Susan Herbert: Mehr Katzenkunst: Ein neues Kompendium kultivierter Katzen

Kunst ist eine Ausdrucksform. Kunst ist aber auch Unterhaltung. Die 1945 in England geborene Susan Herbert versteht vor allem den zweiten Punkt besser als die meisten anderen. Sie möchte die Menschen unterhalten, sie zum Schmunzeln bringen und ihnen ein wenig Freude bereiten. Dafür hat sie sich etwas ganz Besonderes ausgedacht: Sie malt bekannte Gemälde ein zweites Mal – jedoch sind die Protagonisten ihrer Werke nicht länger Götter und Menschen, sondern Katzen. Die Bilder sind von außergewöhnlicher Präzision und so gut wiedergegeben, dass zumindest die bekannteren jedem sofort erkenntlich sind. Das typisch kritisch-zufriedene Lächeln im Gesicht gucken Katzen unter feinen Häubchen und Hüten hervor und übernehmen die Darstellungen, als sei es nie anders gewollt gewesen. Botticelli, da Vinci, Raffael, Michelangelo, van Gogh – ihre Werke und die vieler anderer erwachen einmal mehr zum Leben, auch wenn Madonnen jetzt weiche Pfoten haben und Gott Schnurrhaare.

Mehr als einmal wurde der Künstlerin Ketzerei vorgeworfen, viele Kritiker sahen und sehen ihre Kunst als Verunstaltung der großen Meisterwerke. In ihrer Mission, die Menschen zu unterhalten, ließ Susan Herbert sich hiervon jedoch nicht abschrecken und erlangte bis zu ihrem Tod 2014 große Bekanntheit, vor allem in Japan ist sie sehr beliebt, wo mehrere Ausstellungen von ihr stattfanden. Dieser zweite Sammelband ihrer Werke erscheint nun in Erinnerung an sie und all die Katzen, die sie inspirierten. Weiterlesen

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Hallgrimur Helgason: Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen

Gestatten: Toxic, also eigentlich Tomislav Bokšić, gebürtiger Kroate, von Beruf Profikiller bei der kroatischen Mafia. Bisher hat er 66 Aufträge erfolgreich ausgeführt. Na gut, Nummer 66 hatte einen Schönheitsfehler, der Typ war vom FBI. Deswegen ist Toxic jetzt auf der Flucht. Beim Check-in am Flughafen entgeht er nur knapp einer Verhaftung, indem er, professionell, aber ungeplant und deswegen recht riskant, die Identität von Nummer 67 „übernimmt“. Dumm nur, dass sich hinter Nummer 67 der Prediger David Friendly verbirgt, welcher auf dem Weg nach Reykjavik ist. Dort wird er, also Father Friendly, schon erwartet, er ist in eine Fernsehshow eingeladen. Toxic spielt mit, er lebt für einige Tage bei einem isländischen Priester und dessen Frau und tritt mehrmals in der Show auf. Die Tochter der Familie erweist sich als „Tag 1“-Frau: „Wenn sie die einzige Frau in unserer Einheit wäre und wir einen Monat in den Bergen festsäßen, würde ich am Tag 1 anfangen, vor ihr zu träumen.“ (S. 47) Weiterlesen

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Torsten Sträter: Sträters Gutenachtgeschichten: Die gesammelten Horror-Storys

Wer hier den Kabarett-Sträter erwartet, der sei gewarnt: Denn in diesen Horrorgeschichten aus seiner Anfangszeit als Schriftsteller geht es düster, blutrünstig und gruselig zu. Aber natürlich darf auch eine Prise schwarzer Humor nicht fehlen. Die 27 Kurzgeschichten in diesem Sammelband sind zwischen 2003 und 2006 entstanden – viele Jahre bevor Torsten Sträter seinen Weg auf die Bühne fand. Und an manchen Stellen merkt man ihnen das Alter natürlich auch an. So gibt es in den Geschichten noch Faxgeräte oder das supermoderne 😉 Nokia Handy. Und fast immer hört jemand WDR4. Der Horror jedoch ist zeitlos. Neben dem klassischen Werwolf oder einem Voodoo-Zauberer darf auch Satan höchstpersönlich nicht fehlen. Daneben gibt es aber auch sanftere, fast leise  Geschichten wie „Nachtprogramm“ in der der verstorbene Ehemann jede Nacht in einer Nebenrolle  im Fernsehen erscheint.

