Mariana Leky: Kummer aller Art

Es sind nicht die großen Probleme, sondern die kleinen Ängste, Neurosen, Spleens, welche in diesen herrlichen Kolumnen für Kummer aller Art sorgen. Die einen plagt die Schlaflosigkeit, andere trauen sich nicht in den Aufzug hinein. Manche haben Probleme damit, Entscheidungen zu fällen, lassen das Für und Wider so lange gegeneinander antreten, bis einer von beiden „erschöpft aus der Arena getragen wird und man mit einer ganz zweifellosen Entscheidung dastehen kann.“ (S. 158) Andere müssen genau 12-mal prüfen, ob der Herd ausgeschaltet ist, bevor sie das Haus verlassen. Die Autorin befürchtet, dass sie ihren Hund nicht genug liebt, während die Psychologin einer cremefarbenen Praxis ein genauso farbloses Leben führt. Eine 16-Jährige hat kein Freizeitleben mehr, denn ihr Ex-Freund hat alle Aktivitäten mit Erinnerungen kontaminiert. Lekys Protagonisten verlieren die Contenance, wenn sich an der Kasse jemand vordrängelt oder die Nachbarn zu laut sind. Aus dem Nichts kann der Kummer über einen hineinbrechen, aber genauso schnell wieder verschwinden.

Die 39 literarischen Kolumnen wurden erstmals in der Fachzeitschrift „Psychologie heute“ veröffentlicht und von der Autorin für dieses Buch überarbeitet. Es gelingt Leky meisterlich, empathisch auf menschliche Probleme einzugehen, diesen mit humoristischer Beobachtungsgabe zu begegnen und dabei stets den richtigen Ton anzuschlagen. Kein Wunder, dass die Autorin diesen Spagat so gut beherrscht: Sie wurde als Tochter einer Gesprächstherapeutin und eines Gefängnispsychologen in Köln geboren. Man merkt, dass sie sich mit Kompensationsstrategien und Verhaltenstherapien bestens auskennt, allerdings transportiert sie diese äußerst unterhaltsam, statt belehrend. Weiterlesen

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Erik Fosnes Hansen: Zum rosa Hahn

Eine spionierende Katze, eine sprechende Warze, jammernde Brotteige, Kissen mit Schlafdrüsen, politisch aktive Mäuse – und von den kuriosen Zweibeinern wollen wir gar nicht erst anfangen! In Erik Fosnes Hansens fantastischer Welt ist nichts unmöglich. Fast möchte man das Hirn des Autors unters MRT legen, um herauszufinden, woher er seine genial-grotesken Einfälle bezieht. Selbst Folter und Armut werden hier so wahnsinnig komisch erzählt, dass es ein Vergnügen ist, den Ausschweifungen des Autors zu folgen.

„Zum rosa Hahn“ heißt eine Pension samt Wirtschaft, in der zwei Goldmacher in der Stadt Jüterbog, irgendwo in der Nähe von Potsdam, absteigen. Rosa ist die Lieblingsfarbe der jungen Herrscherin Clothilde, folglich erhält so ziemlich alles diesen Anstrich. Der alte Goldmacher drängt darauf, die seltene Kunst der temporären Goldverwandlung vor großem Publikum vorzuführen, während sein junger Kollege eigentlich nach Cottbus weiterwandern will, wo ein Mädchen auf ihn wartet, dessen Vagina gut zu seinem kleinen Penis passt. Die haarsträubende Bürokratie in Jüterbog, spionierende Haustiere, zwielichtige Fischhändler, ein gemeingefährlicher Junge, ein sterbenskrankes Mädchen und weitere merkwürdige Gestalten sorgen jedoch dafür, dass alles aus dem Ruder läuft. Statt in Ruhe die Spezialität des Hauses, den Goldhirsch, zu genießen, gerät der junge Uhrmacher in ein Komplott aus Umsturzversuchen und Anarchie. Weiterlesen

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Jan Weiler: Der Markisenmann

