Haruki Murakami: Erste Person Singular

Der japanische Erfolgsautor Haruki Murakami (Jahrgang 1949) hat ein neues Buch veröffentlicht. Der Erzählband „Erste Person Singular“ ist am 26. Januar 2021 in einer Übersetzung von Ursula Gräfe im DuMont Buchverlag erschienen.

Affen scheinen es den Autoren angetan zu haben. Im letzten Jahr erschien Patti Smiths „Im Jahr des Affen“, soeben T. C. Boyles „Sprich mit mir“ und nun der sprechende Affe in Murakamis Erzählung „Bekenntnis des Affen von Shinagawa“, den Murakami-Lesende schon aus dem Erzählband „Blinde Weide, schlafende Frau“ aus dem Jahre 2006 kennen.

In einem kleinen japanischen Badeort erzählt dieser Affe dem Ich-Erzähler  bei einem Bier seine Lebensgeschichte und verrät ihm seine heimliche Leidenschaft. Aber der „Affe von Shinagawa“ ist nur eine der neun Erzählungen.

In der titelgebenden Erzählung „Erste Person Singular“, die sich am Ende des Buches findet, besucht ein Mann, der an diesem Abend einen Anzug und ein Hemd mit Krawatte trägt, eine Bar. Dort wird er unvermittelt von einer Frau verbal attackiert. Dieser Vorfall lässt ihn verwirrt zurück. Weiterlesen

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Simon Urban: Wie alles begann und wer dabei umkam

Einen ausgesprochen witzigen Schelmenroman legt der deutsche Autor Simon Urban vor. In seinem 544-Seiten-Wälzer mit dem langen Titel „Wie alles begann und wer dabei umkam“ geht es um die Juristerei und die Frage, wie gerecht unsere Gesetze eigentlich sind.

Der Held entwickelt schon als Kind Interesse an diesem Thema. In Abwesenheit verurteilt er seine Großmutter, den tyrannischen Familiendrachen, zum Tode.

Kein Wunder also, dass er später Jura studiert – und zwar in Freiburg. Dort eckt er mit einer neuen Professorin an, die sich für eine Gesetzgebung einsetzt, die weniger auf Strafe ausgerichtet ist. Unser Held sieht‘s anders. Im Wesentlichen kommt er nicht damit klar, dass ein Täter nicht für ein und dieselbe Tat zweimal verurteilt werden kann – auch dann nicht, wenn neue Beweise auftauchen. Der Ich-Erzähler mutiert mehr und mehr zum düsteren Racheengel, der das Gesetz selbst in die Hand nimmt. Weiterlesen

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Nienke Jos: Die Angst der Schweigenden

Ein wirklich ungewöhnliches, ein gewöhnungsbedürftiges Buch. Sowohl was den Haken schlagenden Handlungsverlauf wie auch was den anfangs befremdlichen Schreibstil angeht.

Ich gestehe, während der ersten gut 100 Seiten war ich mehrere Mal versucht, das Buch wegzulegen. Es werden immer wieder neue Charaktere eingeführt, aus neuen Perspektiven erzählt, ohne dass sich die Zusammenhänge erschließen. Die Protagonistin Inna ist verstörend gestört, sie spricht fast nichts, gibt, wenn reden sich nicht vermeiden lässt, einsilbige Antworten. Die Bilder, die die Autorin mit ihrer harten, unprätentiösen Sprache malt, sind kalt, abweisend, verwirrend, beängstigend. Als Leserin verliere ich mich zwischen diesen einzelnen Handlungssträngen, von denen ich lange nicht erkennen kann, ob sie parallel, chronologisch oder auf ganz verschiedenen Zeitebenen ablaufen.

