Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele

Als Helmut Gregor im Juni 1949 nach einer dreiwöchigen Überfahrt von Genua aus in Buenos Aires von Bord geht, ahnt keiner seiner Mitreisenden auf der North King, dass es sich bei ihm um den KZ-Arzt Josef Mengele handelt, der für den Tod unzähliger Menschen und für extrem grausame Menschenversuche verantwortlich ist. Mengele hat sich die Flucht und das neue Leben teuer erkauft. An Geld und Unterstützung fehlt es ihm nicht. Seine Familie steht hinter ihm, das Netzwerk der Nationalsozialisten ist intakt, die Fluchtroute sicher. Die Jahre nach dem Krieg hat er größtenteils versteckt auf einem Bauernhof verbracht. Zugute kam ihm hier – wie auch bei seiner kurzzeitigen Internierung durch die US-Armee 1945 -, dass er sich beim Eintritt in die SS der Blutgruppentätowierung verweigert hatte. Keiner schien ihn zu erkennen und wer ihn erkannte, verriet ihn nicht oder unterstützte ihn sogar.

Zunächst hält sich Mengele in Buenos Aires zurück, sucht keinen Anschluss, vermeidet es, deutsch zu sprechen. Doch dann lernt er Eberhard Fritsch kennen, den Gründer des Dürer-Verlages und Herausgeber der Zeitschrift „Der Weg“, „die Zeitschrift der Nostalgiker des Schwarzen Ordens“, wie Guez schreibt. Durch ihn und Willem Sassen, der später durch seine Interviews mit Adolf Eichmann bekannt wird, wird er in die Gesellschaft der Nationalsozialisten in Argentinien eingeführt. Man kennt sich, man hilft sich, bald ist es nicht mehr notwendig, die wahre Identität zu verschleiern, auch weil Präsident Juan Péron seine schützende Hand über sie hält. Weiterlesen

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Sophie Hénaff: Kommando Abstellgleis

Ein Mordsspaß mitten in Paris: Anne Capestan ist eine talentierte Polizistin, die leider einen Haken hat: Sie ist äußerst hitzköpfig! Leicht erregbar, gerechtigkeitsfanatisch und schießwütig, hat sie sich bei ihrem letzten Einsatz ein paar Kugeln zu viel erlaubt. Folglich wird sie zur Leitung einer neuen Brigade abkommandiert, welche sich als ein Sammelsurium von Polizeikollegen herausstellt, mit denen keiner zusammenarbeiten will. Da ist zum Beispiel José Torrez, dessen vier letzte Partner bei Einsätzen entweder schwer verletzt oder getötet wurden. Seitdem umweht ihn die Aura des Todesengels, der nur Unglück bringt. Da sind der homosexuelle Lebreton, der Säufer Merlot (Name verpflichtet!) und der etwas debile Hacker Dax, der sich bei Boxkämpfen ein paar graue Zellen gequetscht hat. Die mondäne Eva Rosière hat nicht nur Allüren, sondern durch ihre Tätigkeit als Drehbuchautorin einer Krimiserie etliche Kollegen vor einem Millionenpublikum bloßgestellt. Die schüchterne Polizistin Evrard ist der Glücksspielsucht erlegen, während der PS-verrückte Lewitz in drei Monaten drei Dienstwagen zu Schrott gefahren hat. Zusätzlich wird die Brigade von Rosières Schoßhündchen Pilote abgerundet. Weiterlesen

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Alex Capus: Königskinder

Der Schweizer Alex Capus (Jahrgang 1961) ist Autor von Romanen, Kurzgeschichten und Reportagen. Er hat seine Leserinnen und Leser 2016 in „Das Leben ist gut“ mit dem Paar Max und Tina bekannt gemacht. In Capus‘ neuem Roman „Königskinder“, der am 20. August 2018 im Carl Hanser Verlag erschienen ist, begegnen wir Max und Tina wieder.

