Anja Wedershoven: Im Schatten der Kopfweiden

Ich durfte die Mönchengladbacher Autorin Anja Wedershoven 2013 kennenlernen, als ihr erstes Buch „Schürfwunden“ erschien. Das Romandebüt über die Umsiedlungen im Zusammenhang mit dem Kohletagebau Garzweiler hatte mich fasziniert und begeistert. Daher habe ich mich gefreut, als ich entdeckte, dass jetzt von ihr ein Krimi bei emons erschienen ist.

„Im Schatten der Kopfweiden“ erzählt von dem Mord an einer jungen Kinderärztin, die in Geldern am Niederrhein zwischen Mülltonnen gefunden wurde. In dem Fall ermittelt zusammen mit ihren Kollegen die junge, gerade aus Berlin in ihre alte Heimat zurückgekehrte Kommissarin Johanna Brenner. Ziemlich schnell kommen die Beamten auf die Spur eines Stalkers, der die Kinderärztin verfolgte und sie belästigte. Doch ist das der einzig mögliche Täter?

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven berichtet, die manchmal etwas unvermittelt wechseln. Da ist einmal die Kommissarin, Johanna, die nicht so ganz freiwillig an den Niederrhein zurückkehrte. In Berlin, wo sie die letzten Jahre verbrachte, hatte es einen dramatischen Vorfall gegeben, der zu ihrer Versetzung führte. Zum anderen verfolgen wir die Handlung aus der Sicht von Axel, Johannas Kollegen, der ihr zunächst offen und freundlich begegnet, nach und nach aber doch auch Vorbehalte entwickelt. Weiterlesen

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Ali Smith: Winter

Die schottische Schriftstellerin Ali Smith (Jahrgang 1962) lebt und arbeitet im englischen Cambridge. „Winter“ ist der zweite Band ihres Jahreszeitenquartetts, den der Luchterhand Literaturverlag in einer Übersetzung von Silvia Morawetz am 2. November 2020 veröffentlichte. Der erste Band „Herbst“ erschien 2019 auf Deutsch.

„Gott war tot: das gleich vorweg“ so beginnt Ali Smith ihren Roman „Winter“ und stürzt ihre Leserinnen und Leser in eine Aufzählungswelle toter Dinge. Heiligabend: Sophia Cleves sieht einen Kopf ohne Körper. Ihr Sohn Arthur, genannt Art, schreibt einen Blog („Art in Nature“), ansonsten kontrolliert er Copyright-Verletzungen für eine Unterhaltungsfirma. Er wurde gerade von seiner Freundin Charlotte verlassen und soll Weihnachten bei Sophia in ihrem Haus in Cornwall verbringen. Art heuert das ihm völlig unbekannte Mädchen, das sich Lux nennt, an, ihn als Charlotte zu begleiten. Sophia will keinen Weihnachtsbesuch, entsprechend frostig werden Art und Lux „Charlotte“ empfangen. Lux, die fremde junge Frau, entwickelt einen Draht zu Sophia, Art nicht. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist schwierig. Sie rufen Iris an, Sophias Schwester und die „Rebellin“ der Familie. Iris und Sophia haben sich jahrzehntelang nicht gesehen. Damit beginnen Weihnachtsfeiertage, in denen die Welten und Wirklichkeiten dieser vier Menschen aufeinander prallen. Weiterlesen

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Philippe Sands: Die Rattenlinie

Ein Sachbuch, das so spannend ist wie ein Thriller, ist dem britisch-französischen Juristen und Schriftsteller Philippe Sands gelungen. In „Die Rattenlinie“ zeichnet er das Leben des Nazis Otto Wächter und seiner Frau Charlotte nach. Wächter war während des Zweiten Weltkriegs Gouverneur im besetzten Polen sowie in Galizien (heute Ukraine) und dort auch für Ermordung und Verschleppung von hunderttausenden Juden verantwortlich.

Nach dem Krieg setzte er sich nach Rom ab, um mit Hilfe eines katholischen Bischofs nach Argentinien zu fliehen. Dazu kam es nicht, weil Wächter 1949 nur 48-jährig überraschend starb.

​Es ist unglaublich, mit welcher Akribie und Detailgenauigkeit der 1960 geborene Autor diese Geschichte in acht Jahren recherchiert hat. Weiterlesen

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Andrea Petkovic: Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht: Erzählungen

Tennisprofi Andrea Petkovic, die zeitweilig unter den Top 10 der Weltrangliste stand, ist unter die Buchautorinnen gegangen. In ihrem Buch „Zwischen Ruhm und Ehre beginnt die Nacht“ hat sie 18 autobiografische Erzählungen zusammengefasst, in denen der Leser nicht nur viel über die heute 33-jährige deutsche Sportlerin mit Wurzeln in Bosnien-Herzegowina erfährt, sondern auch allgemein über das Leben eines Tennisprofis.

Weil ihr Vater in Darmstadt als Tennistrainer arbeitete, wurde der Tochter das Tennisgen früh eingeimpft. Den Großteil ihrer Freizeit als Kind und Jugendliche verbrachte sie auf dem Tennisplatz. Später gehörte verbissenes Training zu ihrer Tagesroutine.

