Annegret Held: Eine Räuberballade

Hier nun der dritte Band der Trilogie um das Westerwälder Dorf Scholmerbach. Diesmal verlegt die Autorin die Geschichte an das Ende des 18. Jahrhunderts.

Tatsächlich gemahnt der Roman an eine Ballade. Er erzählt von Hannes, dem Sohn von Wilhelm. Die beiden sind so grundsätzlich verschieden – aufsässig, wild, ungebärdig der Sohn; fromm und vom Leben gezeichnet der Vater. Es kommt eines Tages zum Eklat und Hannes geht fort. Er schließt sich einer Bande von Räubern an und lernt, wie ein Auszubildender, das Handwerk der Räuberei. Dabei steht er sich reichlich oft selbst im Weg, verstößt er doch auch hier immer wieder gegen die Regeln und bringt mehr als einmal die ganze Bande in Gefahr.

Derweil ist Wilhelm immer verzweifelter, er hat ja auch noch seine schwer kranke Frau und die kleine Tochter, die er versorgen muss. In der Hoffnung auf Hilfe begibt er sich auf eine Wallfahrt und tatsächlich, als er nach Hause kommt, scheint es seiner Frau besser zu gehen.

Und da gibt es noch Gertraud, die beim Müller als Magd unterkommt. Gertraut passt so gar nicht in das Bild der fügsamen, dem Manne gehorchenden Frau. Sie widersetzt sich den Anweisungen der Müllerin, streitet auf das Heftigste mit dem Müller und schikaniert den Knecht. Doch gerade ihre forsche Art sorgt dafür, dass sie oft die Geschäfte für den Müller abschließt, da sie sehr gut verhandeln kann mit den Bauern, die das Korn bringen und das Mehl holen. Und Gertraud ist stark, sie hat so gut wie vor nichts Angst. Weiterlesen

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Anne Stern: Fräulein Gold: Scheunenkinder

… ‚Mich gruselt es‘, sagte Hulda und ließ ihren Blick über die verwaisten Bürgersteige … gleiten, ‚zu sehen, wie wir hier in Berlin vor die Hunde gehen … Dieser Ausnahmezustand muss ein Ende haben!‘“ (S. 279)

Das Geld hat im Oktober 1923 kaum einen Wert. Jeder Bürger ist mehrfacher Millionär und kann sich doch kein einziges Hühnerei leisten, sofern man es überhaupt kaufen kann.

Die Hebamme Hulda Gold hat sich im Berlin der zwanziger Jahre einen Namen gemacht. Viele Frauen wissen, dass sie bei der engagierten jungen Frau in guten Händen sind. Über die Vermittlung ihres Vaters lernt sie eine jüdische Familie im berüchtigten Scheunenviertel kennen. Zwiste, Religion und die tiefe Armut bieten der neu hinzugezogenen Familie einen Nährboden für noch mehr Leid. Zwei Tage nach der Entbindung eines gesunden Jungen ist dieser spurlos verschwunden und die Mutter an einer Wochenbettdepression erkrankt. Was Hulda am meisten irritiert, ist die Erleichterung der Schwiegermutter. Und es sieht so aus, als wäre Hulda die Einzige, die das Neugeborene finden will. Ohne den mit ihr befreundeten Kommissar beginnt sie mit der Recherche, während Karl förmlich in unzähligen Delikten ertrinkt. Inzwischen hat er einige Kollegen, die nur schützend eingreifen, wenn die Religion des Opfers mit ihrer Weltanschauung im Einklang steht. Weiterlesen

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Juan Francisco Ferrándiz: Die Kathedrale des Himmels

Ein Buch mit mehr als 700 Seiten lässt LeserInnen auf ein episches Werk hoffen. Sie werden nicht enttäuscht. Ferrándiz Historien-Epos spielt im 9. Jahrhundert in der Spanischen Mark. Barcelona ist hier die südlichste Bastion der Christenheit und immer wieder den Angriffen der Sarazenen ausgesetzt. Wenig hilfreich ist in dieser Situation, dass der Adel nicht nur zerstritten, sondern auch überaus skrupellos ist.

Der junge Geistliche Frodoi wird überraschend neuer Bischof der Stadt und Region und empfindet dies anfangs eher als Strafe denn als Belobigung. Seine neue Würde ist mit scheinbar unlösbaren Aufgaben verbunden: Fertigstellung des Baus der Kathedrale von Barcelona und Befriedigung der Region. Doch Frodoi beschließt, die Aufgaben mutig anzugehen und führt bei seinem Einzug in die katalonische Stadt einen Zug neuer Siedler mit sich.