Max und Tina fahren mit ihrem roten Toyota Corolla auf eine gesperrte Passstraße in den Schweizer Bergen. Es schneit, kurz hinter der Passhöhe kommt der Wagen von der Straße ab und lässt sich nicht mehr manövrieren. Das Paar steckt im Schnee fest und muss auf die Schneefräse warten, die am nächsten Morgen die Passstraße frei räumen wird. Zum Glück haben sie gut zu Abend gegessen und eine Decke dabei. Zum Einschlafen erzählt Max Tina eine Geschichte, eine angeblich wahre Geschichte, aus Greyerzerland. Und wenn es nicht so stark schneien würde, könnten sie gegenüber die Melkhütte am Hang erkennen, in der die Geschichte vom Hirten Jakob Boschung ihren Anfang nimmt.

Nach dem Tod seiner Eltern und Geschwister und der Flucht vor seinem gewalttätigen Onkel lebt Jakob allein auf der Alp und hütet die Kühe der reichen Bauern aus dem Tal. Als er im Herbst des Jahres 1779 die Kühe von der Alm ins Tal treibt, verliebt er sich in Marie, die Tochter des reichen Bauern Magnin. Weiterlesen

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Thommie Bayer: Das innere Ausland

Hundertprozentig verlässlich scheint anfangs nur das Gebell des Nachbarhundes von Protagonist Andreas zu sein. Seit fünf Jahren lebt der Vierundsechzigjährige in einem Haus im Luberon, von dem er den vorderen Teil bewohnt. Im  hinteren Teil lebte seine Schwester Nina. Noch immer hat er ihren Tod nicht überwunden. Schon im Kindesalter hatte Andreas sich um die jüngere Schwester gekümmert, nachdem die Mutter der beiden von einem Auto überfahren wurde. Beide, Nina und Andreas fühlten sich schuldig am Tod der Mutter. Als der Vater auch noch stirbt, wachsen die Geschwister noch enger zusammen, obwohl sie in zwei unterschiedlichen Pflegefamilien untergebracht sind.

Erst als aus Nina nach dem Abitur eine rastlose Reisende wird, entstehen lange Lücken, in denen es nur wenig Kontakt gibt. Ninas Spuren führen nach Amerika, als die Verbindung zwischendurch ganz abbricht und  Andreas sogar befürchtet, seine Schwester könne nicht mehr leben.

Wie aus dem Nichts taucht Nina wieder auf, die Vertrautheit ist wieder da und die beiden bleiben wieder wie zu ihrer Kindheit miteinander verbunden. Weiterlesen

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Gabriele Tergit: Etwas Seltenes überhaupt: Erinnerungen

Bereits mit 19 Jahren begann Gabriele Tergit (Jahrgang 1894) für Zeitungen zu schreiben, doch nach einiger Zeit erkannte sie, dass sie dafür eigentlich zu wenig wusste. Deshalb beschloss sie, ihr „Abiturium“ zu machen und zu studieren, was sie – energiegeladen, wie sie war – auch in die Tat umsetzte.

Die journalistische Tätigkeit ließ sie nicht mehr los. Noch während des Studiums begann sie, Feuilletons zu schreiben, danach wurden Gerichtsreportagen ihr Spezialgebiet. Sie arbeitete für verschiedene Zeitungen, musste aber 1933 aus Deutschland fliehen, nachdem sie in ihrer Wohnung von der SA überfallen wurde. Nach ein paar Jahren in Palästina, siedelte sie nach England über, wo sie bis zu ihrem Tod 1982 blieb. Auch im Exil war sie produktiv, verfasste Texte für deutsche Zeitungen, Romane und Sachbücher. Für fast 25 Jahre, von 1957 bis 1981, hatte sie zudem im P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland das Amt des „Sekretärs“ inne.