Zweifel und die Einsamkeit in irgendwelchen sterilen Hotels kommen genauso vor wie Freundschaften, Momente des Glücks oder der Angst vor dem Versagen. Weiterlesen

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Emma Becker: La Maison

„Und irgendwer muss doch darüber sprechen.“, sind die letzten Worte in Emma Beckers frisch erschienenem Roman „La Maison“, einem Buch, das mich wie nur wenige bisher verführt hat und bei dem ich das Gefühl bekomme, dieses Verb sei eigens dafür erfunden worden. Und wenn nicht für diesen Roman, dann für das, wovon er handelt. Wenn ich verführt sage, dann meine ich die Anmut der Weiblichkeit, die die Welt an sich bindet, den Geruch von frisch gewaschener Haut und süßem Parfüm, dann meine ich die Erregung, wie bei flüchtig getauschten Blicken zwischen tanzenden Körpern, ein erstes anziehendes Annähern, eine Verführung voll Licht und Schatten, geheimnis- und verheißungsvoll.

Emma Becker zieht mich zwischen die Seiten ihrer Geschichte und ich komme nicht dazu, mich zu wehren, denke gar nicht daran. Die Intimität ihrer Erzählung, von einem Zuhause, das nur wenige je als solches betiteln würden, von dem Kollektiv einer erkauften Schwesternschaft und nicht zuletzt von reinem, menschlichem Sex, macht mich sprachlos und ist so intensiv, dass sich meine Gedanken noch jetzt, ein paar Tage nach Auslesen des Buches, dagegen sträuben, geordnet zu werden. Sie spricht ein Thema an, das so alt ist wie die Menschheit selbst und über das dennoch, oder gerade deswegen, nie gesprochen wird. Ich meine nicht Sex, dieses Tabuthema entfaltet sich mehr und mehr, nein, was ich meine, was sie meint, ist das Bordell. Weiterlesen

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Lida Winiewicz: Späte Gegend. Protokoll eines Lebens.

Lida Winiewicz schreibt am Klappentext ihres Buches: „Ich hatte einmal ein Haus im Mühlviertel. Meist stand es leer. Die Bäuerin von nebenan, die einen Schlüssel verwahrte, gestand eines Tages, schuldbewußt, sie säße oft in meiner Stube, wenn niemand da sei, allein, freue sich an der Stille und dächte an die Vergangenheit. Ich fragte nach Einzelheiten, sie antwortete. So entstand das Buch ‚Späte Gegend‘, eine Art Reisebericht aus einem fernen Land, zwei Autostunden von Wien.“

Christine, die oben genannte Bäuerin, wird 1910 geboren. Die Armut in der Familie ist beispiellos. Der Vater und die Brüder sind Steinmetze, sie fertigen Grabsteine, ohne Schutzbekleidung, die Mutter arbeitet beinahe rund um die Uhr, damit man über die Runden kommt. Dennoch haben die sechs Kinder z.B. keine Schuhe. Sie laufen barfuß und im Winter in Holzpantinen.

Im Alter von zehn Jahren muss Christine die geliebte Schule verlassen und „in Dienst“ gehen, damit zuhause ein Esser weniger am Tisch sitzt. Bei ihren ersten Dienstherren bekommt sie keinen Lohn, nur Kost und Logis sowie zwei Hemden und zwei Schürzen im Jahr. Das Bett teilt sie sich – was für ein Fortschritt – nur mit einer anderen Magd und nicht, wie daheim, mit zwei Geschwistern.

Das kümmerliche Dienstbotenleben scheint vorgezeichnet. Die Arbeitgeber sind oftmals schlechte Menschen und Christine erlebt Hunger und Unterernährung. Sie hat keinerlei Unterstützung von den Eltern. Der Vater ist inzwischen unverschuldet arbeitslos und sie muss ganz für sich alleine zusehen, dass sie durchkommt. Weiterlesen

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Andreas H. Schmachtl: Tilda Apfelkern. Weihnachtszeit im Winterwald: 24 Adventskalender-Geschichten

In „Weihnachten im Winterwald“ macht sich Tilda Apfelkern auf den Weg in den unheimlichen Düsterwald, um Frostbutten für Tante Emilys berühmtes Frostbuttenmus zu sammeln. Dabei trifft sie nicht nur Wildmaus Sylvie und Siebenschläfer Septimus, sondern auch geheimnisvolle rote Wichtel, die ebenfalls hinter den kostbaren Frostbutten her sind.

Die Kurzgeschichte „Winterwunderland“ handelt vom Igel Rupert. Eigentlich müsste er Winterschlaf halten, aber weil er es seiner Freundin Tilda versprochen hat, bleibt er wach. Und unternimmt einen Streifzug durch die winterliche Landschaft.

„Mandelhörnchen“: Edna Eichhorn und ihre Söhne Billy und Benny basteln darin Mandelmännchen. Was für ein Vergnügen!

