Frank Goldammer: Zwei fremde Leben

Der Autor erzählt uns eine Geschichte, die, so ist zu befürchten, öfter als man sich vorstellen möchte in der DDR geschah. Frank Goldammer, 1975 in Dresden geboren, ist erfolgreich mit seinen im Nachkriegs-Dresden angesiedelten, historischen Kriminalromanen.

Eine junge Frau, Ricarda, wird kurz vor der Entbindung ins Krankenhaus eingeliefert. Es ist das Jahr 1973, wir befinden uns in Dresden. Während der Geburt, bei der ihr eigener Vater, an der Klinik Leiter der gynäkologischen Abteilung, anwesend ist, gibt es Komplikationen und das Kind kommt tot zur Welt. So erzählt man der verzweifelten Mutter und dem jungen Vater. Doch Ricarda wird sich nie mit dieser Aussage abfinden, immer über all die folgenden Jahre und Jahrzehnte, wird sie daran zweifeln, dass ihre Tochter tot ist. Sie wird nach ihr suchen, sie wird Nachforschungen anstellen, bei Polizei und Anwälten um Hilfe bitten. Doch mit ihren Eltern und besonders mit ihrem Vater wird sie nie über die Geburt und ihr Kind sprechen.

In einer Parallelhandlung lernen wir den Polizisten Rust kennen, dessen Frau zeitgleich mit Ricarda in der Klinik auf die Geburt ihres ersten Kindes wartet. Dadurch erfährt er von der Totgeburt und weil ihm die Sache suspekt erscheint, beginnt er ebenfalls nachzuforschen.

Dem Autor gelingt es sehr gut, die Verhältnisse, die Stimmung und die gegenseitigen Verdächtigungen, das Misstrauen und die Nöte der Menschen in der DDR zu dieser Zeit zu schildern. Was im Hinblick auf seine Herkunft nicht überrascht. Dabei umschifft er zwar nicht jedes Klischee, aber manchmal ist die Realität eben ein großes Klischee. Weiterlesen

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Ambrose Parry: Die Tinktur des Todes

Ins düstere Edinburgh zur Mitte des 19. Jahrhunderts entführt uns der historische Krimi eines Autorenduos, das unter dem Pseudonym Ambrose Parry schreibt.

Der junge Will Raven kommt als Gehilfe zu einem angesehenen Frauenarzt, der mit verschiedenen Möglichkeiten der Betäubung experimentiert. Zugleich kommen in der Stadt immer wieder schwangere Frauen unter rätselhaften Umständen ums Leben. Raven und das gewitzte Dienstmädchen Sarah machen sich gemeinsam an die Aufklärung der Todesfälle.

Ambrose Parry – dahinter verbirgt sich der Autor Christopher Brookmyre und seine Frau, die Anästhesistin Marisa Haetzman – ist ein spannender, atmosphärisch dichter und vielschichtiger Krimi gelungen. Weiterlesen

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Anne Stern: Fräulein Gold. Schatten und Licht

Am 24. Mai 1922 wird nachts in Berlin eine alternde Prostituierte über die Brüstung einer Brücke gestoßen. Sie ertrinkt unbemerkt im Fluss. Jeder aus dem Milieu, der die fixe Rita kannte, denkt sofort an Mord. Doch die Polizei will lieber an Selbstmord glauben. Täglich stößt die Hebamme Hulda Gold auf große Not. Sie kann einfach nicht wegsehen und muss aus einem inneren Bedürfnis heraus helfen. Als sie von einer Patientin erfährt, die angeblich ertrunkene Frau sei ihre Nachbarin und Freundin gewesen, wird Hulda neugierig. Und je mehr sie den Unstimmigkeiten nachgeht, um so mehr schreckt sie die falschen Leute auf. Auch ihre Begegnung mit dem ermittelnden Kommissar hat Folgen.

