Kathrin Gerlof: Nenn mich November

Marthe und David sind am Ende, finanziell und mit den Nerven. Nach der Insolvenz ihrer Firma für kompostierbares Geschirr, geht ihnen jetzt auch privat das Geld aus. Sie können die Miete in Berlin nicht mehr bezahlen und ziehen in ein heruntergekommenes Haus auf dem Dorf, das David von seiner Tante geerbt hat.

Das Dorf, umgeben von Genmais-Feldern mit meterhohen, hungrigen Pflanzen und Wald, liegt in der tiefsten ostdeutschen Provinz. Um eine Verbindung zum Internet zu bekommen, steigt Marthe zu Beginn regelmäßig auf einen zwei Kilometer entfernten Hügel mit Fernmeldemast. Denn ohne den digitalen Zugang zur großen, weiten Welt kann sie nicht leben. Sie muss wissen, wie es um die Erde steht, sie sammelt Katastrophen und Statusberichte, um ein Bild davon zu haben, wie es weitergeht: Waldsterben, Meeresverschmutzung, Krieg, Terrorismus, Genozide, es gibt nichts Schlimmes, was sie nicht interessiert und was sie nicht in ihre umfangreiche Privatdatenbank aufnimmt. Marthe ist „angeschlagen an einigen Stellen von Geburt an. Schreckhaft, angstvoll.“ Zu jeder Furcht entwickelt sie ein passendes körperliches Symptom und sie beginnt, mit ihrem linken Arm zu fremdeln. Aber trotz dieser psychischen Instabilität scheint sie sich im Dorf nach ein paar Anfangsschwierigkeiten gut zurecht zu finden. Sie knüpft Kontakte zu Robin – mit knapp 15 Jahren der jüngste der rund 70 Dorfbewohner und einer der wenigen, die noch an eine Zukunft für sich glauben – und zu Radomski, dem Wilderer und Holzfachmann aus dem Nachbarort. Weiterlesen

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Ingrid O. Volden: Unendlich mal unendlich mal mehr

Petra ist zwölf Jahre alt und lebt mit ihrer alleinerziehenden schwedischen Mutter in Norwegen. Dort geht sie in die siebte Klasse und hat zwei beste Freunde, den stotternden Chris, der immer mal wieder etwas absichtlich kaputt macht, und Melika, ein Flüchtlingsmädchen, das sehnsüchtig darauf wartet, dass auch ihr Bruder es bis nach Norwegen schafft. Doch auch Petra selbst hat genügend Probleme: Sie hasst ungerade Zahlen, muss deshalb beim Frühstück immer zwei, vier oder sechs Brote essen, tritt nicht auf Gullideckel und die Zahl Pi macht ihr ganz besonders Angst in ihrer Endlosigkeit. Als Petra sich im Klassenraum übergeben muss, wird der psychologische Dienst der Schule auf sie aufmerksam.

Ingrid O. Volden ist ein herrliches kleines Buch über Freundschaften gelungen. Petra ist nicht gerade die beliebteste Schülerin der Klasse, hat aber zwei Freunde, auf die sie sich verlassen kann. Chris rettete sie einst vor dem Ertrinken in einem eiskalten See – seitdem geht Petra nicht mehr ins Wasser. Weiterlesen

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Ulf Schiewe: Land im Sturm

Bayern, 995 n. Chr.: Arnulf ist ein junger Schmied, der mit beiden Beinen im Leben steht. Er wird die Schmiede von seinem Vater erben und es wird zudem Zeit, dass er dazu eine passende Frau findet. Als die Tochter des Vogtes ihm schöne Augen macht, ist Arnulf wie von Sinnen. Er lässt sich auf das gefährliche Spiel ein – denn entdeckt werden dürfen die beiden auf keinen Fall. Doch dann läuft alles aus dem Ruder und Arnulf muss die Flucht ergreifen. Auf seinem Weg nach Augsburg lernt er Hedi kennen, die bei einem Überfall durch die Ungarn ebenfalls von ihrer Familie getrennt wurde. Gemeinsam begeben sie sich in das Abenteuer der großen Stadt und suchen nach ihrem Glück.

Ulf Schiewe hat mit „Land im Sturm“ einen Roman geschrieben, dessen Handlung auf knapp über 900 Seiten auch fast 900 Jahre deutsche Geschichte umspannt. Die Hauptfiguren der einzelnen Epochen sind dabei meist miteinander verwandt, könnten also sagen, dass der Schmied Arnulf ihr Ur-(…)-Ur-Ur-Großvater war. Weiterlesen

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Tara Westover: Befreit

Tara Westover wurde 1986 in Idaho, USA, auf der Farm ihrer Eltern am Buck Peak geboren. In ihrer Kindheit bekommt sie weder einen Arzt zu Gesicht noch betritt sie jemals ein Klassenzimmer. Die Kinder werden anfangs halbherzig von der Mutter zu Hause unterrichtet, später bleibt ihnen ihre Bildung selbst überlassen. Sie können alles lernen, was sie wollen, wenn sie es sich nur selbst beibringen, nachdem sie ihre Arbeit erledigt haben. Tara arbeitet viel: Sie hilft ihrer Mutter, einer Kräuterfrau, Tinkturen zu mischen und begleitet sie bei Geburten. Sie hilft ihr beim Kochen und Spülen und sortiert schwere Metallteile auf dem Schrottplatz ihres Vaters.

