Thomas Reverdy: Ein englischer Winter

Mit dem Winter vor Margaret Thatchers Wahl zur britischen Premierministerin 78/79 befasst sich ein Roman von Thomas Reverdy. Die Fahrradkurierin und Hobbyschauspielerin Candice fährt im winterlichen London durch Müllberge, die wegen des Generalstreiks nicht abgeholt werden. In einem improvisierten Nachtclub verliebt sie sich.

Der Roman des 1974 geborenen britischen Autors zerfällt ein wenig in verschiedene Einzelteile, die nur lose miteinander verbunden sind. Einen Schwerpunkt bilden die politischen Verhältnisse im „Winter des Missvergnügens“ – so hat ihn ein englischer Journalist einmal genannt -, als Streiks das Land lahmlegten. Man sollte sich für dieses lange zurückliegende Thema interessieren, wenn man den Kauf dieses Buches in Erwägung zieht. Weiterlesen

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Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes

Franklin Starlight stammt von den Ojibwe ab. Er war der einzige Indianer in der Schule, wegen seiner Schweigsamkeit wird er oft für mürrisch gehalten. Am wohlsten fühlt er sich, wenn er mit der Stute auf kaum zu entdeckenden Pfaden das Hochland durchstreift, manchmal wochenlang. Allein. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich beim Alten auf der Farm. Der Alte hat ihn aufgezogen, ihn alles gelehrt: Arbeit, Jagd, Respekt vor der Natur. Als Frank sechzehn ist, lässt ihn sein Vater zu sich rufen. Eldon Starlight ist ein herunter gekommener Alkoholiker, der in einer Kaschemme in der Fabrikstadt am Parson’s Gap lebt und sich als Tagelöhner durchs Leben schlägt. Pflichtbewusst macht sich Frank auf den mehrtägigen Weg in die Stadt. Er erwartet nichts vom Vater. Seit er denken kann, lebt er beim Alten; der Vater kam selten, jedes seiner Versprechen wurde zur Enttäuschung.

Eldon geht es sehr schlecht. Er will, dass Frank ihn in die Wildnis bringt, in die Gegend, aus der er gekommen ist, und ihn dort mit dem Gesicht nach Osten begräbt, im Sitzen, wie einen Krieger. Widerwillig stimmt Frank zu. Weiterlesen

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Marcel Atze & Tanja Gausterer: Im Schatten von Bambi

Felix Salten ist der nom de plume des ungarisch-österreichischen Schriftstellers Siegmund Salzmann. Geboren wurde der Autor am 6. September 1869 in Pest (Ungarn). Salten wurde mit der Geschichte des kleinen Rehkitz Bambi in „Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde“ aus dem Jahre 1923 weltberühmt. Das man Felix Salten zu Unrecht auf den Autor von Bambi reduziert, soll die vorliegende Biografie über das Leben und das Werk des Autoren beweisen.

Es handelt sich hierbei um eine Ausgabe der Wienbibliothek. Der Band erhält dadurch eine einzigartige Anreicherung durch zahlreiche authentische Abbildungen, die dem Archiv der Bibliothek entstammen dürften. Zugleich wurde der Nachlass des Autoren gesichtet. Unter anderem wurde dabei die Novelle „Albertine“ entdeckt. Die erotische Novelle befindet sich nun kurzerhand ebenfalls im Buch. Fotografien von Wegbegleitern und historischen Persönlichkeiten, die in Saltens Leben eine Rolle spielten, sind ebenso zu entdecken wie Abbildungen von Postkarten, Formularen, Tagebucheinträgen und Schriften des Autors. Weiterlesen

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Melissa Scrivner Love: Lola

Lola lebt als eine von vielen jungen Frauen in einem der Latinoviertel in L.A. Als Teil der Gang The Crenshaw Six kontrolliert sie einige Straßenecken, doch wirklich groß sind sie nicht.

Als sie gemeinsam mit ihrem Freund Garcia, dem Kopf der Bande, und ihrem kleinen Bruder Hector ein Barbecue gibt, taucht ein Mitglied des Kartells auf und zwingt Garcia einen Auftrag auf. Blöd nur, dass in Wahrheit nicht er, sondern Lola die Gang anführt. Doch genau sie soll hingerichtet werden, wenn sie versagen.

