Behrouz Boochani: Kein Freund außer den Bergen: Nachrichten aus dem Niemandsland

Poetisch, politisch, philosophisch – „Kein Freund außer den Bergen“ ist ein vielschichtiges Manifest, das weit über die persönlichen Fluchtmemoiren von Behrouz Boochani hinaus geht.

In Form von Tausenden SMS-Nachrichten schrieb Boochani aus dem Gefängnis Manus an seinen Freund Omid Tofighian, der den Text vom Persischen ins Englische übersetzte. Das daraus entstandene Buch wurde mit dem wichtigsten australischen Literaturpreis sowie dem Preis für das beste Sachbuch im Bundesstaat Victoria ausgezeichnet. Die autobiographische Erzählung mischt literarische Elemente mit politischen Kommentaren und wissenschaftlichem Vokabular. Damit vermittelt sie auf mehreren Ebenen einen tiefen Einblick in die Realität der australischen Flüchtlingspolitik.

Von Indonesien aus tritt der kurdische Dichter Behrouz Boochani die gefährliche Seereise nach Australien an. Mit rund 60 anderen Flüchtlingen an Bord eines kleinen Schiffes wird die Überfahrt bald zu einem erbitterten Kampf ums Überleben, den Boochani nur knapp übersteht. Statt dem erhofften neuen Leben in Australien folgt die Einwanderungshaft im Internierungslager Christmas Island und schließlich der Transport nach Manus, einer tropischen Insel im Pazifik. Auf dem Territorium Papua-Neuguineas hat die australische Regierung ein Lager eingerichtet, in dem Flüchtlinge fernab des australischen Hoheitsgebiets jahrelang und ohne Anklage festgehalten wurden. Weiterlesen

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Raynor Winn: Der Salzpfad

Der South West Coast Trail, Englands längster Fernwanderweg, ist  1014 km lang und führt von Minehead in Somerset über Nord-Devon, Cornwall und Süd-Devon bis nach Poole in Dorset. Ursprünglich patrouillierten Küstenwachen zwischen den Leuchttürmen auf diesem Weg um Schmuggler ausfindig zu machen.

Raynor und Moth Winn beschließen diesen Pfad zu erwandern, nachdem ihnen ihre Farm, auf der sie ihre Kinder großgezogen, Tiere gehalten, Gemüse angebaut und über viele Jahre Feriengäste aufgenommen hatten, nach einem Rechtsstreit weggenommen wurde. Obwohl das Ehepaar die Fünfzig überschritten hat und Moth an der  schmerzhaften, degenerativen Nervenkrankheit CBD leidet, wollen die Winns, da sie sowieso kein Dach mehr über dem Kopf haben, dieses Abenteuer in den Sommermonaten wagen. Sie beschaffen sich ein günstiges Zelt und billige Schlaf- und Rucksäcke.

Der Weg, der mit 35000 Höhenmetern immer wieder von den Klippen aufs Meeresniveau hinab und wieder hinauf führt, bringt die beiden oft an ihre Grenzen und verlangt alles von ihnen ab. Doch es ist nicht nur der oft kernige Streckenverlauf, der den Trip erschwert. Hinzu kommt, dass es in Großbritannien für Obdachlose keine Suppenküchen gibt und wildes Campen generell verboten ist. Von Moths magerer Ausgleichszahlung mit 48 Pfund pro Woche können sie sich nur selten einen Campingplatz leisten. Wild zu campen wird so jeden Tag aufs Neue zu einem Abenteuer. Zudem haben sie immer wieder mit widrigen Wetterverhältnissen zu kämpfen und ihre günstige Ausrüstung ist nicht für Regen und Kälte geeignet. Ihre Ernährung beschränkt sich auf Tütensuppen, Nudeln, Reis, Dosenfisch und billige Süßigkeitsriegel. Weiterlesen

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Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt

Der Pfarrer Hannes und seine Frau Florentine leben in einem Dorf im Banat. Florentine ist in der Stadt aufgewachsen, hat keine Party ausgelassen, aber sie hat diesem Experiment zugestimmt und sich bald ans Landleben gewöhnt. Sie freundet sich mit Nika an, die zwar einen Mann und drei Kinder hat, aber ihre Zeit auch liebend gerne mit Florentine, Kaffee und Sauerkirschlikör verbringt – bis sie an einer versuchten Abtreibung stirbt.

