Genki Kawamura: Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden

Ein Roman wie ein Haiku – verdichtet und klar in der Sprache, gehaltvoll-poetisch im Nachklang. Diese Glanzleistung vollbringen japanische Wortkünstler wie sonst keiner! Genki Kawamura macht da keine Ausnahme. Es ist erstaunlich, was der Autor in nur 188 Seiten packt: eine todernste Thematik mit viel Humor, Gesellschaftskritik mit mystischen Anklängen, menschliche Grundthemen, die einmal anders herum aufgerollt werden. Die Frage, worauf es im Leben ankommt, wird nicht dadurch beantwortet, indem der Protagonist angesichts seines nahenden Todes etwas tut. Sondern indem er etwas weglässt.

Der 30jährige namenlose Ich-Erzähler lebt ohne große Ambitionen in den Tag hinein. Er hat einen Kater als Mitbewohner, arbeitet als Postbote, vertreibt sich die Zeit mit Smartphone, Kino, Manga-Comics und Anime-Trickfilmen. Bis bei ihm ein Gehirntumor diagnostiziert wird. In seiner Verzweiflung erscheint ihm der Teufel mit einem zweifelhaften Angebot. Der junge Mann wird morgen sterben. Es sei denn, etwas anderes verschwindet an seiner Stelle von der Welt. Mit diesem Pakt kann er sein Leben Tag für Tag verlängern. Klingt zunächst ganz simpel. Der Erzähler willigt ein.

Einziger Haken: Der Teufel entscheidet, was verschwinden soll. Am ersten Tag sind es die Telefone und Smartphones. Als Sonderbonus gewährt ihm der Teufel einen letzten Anruf, was den Protagonisten in arge Bedrängnis bringt. Sein Handyspeicher ist voller Nummern, aber ohne wirkliche Beziehungen dahinter. Dann ruft er ausgerechnet eine Nummer an, die gar nicht in seinem Speicher ist, sondern nur in seinem Kopf. Weil eine wirkliche Herzensangelegenheit dahintersteckte. Er beobachtet das Verhalten seiner Mitmenschen. Es scheint, als sei das Verschwinden der Mobiltelefone gar kein großes Übel. „Sooft wir etwas Neues erfanden, ging etwas anderes verloren.“

Mit jedem neuen Tag, mit jedem neuen Verschwinden, wird der Erzähler dazu gebracht, die Konsequenzen und den Wert seiner Person zu hinterfragen. Was macht ein glückliches Leben aus? Worauf kommt es wirklich an? Wer bin ich, was werde ich der Nachwelt hinterlassen? Am vierten Tag fordert der Teufel jedoch ein Opfer, das den ganzen Pakt in Frage stellt …

Die Sprache ist auf den Punkt gebracht, ohne je in Kitsch oder Belehrung abzudriften. Genki Kawamuras Stärke liegt in der Beobachtung. Kleine, verrückte Details hauchen der Prosa eine besondere Atmosphäre ein. Wie „Weißkohl“, der Name des Katers. Seinen Vorgänger „Eissalat“, hatte die Mutter des Erzählers in einer entsprechenden Kiste vor dem Supermarkt gefunden.

Der japanische Autor schafft es nicht nur, große Themen in bedeutungsschwangeren Motiven zu versinnbildlichen. Er schafft eine perfekte Synthese aus Ost und West. Mit verblüffender Leichtigkeit schlägt er den Bogen von der biblischen Genesis über Charlie Chaplin bis zum Harmonieprinzip des Yin und Yang. In Asien auch als Regisseur gefeiert, versieht er seine Prosa mit zahlreichen Filmzitaten. Die Liebe zum Kino scheint bei ihm ebenso durch wie seine Verehrung für Katzen.

Apropos: Katzenliebhaber müssen an manchen Stellen tapfer sein. Doch die Chancen stehen gut, dass sich der apokalyptische Buchtitel nicht bewahrheiten wird …

Fazit: Rührend, witzig, tragisch, klug – Kawamura hat in nur 188 Seiten die großen Fragen des Lebens verarbeitet. Es ist schnell gelesen, geht sofort unter die Haut und wirkt noch lange nach. Ein Roman, so schön wie ein Haiku. Und so zauberhaft wie das Wesen der Samtpfoten.

Genki Kawamura: Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden.
Bertelsmann Verlag, April 2018.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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2 Kommentare zu “Genki Kawamura: Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden

  1. Hallo Diana,
    eine herausragende Rezension, ich kann ihr gar nichts bedeutendes hinzufügen.
    Dass der Autor Regisseur ist, stimmt, das kann man auch an den vielen Filmzitaten erkennen. Buch meets Film.
    Auf jeden Fall ein wirklich tolles Buch!
    Ich hab dich hier verlinkt.
    Gruß,
    Daniela

    • Hallo Daniela,
      vielen Dank für dein positives Feedback!
      Dieses Buch muss man wirklich gelesen haben, nicht nur als Katzenfan, Filmfreak oder Japanliebhaber. Und Danke natürlich fürs Verlinken.
      Leselustige Grüße!
      Diana

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