Die Berlinerin Anne Stern hat mit ihrem Roman Fräulein Gold Schatten und Licht den ersten Band einer Reihe vorgestellt, der den Leser in die Nachkriegszeit führt, in der die Folgen des Ersten Weltkriegs zum Alltag gehören. Statt für die Einhaltung von Menschenrechten zu sorgen, bekämpfen sich die politischen Vertreter bis aufs Blut. In diesem Machtvakuum übernimmt der Skrupellose die Regie. Die Metropole Berlin in der Zeit der Goldenen Zwanziger hat sich zu einer Arena für unterschiedliche Interessen entwickelt. Vor diesem politischen und gesellschaftlichen Hintergrund dürfte die Autorin auf reichlich Stoff stoßen, die eine alleinstehende, engagierte junge Frau in spannende Abenteuer und Schwierigkeiten verwickeln kann. Weiterlesen

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Andreas Izquierdo: Schatten der Welt

Ein Schmöker, wie er im Buche steht. Ich habe den Roman binnen weniger Stunden verschlungen. Und hoffe jetzt sehr, dass der Autor schon an einer Fortsetzung schreibt. Denn die Geschichte schreit förmlich danach.

Andreas Izquierdo, Jahrgang 1968, hat bereits mehrere Romane veröffentlicht, darunter auch preisgekrönte. Seine letzten Bücher waren „Romeo und Romy“, eine herzerwärmende Geschichte, die ich sehr gemocht habe, und „Fräulein Hedy träumt vom Fliegen“.

Die Handlung von „Schatten der Welt“ setzt ein im Jahr 1910, dem Jahr, als der Halleysche Komet der Erde so bedrohlich nahe kam. Der Ich-Erzähler ist zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt, Carl Friedländer, einziger Sohn des jüdischen Schneiders in Thorn, eine Stadt in Westpreußen, an der Weichsel. Sein bester Freund ist Artur Burwitz, Sohn des cholerischen und geschäftsuntüchtigen Wagners.

Die beiden Jungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Artur ist muskulös, groß und breitschultrig, hat vor nichts und niemandem Angst und den Kopf voller Dummheiten. Carl ist ein sensibler, schüchterner und eher ängstlicher Junge, zurückhaltend und strebsam in der Schule.

Beider Familien sind arm und die Kinder müssen jeweils zu Hause mitarbeiten, d.h. auch Carl lernt die Schneiderei. Er tut das seinem Vater zuliebe, denn im Grunde weiß er, dass er diesen Beruf in Wahrheit gar nicht ergreifen will. Weiterlesen

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Ulrike Wolff: Die Dame vom Versandhandel

Im Grunde führen Titel und Klappentext dieses Romans etwas in die Irre. Denn weniger als die Story über eines der ersten deutschen Versandhäuser steht die sehr verwickelte und ziemlich abenteuerliche Familiengeschichte der Protagonisten im Vordergrund der Handlung.

Ende der Fünfziger Jahre bauen Kurt Laube und seine um einiges jüngere Ehefrau Annie in Fulda das Versandhaus unter dem Namen Eulendorf auf. Annie erwartet ihr erstes Kind und findet sich nur schwer damit ab, dass sie erst wegen der Schwangerschaft und danach, um die kleine Tochter zu betreuen, ans Haus gebunden ist. Sie engagiert sich sehr für die Firma ihres Mannes, bringt viele frische Ideen hinein und agiert dadurch für eine Frau der damaligen Zeit durchaus ungewöhnlich. Durch ihre Mutterrolle fühlt sie sich nun von dem Geschehen in der Firma abgeschnitten.

In einem rückblickenden Handlungsstrang wird von Kurts Kindheit erzählt. Im Alter von 8 Jahren, kurz nach dem 1. Weltkrieg, wurde seine Familie aus Polen aus dem Ort Eulendorf vertrieben. Den sich im Verlauf des Romans entwirrenden Verwicklungen innerhalb seiner Familie – auf die ich hier nicht näher eingehen will, um nicht zu spoilern – liegen, so die Autorenvita, wohl eigene Familiengeschichten zugrunde. Ulrike Wolff ist das Pseudonym des Autorenehepaars Ulrike Gerold und Wolfgang Hänel. Im Nachwort erläutern sie, dass die Handlung auf wahren Begebenheiten beruht, sie sich jedoch auch der Freiheiten der Fiktion bedienen. Weiterlesen

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Armando Lucas Correa: Die verlorene Tochter der Sternbergs

Auch wenn man schon am Anfang das Ende erfährt, bleibt der Roman von der ersten bis zur letzten Seite hochspannend. Auch wenn man solche und ähnliche Geschichten vielleicht schon öfter gelesen hat, erschüttert und berührt diese Familiengeschichte.

Der Roman wirft die Frage auf, was ein Mensch bereit ist, auf sich zu nehmen, um einen anderen Menschen zu retten, wie weit eine Mutter geht, um ihr Kind zu schützen.