Für die fünfzehnjährige Kim sollte die Abschiebung zum fremden Vater eine Strafe sein. Während ihre Mutter, ihr Stiefvater und Halbbruder einen Luxusurlaub in Miami genießen, wird sie wie ein Gepäckstück in den Zug von Köln nach Duisburg gesetzt. Am Bahnsteig steht sie zum ersten Mal ihrem leiblichen Vater gegenüber, der in ihrem Leben stets der totgeschwiegene Mann mit den unscharfen Konturen war. Manchmal rutschte ihrem Stiefvater der Ausdruck „der feine Herr Papen“ heraus. Kim stellt sich dann einen erfolgreichen Geschäftsmann im Anzug vor. Aber erst als sie in die gleichen blauen Augen wie die ihrigen schaut, weiß sie instinktiv, wohin die Reise geht. Kurz darauf wohnt sie in einer Lagerhalle in einem abgelegenen Industriegebiet. Allein schon der Anblick des winzigen Raumes ohne Fenster, in dem sie schlafen soll, schockiert sie bis ins Mark. Bisher nutzte ihr Vater die Abstellkammer für sein Werkzeug, aber für Kims Gepäck hat er vorsorglich ein paar Fächer in den Metallregalen freigeräumt. Und während sie über die Aussicht einer Flucht nach Köln nachdenkt, lernt Kim Ronald Papen, den Markisenmann, und eine völlig andere Lebensphilosophie kennen. Sie lernt viel über sich und das Leben, und plötzlich, ohne es zunächst zu bemerken, hat sie eine Menge Spaß und Papens Geheimnis, das sie unbedingt lüften will. Weiterlesen

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Vicky Baum: Zwischenfall im Lohwinckel (1930)

Grandiose Beobachtungsgabe, geschrieben mit spitzer Feder und ebenso humoristischen Spitzen: Vicki Baum, deren wunderbare Gesellschaftsromane einst den Nazis zum Opfer fielen, ist eine lohnenswerte literarische Wiederentdeckung! In ihrem Buch lässt sie Lebensmodelle, Milieus und Menschen aufeinander krachen, dass es eine Lust zu lesen ist! Unterhaltsam, aber mit Tiefgang, dabei von verblüffender Aktualität. Kurz: Die Zutaten, aus dem Klassiker gemacht sind.

Im verschlafenen Städtchen Lohwinckel in Rheinhessen geht in den ausklingenden 20er Jahren alles seinen gewohnten Gang. Bis drei mondäne Berliner mit ihrem Auto im Straßengraben landen, ärztlich versorgt werden müssen und bei der hiesigen Bevölkerung zur Genesung einquartiert werden. Das Trio infernale bringt im Ort alles durcheinander. Da ist die attraktive Leore Lania, Filmschauspielerin und vierfach geschieden, die mit ihrem neuen Lover Peter Karbon – Industrieller, Lebemann, Freigeist – durch die Lande tingelt. Dazu der Mittelgewichtsweltmeister im Boxen, Franz Albrecht, dessen maskuliner Körper so gar nicht mit seinem zartbesaiteten Verhalten übereinstimmen will. Kaum treffen die fortschrittlich gestimmten Berliner auf die konservativen Provinzler, brechen die unter der Oberfläche brodelnden Konflikte hervor: Arbeiterstreiks, amouröse Verwicklungen, alte Fehden, jugendliche Aufstände und medizinische Streitfragen verwandeln Lohwinckel in ein Pulverfass, dass sich in einem tatsächlichen Brand entlädt. Weiterlesen

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Denis Scheck & Christina Schenk: Der undogmatische Hund

Wau oder Wow – das ist hier die Frage! Denis Scheck, aufgrund seiner gewitzten und scharfzüngigen Art momentan wohl Deutschlands beliebtester Literaturkritiker, präsentiert sich hier von einer völlig neuen Seite: als Hundebesitzer seines Jack Russell-Terriers „Stubbs“. Gemeinsam mit seiner Frau Christina Schenk, einer Kulturredakteurin, hat er eine hinreißende Liebeserklärung an sein vierbeiniges Familienmitglied geschrieben. Natürlich wäre Scheck nicht Scheck, wenn er sich hierfür nicht ein paar literarische Finessen hätte einfallen lassen. Neben der erzählerischen Ebene, in der das Ehepaar von seinen Erlebnissen zwischen Hundeschule, Turnierplatz und turbulenten Reisen berichtet, kommt auch Stubbs selbst zu Wort. In seinem „caniden Kanon“ stellt Stubbs elf herausragende Hunde der Weltliteratur vor. Gesehen aus den Augen des Vierbeiners, geschrieben im Kölscher Dialekt, was für Leser außerhalb des Ruhrgebietes durchaus anspruchsvoll sein kann. Doch schließlich dreht der quirlige Jack Russell seine Gassi-Runden in der Karnevalsmetropole am Rhein. Wem Begriffe wie „Rampelsant“ und „schisskojenno“ nichts sagen, findet im hinteren Teil des Buches dankeswerterweise ein Glossar „Ruhrdeutsch – Deutsch“. Weiterlesen

