malachi, Ezlyn und Dorian. Man stelle sich nur vor, man weiß ganz genau, wer einen umbringen wird. Weiterlesen

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Luca Ventura: Mitten im August

Capri – Sehnsuchtsinsel, Postkartenidylle, Hot Spot der Stars und Sternchen – bildet die Kulisse für diesen Kriminalroman. Normalerweise hat Polizist Enrico Rizzi auf der idyllischen Insel mit ihren 15.000 Einwohnern nicht viel zu tun. Neben der Bearbeitung von kleineren Bagatelldelikten bleibt genügend Zeit, seinem Vater beim Obst- und Weinanbau zur Hand zu gehen und sich nebenbei um seine neue Freundin Gina und deren Tochter zu kümmern. Doch damit ist plötzlich Schluss. Die Leiche eines jungen Studenten der Meeresbiologie wird in einem Boot vor den Felsen von Punta Carena aufgefunden. Von seiner Freundin Sofia Polito fehlt jegliche Spur. Ist sie ebenfalls tot – oder ist sie gar für Jacks Tod verantwortlich? Für die Einwohner ist dieser Mordfall ein Schock, für das touristische Image der Insel nicht gerade förderlich. Der Fall muss schnell aufgeklärt werden! Doch der gemächliche Polizeiapparat auf Capri und kleine Machtspielchen mit der Hauptdirektion in Neapel erschweren die Ermittlungsarbeit. Schließlich zieht Rizzi nicht immer ganz vorschriftskonform auf eigene Faust los…

Geschrieben ist der Roman aus zwei Perspektiven. Zum einen aus Sicht des Polizisten Rizzi, zum anderen aus Sicht der jungen Sofia Polito, der Freundin des Mordopfers Jack Milani. Jack ist der Spross einer wohlhabenden norditalienischen Familie, die ihren Reichtum mit Düngemittel verdient. Doch der aufsässige Umweltschützer Jack hat mit seiner Familie gebrochen. Beim Studium der Meeresbiologie in Genua lernte er Sofia kennen, gemeinsam sind sie für ein Praktikum bei dem charismatischen Professor Taccone auf die Insel Capri gezogen. Denn vor der Küste der Nachbarinsel Ischia versauert der Ozean aufgrund natürlicher Vulkanaktivität. Weiterlesen

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Delphine de Vigan: Dankbarkeiten

Delphine de Vigan hat einen neuen, glühenden Fan gewonnen. Der mir bislang zugegebenermaßen unbekannten Autorin gelingt etwas, woran andere scheitern. Sie schildert das Altwerden, das Vergessen und sich Verlieren mit einer großen Empathie, mit Mitgefühl und Verständnis und dabei vollkommen ohne Pathos, Gefühlsduselei oder Überheblichkeit.

Michka ist alt, sie verliert Dinge und sie verliert Worte, täglich mehr. Sie ersetzt sie durch andere, ähnlich klingende. Als sie allein nicht mehr zurechtkommt, bringt Marie sie in einem Altersheim unter.

Marie ist eine junge Frau, die als Kind früher von Michka versorgt wurde. Marie hat eine starke Bindung an Michka, liebt sie und besucht sie regelmäßig. Für Michka ist es schwer, sich im Heim einzuleben, sich zurechtzufinden. Sie gewöhnt sich nicht an den Verlust ihrer Selbstständigkeit, ihrer Privatsphäre. Sie hat Albträume von einer furchterregenden Heimleiterin, in denen sie die Worte noch weiß, sie der Frau aber hilflos ausgeliefert ist.

Neben Maries Besuchen ist ihr weiterer einziger Lichtblick Jérôme, der Logopäde, der zweimal in der Woche zu ihr kommt. Er will ihr helfen, den Verlust der Wörter aufhalten. Doch die Aphasie erweist sich als stärker, Michka findet immer weniger die Worte, ihr fällt es immer schwerer, sich verständlich zu machen. Weiterlesen

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Fabricio Gatti: Der amerikanische Agent: Tatsachenroman

Er nennt sich Simone Pace. Nach dreißig Jahren im Geheimdienst bietet er dem Journalisten Fabrizio Gatti Informationen an. Die Interviews finden natürlich in der Heimlichkeit statt, denn der Italiener leidet unter Verfolgungswahn. Unter anderem. Sein Gewissen leidet unter den erworbenen Einblicken. Sie haben sein Weltbild vollständig verändert.

