Parker Bilal: London Burning: Crane und Drake ermitteln

Detektive Cal Drake lebt nach der Devise, man muss selbst etwas tun, damit es besser wird. Deswegen hat er sich als Jugendlicher von allen negativen Einflüssen befreit, wurde Soldat, nach einer Kriegsverletzung Militärpolizist und schließlich Detektiv. Aber es will einfach nicht besser werden. Weder bei den Kollegen, die alles Fremde diskriminieren, noch auf den Straßen von London.

Der Schmelztiegel London brennt. Sowohl miteinander konkurrierende Kleinkriminelle als auch verbrecherische Organisationen bekämpfen sich bis auf das Blut. Fressen oder gefressen werden. Die Macht des Stärkeren regiert, im Dunkeln wie in den eleganten Bürotürmen.

Als Cal Drake von der Zentrale zu einem angeblichen Einbruch auf die Baustelle für zukünftige Luxuswohnungen geschickt wird, findet er in einer Grube zwei gefesselte Menschen vor, die gesteinigt worden sind. Drake sieht in diesem grausamen Fund einen Weg, sich endlich zu rehabilitieren und seinen alten Dienstgrad zurückzubekommen. Aber dafür muss er möglichst schnell den Täter überführen. Auch andere wittern ihre Chance. Viel zu schnell steht Drake seinem Erzrivalen und ehemaligen Partner Pryce gegenüber, der als Chef der neu einberufenen Sondereinheit die Richtung bei der Mordermittlung vorgibt, und zwar Terrorismus und Kampf gegen den Islam. Weiterlesen

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Anne Enright: Die Schauspielerin

Der Roman Die Schauspielerin ist Anne Enrights siebter Roman, der von Eva Bonné übersetzt wurde. Erneut geht es um die Familie, das manchmal schwierige Miteinander.

Eine alleinerziehende, geschiedene Mutter in den 1950er Jahren war noch eine Besonderheit. Erst recht in Dublin. Für die vaterlos heranwachsende Norah war Katherine O’Dell jedoch viel mehr als nur eine arbeitende Mutter.

„… Unten an der Tür drehte sie sich endlich zum Spiegel um und setzte sich zusammen, und das zu sehen war wunderbar; wie sie Blickkontakt zu ihrem Spiegelbild aufnahm und sich durch eine unmerkliche Veränderung in ihr öffentliches Ich verwandelte. … Und dann ging sie zur Tür hinaus und war den ganzen Tag berühmt.“ (S. 203)

Eine Aneinanderreihung von glücklichen und weniger glücklichen Ereignissen prägen das besondere Mutter-Tochter-Verhältnis. Für die Erzählerin, die im Schatten eines Stars aufwächst, spielt es im Laufe der Jahre eine immer größere Rolle, ihre eigene Identität zu finden.

Früher pflegten Tochter und Mutter das Ritual: „,… Du warst wunderbar‘, sagte ich, und sie fragte: ‚Wirklich? War es in Ordnung?‘“ (S. 287)

Dieser Austausch macht aus der Tochter eine Vertraute und Wegbegleiterin, aber auch eine Zeugin, wenn der Star der Familie kometenhaft auf seinem Sinkflug verglüht. Katherine O’Dell geht diesen Weg unbeabsichtigt. Und als sie nicht mehr die junge, schöne Frau spielen kann, bleiben ihr die Berühmtheit, kleine Rollen und die geheimen, ganz privaten Erlebnisse. Weiterlesen

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David Szalay: Turbulenzen

In seinem schmalen Roman „Turbulenzen“ erzählt der kanadisch-britische Autor David Szalay zwölf kleine Geschichten von Menschen, die sich zwar zufällig begegnen, deren unterschiedliche Schicksale aber ansonsten wenig miteinander zu tun haben. Immer geht es dabei ums Fliegen. Und so sind auch die einzelnen Kapitel nach Flugrouten betitelt: „Von London nach Madrid“ oder „Von Madrid nach Dakar“.