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Barbara Pym: Quartett im Herbst (1977)

Vier Arbeitskollegen straucheln im „Herbst“ ihres Lebens – oder vielmehr kurz vor der Rente. Wie kaum eine andere versteht es die englische Autorin Barbara Pym sarkastische Spitzen und leise Untertöne, Humor und Tragik so gekonnt zu vermischen. Ihre vier unterschiedlichen Charaktere skizziert sie haargenau. Die Figuren blitzen so lebhaft vor unserem inneren Auge auf, als würden sie uns bei einem Earl Grey auf dem Sofa gegenübersitzen. Die Autorin staffiert jede einzelne mit ebenso liebenswerten wie skurrilen Eigenheiten aus. Edwin, Norman, Letty und Marcia sind zwar grundverschieden, dennoch verbindet sie mehr als nur ihre Arbeit in der Abteilung einer Londoner Firma. Alle vier sind alleinstehend, einsam und wissen nicht, womit sie die langen Tage abseits des Büros füllen sollen. Oder wie Norman sich angesichts der gefürchteten Ferienzeit eingestehen muss: „Ein paar Urlaubstage hatte er noch in der Hinterhand. ‚Man weiß nie, wozu so etwas gut sein kann‘, sagte er, aber er argwöhnte selbst, dass ihm diese Reservetage nie zu etwas gut sein würden, sondern sich vor ihm ansammeln würden wie die Haufen toten Laubs, die im Herbst auf die Gehsteige geweht wurden.“ (S. 60)

Die menschenscheue Marcia hat eine Marotte: Sie sammelt Milchflaschen und Konservendosen, um sie ständig neu zu sortieren, während Haushalt und Garten verwildern. Seit ihrer Mastektomie schwärmt sie für ihren Chirurgen Dr. Strong. Die Kontrolluntersuchungen werden zum sozialem Highlight. Obendrein sticht sie durch einen ziemlich schrillen Modegeschmack, beziehungsweise durch Fehlen desselben, ins Auge. Weiterlesen

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Johanna Adorján: Ciao

Bissig, schreiend komisch, treffsicher pointiert: Der einst gefeierte Feuilletonist Hans Benedek sieht sich selbst als Alphatier, erkennt aber nicht, dass er längst auf die Liste aussterbender Tierarten gerutscht ist. In seinen Augen ist er ein charmanter Meinungsbildner, in den Augen seines weiblichen Umfelds ein Macho, der den Anschluss in die Moderne verpasst hat. Er betrügt seine Ehefrau, schläft mit jungen Praktikantinnen, kategorisiert Frauen nach der Größe ihrer Brüste. Doch nun drängen Kolleginnen in Chefetagen, nehmen ihm seine Ressorts weg. Personifiziert wird die neue Generation selbstbestimmter Frauen durch die Feministin Xandi Lochner. Die Influencerin hat den Bestseller geschrieben, der ihm bislang versagt blieb. Sein Versuch an ihrem Erfolg zu partizipieren, indem er ein Porträt über sie schreibt, endet in einer Totalkatastrophe. Diese Chronik eines angekündigten Todes (zumindest auf dem gesellschaftlichen Parkett) ist großes Kino. Vor allem für diejenigen, die selbst in der Kultur- und Medienbranche zugange sind.

Der Charme von Adorjáns Buch liegt darin, dass sie ihre Protagonisten ausgewogen porträtiert. Es gibt keine reinen Sympathieträger oder Antagonisten. Auch die Absurditäten der modernen Welt werden trefflich skizziert. Weiterlesen

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PeterLicht: Ja okay, aber

Herrlich schräg: Für Freunde der absurden Komik und der halsbrecherischen Wortakrobatik hat Musiker Peter Licht genau das richtige Buch geschrieben. Er versteht es, sich aus den einfachsten Alltagssituationen heraus in wahnwitzigen Gedankenwelten zu verirren. Schwankend zwischen genial und grotesk, schlittert er bisweilen anarchisch gekonnt am guten Geschmack entlang. Doch er kriegt jedes Mal die Kurve und nimmt uns mit auf einen phantastischen Ride der Absurditäten, mitten durch den Alltag eines Co-Working-Büros. Da wird die Kaffeemaschine zum Kapitalismustreiber, an dem sich Co-Worker unterschiedlichster Branchen treffen. Zum Beispiel eine feministisch-nudistische Allroundkünstlerin oder einer, „von dem keiner weiß, was er eigentlich tut“. Sowie ein IT-ler mit Verdauungsproblemen plus diverse gestresste Call-Center-Mitarbeiter, denen die Stimme versagt – samt anderer Vitalfunktionen.