Die Geschichten sind immer etwas skurril, spielen mit Klischees ohne sich darin zu verlieren Weiterlesen

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Rose Macaulay: Ein unerhörtes Alter (1921)

„Wenn man ihm glauben wollte, waren die Leute ständig damit beschäftigt, das Allerschlimmste entweder zu tun oder tun zu wollen oder zu wünschen und zu träumen, sie hätten es getan.“ (S. 247) Sigmund Freuds Lehren sind gerade in Mode, als die 63-jährige Mrs Hilary erstmals einen Psychiater aufsucht. Offiziell wegen Schlafstörungen, inoffiziell wegen Depressionen. Genauer: Weil sie mit ihrer Zeit nichts mehr anzufangen weiß, außer sie totzuschlagen. Von ihrem Therapeuten erfährt sie, dass ihre jüngste Tochter mit Affinität zu fragwürdigen Affären, nicht etwa in Sünde lebt, sondern „dem natürlichen Selbst gehorcht“.

Unfassbar amüsant, geistreich, sarkastisch: „Ein unerhörtes Alter“ ist ein Roman, der sich gleich auf mehreren Ebenen positiv hervorhebt. Sein großer Trumpf liegt in den Hauptdarstellerinnen. Selbst die Tratschmäuler, Aufbrausenden und Exzentrischen unter ihnen (also praktisch alle!) erobern sofort das Herz der hingerissenen Leserschaft. Das Erstaunlichste: Obwohl Macaulays Werk vor genau 100 Jahren publiziert wurde, ließe es sich problemlos in die Jetztzeit transferieren. Frauen stürzen in Midlife- und Selbstfindungskrisen, müssen sich zwischen verschiedenen Lebensmodellen entscheiden und äugen doch stets auf das der anderen. Dabei zeichnet die Autorin äußerst emanzipierte Charaktere. Während in anderen Romanen die Mehrheit der weiblichen Handlungsträger 1920 gerade erst das Korsett ablegt, schwimmen ihre Protagonistinnen durch Wellenbrecher, streben nach akademischen Titeln, verdienen ihr eigenes Geld, pflegen amouröse Bekanntschaften, tingeln durch Europa – und geben sich nicht mit dem zufrieden, was sie haben. Weiterlesen

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David Safier: Miss Merkel: Mord in der Uckermark

Die aktive Regierungszeit von Angela Merkel wird im September 2021 enden. Aber was macht eigentlich so eine Ex-Bundeskanzlerin in Rente? David Safier lässt sie gemeinsam mit Ehemann „Puffel“ Joachim, Mops Putin und Personenschützer Mike in das beschauliche Neufreudenstadt in der Uckermark ziehen. Wandern und Kuchenbacken sollen ab jetzt ihr Leben bestimmen und ruhig und erholsam machen. Aber Wandern ist anstrengend, manchmal anstrengender als regieren, und Kuchenbacken kann man nur begrenzt, es muss ja auch von irgendwem gegessen werden. Kleinfreudenstadt hat zwar eine High Society, zu der Kontakt zu bekommen erweist sich jedoch in mancher Hinsicht als schwieriger als ein G7-Gipfel und auch der Kontakt zum Volk funktioniert nur eingeschränkt. Angela langweilt sich.