Zu den anderen Dorfbewohnern findet Florentine kaum einen Draht. Denn sie spricht nicht gerne. „Ihr Schweigen musste wirken, als hielte sie sich für etwas Besseres. Florentine spürte Worten gegenüber ein nie ganz aufzulösendes Unbehagen. Die Unschärfe der Aussagen verunsicherte sie. Wie sehr sie sich auch bemühte: Sprechen reichte nicht an die Wirklichkeit der Erfahrungen heran.“ (Kapitel 1, Zăpadă).

Auch ihr Sohn Samuel spricht spät und nicht viel. Sie vermutet, dass sie daran schuld ist. Hannes fällt es schwer, einen Zugang zu Samuel zu finden. Auch die Stellung im Banat ist nicht gerade das, was er sich gewünscht hat.

Dennoch führen Hannes und Florentine ein offenes Haus. Immer wieder haben sie Gäste, die auf der Durchreise eine Unterkunft bei ihnen finden. Eines Tages kommen Bene und Lothar bei ihnen unter. Sie stammen aus der DDR und sind auf dem Weg ans Schwarze Meer. Aus dem kurzen Zwischenstopp werden drei Wochen und eine Verbindung, die später noch eine Rolle spielen wird. Weiterlesen

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Christina Henry: Die Chroniken von Alice 01: Finsternis im Wunderland

Wer kennt sie nicht – die Geschichten von Alice, die ins Wunderland reist und dort sprechenden Tieren begegnet. Die Geschichten haben junge wie alte Leser seit ihrer Entstehung 1865 / 1871 in ihren Bann gezogen. Die US-Amerikanierin Christina Henry nimmt nun die Motive aus den beiden Bänden und schafft hier, natürlich unter Beigabe eigener Imaginationen, etwas Neues, etwas Anders, etwas Gruseliges! Statt eines skurrilen Kinderbuchs erwartet uns in dem ersten Teil ihrer Fortschreibung ein vehementer Horror-Roman.

Wir lernen Alice hinter dicken Mauern eingeschlossen kennen. Seitdem es ihr gelang, dem sie gefangen haltenden Hasen zu entkommen hat ihre Familie aus der Neustadt sie verschämt in der Irrenanstalt deponiert. Unter Drogen gesetzt soll die geschändete, blutüberströmt Geflüchtete hier den guten Ruf der Familie nicht länger schädigen. An ihr Martyrium hat sie Dank der seit zehn Jahren dem Brei beigemischten Drogen keine Erinnerungen mehr.

Als die Anstalt in Flammen ausbricht hat sie es nur ihrem Zimmernachbarn, einem Axtmörder zu verdanken, dass sie nicht ein Raub der Flammen wird. Gemeinsam fliehen sie, nicht ahnend, dass das Feuer einen weiteren Inhaftierten, den finsteren Jabberwock freigesetzt hat. Weiterlesen

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Kai Wieland: Zeit der Wildschweine

Reiseautor Leon ist ein Getriebener. Ständig muss er auf Achse sein, die Zeit zwischen einzelnen Ländern macht ihn unruhig. Sein neuester Auftrag lautet, einen Reiseführer über „Lost Places“ in Frankreich zu schreiben. Verlassene Hafenstädte, Industrieruinen, von der Geschichte vergessene Schicksale. Sein Begleiter ist Janko, ein zynischer Fotograf, den er beim Boxen kennengelernt hat. Doch die Reise verändert Leon. Er muss sich an ebenso faszinierenden wie düsteren Orten herumtreiben, um über die „vier V’s des Berufsmelancholikers“ – Verlust, Verfall, Verlassen, Vergessen – zu schreiben. Während der Reise werden Leon und Janko auch mit ihren eigenen „Lost Places“ konfrontiert.

Bei Leon ist dies seine schwäbische Heimat. Hier lebt seine Schwester Jana in geordneten Verhältnisse und sein Vater in einem Häuschen mit ebenso geordnetem Garten. Landidylle pur, der sich Leon nicht verbunden fühlt. Dies ist nicht seine Welt. Doch als der Vater darüber nachdenkt, sein Haus zu verkaufen, muss sich Leon mit seinen Wurzeln auseinandersetzen. Er willigt in den Vorschlag ein, die Bleibe zu tauschen: Der Vater zieht in Leons kleine Zweizimmer-Wohnung mit Aufzug, Leon zieht in das Haus aufs Land. Dort rückt ihm bald sein Nachbar Seibold auf die Pelle – notorisch neugierig, ordentlich, Jäger und Gartenkenner wie sein Vater. Als die Tomaten und Zucchinis verdorren und die Hecke Feuer fängt, wird klar: Leon ist mit der Verantwortung hoffnungslos überfordert. Weiterlesen

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Odile d’Oultremont: Das Mädchen mit den meerblauen Augen

Was mich bewegt hat, dieses Buch zu lesen, war meine Liebe zur Bretagne. Denn dort spielt die Geschichte, die Odile d’Oultremont, eine belgische Schriftstellerin und Drehbuchautorin, erzählt.

