Barney Norris: Hier treffen sich fünf Flüsse

Ein sehr trauriges Buch. Aber verdammt gut. Salisbury ist der Ort in England in dem sich nicht nur die besagten Flüsse treffen, sondern es ist auch der Ort eines Mopedunfalls. Dieses Geschehen wird von unterschiedlichsten Menschen gesehen, erlebt, bewertet oder sogar herbeigeführt. Fünf Schicksale kollidieren, und alle gehen einen eigentümlich nah.

Es ist letztendlich die Eindringlichkeit mit der Barney Norris seine Figuren zeichnet. Ein Roman über Einsamkeit, Alkoholmissbrauch, Projektionen, Träumen aber vor allem kleine und mittlere menschliche Katastrophen, in die man selbst bitte nicht hineintappen will. Aber wir leben alle nicht in Sicherheit und müssen zusehen, wie wir klarkommen. Das Leben ist immer auch Drama!

Barney Norris: Hier treffen sich fünf Flüsse.
DuMont Buchverlag, April 2018.
320 Seiten, Taschenbuch, 11,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

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Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie (1961)

Dieser Roman wird oft mit „Der Club der toten Dichter“ verglichen. Nicht ganz zu Unrecht. Die Thematik ist ähnlich. Hier ist es eine Mädchenschule, in der die unkonventionelle Miss Brodie ihren Schützlingen „Flausen in den Kopf setzt“, um sie für das Wahre und Schöne zu gewinnen, damit sie später zur „Crême-de-la-Crême“ gehören. Doch dieser Roman geht weiter. Er ist witziger, boshafter, sexueller, komplexer und damit faszinierender. Seine Heldin Miss Brodie ist streitbar. Sie schwärmt nicht nur für italienische Renaissancemaler wie Giotto, sondern auch für Mussolini. Neben den vielschichtigen Charakteren sind es vor allem Aufbau, Stil und Sprache, die dieses Meisterwerk so besonders machen.

Sie sind anders, als andere: Die Rede ist von der Brodie-Clique. Sechs Mädchen, die von ihrer Lehrerin in besonderem Maße gefördert werden. Miss Brodie lädt sie zu sich nach Hause zum Tee ein, besucht mit ihnen das Theater, zeigt ihnen die zwielichtigen historischen Altstadtviertel von Edinburgh. Jedes der Mädchen ist für ein besonderes Talent bekannt Weiterlesen

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Paolo Giordano: Den Himmel stürmen

Der italienische Physiker und Schriftsteller Paolo Giordano (Jahrgang 1982) wurde mit seinem literarischen Debüt „Die Einsamkeit der Primzahlen“ (Erstveröffentlichung 2008), das auch verfilmt wurde, bekannt. Am 9. Oktober 2018 ist im Rowohlt Verlag der neue Roman „Den Himmel stürmen“ in einer Übersetzung von Barbara Kleiner erschienen. Darin erzählt Paolo Giordano die Geschichte von Teresa, Bern, Nicola und Tommaso. Teresa verbringt jedes Jahr ihre Sommerferien mit ihrem Vater bei der Großmutter im Süden Italiens, in Apulien. Eines Nachts schleichen die drei Jungen auf das Grundstück von Teresas Großmutter und wollen ein Bad im Swimmingpool nehmen. Damit beginnt die Freundschaft zwischen den vier Kindern, die Giordano über Jahrzehnte hinweg beschreibt.

Die Jungen leben auf dem Hof von Nicolas Eltern, Cesare und Floriana. Diese sind sehr gläubig. Teresa ist fasziniert und verbringt fortan ihre Ferienzeit auf dem Hof. Irgendwann verlieben sich Teresa und Bern, der Teresa anzieht und wieder abstößt. Er leiht ihr sein Lieblingsbuch, Calvinos „Der Baron auf den Bäumen“. Bern ist ein Idealist. Teresa beginnt, in ihrer Heimatstadt Turin zu studieren. Die Großmutter stirbt und vererbt Teresa das Haus. Weiterlesen

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Ulrich Hub: Das letzte Schaf

Als eines Nachts ein helles Licht über ihrer Weide strahlt, werden die Schafe wach und ihre Hirten sind verschwunden. In hellem Aufruhr finden die Schafe heraus, dass irgendwo in der Nähe ein Kind geboren worden sei, das einmal die ganze Welt verändern wird. Ob ihre Hirten das Kind begrüßen gegangen sind? Die Schafe beschließen, sich ebenfalls auf den Weg zu machen.