Als sie einige Tage später den geplanten Auftrag in den Sand setzen und somit einige Millionen Dollar des Kartells verlieren, sieht es schlecht aus für Lola. Sehr schlecht. Weiterlesen

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N.K. Jemisin: Steinerner Himmel

„Steinerner Himmel“ ist der abschließende Roman der Trilogie „Die große Stille“ von N.K. Jemisin. Die nordamerikanische Autorin heimste für alle drei Bände große Auszeichnungen und viel Lob ein. Der vorliegende Roman rechtfertigt diese Ehrungen bis auf einen Aspekt. Wir befinden uns in einer Zeit, die weit, weit nach der jetzigen auf der Erde spielt. Die Welt in „Steinerner Himmel“ ist mit der unsrigen nicht zu vergleichen. Die Dystopie vermittelt dem Leser, dass die Erde selbst ein Bewusstsein erlangt hat; zu einem Wesen geworden ist: Vater Erde.

Vater Erde rächt sich ob dem egoistischen Vorgehen der Menschen an ihm durch eine Reihe von Naturkatastrophen, insbesondere durch den Ausbruch von Supervulkanen. Diese Naturkatastrophen führen, wenn sie kumuliert auftreten, zu Fünftzeiten, eine Art Winter, der mindestens sechs Monate andauert und durch seismische oder andere gravierende Umweltereignisse ausgelöst wird. So eine Fünftzeit wünscht sich keiner, sollte man meinen. Die verbliebenen Menschen und anderen Lebensformen auf der Welt haben sich als Überlebensstrategie eine Art Lethargie zu eigen gemacht. Sie kämpfen um das eigene Leben und maximal noch um den Fortbestand ihrer Gem (örtlichen Gemeinschaft). Weiterlesen

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Judithe Little: Die Schwestern Chanel

Die Schwestern Julia-Berthe, Gabrielle und Antoinette Chanel werden 1897 von ihrem Vater Albert in einem katholischen Waisenhaus in Aubazine, mitten in der französischen Provinz, abgegeben. Die Mutter ist an Tuberkulose (und vielleicht auch an Einsamkeit) gestorben. Der Vater ist als fahrender Händler viel unterwegs. Die Kinder kann er dabei nicht brauchen, auch, weil er diversen Frauenbekanntschaften nicht abgeneigt ist.

„Ich komme wieder“, hatte Albert versprochen, wurde aber daraufhin nie mehr gesehen. Die Mädchen leiden am Verlust der Mutter, an der Abwesenheit des Vaters und an der Strenge der Schwestern im Waisenhaus. Sie waren ein freies Leben gewohnt.

„Die Nonnen von Aubazine gaben uns ein Dach über dem Kopf. Sie gaben uns zu essen. Sie versuchten, unsere Seelen zu retten und uns zu zivilisieren, indem sie Struktur und Ordnung in unsere Tage brachten. Doch die Leere in unseren Herzen konnten sie nicht füllen.“ (Kapitel 2)

Die freundliche und herzensgute, aber auch sehr leichtgläubige Julia-Berthe kommt noch am besten damit zurecht. Doch Gabrielle (die später zur weltberühmten Coco Chanel werden wird) und Antoinette fühlen sich unerwünscht und zur Seite geschoben. Weiterlesen

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Viktor Martinowitsch: Revolution

„[…] Wenn du das liest und dich entsetzt […], berücksichtige bitte die Plötzlichkeit des Ganzen. Ich konnte nicht eine Sekunde nachdenken und überlegen. Das hatten sie, wie es aussieht, auch so kalkuliert.“ (S. 195)

Der Ich-Erzähler Michail gerät in den Fokus einer geheimen Organisation, deren Strukturen so diffus sind wie ihre Ziele. Seltsame Umstände bringen ihn in einen Konflikt mit der Polizei, die mit einer Gefängnisstrafe droht. Doch der Zufall schickt ihm die Hilfe eines fremden Freundes. Michail ist gerettet und gleichzeitig in einer Abhängigkeit gefangen, weil die neuen Freunde von ihm Gegenleistungen verlangen. Spontane Anrufe katapultieren ihn in Gewissenskonflikte. Von einem Mittfünfziger, dessen Gesicht und Leibesfülle für ein geruhsames Leben sprechen, erfährt Michail, dass die eigene Unversehrtheit nur über erfolgreiche Aufträge gesichert ist.

Im Laufe der folgenden Monate lernt Michail alle Hemmschwellen zu überwinden.