Gabriele Tergit erzählt in ihren Erinnerungen von ihrem Werdegang, hat aber gleichzeitig die politische Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft im Fokus. Aus ihren Texten quillt der Zeitkolorit, sie verpackt wichtige Themen in unterhaltsame Texte und hat ihre Augen und Ohren immer dicht an den Menschen und an den aktuellen Ereignissen. Der Alltag wird lebendig und viele Details werfen ein neues, authentisches Licht auf die Vergangenheit. Weiterlesen

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Chevy Stevens: Ich beobachte dich

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass Lindsey und ihre damals noch 6-jährige Tochter dem gewalttätigen Ehemann Andrew entkamen. Er kam sogar wegen einer anderen Sache ins Gefängnis. Doch nun hat er seine Strafe abgesessen und ist wieder auf freiem Fuß. Und sofort merkt Lindsey, die mittlerweile die Mutter eines 17-jährigen Teenies ist, dass in ihrer Umgebung seltsame Dinge passieren. Im Haus sind Gegenstände verrückt und sie spürt, dass jemand in ihren Räumen war. Sie fühlt sich verfolgt. Und dann taucht auch noch Andrew in dem kleinen Städtchen auf. Wer sonst soll es also gewesen sein? Doch die Ereignisse entwickeln eine Eigendynamik und schon bald kann Lindsey niemandem mehr trauen.

Mittlerweile bin ich ein großer Fan der Romane der kanadischen Autorin Chevy Stevens. Sie stehen oft für Spannung pur, interessante und häufig unterwartete Wendungen innerhalb der Geschichten und prägnant gezeichnete Figuren. „Ich beobachte dich“ erfüllt allerdings nicht alle diese Kriterien in Gänze. Spannung pur habe ich hier zum Beispiel vermisst. Die Geschichte ist ohne Zweifel gekonnt erzählt, hat die passenden Wendungen, führt Leser und Leserinnen wie betroffene Figuren oftmals in die Irre, aber der Wow-Effekt, den ich bei ihren anderen Romanen, wie etwa „Those Girls – Was dich nicht tötet“ hatte, bleibt aus. Weiterlesen

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Corinna Griesbach: Das Prinzip der Mittelmäßigkeit

H’Thüsos Maisyn ist Historiker und fremd in der Welt, in die er aus der Zukunft geschickt wurde. Es ist nicht wirklich unsere Welt, aber wir könnten nur wenige Jahre davon entfernt sein. Großbrände und Überschwemmungen bestimmen die Nachrichten, Füchse haben sich die Städte erobert und leben neben den Menschen, andere Tiere sind komplett ausgestorben oder ihre Sichtung ist extrem selten, wie Enten. H’Thüsos Maisyn hat eine Aufgabe. Er soll mit seinem „Auge“ aufzeichnen, was ihm des Aufzeichnens wert erscheint und er soll eine Frau für seine Zukunft finden. Keine besondere, nur eben eine mittelmäßige. Keine leichte Aufgabe, wenn man die Vorgehensweisen der Welt, in der man gerade nicht, nicht wirklich versteht.

„Das Prinzip der Mittelmäßigkeit“ hat mich mehr durch seine Sprache als durch seine Handlung bestochen, obwohl man doch irgendwie immer wissen will, wie es weitergeht. Dabei muss ich sagen, dass ich nicht behaupten kann, alle Handlungsstränge vollständig verstanden zu haben. Manches ist mir rätselhaft geblieben, z.B. warum sich die Frauen dauernd umbringen und warum das H’Thüsos Maisyn sagt, dass einer seiner Kollegen erfolglos war. Weiterlesen

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Brit Bennett: Die Mütter

„Alle guten Geheimnisse haben ihren Eigengeschmack, bevor sie verraten werden, und wenn wir dieses spezielle etwas länger abgeschmeckt hätten, wäre uns vielleicht aufgefallen, dass es sauer war, wie ein unreifes, zu früh gepflücktes Geheimnis, vom Baum gestohlen und vor der eigentlichen Erntezeit herumgereicht.“ (Zitat S. 9)