Aber ab etwa der Hälfte hat mich die Autorin gepackt, von da an konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen. Von dem Moment, als sich die verschiedenen Handlungsfäden langsam aufdröseln, wird die Geschichte hochspannend, regelrecht dramatisch. Weiterlesen

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Benedict Mirow: Die Chroniken von Mistle End 01: Der Greif erwacht

Cedrik hat es nicht leicht gehabt, in seinem Leben. Seine Mutter ist bei seiner Geburt verstorben, der Vater fand das Baby in einem Korb vor der Haustür. Seitdem zieht er seinen Sohn in einer etwas chaotischen, aber liebevollen Männerwirtschaft auf. Als der Vater seinen Job im „Königlichen Museum für Fabelwesen“ verliert, muss er sich einen neuen Broterwerb suchen. Er nimmt eine Stelle als Grundschullehrer im Schottischen Mistle End an – einem Ort, der kaum auf einer Karte verzeichnet ist, an dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Kaum in dem abgelegen situierten Dorf angekommen, merkt Cedrik sofort, dass es hier etwas komisch zugeht. Zwar findet er in einem Geschwisterpaar schnell Freunde, ein Junge, der ihn mobbt, ist leider auch mit von der Partie – aber irgendetwas stimmt hier nicht. Nachts, in seinen Träumen begegnet ihm ein Greif, ein Wolf verfolgt ihn – bis er merkt, dass er in einem Dorf gelandet ist, in das sich die magischen Wesen vor der Inquisition zurückgezogen haben.

Gestaltwandler, Hexen und Elben geben sich hier ein Stelldichein – und Cedrik ist mittendrin. Als „normaler“ Mensch, wie er zunächst meint, doch dann entpuppt sich sein Traum Greif als höchst real und verlangt, dass er eine Prüfung ablegt. Mit dieser soll geprüft werden, ob er in die friedliche Gemeinschaft passt und was seine magischen Fähigkeiten sind.

Dass es just, als Cedrik und sein Vater sich der Dorfgemeinschaft anschließen zu Angriffen und Unfrieden kommt, ist verdächtig. Als Cedrik sich bei der Prüfung als Druide erweist, ist das Erstaunen groß. Die Druiden haben sich vor Generationen aus der magischen Gemeinschaft zurückgezogen – ihre überragenden Kräfte können in einem Konflikt entscheidend für den Ausgang sein. Als es zum Unfrieden im Dorf kommt, sich die Dornenhexen aus der Gemeinschaft lösen, liegt der Verdacht nahe, dass der Neue dafür verantwortlich ist. Wenn es da nicht noch … Weiterlesen

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Meredith Russo: Birthday – Eine Liebesgeschichte

Ein Unwetter hält zwei Familien bei der Geburt ihrer Kinder in einem Krankenhaus fest. So kommt es, dass sich nicht nur die Eltern miteinander anfreunden. Auch Eric und Morgan werden im Laufe ihrer Kindheit allerbeste Freunde. Sie lieben die Tradition, mit ihren Eltern den gemeinsamen Geburtstag zu feiern. Als Morgans Mutter an Krebs stirbt, ändert sich alles. Die Freundschaft zwischen Erics Eltern und Morgans Vater zerbricht. Morgan und sein Vater müssen in einen Trailer ziehen, während Eric und seine Eltern jeden Luxus haben, den man sich nur wünschen kann. Doch der Schein trügt. In beiden Familien brodelt es. Auch in Eric und Morgan brodelt es. Während Eric etwas fühlt, was er nicht versteht, spürt Morgan, dass etwas in ihm anders ist. Sein Körper fühlt sich falsch an, und er glaubt, mit ihm sei etwas verkehrt. Auch andere merken dies und lehnen Morgan deshalb ab. Nur Eric hält zu ihm. Irgendwann begreift Morgan, sein Leben braucht dringend eine Wendung zum Besseren. Er weiß nur nicht, wie.

„… Die Typen an der Schule beschimpfen mich als Weichei und Heulsuse … und das, obwohl ich wirklich nie, niemals weine. Die Traurigkeit steigt normalerweise nie höher als bis in meine Kehle. Nur heute Abend kann ich sie nicht mehr aufhalten.“ (S. 167)

Meredith Russo lebt seit 2013 als Frau. Ihr Debütroman „Als ich Amanda wurde“ war in den USA eines der ersten Bücher zum Thema Transgender. In diesem Jahr erscheint von ihr ein Jugendroman zu ihrem Lebensthema. Er wurde von Anne Brauner und Susanne Klein übersetzt. Entstanden ist eine ergreifende, wunderschöne Liebesgeschichte, wie man sie selten zu lesen bekommt. Weiterlesen

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Blake Gopnik: Warhol: Ein Leben als Kunst

Andy Warhol ist nicht nur der bekannteste Künstler der Pop-Art, er hat sie außerdem auf seine ganz eigene, revolutionäre Art erschaffen. Seine Bilder von Suppendosen und Marilyn Monroe sind richtungsweisend für einen ganzen Kunststil, ob man sie nun mag oder nicht: Jeder kennt sie oder hat sie unbewusst schon einmal gesehen. Doch wie wurde Andy Warhol zu der Legende, die bis über seinen Tod hinaus in unserer heutigen Zeit weiterlebt und noch immer die Kunstszene beeinflusst?