„… Krieg ist eine ansteckende Geisteskrankheit. Sie verhindert, dass Konflikte durch Worte gelöst werden. Sie befällt die Regierenden und ihre Anhänger. … Die Regierenden, die davon befallen sind, werden … nicht in Quarantäne genommen. … Wenn der Krieg eine … Bevölkerung befällt, nennt man deren Reaktion Verteidigung.“ (S. 273)

Der Journalist und Autor Fabricio Gatti erhielt 2007 den Europäischen Journalistenpreis für seine Recherche als Illegaler, der den Weg nach Europa geschafft hatte. 2008 erschien hierzu sein Buch.

Seinen aktuellen „Tatsachenroman: Der amerikanische Agent“, übersetzt von Friederike Hausmann und Rita Seuß, widmet er allen Opfern politischer Gewalt.

Fabrizio Gatti fokussiert über die Schilderungen des Simone Pace, wie sein Weg als Agent begann und er im Laufe von drei Jahrzehnten Einblicke in die Methoden der CIA gewonnen hat. Seine Handlangerdienste bestanden anfangs aus der Beschaffung von Informationen, die er als Polizist leicht gewinnen konnte. Das schnell verdiente Geld gefiel ihm genauso gut wie die angenehmen Aufgaben. Doch die damit einhergehende, schleichende Abhängigkeit katapultierte ihn bei Mord und Folter in Gewissenskonflikte. Weiterlesen

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Sina Beerwald: Die Strandvilla

Sylt, 1913: Als Moiken erfährt, dass ihr Mann nicht von der See zurückgekommen ist und seine Mutter zudem das Häuschen, in dem sie bisher mit ihm und ihrer Tochter Emma gelebt hat, verkaufen will, zieht es ihr den Boden unter den Füßen weg. Da hilft in ihren Augen nur eins: Emma und sie müssen nach Hamburg gehen und dort ihr Glück versuchen. Durch einen Zufall hilft sie am Abend zuvor dem renommierten Hotelier Theodor von Lengenfeldt, dem die Strandvilla auf der Insel gehört. Entgegen ihrer eigenen Pläne entwächst daraus eine längere Partnerschaft. Und Theodor hat nicht nur ein geschäftliches Interesse, sondern interessiert sich auch für Moiken als Person. Als dann ihre Jugendliebe Boy auftaucht, scheint das Chaos perfekt …

Sina Beerwald versteht ihr Handwerk, das merkt man schon nach wenigen Kapiteln. „Die Strandvilla“ ist eine tolle Mischung, die kaum einen Wunsch von LeserInnen des historischen Romans offenlässt. Im Mittelpunkt des Geschehens steht eine starke Frauenfigur – das ein oder andere Klischee ist nicht von der Hand zu weisen, aber sie halten sich dezent im Hintergrund. Weiterlesen

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Dave Eggers: Die Parade

Von Dave Eggers erscheinen in diesem Frühling gleich zwei Romane. Neben „Der größte Kapitän aller Zeiten“, einer Trump-Parodie, die wir hier ebenfalls besprochen haben, legt der Amerikaner ein Werk namens „Die Parade“ vor.

Es spielt in einem nicht näher benannten Land, in dem es kurz zuvor einen Bürgerkrieg gegeben hat. Zwei Männer, die im Buch bloß „Vier“ und „Neun“ heißen, haben die Aufgabe, eine große Straße zu asphaltieren, die die Provinzen enger mit der Hauptstadt verbindet.

Das hat unbestreitbare Vorteile für die unterentwickelte Landbevölkerung. Sie kann künftig besser Handel treiben und auch die Zentren der medizinischen Versorgung leichter erreichen. Doch es gibt ein dickes „Aber“: Diktatoren werden es leichter haben, diese Bevölkerungsteile zu unterjochen. Tun „Vier“ und „Neun“ also wirklich etwas Gutes für das geschundene Land?

„Die Parade“ ist ein sehr gradlinig und auch minimalistisch erzählter Roman. „Vier“ sitzt in einer hochmodernen Maschine, die zuverlässig und makellos den Asphalt verlegt. Kontakte zu Einheimischen versucht er streng zu vermeiden – ganz so, wie es die Firma, für die er arbeitet, es ihm vorschreibt. Weiterlesen

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