Der Vater besteht darauf, dass sich die Familie auf die Tage des Gräuels vorbereitet, wenn sich die Sonne verdunkeln und eine neue Zeit anbrechen wird, wenn nur diejenigen überleben können, die auf dem rechten Weg sind. Menschen, die bedingungslos auf Gott vertrauen und nach seinen Geboten leben. Menschen, die züchtig und demütig sind und sich vor allem von den Sozialisten und den Illuminaten fernhalten, welche rechtschaffene Leute einer Gehirnwäsche unterziehen, besonders in Schulen und Krankenhäusern. Der Vater regiert mit harter Hand; niemand in der Familie stellt seine Entscheidungen in Frage, selbst wenn sie zu lebensgefährlichen Situationen führen. Weiterlesen

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Gunnar Kaiser: Unter der Haut

Tja, ich kann mich nicht in den Reigen der Lobhudeleien einreihen, sagen wir, ich bin eher frustriert. Aber fangen wir mal mit dem an, was mich so unberührt lässt, und das „Berührtsein“  sollte ja der Sinn einer guten Geschichte sein. Ich konstruiere mal folgendes Szenario: treffen sich zu einem geheimnisvollen literarischen Zirkel folgende Weltbestseller in Persona: Michael Köhlmeier (z.B. Joel Spazierer), Carlos Ruiz Zafón (Der Schatten des Windes), Christoph Ransmayr (Die letzte Welt, Cox oder der Lauf der Zeit) und Umberto Eco (Der Name der Rose). Erwarten könnte man noch Patrick Süskind, als Experte für pathologische Sucht nach Erfüllung und Philip Roth und/oder Paul Auster für die Schattenseiten von New York.

Der kleine Gunnar Kaiser sitzt unter dem Tisch, wenig beachtet von dem illustren Kreis, und notiert sich heimlich die Stichworte der Herren Monsterliteraten, die den Roman der Romane diskutieren. Inhalt:  das Buch als Gesamtkunstwerk, als quasi göttliches Wesen, von außerirdischer Schönheit, unbezahlbar und deshalb von unbezähmbarer Gier gejagt. Nicht nur das Wort zählt, der Einband ist genauso entscheidend. Weiterlesen

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Jonas Winner: Die Party

Als die ehemaligen Schulfreunde in 2018 zu einer Halloween-Revival-Party eingeladen werden, ahnen Nick, Donna, Ashley, Terry, Louise, Kim, Ralph, Henry, Janet und Scott nichts Schlimmes. Der Gastgeber ist ihr alter Schulfreund Brandon, der in seiner Villa ihre letzte Party wiederaufleben lassen möchte. An Halloween 1986 waren sie alle in dieser Konstellation zuletzt vereint. Eine Party, die mehrere Leben für immer veränderte. Eine Party, auf der Schreckliches geschah. Doch was war es? Und wer war beteiligt? Schon nach wenigen Minuten ahnen die ehemaligen Schulfreunde, dass es etwas Zerstörerisches sein muss. Denn kaum hat die Party begonnen, stürzt der Gastgeber Brandon in die Tiefe und wird vom schweren Kronleuchter begraben. Gleich im Anschluss – alle sind noch geschockt – meldet er sich per Videobotschaft. Nur einer der Gäste wird die 24 Stunden der Party überleben und es gibt kein Entkommen …

Jonas Winners neuer Roman hat viele Protagonisten, die man alle ein wenig kennenlernt. Am Greifbarsten wird dabei wohl noch Nick, dem viele Kapitel des Romans gewidmet sind. Er lebt als mehr oder wenige erfolgreicher Autor von Thrillern in Brooklyn, New York. In seinem Heimatstädtchen New Jericho war er seit dem Schulabschluss nicht mehr, auch Kontakt zu den ehemaligen Freunden hatte er wenig. Weiterlesen

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Todd Lockwood: Die ewigen Gezeiten 01: Der Sommerdrache

Maia ist in einer Familie aufgewachsen, die einem sogenannten Aery Drachen hält und mit ihnen jährlich Junge heranzieht, die dann vom Kaiser jedes Jahr abgeholt werden, um sie für den Krieg anzulernen. Doch dieses Jahr haben Maia und ihr Bruder Darian Hoffnung, dass sie beide jeweils eins der Jungtiere behalten dürfen, um es aufzuziehen und später zur Zucht einzusetzen. Es zeichnet sich allerdings ab, dass in einem geburtenschwachen Jahr, in dem es auch Katastrophen für andere Aeries gab, alle Jungtiere an den Kaiser gehen. Als dann nur Darian einen Drachen behalten darf und Maia leer ausgeht, ist ihre Enttäuschung grenzenlos. Es muss doch einen Weg geben, einen Drachen zu bekommen!