Blake Gopnik hat in der Biografie „Warhol: Ein Leben als Kunst“ auf beeindruckende Weise unzählige Informationen über den Künstler vereint und sie in seinem Text zu einer fesselnden Geschichte vereint. Die Äußerungen unzähliger Freunde, Bekannter und Verwandter ergänzen das chronologische Bild, das der Autor von dem Künstler gibt.

Blake Gopnik hat es geschafft, eine Biografie zu dem spannendsten Buch zu machen, das ich seit langem gelesen habe. Ob die Vorgeschichte Warhols Familie, sein Verhalten als Kind oder die Erschaffung seiner Kunst beschrieben wird – jedes Wort ist fesselnd und vermittelt ein so umfassendes Bild von dem Künstler, dass man nicht nur glaubt, ihn selbst gekannt zu haben, sondern auch jeden Schritt seines Lebens mit ihm gegangen zu sein. Weiterlesen

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Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit: Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933-1943)

Philosophie hautnah erleben: Wolfram Eilenberger ist es gelungen, die Philosophie in einen persönlichen Kontext zu stellen. Dafür hat er vier wichtige Philosophinnen ausgewählt, die während der Schicksalsjahre des Nazi-Regimes zu wahrer Größe finden. Die der Gleichschaltung eine Gedankenfülle entgegensetzen, die uns bis heute prägt. Wir begleiten die Damen in Pariser Cafés, Internierungslager, Hospitäler, schäbige Souterrain-Wohnungen, sogar bis nach Hollywood. Dort werden wir Zeugen ihrer Höhen und Tiefen, ihrer Hoffnungen und Zweifel. Wir verstehen um die Hintergründe ihrer Gedanken. Wir sehen, wie die Geschichte sie ausbremst, verändert, antreibt. Das liest sich ungeheuer spannend! Philosophie plus Zeitgeschichte plus Biografie: Mit dieser Mischung hat Eilenberger einen Zugang zur Materie geschaffen, der nicht nur gedanklich, sondern auch emotional berührt.

In „Zeit der Zauberer“ hat Eilenberger seine Leser an der Seite von vier männlichen Philosophen durch die Epoche der Weimarer Republik begleitet. Nun führt er chronologisch durch den Werdegang der vier außergewöhnlichen Frauen. Sie haben dieselbe Berufung, könnten jedoch nicht unterschiedlicher sein. Ayn Rand befasst sich mit Kapitalismus, Simone de Beauvoir mit Existenzialismus, Hannah Arendt mit Zionismus und Simone Weil mit christlichem Mystizismus. Auch wenn ihre Lösungen voneinander abweichen, ähneln sich die Grundfragen, die sie innerlich umtreiben. So stehen die Themen „Das Individuum und das Kollektiv“ und „Was ist Freiheit?“ im Mittelpunkt zahlreicher Überlegungen. Mit dem Ausbruch des Krieges rücken Fragen wie „Ist Gewalt unter bestimmten Gesichtspunkten legitim?“ oder „Wie funktioniert Populismus?“ ins Bewusstsein.

Daneben hat jede Philosophin ihre eigenen Steckenpferde. Bei Beauvoir ist es unter anderem die Auseinandersetzung mit dem „reinen Bewusstsein“. Wie sollte man analysieren, ohne zu bewerten? Weiterlesen

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Sarah Klymkiw & Kim Hankinson: Make Fashion Better