In der ersten Geschichte erleidet eine ältere Dame einen Zusammenbruch. Sie kehrt vom Besuch ihres Sohnes zurück, der an Prostatakrebs erkrankt ist. Im Flugzeug neben ihr sitzt ein senegalesischer Geschäftsmann, der in Dakar erfahren muss, dass sein Sohn einen Motorradunfall hatte. Wegen dieses Unfalls kommt ein Flugkapitän zur spät zur Arbeit. Und so geht es immer weiter, bis sich am Ende der Kreis schließt und wir mit dem letzten Flug von Budapest nach London wieder bei dem an Krebs erkrankten Mann ankommen.

So gesehen ist dieser Roman nicht nur eine Reise um die Welt sondern zugleich eine literarische Anordnung wie in Arthur Schnitzlers Klassiker „Reigen“. Weiterlesen

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Nicolas Mathieu: Rose Royal

Der französische Soziologe und Schriftsteller Nicolas Mathieu (Jahrgang 1978) gewann 2018 mit seinem Roman „Wie später ihre Kinder“ den französischen Literaturpreis Prix Goncourt für den besten französisch-sprachigen Roman des Jahres. Jetzt liegt sein neuestes Buch vor. Am 20. Juli 2020 erschien „Rose Royal“ in einer Übersetzung von Lena Müller und André Hansen bei Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag.

Nicolas Mathieu hat mit „Rose Royal“ ein schmales Buch geschrieben. Aber ein wuchtiges. Seine Hauptfigur Rose ist knapp fünfzig Jahre alt und geschieden mit zwei erwachsenen Kindern. Sie arbeitet in einem Büro, sieht gut aus, hat schöne Beine und einen Revolver in der Handtasche. In der Kneipe „Royal“ trinkt sie ihre Feierabend-Biere, trifft ihre Freundin Marie-Jeanne und eines Abends auch Luc. Rose hat Erfahrungen mit Männern, gute und schlechte. Wobei die schlechten überwiegen und sie zum Kauf eines Revolvers bewegen. „Die Angst sollte die Seiten wechseln.“, so Roses Hoffnung.

Rose und Luc werden ein Paar: sie gehen aus, trinken und haben (unbefriedigenden) Sex, der eines Nachts dazu führt, dass Luc ausrastet. Und auch die Versöhnung in einem teuren Hotel scheitert tödlich. Weiterlesen

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Santiago Amigorena: Kein Ort ist fern genug

Einen Roman über die Shoah zu rezensieren, ist eine Gratwanderung. Den Inhalt zu beurteilen, verbietet sich fast und eine Kritik des Stils sollte mit Fingerspitzengefühl erfolgen. Das sind die Gründe, warum mir die Rezension dieses Romans recht schwer fällt.

Santiago Amigorena, 1962 in Argentinien geboren, erzählt in diesem Buch, das in Frankreich für den Prix Goncourt nominiert war, die Geschichte seines eigenen Großvaters. Vicente Rosenberg wandert als junger Mann 1928 von Polen nach Argentinien aus. Er baut sich dort eine Existenz auf und gründet eine Familie. Mit Rosita, die ebenfalls von Einwanderern abstammt, hat er drei Kinder.

Mutter und Geschwister von Vicente leben nach wie vor in Warschau und Anfang der vierziger Jahre heißt das, sie leben im Ghetto. Nur sehr selten erhält Vicente Nachricht, treffen Briefe seiner Mutter ein. Ansonsten erfahren er und seine Freunde Neuigkeiten aus der alten Heimat vor allem aus Zeitungen, die jedoch meist auch mehrere Wochen oder Monate alt sind, wenn sie in Buenos Aires eintreffen.

Der Roman schildert die Jahre von 1941 bis 1945 und wie Vicente mit dem Wissen oder vielmehr dem Nichtwissen um das Schicksal seiner Angehörigen, insbesondere seiner Mutter, umgeht und wie sehr ihn dies belastet, verändert und wie sehr es auch seine Ehe belastet.  Weiterlesen

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Yuji Kaku: Hell‘s Paradise Band 1

Als der ehemalige Shinobi Gabimaru, bekannt als Gabimaru der Seelenlose, von seinen eigenen Leute verraten und darauf hin verhaftet wird, wird er zum Tode verurteilt. Zwar hat er bereits seinen Frieden damit gemacht und ist bereit zu sterben, doch weder eine Enthauptung, noch der Scheiterhaufen oder das Kochen beim lebendigen Leib zeigen Wirkung. Will er etwa doch nicht sterben?