Da wird der Freiherr Philip von Baugenwitz vergiftet in seinem von innen verschlossenem Verlies gefunden. Endlich wieder eine Aufgabe. Sie treibt ihren Personenschützer damit zwar in den Wahnsinn, aber die Ex-Bundeskanzlerin ist fest entschlossen, von jetzt an auf den Spuren Sherlock Holmes zu wandeln. Sie will den Täter finden. Weiterlesen

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Howard Jacobson: Rendezvous und andere Alterserscheinungen

Zum Niederknien komisch: Howard Jacobson schafft es, eine politisch völlig unkorrekte Person so darzustellen, dass wir ihr beim Lesen mit Haut und Haar verfallen. Die 99-jährige Beryl ist latent rassistisch, überheblich, besserwisserisch, resolut, sarkastisch. Ihre ausländischen Pflegerinnen werden von ihr permanent „optimiert“, Männern hat sie nach etlichen Beziehungen abgeschworen, die eigenen Söhne – ganz zu schweigen von den lästigen Enkeln und Urenkeln – sieht sie am liebsten von hinten, beim Verlassen des Hauses. Ihr Hobby: Textilien mit ausgefallenen Sprüchen über den Tod zu besticken. Beispiel: „Das Leben ist ein Märchen, erzählt von einem Idioten.“

Keine Frage: Beryl ist „Bad Ass“! Aber sie zieht ihr Ding durch. Die ehemalige Lehrerin ernennt sich kurzerhand selbst zur Prinzessin. Sie lässt sich weder von beginnender Demenz, noch von anderen Altersgebrechen ins Bockshorn jagen. Sie sagt, was sie denkt. Gibt zu allem ungefragt ihren Senf dazu. Scheut sich nicht, verwegenen Gedankengängen nachzuspüren. Daraus ergeben sich skurrile Situationen mit tiefschwarzem Humor. Weiterlesen

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Horst Evers: Wer alles weiß, hat keine Ahnung

Ich sitze mit meinem Buch in der Hand auf dem Hometrainer und schüttele mich vor Lachen. Stelle bei einem kurzen Blick über den Buchrand fest: Alle Achtung, schon 15 Km gefahren. Das muss man erst mal können, ein Buch zu schreiben, bei dessen Lektüre ich 15 km durchs Schlafzimmer düse, fast nebenbei. Horst Evers kann das.

Sein neuer Geschichtenband „Wer alles weiß, hat keine Ahnung“ ist sicherlich kein Ratgeber, aber ein bewährtes Hausmittel gegen Stimmungsschwankungen und aggressive Schübe. Bei mir sorgen seine Geschichten immer wieder für die zeitnahe Regeneration von guter Laune und Seelenfrieden.

So erfährt der geneigte Leser zum Beispiel, warum es sinnvoll ist, einen Doppelgänger zu haben oder wie man den flügge gewordenen Nachwuchs dazu bringt, mal wieder vorbei zu kommen – nach dieser Geschichte habe ich direkt meine Mutter angerufen.

Horst Evers beschreibt seinen Alltag und lässt den Leser an Beobachtungen, Verwirrungen und Fettnäpfchen teilhaben. Er ist der Mann mit dem Spiegel und immer wieder denke ich beim Lesen: ‚Ui, das bin ja ich, hoffentlich kriegt das keiner mit.‘  Selten kann ich so erfrischend über mich selbst lachen. Weiterlesen

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Marc-Uwe Kling: QualityLand 2.0: Kikis Geheimnis

Nachdem Peter Arbeitsloser am Ende des ersten Bandes von „QualityLand“ direkt neben dem Präsidenten-Androiden John Of Us stand, als dieser in die Luft gesprengt wurde, geht er nun seinem Leben als Maschinentherapeut nach. Ein Kuschelbot, den körperliche Nähe abstößt, ein Kühlschrank mit Burnout… das sind die alltäglichen Probleme, mit denen er sich beschäftigt. Seine Probleme werden aber eindeutig größer, als er entführt wird. Von Henryk Ingenieur, dem reichsten Mann der Welt. Mehrmals.

Kiki Unbekannt hat ihre eigenen Sorgen, denn auch, wenn sie ihr Leben genau so liebt, wie es ist, möchte sie doch etwas über ihre Vergangenheit herausfinden, in erster Linie, wer ihre Eltern sind. Das gleichzeitig jemand versucht sie umzubringen, ist nicht hilfreich.