Die Buchhändlerin Amanda Sternberg und ihr Mann Julius, ein Kardiologe, leben Anfang der Dreißigerjahre als Juden in Berlin. Sie haben zwei kleine Töchter, als die Lage für die jüdische Bevölkerung immer gefährlicher wird. Eines Tages wird Julius verhaftet, doch er hat vorgesorgt und die Flucht seiner Familie genau vorbereitet. Amanda soll die Mädchen nach Kuba zu ihrem Bruder schicken und selbst bei einer befreundeten Familie in Frankreich Zuflucht suchen. Doch im Moment der Trennung, als die Kinder in Hamburg auf das Schiff gehen sollen, bringt Amanda es nicht über sich, sich von beiden zu trennen. So gibt sie nur die Ältere, Viera, in die Obhut eines Ehepaares und reist mit der kleinen Lina nach Frankreich. Dort findet sie Unterschlupf bei Claire und deren Tochter Danielle.

Aber im Laufe des Krieges bleibt auch das kleine Dorf nicht verschont, die Nazis dringen auch hierhin vor und Amanda und Lina werden in ein Lager gebracht. Während all dieser Zeit verwindet Amanda die Trennung von ihrer Tochter Viera nie, sie ist zerrissen zwischen den Selbstvorwürfen, die eine Tochter allein über das Meer geschickt oder die andere behalten und so nicht gerettet zu haben.   Weiterlesen

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Jane Healey: Die stummen Wächter von Lockwood Manor

1939 in London. Das Naturhistorische Museum wird ausgelagert, die Exponate aufs Land verschickt, um sie vor Kriegsschäden zu bewahren. Die Säugetierabteilung kommt nach Lockwood Manor, begleitet und behütet von Hetty Cartwright, der stellvertretenden Abteilungsleiterin. Sie liebt die ausgestopften Tiere, Eisbären, Okapis, Kolibris und den schwarzen Panther.

Hetty ist nicht gerade das, was man eine toughe Frau nennen würde. Sie ist unsicher, hält sich für tollpatschig und ängstigt sich einerseits vor der großen Verantwortung, andererseits freut sie sich auch über die Herausforderung, „ihre“ Tiere im Krieg zu beschützen. Und so zieht sie mit der ganzen Menagerie in das große, alte Landhaus, in dem außer Major Lockwood und seiner Tochter Lucy nur noch eine Handvoll Dienstboten leben. Lockwood Manor ist ein Haus mit vielen leerstehenden Zimmern, in denen es spuken soll. Dienstboten geben sich die Klinke in die Hand, weil sie sich vor der „weißen Frau“ fürchten, die nachts durch die Flure streifen soll. Und sie fürchten sich vor den schrecklichen Schreien, die in den Nächten durchs Haus gellen.

Kurz bevor Hetty mit ihrer Menagerie in Lockwood Manor einzieht, sind die Frau und die Mutter des Majors tödlich verunglückt, vor allem seine Tochter Lucy trauert noch immer sehr. In diese Atmosphäre kommt Hetty und eigentlich heißt sie niemand so richtig willkommen. Doch nach und nach freundet sie sich mit der etwa gleichaltrigen Lucy an, während gleichzeitig ihre Abneigung gegen den selbstherrlichen und herablassenden Major wächst. Weiterlesen

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Daniel Mason: Der Klavierstimmer ihrer Majestät

Edgar Drake ist Klavierstimmer im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Besonders spezialisiert ist er auf Erard-Flügel, die er sehr schätzt. Da erhält er überraschend einen außergewöhnlichen Auftrag: er soll den Erard-Flügel des Militärarztes Anthony Carrol stimmen. Das Instrument befindet sich allerdings im Dschungel von Birma, dem heutigen Myanmar, eine Region, die zu dieser Zeit im britisch-birmanischen Krieg heftig umkämpft ist.

Nach anfänglichem Zögern macht sich Drake im Jahr 1886 auf die weite und beschwerliche Reise. Er ist nicht nur wegen der Gefahren der Reise aufgeregt, sondern auch sehr neugierig auf den Arzt, der für das britische Militär ausgesprochen wichtig sein muss, wenn man all dies für ihn organisiert.

Nach einer wochenlangen Reise mit Schiff und Bahn, zu Pferd und auf Elefanten kommt Edgar Drake schließlich im Dschungel an und gerät mitten in die Kämpfe und Auseinandersetzungen zwischen Briten und den Shan, einem dortigen Volksstamm.