Als er auf die Scharfrichterin Sagiri trifft, welche imstande ist, ihm wirklich das Leben zu nehmen, wird dem Ex-Shinobi doch noch klar, dass es da diese eine Sache gibt, für die es sich zu leben lohnt: Seine Frau.

Sagiri erkennt, welches Feuer noch immer in Gabimaru brennt und bietet ihm einen Ausweg an. Er soll gemeinsam mit anderen zum Tode verurteilten Straftätern zu einer Insel im Süden reisen und das Elixier der Unsterblichkeit finden. Wem dies zuerst gelingt, erhält einen Freispruch und darf weiterleben. Doch bisher ist noch nie jemand lebend von diesem Ort zurückgekehrt… Weiterlesen

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Thorsten Steffens: Klugscheißer Deluxe

Ein klarer Fall von (vermutlich nicht beabsichtiger) Irreführung durch Klappentext. Der Hinweis nämlich: „Für alle Fans von Tommy Jaud und Fuck ju Göhte“ hat mich erstmal abgeschreckt, da ich weder von dem einen noch von dem anderen ein Fan bin. Aber es stellte sich heraus, dass es keinen Grund gibt, vor dem Roman von Thorsten Steffens zurückzuschrecken.

Das Buch ist die Fortsetzung von seinem Roman „Klugscheißer Royal“, den ich nicht gelesen habe. Aber auch ohne diese Vorkenntnisse kann man den zweiten Band durchaus problemlos verstehen.

Protagonist Timo Seidel ist ein 29jähriger Studienabbrecher mit schlechtem Gewissen und guten Vorsätzen. Er hat, aufgrund der wohl im ersten Buch beschriebenen Vorkommnisse, lernen müssen, dass er als Klugscheißer, der er ist, bei vielen Menschen aneckt und sich meist unbeliebt macht. Also hat er beschlossen, an sich zu arbeiten und bemüht sich redlich, seine Klugscheißereien für sich zu behalten. Das gelingt ihm natürlich nicht immer, wobei man wirklich Verständnis für ihn hat, wenn er den sprachlichen und grammatikalischen Defiziten seiner morgendlichen Mitreisenden ausgesetzt ist. Hier trifft der Humor des Autors wirklich ins Schwarze, man erlebt die Situation hautnah mit und leidet mit Timo unter den Verunstaltungen der deutschen Sprache. Weiterlesen

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J. C. Cervantes: Zane gegen die Götter 01: Sturmläufer

Es ist schon so eine Krux – manche Menschen haben das Pech einfach, von Kindesbeinen an, gepachtet. Zane Opispo gehört zu diesen bedauernswerten Menschen. Nicht genug damit, dass er seinen Vater nie kennengelernt hat – seine Mutter spricht nicht viel über den Erzeuger unseres Zane, eher nicht viel wie nichts – Zanes eines Bein ist auch noch kürzer als das Andere. Damit hat er in der Schule als Spitznamen solch illustre Bezeichnungen wie Sir Hinkefuss, McLahm oder Krücke abbekommen.

Seit einem Jahr geht es ihm ein wenig besser – seine Mutter unterrichtet ihn zu Hause – das heißt in der Wüste von New Mexiko, einen dreibeinigen Hund hat er auch aufgenommen und gesund gepflegt, und bei der Nachbarin, einer blinden Telefonhellseherin, verdient er sich das Geld für das Futter hinzu. Doch dann geht alles, ich meine jetzt wirklich alles, den Bach herunter. Nicht genug damit, dass er ein Stipendium auf einer Privatschule bekommt, und wieder die Schulbank drücken darf, er muss, weil er sich gegen das Mobbing der neuen Mitschüler gewehrt hat, auch gleich beim Rektor antanzen.