Todd Lockwoods Romanhandlung in wenigen Sätzen gänzlich zu erfassen, ist schier unmöglich. Es geht um so viele verschiedene Themen und es passiert so viel, dass man sich da gar nicht kurzfassen kann. „Der Sommerdrache“ ist durchweg interessant und oft – auch mitten im Roman – sehr spannend. Weiterlesen

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Akram El-Bahay: Wortwächter

Es ist schon eine Krux, wenn die eigenen Eltern meinen, ihren zweiten Frühling zu erleben und die ausgefallene Hochzeitsreise nachholen zu müssen. Paris, die Stadt der Liebe ist da angesagt, doch wohin nur mit dem zwölf-jährigen Filius? Da kommt ein verschrobener Onkel in England natürlich geschickt und schon findet sich Tom vor einer alt-ehrwürdigen Villa zwei Stunden von London entfernt – also mitten in der Pampa – wieder. Internet gibt es hier genauso wenig wie Handyempfang – sogar einen TV – natürlich ohne Streaming Möglichkeit – sucht Tom vergebens. Statt dessen, wo das Auge hinfällt alte Schwarten, pardon Bücher! Das kann ja gähnend werden, denkt Tom da noch. Dass sein Onkel in Will einen etwas merkwürdig aussehenden Butler mit Augenbrauen und Haaren hat, die gerne einmal verrutschen und der sich sein Gesicht schminkt verwirrt Tom. Mehr noch aber erstaunt ihn der Fund im Keller des Anwesens.

Hier überrascht er in seiner ersten Nacht einen Einbrecher, einen Dieb und Entführer, der nicht nur wertvolle Blätter, sondern auch seinen Onkel entwendet – sprich kidnappt. Dass eines der Blätter, das er sich schnappt, sich selbst beschreibt hätte er noch als Alptraum abtun können, dass ihn der Text aber direkt und ganz persönlich anspricht und von Bibliothekaren und Lectorii, Lesende und Schreibenden berichtet und offensichtlich mehr über Tom, seine Gedanken und Gefühle weiß, als ihm recht ist macht die Sache mysteriös. Weiterlesen

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Zaza Burchuladze: Der aufblasbare Engel

Was für ein origineller Roman: Nino und Niko sitzen in ihrer Wohnung im georgischen Tiflis und beschwören aus Langeweile den Geist des griechisch-armenischer Esoteriker und Schriftstellers Georges Gurdjieff, der 1949 gestorben ist. Der Geist erscheint – und will partout nicht wieder gehen.

Irgendwann verfallen die drei auf die Idee, einen Millionär in die Wohnung zu locken und ihm hypnotisch aufzutragen, bis zum Abend jede Menge Geld zu bringen …

Der nur knapp 200 Seiten lange Text des 1973 geborenen georgischen Autors Zaza Burchuladze (Übersetzung: Maia Tabukashvili) ist skurril und aberwitzig. Er beinhaltet sicherlich eine auf die Heimat des Autors bezogene Gesellschaftskritik. Weiterlesen

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Simona Morani: Der Waschsalon des kleinen Glücks

Eine etwas andere Art von „Toy-Boy“-Story: Die 62-jährigen Witwe Rina betreibt einen kleinen Waschsalon in Modena, auf den sie sehr stolz ist. Für sie bedeutet er ein relativ selbst bestimmtes Leben und finanzielle Unabhängigkeit von ihrem Mann Osvaldo, der vor zwei Jahren gestorben ist. Sie bekocht ihren planlosen Sohn, dem kein Studium oder Job zu liegen scheint, schlendert über den Markt, trifft sich mit ihrer Schwester Ada und schaut gerne Fernsehserien an. Rina stellt keine großen Ansprüche mehr an das Leben – oder gar an die Liebe. Dies ändert sich schlagartig, als der attraktive Mittdreißiger Donato in ihren Waschsalon spaziert…!

Donato, Manager bei Maserati, benötigt dringend eine Hemdenreinigung. Eingefangen von seinem weltgewandten Charme, verschiebt Rina ihm zuliebe einen Auftrag. Bald erscheint Donato zwei Mal pro Woche in Rinas Waschsalon, sie trinken Espresso und unterhalten sich. Rina ist fasziniert von seinen Geschichten, schätzt aber auch, dass er Anteil an ihrem Leben nimmt. Seit langer Zeit fühlt sich Rina wieder als Frau wahrgenommen. Bald stellt sie fest, dass durchaus mehr Gefühle im Spiel sein könnten… Weiterlesen

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