In „Apfel, Zimt und Hagebutte“ hat Tilda Hunger auf frisch gemachte Marmelade. Aber welche frischen Früchte soll man im Winter nehmen? Frische Hagebutten, die sollen es sein. Freund Rupert hilft bei der Suche nach den leckersten Früchten. Weiterlesen

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Michael Christie: Das Flüstern der Bäume

Im Jahr 2038 arbeitet Jacinda Greenwood, genannt Jake, als Naturführerin auf einer Insel vor der kanadischen Küste. Diese Insel ist einer der letzten Orte der Erde, an dem noch Primärwald zu finden ist und wo man noch frei atmen kann. Spätestens seit dem Großen Welken ist die Welt sehr unwirtlich geworden. Der Klimawandel führte dazu, dass sich die Klimazonen schneller verändern, als die Bäume sich anpassen können. Dies hat ihre Fähigkeit zur Abwehr von Schädlingen geschwächt und die meisten Bäume zum Tode verurteilt. „Während weltweit immer mehr Primärwälder absterben, trocknet der Boden aus […] und es entstehen tödliche Wolken aus Staub so fein wie Mehl, die das Land ersticken. […] Landwirtschaftsbetriebe machen Konkurs, der Aktienmarkt bricht ein, die Arbeitslosenzahlen steigen, unkontrollierte Waldbrände, Ausschreitungen und Plünderungen sind an der Tagesordnung.“ (Zitat: Kapitel „Das Große Welken“)

Ein interessantes Szenario, es ist aber nicht das Hauptthema des Romans, sondern lediglich der Rahmen, in den die Geschichte eingebettet ist. Am Anfang des Buches ist der Querschnitt eines Baumstammes abgebildet. Anhand der Jahresringe eines Baumes kann man sein Alter bestimmen, sie verraten aber auch etwas darüber, unter welchen Umweltbedingungen der Baum herangewachsen ist. Kräftiges Wachstum erzeugt breite Ringe, schmale Ringe verweisen auf schlechte, vielleicht zu trockene Jahre. Weiterlesen

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Annegret Held: Eine Räuberballade

Hier nun der dritte Band der Trilogie um das Westerwälder Dorf Scholmerbach. Diesmal verlegt die Autorin die Geschichte an das Ende des 18. Jahrhunderts.

Tatsächlich gemahnt der Roman an eine Ballade. Er erzählt von Hannes, dem Sohn von Wilhelm. Die beiden sind so grundsätzlich verschieden – aufsässig, wild, ungebärdig der Sohn; fromm und vom Leben gezeichnet der Vater. Es kommt eines Tages zum Eklat und Hannes geht fort. Er schließt sich einer Bande von Räubern an und lernt, wie ein Auszubildender, das Handwerk der Räuberei. Dabei steht er sich reichlich oft selbst im Weg, verstößt er doch auch hier immer wieder gegen die Regeln und bringt mehr als einmal die ganze Bande in Gefahr.

Derweil ist Wilhelm immer verzweifelter, er hat ja auch noch seine schwer kranke Frau und die kleine Tochter, die er versorgen muss. In der Hoffnung auf Hilfe begibt er sich auf eine Wallfahrt und tatsächlich, als er nach Hause kommt, scheint es seiner Frau besser zu gehen.

Und da gibt es noch Gertraud, die beim Müller als Magd unterkommt. Gertraut passt so gar nicht in das Bild der fügsamen, dem Manne gehorchenden Frau. Sie widersetzt sich den Anweisungen der Müllerin, streitet auf das Heftigste mit dem Müller und schikaniert den Knecht. Doch gerade ihre forsche Art sorgt dafür, dass sie oft die Geschäfte für den Müller abschließt, da sie sehr gut verhandeln kann mit den Bauern, die das Korn bringen und das Mehl holen. Und Gertraud ist stark, sie hat so gut wie vor nichts Angst. Weiterlesen

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Heiko Hentschel: Glas-Trilogie 02: Das flüsternde Glas

„Das flüsternde Glas“ ist der zweite Band aus der Glas-Trilogie. Protagonisten sind wieder Moritz und seine Schwester Konstanze, die mit Freunden auf der Suche nach dem Mock sind. Wer oder was der Mock ist, wird an dieser Stelle besser nicht verraten.

Moritz, Konstanze und Freunde unternehmen dieses nicht ungefährliche Abenteuer, um Helene zu retten, die nun seit mehr als drei Jahrhunderten wie eine Untote auf der Welt wandelt. Die Handlung spielt in Bad Greifenstein, das weit davon entfernt ist, ein Kurort zu sein. Abenteuer und vor allem Monster wie die Mimose, der Vielfraß, Nachtalb und Werwolf reichern nicht nur die Stadt, sondern auch die Erzählung an.

Das kurzweilige Jugendbuch lebt von der Dynamik der rasanten Handlung, die Figuren sprühen in der Ausgestaltung vor Fantasie und originellen Einfällen. Band 2 der Trilogie ist auch ohne Kenntnis von Band 1 lesbar und verständlich. Der dritte Teil mit dem Titel „Das ewige Glas“ erscheint voraussichtlich im Herbst 2021. Weiterlesen

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