Obwohl der Protagonist praktisch im Space aka Büro lebt und schläft, erleben wir ihn nie bei seiner eigentlichen Arbeit. Auch erfahren wir an keiner Stelle, womit er seine Brötchen verdient. Er möchte arbeiten, er will vorankommen… und verplempert doch seine Zeit in der Gemeinschaftsküche oder in gewagten Projekten seines heimlichen Büroschwarmes, der Allrundkünstlerin. In ihren Theaterstücken kann es passieren, dass „ein Rudel nackter Martial-Arts-Kämpferinnen ein Auto vergewaltigt.“ Weiterlesen

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Susan Herbert: Mehr Katzenkunst: Ein neues Kompendium kultivierter Katzen

Kunst ist eine Ausdrucksform. Kunst ist aber auch Unterhaltung. Die 1945 in England geborene Susan Herbert versteht vor allem den zweiten Punkt besser als die meisten anderen. Sie möchte die Menschen unterhalten, sie zum Schmunzeln bringen und ihnen ein wenig Freude bereiten. Dafür hat sie sich etwas ganz Besonderes ausgedacht: Sie malt bekannte Gemälde ein zweites Mal – jedoch sind die Protagonisten ihrer Werke nicht länger Götter und Menschen, sondern Katzen. Die Bilder sind von außergewöhnlicher Präzision und so gut wiedergegeben, dass zumindest die bekannteren jedem sofort erkenntlich sind. Das typisch kritisch-zufriedene Lächeln im Gesicht gucken Katzen unter feinen Häubchen und Hüten hervor und übernehmen die Darstellungen, als sei es nie anders gewollt gewesen. Botticelli, da Vinci, Raffael, Michelangelo, van Gogh – ihre Werke und die vieler anderer erwachen einmal mehr zum Leben, auch wenn Madonnen jetzt weiche Pfoten haben und Gott Schnurrhaare.

Mehr als einmal wurde der Künstlerin Ketzerei vorgeworfen, viele Kritiker sahen und sehen ihre Kunst als Verunstaltung der großen Meisterwerke. In ihrer Mission, die Menschen zu unterhalten, ließ Susan Herbert sich hiervon jedoch nicht abschrecken und erlangte bis zu ihrem Tod 2014 große Bekanntheit, vor allem in Japan ist sie sehr beliebt, wo mehrere Ausstellungen von ihr stattfanden. Dieser zweite Sammelband ihrer Werke erscheint nun in Erinnerung an sie und all die Katzen, die sie inspirierten. Weiterlesen

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Hallgrimur Helgason: Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen

Gestatten: Toxic, also eigentlich Tomislav Bokšić, gebürtiger Kroate, von Beruf Profikiller bei der kroatischen Mafia. Bisher hat er 66 Aufträge erfolgreich ausgeführt. Na gut, Nummer 66 hatte einen Schönheitsfehler, der Typ war vom FBI. Deswegen ist Toxic jetzt auf der Flucht. Beim Check-in am Flughafen entgeht er nur knapp einer Verhaftung, indem er, professionell, aber ungeplant und deswegen recht riskant, die Identität von Nummer 67 „übernimmt“. Dumm nur, dass sich hinter Nummer 67 der Prediger David Friendly verbirgt, welcher auf dem Weg nach Reykjavik ist. Dort wird er, also Father Friendly, schon erwartet, er ist in eine Fernsehshow eingeladen. Toxic spielt mit, er lebt für einige Tage bei einem isländischen Priester und dessen Frau und tritt mehrmals in der Show auf. Die Tochter der Familie erweist sich als „Tag 1“-Frau: „Wenn sie die einzige Frau in unserer Einheit wäre und wir einen Monat in den Bergen festsäßen, würde ich am Tag 1 anfangen, vor ihr zu träumen.“ (S. 47) Weiterlesen

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