Unter diesen befinden sich auch Elisia und Gali. Sie haben sich dem neuen Bischof angeschlossen, um ihren Traum von einer eigenen Herberge zu verwirklichen.

Wie zu erwarten ist, hat es Frodoi, bei aller Entschlossen- und Klugheit, nicht einfach. Mächtige Gegner stellen sich seinen Plänen in den Weg und ob er seiner neuen Verbündeten, der Adeligen Goda, die ebenso schön wie geheimnisvoll ist, trauen kann, bleibt lange fraglich. Weiterlesen

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Astrid Ruppert: Die Winter-Frauen-Trilogie 01: Leuchtende Tage

Was verbindet eine Familie? Was hält sie zusammen und was prägt sie sogar über Generationen hinweg? „Leuchtende Tage“ ist der erste Teil einer Trilogie von Astrid Ruppert über die Frauen der Familie Winter: Eine liebevoll erzählte Geschichte über Mütter und Töchter, Mut, Träume und die große Liebe.

Im Mittelpunkt dieses ersten Teils der Trilogie steht Lisette Winter, die Ende des 19. Jahrhunderts in einer wohlhabenden Familie in Wiesbaden aufwächst. Schon als Kind fällt es ihr schwer, sich an die gesellschaftlichen Konventionen zu halten. Zum Leidwesen ihrer Mutter sprengt sie mit ihrem aufbrausenden Charakter regelmäßig gesellschaftliche Zusammenkünfte und rebelliert als Jugendliche heftig gegen das Tragen eines Korsetts. Stattdessen hat sie eigene Ideen für Kleider, die mehr Bewegungsfreiheit und Aktivität zulassen. In dem jungen Schneider Emile findet sie einen Komplizen, der ihr nicht nur bei der Verwirklichung ihrer Entwürfe hilft, sondern auch den für sie vorgesehenen Weg grundsätzlich in Frage stellt.

Gut hundert Jahre später stellt sich auch Lisettes Urenkelin Maya die Frage, wie man die Frau wird, die man sein will. Ihre Spurensuche führt sie weit in die Vergangenheit und sie taucht immer mehr in das bewegende Leben ihrer Urgroßmutter ein. Über die verschiedenen Zeitebenen verwebt Astrid Ruppert das Leben und Schicksal ihrer Protagonistinnen. Sie führt die Lesenden ins Deutschland der Kaiserzeit und vermittelt ein anschauliches Bild des gesellschaftlichen Lebens, der verbreiteten Ansichten und Konventionen. Themen wie das Rollenbild der Frau, Selbstbestimmung, aber auch ungeahnte Schicksalsschläge spielen dabei eine wichtige Rolle. Weiterlesen

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Frank Goldammer: Zwei fremde Leben

Der Autor erzählt uns eine Geschichte, die, so ist zu befürchten, öfter als man sich vorstellen möchte in der DDR geschah. Frank Goldammer, 1975 in Dresden geboren, ist erfolgreich mit seinen im Nachkriegs-Dresden angesiedelten, historischen Kriminalromanen.

Eine junge Frau, Ricarda, wird kurz vor der Entbindung ins Krankenhaus eingeliefert. Es ist das Jahr 1973, wir befinden uns in Dresden. Während der Geburt, bei der ihr eigener Vater, an der Klinik Leiter der gynäkologischen Abteilung, anwesend ist, gibt es Komplikationen und das Kind kommt tot zur Welt. So erzählt man der verzweifelten Mutter und dem jungen Vater. Doch Ricarda wird sich nie mit dieser Aussage abfinden, immer über all die folgenden Jahre und Jahrzehnte, wird sie daran zweifeln, dass ihre Tochter tot ist. Sie wird nach ihr suchen, sie wird Nachforschungen anstellen, bei Polizei und Anwälten um Hilfe bitten. Doch mit ihren Eltern und besonders mit ihrem Vater wird sie nie über die Geburt und ihr Kind sprechen.

In einer Parallelhandlung lernen wir den Polizisten Rust kennen, dessen Frau zeitgleich mit Ricarda in der Klinik auf die Geburt ihres ersten Kindes wartet. Dadurch erfährt er von der Totgeburt und weil ihm die Sache suspekt erscheint, beginnt er ebenfalls nachzuforschen.