Nicht nur Peter und Kiki haben ihre Krisen, ganz QualityLand wurde durch den Anschlag auf John Of Us erschüttert. Nicht wenige schließen sich den Followern an, einer Gruppe von Menschen, die denken, Johns KI habe sich ins Netz hochgeladen. Sie sind überzeugt, dass es von Anfang an Johns Absicht war, seine physische Hülle zerstören zu lassen, um die Allmacht über das Internet und damit über die Menschen zu erlangen.

Diese Theorie klingt in den Ohren der reflektierten Bürger QualityLands völlig absurd, doch mit der Zeit kommt es zu immer mehr Zwischenfällen, die sich einfach nicht erklären lassen… Weiterlesen

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Kai Magnus Sting: Hömma, so isset!

Am Anfang war das Wort und die Bude, der Ort, wo Menschen ihr Pils trinken und sich austauschen.

„… , wie is denn?
Muss. Un selbs?
Muss, ne.
Ja, klar muss eben.
Kannz nicht klagen.
Nee, kannz nich.
Könnz klagen …“ (S. 21/22)

Der Kabarettist und Autor Kai Magnus Sting kommt aus dem Ruhrpott. Seine Liebeserklärung zu einem besonderen Menschenschlag, dem Ruhrpötti, liest sich wie eine Anekdotensammlung aus seiner Familie und den Menschen, denen er auf das Maul geschaut hat. In Dialogen kreiseln die Gedanken der Gesprächsteilnehmer umeinander herum, verwirbeln Grammatik und Logik, bis sie sich überraschenderweise gedanklich einig werden oder auch nicht. Die wichtigste Lektion des Autors: Nur falsch ist richtig, und richtig ist falsch.

Wie die Sprache im Detail funktioniert, erklärt Sting stets in Einschüben, damit der Nicht-Ruhrpötti alles nicht nur inhaltlich verfolgen kann. Stets ergeben sich neue Situationen voller Komik, die amüsieren oder zum Lachen einladen. Weiterlesen

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Taffy Brodesser-Akner: Fleishman steckt in Schwierigkeiten

 Hinreißend amüsant und dabei gleichzeitig tiefschürfend-ernst: Taffy Brodesser-Akner ist das seltene Kunststück mit diesem Roman gelungen. Ebenso wie jede Liebesgeschichte zwei Perspektiven hat, splittet die Autorin ihren Roman in die verschiedenen Sichtweisen der (Ex-) Liebenden.  Dabei entwirft sie ein ungeschöntes, zeitgemäßes und entwaffnend ehrliches Stück Prosa. Welches teilweise brüllend komisch geschrieben ist.

Dies trifft vor allem auf den ersten Teil des Buches zu. Tobi Fleishman, ein 41-jähriger, jüdischer Arzt mit gerade einmal 1,68m Körpergröße, ist die Frau abhandengekommen. Sprichwörtlich. Seine Ehefrau Rachel, mit der er gerade in Scheidung lebt, liefert die beiden Kinder bei ihm ab, fährt zu einem Yoga-Wochenende und kommt einfach nicht wieder. Tage und Wochen vergehen, Rachel bleibt unauffindbar. Aufgerieben zwischen der alleinigen Kindeserziehung und dem Retten von Menschenleben, flüchtet sich Tobi in „Sexting“ – dem Dating auf rein körperlicher Ebene. Denn zu seiner großen Überraschung hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan in der Singlelandschaft New Yorks. Auf den Dating-Apps wimmelt es von Frauen, die ihm intime Körperteile per Selfie schicken und scheinbar ganz wild darauf sind, den bislang stets übergangenen Tobi flachzulegen. Also stürzt er sich in wahnwitzige Sexabenteuer und Affären. Für den schüchternen Arzt ein sprichwörtlich erhebendes Gefühl… Dennoch bleibt das schlechte Gewissen, die Kinder aufgrund seines eigenen Vergnügens ins Sommercamp abgeschoben zu haben. Zudem folgt auf manch heiße Nacht eine kalte Klatsche am Morgen.

Dieser Teil des Buches ist herrlich schwarzhumorig geschrieben. Tobi erscheint als vielschichtige Persönlichkeit – sympathisch in seiner Rolle als fürsorglicher Vater, vertrottelt-naiv in seiner Rolle als Aufreißer. Weiterlesen

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