Hallgrímur Helgason: 60 Kilo Sonnenschein

In Island wurde er als bester Roman des Jahres ausgezeichnet. Kein Wunder: Hallgrímur Helgason hat ein aberwitziges, fantasievoll überbordendes Stück Literatur geschrieben, einen Grenzgänger zwischen Prosa, Saga und Lyrik. Er begleitet seine Landsleute auf dem Weg in die Moderne, zwischen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Während der Rest der Welt schon volle Dampfkraft voraus im motorisierten Zeitalter angekommen ist, leben die ausgemergelten Bewohner in den abgelegenen Fjorden Islands noch im Steinzeitalter. So etwas prägt die Menschen. Diese kennenzulernen mit ihren Macken, Hoffnungen und Lastern bereitet Leselust vom Feinsten!

Eine Kirche, die von einem Wintersturm über den Fjord gefegt wird, gleicht einem „Jesus läuft übers Wasser“-Wunder. Frauen, deren Röcke beim Pipimachen vom Sturm erfasst und die bis auf den kilometerweit entfernten Nachbarhof geweht werden, gehören schon eher zum isländischen Alltag. Familien binden sich nachts mit Seilen im Schlaf aneinander, um im Falle einer Schneelawine schneller gefunden zu werden. Leichen, die im Dauerfrostboden nicht tief genug eingegraben wurden, schwimmen im frühjährlichen Tauwetter wieder munter durchs Meer. Dafür endet der Gang eines dauerbetrunkenen Pfarrers in einem offenen Grab. Drei selbst ernannte „Propheten“ rennen in gelbfleckiger Unterwäsche samt Leinentüchern durchs Dorf und orakeln widersprüchliches Zeug. Die Isländer selbst misstrauen allem und jedem, machen sich stets auf die schlimmste aller Möglichkeiten gefasst – die erstaunlich oft eintritt. Willkommen in der Welt des Hallgrímur Helgason! Er schafft Situationen und Charaktere, die so skurril und unglaublich sind, dass man lautlos loslachen muss, noch unentschlossen darüber, ob selbiges Lachen im Halse stecken bleiben könnte.

Im Mittelpunkt steht der junge Gestur, der im Alter von zwei Jahren Mutter und Schwester an die unbarmherzigen Schneemassen verliert. Die Pläne seines Vaters, nach Amerika auszuwandern, scheitern. Gestur landet zunächst bei einem wohlhabenden Ziehvater, bis ihn der Segulfjördur seiner Kindheit wieder in seine Arme schließt. Er landet in der äußerst ärmlichen Familie des Zimmermanns und Bauern Lasi, mit dem sein Vater einst befreundet war. Für den Jungen ein Schock! Statt auf wohlig warmen Holzböden zu spielen, robbt er nun durch schmutzige Erdlöcher und muss Schafe hüten. Doch der intelligente, belesene Junge hofft auf ein besseres Leben. Als die Moderne in Form norwegischer Fischfangflotten und Handelsleute in den abgelegenen Fjörd einbricht, scheinen sich dafür neue Gelegenheiten aufzutun. Zum ersten Mal erhalten die Menschen für ihre Arbeit echtes, gedrucktes Geld! Zum ersten Mal sind sie nicht mehr an das Schicksal ihrer Geburt gebunden. Der Kulturclash zwischen tausendjähriger Abschottung und globalisierter Handelswelt läuft nicht immer ganz reibungslos ab. Noch dazu wartet Gesturs größtes Abenteuer, seine wichtigste Lektion in Sachen Menschwerdung, ganz woanders…

Hallgrímur Helgason hat es wieder einmal geschafft, seine Leser schlichtweg aus den Socken – oder vielmehr vom Sofa – zu hauen. Es ist ihm anzumerken, wieviel Spaß ihm seine Fabulierkunst bereitet. Wieviel Freude dahintersteckt, historische Fakten augenzwinkernd auszuformulieren. Ein Beispiel: Der neue Pfarrer Séra Árni hat schnell gelernt, dass mangelnde Fensterabdeckungen weitaus gefürchteter sind, als die Folgen der Erbsünde. Darum hat er stets ein paar Schafsfruchtblasen im Gepäck, wenn er den Schäfchen seiner Kirche (den zweibeinigen) einen Hausbesuch abstattet. „Durch solche biologischen Fenster hate die Nation jahrhundertelang ihr Land betrachtet, fest im Uterus der Zeit.“

Grandios sind Helgasons Personen- oder Landschaftsbeschreibungen. Er liebt seine Landsleute, auch wenn er sie gnadenlos durch den Kakao zieht. So weist das Rechts- und Handelssystem Islands im 19. Jahrhundert erhebliche Mängel auf. Getauscht beziehungsweise betrogen wird bargeldlos und nach Gutdünken. Immerhin haben die Isländer den ersten „Drive-In“ der Welt erfunden, noch dazu auf dem Wasser!

Auch zeigt sich, warum Island das Land mit der höchsten Dichte an Literaten und Literaturverlagen auf der ganzen Welt ist. Die Insel wird permanent von Extremen beherrscht. „Die Berge sind jung und verrückt, an einem Tag von Eis bedeckt, am anderen von glühender Lava. Wasser ist entweder so heiß, dass man keinen Zeh hineintauchen kann oder so kalt, dass man darauf Schlittschuh lief.“ Die Bewohner mussten stets mit allem rechnen, haben sich dadurch eine extreme Leidensfähigkeit aufgebaut und sich zum Ausgleich in die schillernde Literatur- und Sagenwelt geflüchtet.

Fazit: Wer originelle, aberwitzige Prosa mag, wird sich in diesen Roman „schockverlieben“. Der Autor watet durch das Zauberreich der Fantasie wie andere Leute durch ein Kneipp-Becken. Heraus kommt ein Roman, die erfrischend anders ist und einen prickelnden Abgang in der Großhirnrinde hinterlässt. 11 von 10 literarischen Sternen plus eine klare Kaufempfehlung für kalte Wintertage vor dem heimeligen Kamin.

Hallgrímur Helgason: 60 Kilo Sonnenschein.
Tropen, Oktober 2020.
576 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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