Viktor Martinowitsch studierte Journalistik und lehrt heute Politikwissenschaft. Revolution ist sein dritter Roman und wurde wie die vorhergehenden Romane von Thomas Weiler übersetzt. Der Autor thematisiert in seinem aktuellen Roman die Auswirkungen der Macht. Der Gegenspieler des Ich-Erzählers, der alte Batja, erklärt sein Erfolgsrezept: Macht müsse man sich nehmen und jeden aus dem Weg räumen, der etwas dagegen habe. Die Macht, die durch eine Wahl gewährt wird, sei keine Macht im eigentlichen Sinne. Weiterlesen

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Chris Kraus: Scherbentanz

Jesko ist ein Außenseiter in seiner Familie. Während sein Vater und sein Bruder ernst Geschäftsmänner sind, die immer Anzug tragen, keine Gefühle zulassen und im Geld schwimmen, ist er Modedesigner, der seine Klamotten selbst näht und gerne Röcke trägt. Er vermeidet den Kontakt zu seiner Familie, sooft es eben möglich ist, zu seiner Mutter, von der sein Vater sich in seiner frühsten Kindheit scheiden ließ, hat er keinen Kontakt mehr.

Doch eine Sache schweißt die zerbrochene Familie wieder zusammen: Jesko hat Leukämie und wird bald sterben, da sich kein passender Knochenmarkspender findet. Bis seine verschwundene Mutter wieder auftaucht, die einzige in der Familie, die noch nicht als Spender ausgeschlossen wurde.

Jesko wird zurück in die Villa seines Vaters gelockt, um seine Mutter davon zu überzeugen, ihm das Leben zu retten. Dort angekommen muss er feststellen, dass sie geisteskrank ist und nicht selbstständig denken kann.

Aber das ist nicht der Grund, warum Jesko sich weigert, die Spende seiner Mutter anzunehmen. Obwohl er kurz vor dem Tod steht, will er die Rettung nicht annehmen und weigert sich, mit seiner Mutter zu sprechen. Denn vor vielen Jahren, als er und sein Bruder noch Kinder waren, hat diese Frau ihm etwas Schreckliches angetan. Weiterlesen

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Lorraine Fouchet: Pinguine bringen Glück

Ein wunderschönes Buch mit einem etwas unpassenden Titel.

Der fünfzehnjährige Dom spielt nachts heimlich ein Computerspiel, als das Gerät plötzlich abstürzt. Kurz darauf stehen Notärzte und Sanitäter in der Wohnung, in der er mit seinem Vater wohnt. Doch sie können seinem Vater nicht mehr helfen. Sein Herz hat versagt. Doch wer hat die Ärzte gerufen? Dom erfährt, eine blonde Frau sei bei seinem Vater gewesen, als er starb. Wer ist sie? Sie muss im selben Haus wohnen, also muss er sie kennen.

In diesem Haus wohnt die gesamte Familie, Doms Onkel, seine Tanten, eine Concierge und eine Mieterin im Dachgeschoß. Und alle Frauen sind blond.

Auch wenn sein Onkel zum Vormund ernannt wird und seine Tanten sich um ihn kümmern möchten, so ist Dom doch plötzlich sehr allein. Denn auch seine Mutter ist verschwunden, schon vor mehreren Jahren. Sie ist Chirurgin und wollte armen Kindern helfen, am anderen Ende der Welt.

Auf der Suche nach der mysteriösen Blonden findet Dom noch viel mehr über seinen Vater heraus. So wird in einem Beileidsschreiben eine Tochter seiner Eltern erwähnt. Davon weiß er gar nichts, wieso hat er eine Schwester, die er nicht kennt? Und wo findet er seine Mutter? Und nicht zu vergessen, wer ist die heimliche Geliebte seines Vaters? Weiterlesen

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Vernon Lee: Unsere Liebe Frau der Sieben Dolche (1927)

Der Originaltext zu „The Virgin of the Seven Daggers“ erschien 1927 in London. Autorin war Violet Paget, die sich in Anlehnung an den Namen ihres Halbbruders Vernon Lee nannte.

Das Werk wie die Autorin eckten im prüden England jener Zeit an. Violet Paget war zudem eine Frau, die entschieden für Pazifismus und Feminismus eintrat.

Zentrales Thema der Erzählung ist die Konkurrenz zwischen der Muttergottes und den Herzensdamen eines Adligen, eines Lebemannes. Zu der damaligen Zeit ein unerhörter Gedanke, zugleich ketzerisch wie empörend.

Die Erzählung spielt in der Domstadt Granada in Spanien. Die beginnt mit einer bildhaften Beschreibung der titelgebenden Kirche Unserer Lieben Frau von den Sieben Dolchen. Protagonist ist Don Juan Guzmán del Pulgar, Graf von Miramor. Der Bezug zu Don Juan ist hier im Namen überdeutlich verankert. Weiterlesen

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