Was würde geschehen, wenn jeder beim Kauf eines T-Shirts wüsste, dass hierfür circa 2.700 Liter Trinkwasser verbraucht worden sind? Sollte dieses Kleidungsstück für ein paar Euro über die Ladentheke gehen, hat man auf der einen Seite ein Schnäppchen gemacht. Auf der anderen Seite trägt die Käuferin, der Käufer vermutlich minderwertige Ware nach Hause, die schnell unansehnlich und nach ein paar Mal Waschen weggeworfen wird. Für die Autorin Sarah Klymkiw und die Künstlerin Kim Hankinson war es aus diesem Grund eine Herzensangelegenheit, ein Buch über Mode zu gestalten, in dem Kreativität und ein schonender Umgang mit den Ressourcen vorgestellt wird. Bereits auf der Innenseite des Einbandes findet sich ein Zitat der Autorin, das die Lesereise beschreibt:

„Wir können gemeinsam die Welt verändern, indem wir unsere Kleidung ändern.“

Wie dies funktioniert, wird unter anderem in den Kapiteln Kleiderpflege, Reparatur und neue Gestaltung beschrieben. Ob Kleidung mit anderen Materialien geschmückt wird oder neue Kombinationen entstehen, hängt von der Kreativität der Gestalterin, des Gestalters ab. Dies setzt natürlich Kenntnisse in der Handarbeit voraus. Weiterlesen

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Michael Peinkofer: Ork City

Corwyn Rash hat auf die schmerzhafte Art lernen müssen, dass das Schicksal seinen Fäkalieneimer immer mit vollen Händen direkt über seinem Kopf ausschüttet. Er hat im großen Krieg gedient, hat, auch dank seines siebten Sinns, überlebt, danach war er kurzzeitig in Diensten der Ordnungsmacht, sprich Bulle vom Dienst und inzwischen ist er Privatschnüffler. Unser Viertel-Ork ist bekannt als einer, der Prinzipien hat und das ist in Tirgaslan nicht unbedingt von Vorteil!

Wenn es ganz schlecht läuft, dann treibt er auch mal Schulden ein – auf die harte Art, versteht sich. Während die Hautevolee in Zeppelinen über der Stadt rauschende Feste feiert, haben Zwergensyndikate und Orkbanden die Unterstadt fest zwischen sich aufgeteilt. Eines Tages kommt die umjubelte Sängerin Kity in sein heruntergekommenes Büro – er soll ihren verschwundenen Manager auftreiben und das für satte Orgos. Dumm, dass er den Gesuchten gleich am folgenden Tag findet – ungeschickt deshalb, weil dies in der städtischen Leichenhalle unter Beisein einiger Gesetzeshüter passiert.

Was steckt hinter dem Blei in der Brust des Gesuchten, wie passt ein mysteriöses elfisches Artefakt dazu und warum hat der brutalste Zwergenclan seine Hände mit im Spiel – Corwyn will es gar nicht wissen und muss doch die Ermittlungen aufnehmen, steckt er doch schon über beide Ohren mittendrin im Schlamassel um einen dunklen Kult, ein elbisches Relikt und Morde satt… Weiterlesen

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T.C. Boyle: Sprich mit mir

T. C. Boyles (Jahrgang 1948) neuer Roman „Sprich mit mir“ erscheint zuerst in Deutschland bevor die amerikanische Originalausgabe „Talk to me“ zu lesen sein wird. Am 25. Januar 2021 veröffentlichte der Carl Hanser Verlag das Buch des weltberühmten US-amerikanischen Schriftstellers in einer Übersetzung von Dirk van Gunsteren.

Mein Lesejahr 2021 beginnt (trotz Böllerverbot) mit einem Knaller: „Sprich mit mir“ von T. C. Boyle.

Darin erzählt Boyle die Geschichte von Guy Schermerhorn, Aimee Villard und Sam. Dr. Schermerhorn ist Privatdozent für Psychologie an einer kalifornischen Universität und forscht zum Spracherwerb von Schimpansen. Aimee Villard, eine junge und schüchterne, aber sehr hübsche Studentin, sieht Schermerhorn in der in den 1970er Jahren bekannten Fernsehshow „Sag die Wahrheit“. Mehr noch als Guy Schermerhorn beeindruckt Aimee jedoch der Auftritt des Schimpansen Sam, der in sich in der Show in Gebärdensprache mit Guy unterhält (beinahe wie Loriots sprechender Hund Bello). Aimee bewirbt sich als studentische Hilfskraft in Schermerhorns Projekt. Soweit so normal. Weiterlesen

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