Die Protagonistin Anka, wächst in einer kleinen Stadt am Atlantik auf. Ihr Vater ist Küstenfischer und Ankas größter Wunsch von Kindesbeinen an ist es, in seine Fußstapfen zu treten. Bei allem Verständnis ihres Vaters für diesen Wunsch und seiner Freude darüber haben er und seine Kollegen große Vorbehalte gegen ein Mädchen bzw. eine Frau in diesem Beruf. Es dauert sehr lange, bis Ankas Vater, Vladimir, sie zum ersten Mal ans Steuerruder seines Bootes Baikonour lässt.

Doch dann geschieht ein Unglück und Vladimir kehrt von einer Ausfahrt nicht zurück. Nur das Boot wird gefunden. Ankas Liebe zum Meer wandelt sich in Hass, in Hass und Furcht. Im Gegensatz zu ihrer Mutter glaubt sie nicht, dass ihr Vater überlebt hat und zurückkommen wird. Ihre Mutter Edith hingegen ist davon überzeugt, dass ihr Mann eines Tages wieder vor der Tür stehen wird. Bis dahin kocht sie wie eine Besessene Tag für Tag unzählige Liter Gemüsesuppe.

Anka, die im Friseursalon ihrer Patentante arbeitet, wird jeden Tag auf ihrem Weg über die Grande Place des Städtchens von Marcus beobachtet. Marcus ist Kranführer aus Leidenschaft und von seinem erhöhten Standpunkt verfolgt er täglich Ankas Schritte. Im Laufe der Zeit verliebt er sich in das ihm unbekannte Mädchen mit den meerblauen Augen, ohne sie jedoch anzusprechen und ohne, dass sie sich dessen bewusst ist. Weiterlesen

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Giorgio Vasari: Lebensläufe der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten

25 Biografien befinden sich in diesem Buch. Von Cimabue über Giotto und da Vinci zu Michelangelo beschreibt Georgio Vasari das Leben aller namenhaften Künstler der italienischen Renaissance. Dabei wird zum einen deren Hauptwerk beleuchtet, welches in chronologischer Reihenfolge steht, zum anderen wird lebhaft beschrieben, wie die jeweiligen Künstler zu ihrer Berufung fanden, wo sie in die Lehre gingen und wie ihr Privatleben aussah. All diese Informationen werden von Vasari im Kürzesten zusammengefasst, jede Biografie umfasst nur wenige Seiten. So ist es jedem möglich, die wichtigsten Informationen in kurzer Zeit zu erfassen und einen Schnelldurchlauf in künstlerischer Bildung durchzumachen.

Obwohl der Text schon alt ist – Vasari selbst war ein italienischer Künstler des 16. Jahrhunderts – lässt er sich für den heutigen Leser gut verstehen und einfach nachvollziehen. Italienische Zitate und Anspielungen auf nicht beschriebene Kunstwerke sind mit Fußnoten versehen und können im hinteren Teil des Buches nachgeschlagen werden, sollte Unverständnis auftreten.

Der kleine Teil schriftstellerische Fantasie, die in die Biografien eingebaut wird, nimmt dem Ganzen den Charakter einer trockenen wissenschaftlichen Arbeit und macht das Buch durch verschiedene Anekdoten zu einem echten Lese- wie Lernvergnügen. Ob Giotto wirklich von seinem Meister entdeckt wurde, als er ein Schaf auf einen Stein zeichnete, kann heute nicht mehr geklärt werden. Fakt ist aber, dass es den Leser unterhält und diese Sammlung an Biografien durch derart faszinierende Details einzigartig wird. Weiterlesen

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Philipp Winkler: Carnival

Eine Hommage an die gute alte Kirmes und die Menschen, die dort arbeiten, ist Philipp Winklers kurzer Roman „Carnival“. Er erweckt die Schwertschlucker und Messerwerfer, die Zuckerwatte und das Riesenrad, den Schießstand und das Kettenkarussell zum Leben und beschreibt das Ganze als etwas, das im Grunde zu einer untergegangenen Zeit gehört. Mit den Vergnügungen von heute in Multiplexkinos oder an der Playstation hat das nur noch wenig gemein.