Ulrich Hub, unter anderem bekannt durch sein Kinderbuch „Füchse lügen nicht“, hat eine neue Geschichte für Kinder verfasst. Er begleitet eine kleine Schafherde mit einigen sympathischen Charakteren durch die Weihnachtsnacht. Das Büchlein kann aber auch problemlos außerhalb der Weihnachtszeit gelesen werden, da es viele andere Aspekte einbringt. Weiterlesen

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Elisabetta Lugli: Der Buchladen der verlorenen Herzen

Annas Leben in Turin verläuft in ruhigen Bahnen. Sie arbeitet in der Buchhandlung „Stella Polaris“, die – wie auch ihre Besitzerin Signora Adele – eher altmodisch und gediegen, aber anspruchsvoll und mit Stil daherkommt. In der Beziehung zu ihrem Freund Edoardo ist sie eher zurückhaltend und scheut die Nähe, die er sich wünscht, denn insgeheim trauert sie noch ihrer großen Liebe Luca nach. Sie pflegt wenige, aber gute Freundschaften und ist auch ihrer Familie eng verbunden.

Zu einer unerwarteten Wendung kommt es, als Anna in der Zeitung vom Unfall ihrer früheren Freundin Claudia liest und sie im Krankenhaus besucht. Sie war es, die Anna damals von Lucas Untreue berichtet und so die Trennung ausgelöst hatte. Anna hatte Claudia so sehr vertraut, dass sie Luca nicht einmal die Möglichkeit gegeben hatte, seine Sicht der Dinge zu schildern. Doch auch die Freundschaft mit Claudia war daran zerbrochen. Was Claudia ihr erzählt, rückt die Vorkommnisse von damals in ein neues Licht. Kurz darauf schneit auch noch Luca zufällig in den Buchladen und die alten Gefühle flammen auf. Anna ist hin- und hergerissen zwischen den beiden Männern in ihrem Leben. Weiterlesen

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Annalee Newitz: Autonom

Kanada, 2144: Zacuity ist eine neue Droge auf dem Markt und der allerletzte Schrei. Denn wenn man die Droge konsumiert, fühlt sich arbeiten plötzlich ganz toll an und man möchte den ganzen Tag nichts anderes mehr tun. Doch Zacuity macht auch rasend schnell abhängig und führt dazu, dass Menschen sogar das Essen vergessen. Drogenschmugglerin Jack hat einige der Pillen kopiert und auf den Schwarzmarkt gebracht. Nun ist die Herstellerfirma und das halbe Land auf der Suche nach Jack, denn sie wird für den Skandal verantwortlich gemacht. Doch die Formel der Pillen selbst ist das Problem und das will Jack beweisen!

Annalee Newitz zeichnet ein futuristisches Bild einer Welt, in der Roboter und Menschen friedlich miteinander leben. Wie eh und je gibt es menschliche Sklaven, aber auch Robotersklaven. Doch die Roboter wollen frei sein und nicht jemandem unterstellt, der ihnen ihren Willen aufdrängt. Nur zur Hälfte wird die Geschichte von der etwas in die Jahre gekommenen Jack erzählt, die auch immer wieder einen Blick auf die Vergangenheit, etwa die letzten 30 Jahre der Entwicklung von Medikamenten, Drogen und technischer Sklaverei wirft. Weiterlesen

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René Freund: Niemand weiß, wie spät es ist

„Alle wahrhaft großen Gedanken kommen einem beim Gehen“, wusste schon Friedrich Nietzsche. Darauf zielt auch die Grundidee dieses Buches ab. Auf einer Art Pilgerfahrt zur letzten Ruhestätte ihres Vaters, lernt Nora nicht nur neue Seiten an sich selbst, sondern auch verborgene Familiengeheimnisse kennen. Der Roman bildet ein Konglomerat aus Komödie, Road- und Selbstfindungstrip, Drama plus philosophisches Gedankengut zum Thema Tod. Diese ambitionierte Mischung gelingt mal mehr, mal weniger gut.