Dem Autor gelingt es sehr gut, die Verhältnisse, die Stimmung und die gegenseitigen Verdächtigungen, das Misstrauen und die Nöte der Menschen in der DDR zu dieser Zeit zu schildern. Was im Hinblick auf seine Herkunft nicht überrascht. Dabei umschifft er zwar nicht jedes Klischee, aber manchmal ist die Realität eben ein großes Klischee. Weiterlesen

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Ambrose Parry: Die Tinktur des Todes

Ins düstere Edinburgh zur Mitte des 19. Jahrhunderts entführt uns der historische Krimi eines Autorenduos, das unter dem Pseudonym Ambrose Parry schreibt.

Der junge Will Raven kommt als Gehilfe zu einem angesehenen Frauenarzt, der mit verschiedenen Möglichkeiten der Betäubung experimentiert. Zugleich kommen in der Stadt immer wieder schwangere Frauen unter rätselhaften Umständen ums Leben. Raven und das gewitzte Dienstmädchen Sarah machen sich gemeinsam an die Aufklärung der Todesfälle.

Ambrose Parry – dahinter verbirgt sich der Autor Christopher Brookmyre und seine Frau, die Anästhesistin Marisa Haetzman – ist ein spannender, atmosphärisch dichter und vielschichtiger Krimi gelungen. Weiterlesen

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Anne Stern: Fräulein Gold. Schatten und Licht

Am 24. Mai 1922 wird nachts in Berlin eine alternde Prostituierte über die Brüstung einer Brücke gestoßen. Sie ertrinkt unbemerkt im Fluss. Jeder aus dem Milieu, der die fixe Rita kannte, denkt sofort an Mord. Doch die Polizei will lieber an Selbstmord glauben. Täglich stößt die Hebamme Hulda Gold auf große Not. Sie kann einfach nicht wegsehen und muss aus einem inneren Bedürfnis heraus helfen. Als sie von einer Patientin erfährt, die angeblich ertrunkene Frau sei ihre Nachbarin und Freundin gewesen, wird Hulda neugierig. Und je mehr sie den Unstimmigkeiten nachgeht, um so mehr schreckt sie die falschen Leute auf. Auch ihre Begegnung mit dem ermittelnden Kommissar hat Folgen.

Die Berlinerin Anne Stern hat mit ihrem Roman Fräulein Gold Schatten und Licht den ersten Band einer Reihe vorgestellt, der den Leser in die Nachkriegszeit führt, in der die Folgen des Ersten Weltkriegs zum Alltag gehören. Statt für die Einhaltung von Menschenrechten zu sorgen, bekämpfen sich die politischen Vertreter bis aufs Blut. In diesem Machtvakuum übernimmt der Skrupellose die Regie. Die Metropole Berlin in der Zeit der Goldenen Zwanziger hat sich zu einer Arena für unterschiedliche Interessen entwickelt. Vor diesem politischen und gesellschaftlichen Hintergrund dürfte die Autorin auf reichlich Stoff stoßen, die eine alleinstehende, engagierte junge Frau in spannende Abenteuer und Schwierigkeiten verwickeln kann. Weiterlesen

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Andreas Izquierdo: Schatten der Welt

Ein Schmöker, wie er im Buche steht. Ich habe den Roman binnen weniger Stunden verschlungen. Und hoffe jetzt sehr, dass der Autor schon an einer Fortsetzung schreibt. Denn die Geschichte schreit förmlich danach.

Andreas Izquierdo, Jahrgang 1968, hat bereits mehrere Romane veröffentlicht, darunter auch preisgekrönte. Seine letzten Bücher waren „Romeo und Romy“, eine herzerwärmende Geschichte, die ich sehr gemocht habe, und „Fräulein Hedy träumt vom Fliegen“.

Die Handlung von „Schatten der Welt“ setzt ein im Jahr 1910, dem Jahr, als der Halleysche Komet der Erde so bedrohlich nahe kam. Der Ich-Erzähler ist zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt, Carl Friedländer, einziger Sohn des jüdischen Schneiders in Thorn, eine Stadt in Westpreußen, an der Weichsel. Sein bester Freund ist Artur Burwitz, Sohn des cholerischen und geschäftsuntüchtigen Wagners.