Ein Flugzeug stürzt in seinen Vulkan hinter Haus ab – erwähnte ich bereits, dass Zane in seiner Nachbarschaft einen erloschenen Vulkan hat? – unheimliche Riesen mit merkwürdigen Köpfen machen seine Nachbarschaft unsicher. Und er trifft auf ein hübsches Mädchen, das sich in einen Falken verwandeln kann. Klarer Fall von Klapsmühle, ab in die Psychiatrie denken sie jetzt – nur, dass unser Zane nicht spinnt – leider. Er erfährt, dass er der Halbsohn eines Maya-Gottes ist und das geweissagt wurde, dass er den Herren der Unterwelt, den Gott des Todes aus seinem Gefängnis freisetzen wird. Macht er nicht, was hätte er denn davon denken sie? Denkt Zane auch, bis … und dann beginnt die Jagd Zane gegen den befreiten Todesgott erst so richtig … Weiterlesen

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Greta Henning: Halligmord

Mit „Halligmord“ taucht ein neuer Krimi mit lokalen Bezügen in den Lesesommer 2020 ein. Die unter Pseudonym schreibende Autorin Greta Henning (mehr ist über sie nicht bekannt) kreiert mit ihrer Ermittlerin Minke van Hoorn eine Polizistin, die zu ihren Wurzeln zurück kehrt. Die junge Kommissarin tritt ihren Arbeitsplatz in zweiter Generation an. Ihr eigener Vater gehörte zu ihren Vorgängern. Es ist klar, dass sich Minke van Hoorn darum bemühen muss, als Vertreterin der Ordnungsorgane ernst genommen zu werden.

Greta Henning startet also eine Reihe, die für Nordfrieslandfans eine durchaus eine interessante Lektüre werden könnte, zumal sie Urlaubsassoziationen weckt. Ihre Geschichte spielt an der Küste und auf den Halligen. Hier wird sie schnell durch einen rätselhaften Knochenfund herausgefordert. Welche menschlichen Knochen wurden da auf Nekpen vom Sturm frei gespült?

Minke kann auf familiäre Hilfe zurückgreifen. Ihr Bruder ist Gerichtsmediziner und kann feststellen, dass das Skelett schon jahrzehntelang dort im Halligboden gelegen haben muss. Auch die Identität der Leiche lässt sich noch relativ schnell ermitteln. Ein Halligarzt, der durch einen tragischen Unfall ums Leben kam. Doch die alte Frage steht im Raum: Wirklich ein Unfall oder doch Mord? Die ungeklärte Todesursache damals schließt Mord zumindest nicht aus. Weiterlesen

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Robert Seethaler: Der letzte Satz

Der Österreicher Robert Seethaler (Jahrgang 1966) hat sich mit seinen Romanen „Der Trafikant“ aus dem Jahr 2012, „Ein ganzes Leben“ (2014) und „Das Feld“ (2018) in die Herzen vieler Leser*innen auf der ganzen Welt geschrieben. Am 3. August 2020 erschien bei Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag Seethalers neuer Roman mit dem Titel „Der letzte Satz“.

Darin erzählt Robert Seethaler von den letzten Tagen im Leben des weltberühmten Musikers und Dirigenten Gustav Mahler (1860-1911). Mahler sitzt Anfang des Jahres 1911 allein und in Wolldecken gehüllt an Bord der „Amerika“, die ihn von New York nach Europa bringen soll. Ein Schiffsjunge umsorgt ihn, bringt ihm Tee und unterhält sich mit Mahler. Todkrank schaut er auf das Meer und erinnert sich an sein Leben. An das Komponieren auf einem Südtiroler Hof in den Bergen, den Diphterie-Tod seiner Tochter Maria, deren Stimme er noch zu hören meint. An seine Zeit als Direktor an der Wiener Hofoper und die Arbeit mit den Philharmonikern der Metropolitan Oper in NYC. Er denkt an seine Frau Alma und die Tochter Anna, die mit ihm auf der „Amerika“ reisen und an die unsäglichen Sitzungen bei Auguste Rodin in Paris, der eine Büste von Mahler zu seinem 50. Geburtstag anfertigen soll. Weiterlesen

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