Die 38-jährige Nora lebt als Journalistin in Paris und hat das Gefühl, im Leben festzustecken. Ihren Job bei einer großen Frauenzeitschrift hat sie verloren, sie lebt in einer winzigen Wohnung mit Kater und ein brauchbarer Mann ist auch nicht in Sicht. Dazu kommt der überraschende Tod ihres Vaters und eine noch überraschendere Testamentsverkündung. Ihr Erbe ist an eine Bedingung geknüpft: Nora soll sich unter notarieller Aufsicht mit der Asche ihres Vaters nach Österreich zu einer Wanderfahrt aufmachen. Weiterlesen

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Amélie Nothomb: Happy End

Déodat ist hässlich und zwar schon seit seiner Geburt. Selbst seine Eltern erschrecken, als sie ihn zum ersten Mal sehen. Doch seine Mutter Énide, die ihre Ballett-Ausbildung aufgeben musste, weil sie zu mager war, und sein Vater Honorat, Koch in der Tanzakademie, lieben ihn trotzdem von ganzem Herzen. Dabei hat Déodat, dieses ganz besondere Kind, auch seine Finger mit im Spiel, denn: „Der Säugling verfügte über jene höhere Form der Intelligenz, die man den Sinn für andere nennen könnte.“ Und diese Form der Intelligenz hilft ihm, „eine Umwelt zu besänftigen, die wenig geneigt war, den Schrecken der Natur mit Wohlwollen zu begegnen.“

Im Übrigen ist Déodat zurückhaltend, unkompliziert, freundlich und liebt das Alleinsein. Er zieht sich in sich zurück und betrachtet alles ganz genau. So entdeckt er Dinge, die ihn erstaunen und erfreuen und macht sich seine Gedanken dazu. In der Schule hat er es nicht einfach, aber mit einem ruhigen Gemüt übersteht er alle Unverschämtheiten der Mitschüler.

Als eines Tages beim Völkerball auf dem Schulhof Vogelkot auf seinem Kopf landet, öffnet sich für ihn eine neue Welt. Er ist überzeugt: Der Vogel hat ihn auserwählt. Ab diesem Zeitpunkt spielen Vögel eine ganz besondere Rolle für ihn. Sein Verhältnis zu Frauen ist speziell: Ab der Pubertät fliegen sie – trotz seines abstoßenden Äußeren – auf ihn, was er genießt, aber meistens nicht versteht. Bis er Trémière kennenlernt. Weiterlesen

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Sara Barnard: Vielleicht passiert ein Wunder

Die 16-jährige Steffi leidet unter einer Form des selektiven Mutismus. Unter vor allem fremden Menschen kann sie nicht sprechen, kein Wort verlässt ihre Lippen. Seit vielen Jahren arbeitet sie an sich, deshalb gelingt es ihr mittlerweile mit Familienmitgliedern und engen Freunden zu sprechen. In der Schule ist es weiterhin schwierig. Als der neue Mitschüler Rhys auftaucht, ändern sich die Dinge. Er ist taub und spricht Gebärdensprache. Steffi hat diese Form der Kommunikation vor vielen Jahren selbst gelernt, weil ihr Onkel das für eine gute Idee hielt. So fällt es ihr leicht, mit Rhys in Kontakt zu treten, ohne auch nur ein Wort sagen zu müssen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, aus der bald mehr zu werden scheint. Und Steffi spricht plötzlich immer öfter!

Sara Barnard beschreibt eine wirklich schöne Geschichte. Sie wird aus Steffis Perspektive umschrieben, deren Leben weitgehend von einer Angststörung beherrscht wird. Immer wieder macht sie sich Gedanken, sieht alles schwarz, gerät in Panik und spricht vor allem nicht mehr. Weiterlesen

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Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 3

Ich bin ganz ehrlich: der erste Teil hat mich echt umgehauen. Einsame Klasse. Der zweite Teil hat mich überrascht und der dritte Teil, da sage ich jetzt: na gut. Wenigstens gibt es keinen Vierten. Weil ich diese Atemlosigkeit des ersten Bandes nicht wieder gefunden habe, erst nicht im zweiten Teil und im Dritten schon gar nicht. Trotzdem ist es natürlich wieder in Teilen riesig: Sätze wie in Stein gemeißelt. Mit einer weltwissenden Schärfe und Analysekraft wird unsere Gesellschaft seziert und brillant zerlegt.

Ich komme allerdings mit den vielen, immer mehr werdenden Figuren nicht mehr klar, die sich irgendwie um den nunmehr eher als Guru in Erscheinung tretenden Vernon, versammelt haben. Vernon Subotex tritt immer weiter in den Hintergrund, wird zum esoterischen Satelliten, der in den Gedanken seines Gefolges kreist. Weiterlesen

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