Die beiden Jungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Artur ist muskulös, groß und breitschultrig, hat vor nichts und niemandem Angst und den Kopf voller Dummheiten. Carl ist ein sensibler, schüchterner und eher ängstlicher Junge, zurückhaltend und strebsam in der Schule.

Beider Familien sind arm und die Kinder müssen jeweils zu Hause mitarbeiten, d.h. auch Carl lernt die Schneiderei. Er tut das seinem Vater zuliebe, denn im Grunde weiß er, dass er diesen Beruf in Wahrheit gar nicht ergreifen will. Weiterlesen

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Ulrike Wolff: Die Dame vom Versandhandel

Im Grunde führen Titel und Klappentext dieses Romans etwas in die Irre. Denn weniger als die Story über eines der ersten deutschen Versandhäuser steht die sehr verwickelte und ziemlich abenteuerliche Familiengeschichte der Protagonisten im Vordergrund der Handlung.

Ende der Fünfziger Jahre bauen Kurt Laube und seine um einiges jüngere Ehefrau Annie in Fulda das Versandhaus unter dem Namen Eulendorf auf. Annie erwartet ihr erstes Kind und findet sich nur schwer damit ab, dass sie erst wegen der Schwangerschaft und danach, um die kleine Tochter zu betreuen, ans Haus gebunden ist. Sie engagiert sich sehr für die Firma ihres Mannes, bringt viele frische Ideen hinein und agiert dadurch für eine Frau der damaligen Zeit durchaus ungewöhnlich. Durch ihre Mutterrolle fühlt sie sich nun von dem Geschehen in der Firma abgeschnitten.

In einem rückblickenden Handlungsstrang wird von Kurts Kindheit erzählt. Im Alter von 8 Jahren, kurz nach dem 1. Weltkrieg, wurde seine Familie aus Polen aus dem Ort Eulendorf vertrieben. Den sich im Verlauf des Romans entwirrenden Verwicklungen innerhalb seiner Familie – auf die ich hier nicht näher eingehen will, um nicht zu spoilern – liegen, so die Autorenvita, wohl eigene Familiengeschichten zugrunde. Ulrike Wolff ist das Pseudonym des Autorenehepaars Ulrike Gerold und Wolfgang Hänel. Im Nachwort erläutern sie, dass die Handlung auf wahren Begebenheiten beruht, sie sich jedoch auch der Freiheiten der Fiktion bedienen. Weiterlesen

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Armando Lucas Correa: Die verlorene Tochter der Sternbergs

Auch wenn man schon am Anfang das Ende erfährt, bleibt der Roman von der ersten bis zur letzten Seite hochspannend. Auch wenn man solche und ähnliche Geschichten vielleicht schon öfter gelesen hat, erschüttert und berührt diese Familiengeschichte.

Der Roman wirft die Frage auf, was ein Mensch bereit ist, auf sich zu nehmen, um einen anderen Menschen zu retten, wie weit eine Mutter geht, um ihr Kind zu schützen.

Die Buchhändlerin Amanda Sternberg und ihr Mann Julius, ein Kardiologe, leben Anfang der Dreißigerjahre als Juden in Berlin. Sie haben zwei kleine Töchter, als die Lage für die jüdische Bevölkerung immer gefährlicher wird. Eines Tages wird Julius verhaftet, doch er hat vorgesorgt und die Flucht seiner Familie genau vorbereitet. Amanda soll die Mädchen nach Kuba zu ihrem Bruder schicken und selbst bei einer befreundeten Familie in Frankreich Zuflucht suchen. Doch im Moment der Trennung, als die Kinder in Hamburg auf das Schiff gehen sollen, bringt Amanda es nicht über sich, sich von beiden zu trennen. So gibt sie nur die Ältere, Viera, in die Obhut eines Ehepaares und reist mit der kleinen Lina nach Frankreich. Dort findet sie Unterschlupf bei Claire und deren Tochter Danielle.

Aber im Laufe des Krieges bleibt auch das kleine Dorf nicht verschont, die Nazis dringen auch hierhin vor und Amanda und Lina werden in ein Lager gebracht. Während all dieser Zeit verwindet Amanda die Trennung von ihrer Tochter Viera nie, sie ist zerrissen zwischen den Selbstvorwürfen, die eine Tochter allein über das Meer geschickt oder die andere behalten und so nicht gerettet zu haben.   Weiterlesen

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