Die Mütter, so werden die alten Frauen der Gemeinde Oceanside in Kalifornien genannt, kennen die Geheimnisse der Gemeindemitglieder. Das glauben sie jedenfalls, schließlich kümmern sie sich um deren Gebetsanliegen und beten für sie um neue Jobs, neue Häuser und Ehemänner, bessere Gesundheit, mehr Geduld und weniger Versuchungen. Und zusammengenommen haben sie jahrhundertelange Lebenserfahrung. Doch tatsächlich übersehen sie vieles. Ihnen entgeht, wie die siebzehnjährige Nadia Turner den Boden unter den Füßen verliert, nachdem ihre Mutter sich ohne ein Wort der Erklärung oder des Abschieds das Leben genommen hat. Sie wissen nichts von Nadias Selbstvorwürfen, denn ist Nadia der Grund, warum Elise Turner keine Ausbildung machen und nicht so leben konnte, wie sie es sich erträumt hatte. Die Mütter ahnen nicht, wie ungeliebt sich Nadia fühlt, wie tief sich der Vater in sich selbst zurückzieht, welche Sprachlosigkeit zwischen den beiden herrscht. Weiterlesen

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Maria Regina Kaiser: Hildegard von Bingen

Als Hildegard von Bermersheim im Jahr 1098 als 10. Kind ihrer Eltern geboren wird, haben Frauen in der Welt und in der Kirche nicht viel zu sagen. Ihr Weg ist vorbestimmt und schon beschlossen: Wenn sie alt genug ist, soll sie in ein Kloster eintreten. Beten, gehorchen, arbeiten, wie schon so viele vor und nach ihr.

Doch Hildegard ist schon als kleines Mädchen anders. Immer wieder werden ihre Gliedmaßen, manchmal über Wochen, durch Anfälle gelähmt. Oft kann sie kaum gehen oder stehen, sie ist schwach und kränklich. Doch es wohnt auch eine außergewöhnliche Kraft und Gabe in ihr. Sie hat Visionen, sieht Ereignisse voraus und empfängt Botschaften von einem „lebendigen Licht“, in dem sie eindeutig Gottes Worte erkennt.

Die Menschen glauben ihr nicht, halten sie für verrückt oder besessen, deshalb verschweigt sie, was sie sieht und hört, zweifelt an sich und probiert, nicht aufzufallen.

Mit 14 Jahren folgt sie ihrer Cousine Jutta von Sponheim in die Klausur im Benediktinerkloster Disibodenberg, die dort neu gegründet und von Jutta geleitet wird. Die jungen Frauen werden in einem Wohnturm eingeschlossen, der nur kleine Fenster und eine Gittertür als Verbindung zur Kirche hat. Der Kontakt zur Außenwelt ist reglementiert, Jutta führt die ihr anvertrauten Mädchen und Frauen mit strenger Hand, am strengsten ist sie allerdings zu sich selbst. Weiterlesen

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Jean-Luc Bannalec: Bretonische Geheimnisse

„Die“ Bretagne gibt es nicht! Diese Wahrnehmung beschreibt der Autor, indem er die geheisvollen Seiten dieser, in der Tat, vielfältigen Landschaft zur Kulisse seines 7. Bandes erhebt. Der Titel ist selbsterklärend und mit bedacht gewählt zumal sich um den Autor selbst immer noch Geheimnisse ranken. Das Pseudonym ist enttarnt. Ein erstes bretonisches Geheimnis gelüftet: Jean-Luc Bannalec ist Jörg Bong, Literaturwissenschaftler und Geschäftsführer des S. Fischer Verlags. Ihm gelingt es zum siebten Mal, seiner persönlichen bretonischen Vorliebe im Genre eines Krimi´s Referenz zu erweisen.

Der Leser spürt sofort, dass der Autor selbst ein Stück seiner persönlichen Identität aus dieser Region bezieht. Darum ist es kein Zufall, dass die Reihe um Kommissar Dupin sehr erfolgreich ist und in weiten Teilen verfilmt wurde. Im Jahre 2016 wurde Bannalec mit einem bedeutenden Preis für seine literarischen Verdienste um die Bretagne geehrt. Immer wieder fördert er Typisches, Besonderes und Legendenhaft-Geheimnisvolles in seinen Kriminalfällen zutage. In seinem siebten Band fordert Bannalec sein Ermittlerteam heraus, sich einer besonderen Legende an einem geheimnisvollen Ort zu stellen. Weiterlesen

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