Dabei werden die „Kirmser“ als eine eingeschworene Truppe dargestellt, die geradezu in einer anderen Welt leben als die Besucher – die „Marks“ und „Steifen Jonnys“ –, auf deren Geld sie so dringend angewiesen sind.

Der Star in diesem Roman ist eindeutig die Sprache. Winkler nähert sich seinem Thema auf eine fast poetische Weise, die eine große Zärtlichkeit für die oft unglücklichen Gestalten mit trauriger Vorgeschichte ausdrückt, die mit einer Kirmes durch die Lande ziehen. Weiterlesen

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Martina Aden: Der falsche Friese

Ein Buch so richtig nach meinem Geschmack für einen heißen Sommernachmittag: witzig, spannend, mit sympathischen und authentischen Figuren und viel ostfriesischem Lokalkolorit. Vor allem die Protagonistin, mit ihrem ausgeprägten Hang zu kalorienreichen Speisen und besonderen Desserts, wächst beim Lesen des Küsten-Krimis von Martina Aden regelrecht ans Herz.

Elli Vogel, die auch schon im ersten Buch der Autorin mit dem Titel „Kluntjemord“ über Leichen stolperte und in Lebensgefahr geriet (leider habe ich diesen ersten Band verpasst), schreibt Bücher, die durch ihre Abenteuer ungeahnte Verkaufserfolge erleben.  Um sich aber ihren Lebensunterhalt zu verdienen, akzeptiert sie das Angebot der örtlichen Zeitung, regionale Berühmtheiten zu porträtieren. Gleich ihre erste Recherche führt sie zum Fall des seit vierzig Jahren verschollenen Andreas Kalski. Der damals Anfang Zwanzigjährige war ein Frauenheld und als Sohn einer berühmten und wohlhabenden Künstlerin auch begehrter Junggeselle.

Ellis Nachforschungen, die nicht alle, denen sie ihre Fragen stellt, willkommen sind, bringen nicht nur mehrere Verbrechen ans Tageslicht und etliche Verdächtige ins Schwitzen, sondern decken auch das eine oder andere Geheimnis im Leben von Ellis Mutter auf. Diese steht kurz vor ihrer Hochzeit mit Ellis Vater, nach jahrzehntelanger „wilder“ Ehe. Doch die Hochzeit scheint unter keinem guten Stern zu stehen, denn im Vorfeld geschehen allerlei Unfälle. Weiterlesen

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Michaela Carter: Die Surrealistin

Im Juni 1937 lernt Leonora Carrington in London Max Ernst kennen. Leonora, eine Engländerin aus wohlhabendem Hause, hat dafür gekämpft, Kunst studieren zu können. Ihre Eltern wollen sie lieber vorteilhaft verheiratet sehen, wie es in ihren Kreisen üblich ist. Sie ist gerade zwanzig, Max ist bereits Mitte vierzig, verheiratet und ein anerkannter Künstler des Surrealismus. Diese Kunstrichtung fasziniert Leonora schon eine ganze Weile. Sie ist überzeugt, dass es kein Zufall ist, der sie mit Max und den anderen Surrealisten zusammenbringt. „Der Grund, weshalb Max hier saß, war ganz einfach und nicht von der Hand zu weisen. Ihre Liebe zu seiner Kunst hatte irgendwie den Mann selbst angezogen.“ (Kapitel 2).

Die beiden werden ein Paar. Die Ehe von Max ist kein Hindernis, er hatte schon viele Affären und möchte sich sowieso von seiner Frau trennen. Für ihn hat die Beziehung zu Leonora eine ganz neue Qualität. Für die junge Frau bedeutet das Zusammensein mit Max den Bruch mit ihrer Familie. Die Liebe der beiden ist intensiv und fast schon symbiotisch, sie verschmelzen nahezu zu einer Person, können nicht mehr ohne einander sein. Zwar malt Leonora selbst, aber sie wird auch zur „Muse“ für Max, deren Gestalt oder Gesicht eine Zeit lang auf fast jedem seiner Bilder zu sehen ist. Nach einer gemeinsamen Zeit in der Pariser Künstlerszene ziehen sie in ein Dorf in der Provence. Auch Leonoras Gemälde sind surrealistisch. Dabei schöpft sie aus Traumerlebnissen, aber auch aus Begebenheiten in einer anderen Welt, in die sie eintritt oder in die sie hineingezogen wird. Immer wieder wird sie aus der Realität katapultiert (oder ist diese andere Welt auch real?). Weiterlesen

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