Edgar Drake ist ein ruhiger, nachdenklicher Mann in mittleren Jahren, er ist glücklich verheiratet und er liebt seinen Beruf. Er hat keine Ahnung von militärischen Dingen und für die Geschicke Birmas hatte er bislang eher geringes Interesse. Doch als er Anthony Carrol begegnet wird er hineingezogen in die Bräuche und Gepflogenheiten der Burmesen und erliegt der Faszination der Landschaft. Und er verfällt geradezu dem Charisma des außergewöhnlichen Arztes. Carrol glaubt an die Kraft der Musik, daran, dass die Musik Frieden schaffen kann. Weiterlesen

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Sandra Lüpkes: Die Schule am Meer

Wer die Bücher von Sandra Lüpkes nicht kennt, hat etwas verpasst. Sie schreibt unglaublich spannende Krimis um die Ermittlerin Wencke Tydmers, romantisch-witzige Romane um ein heimeliges Inselhotel, heiter-verwickelte Kurzgeschichten und noch vieles weitere mehr. Wer ihre Bücher nicht kennt, kennt aber vermutlich ihre Filme, denn Sandra Lüpkes ist auch eine fleißige Drehbuchautorin, so beispielsweise für die Reihen „Wilsberg“ oder „Friesland“.

Und nun legt sie mit „Die Schule am Meer“ einen Roman ganz anderer Art vor. Sie erzählt darin die wahre Geschichte einer Schule, die in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts auf der Nordseeinsel Juist entstand. Wenn man weiß, dass die Autorin selbst ihre Kindheit auf Juist verbrachte und daher eine besondere Beziehung zu dieser Insel hat (die sich auch in ihren anderen Romanen niederschlägt), dann mag man verstehen, dass sie sich für diese Schule und ihre Hintergründe interessiert hat.

Im Nachwort erläutert sie, was sie veranlasste, aus dieser Geschichte einen Roman zu machen, wie sie die Recherchen durchgeführt und wer sie dabei unterstützt hat. Dort erfährt man dann auch, welche der im Roman auftretenden Figuren authentisch, also historisch belegt sind und welche hinzuerfunden wurden.

Die Schule am Meer entsteht 1925, gegründet von idealistischen und enthusiastischen Lehrern und ihren Familien. Sie wollen einen neuen Weg der Kindererziehung gehen, mit Koedukation, mit der Erziehung zu selbstständigem Denken und Handeln der Schüler, Übernehmen von Verantwortung, Abkehr von Züchtigung und Strafe, Hinwendung zu Verständnis, Vertrauen und Zusammenhalt. Weiterlesen

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Ulf Schiewe: Die Kinder von Nebra

Nebra, etwa 2000 v. Christus: Rana ist jung und hat das Leben noch vor sich. Doch sie muss sich auch entscheiden, für einen klassischen Weg einer Familiengründung oder das Dienen für die Göttin Destarte, wie ihre Mutter. Bei einem ihrer Streifzüge durch den Wald wird sie von mehreren jungen Männern überrascht und fast vergewaltigt. Als wenig später Arrak, der Sohn des Herrschenden Orkon und einer der besagten Männer, auf dem Hof ihrer Familie steht und ihre Herausgabe fordert, lügt ihre Mutter in der Not, dass Rana bereits geweiht sei und Arrak somit den Zorn der Götter auf sich ziehen würde. Ist Ranas Schicksal damit endgültig vorbestimmt? Viel lieber würde sie ihren Vater dabei beobachten, wie er die Himmelsscheibe herstellt. Die Scheibe muss Geheimnisse bürgen, von denen Rana noch nichts ahnt.

Ulf Schiewe, stets bekannt für faszinierende, auf den Punkt recherchierte historische Romane ohne Klischees, hat sich in „Die Kinder von Nebra“ einem sehr spannenden, in der Unterhaltungsliteratur bisher vernachlässigten Thema gewidmet. Die kleine Gemeinde Nebra liegt heute in Sachsen-Anhalt. Hier fand man Ende der 1990er Jahren die Himmelsscheibe, die etwa 4000 Jahre zurückdatiert wird. Schiewe begibt sich in „Die Kinder von Nebra“ auf die Spuren einer möglichen Entstehung der Scheibe. Weiterlesen

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