Viktor Martinowitsch: Revolution

„[…] Wenn du das liest und dich entsetzt […], berücksichtige bitte die Plötzlichkeit des Ganzen. Ich konnte nicht eine Sekunde nachdenken und überlegen. Das hatten sie, wie es aussieht, auch so kalkuliert.“ (S. 195)

Der Ich-Erzähler Michail gerät in den Fokus einer geheimen Organisation, deren Strukturen so diffus sind wie ihre Ziele. Seltsame Umstände bringen ihn in einen Konflikt mit der Polizei, die mit einer Gefängnisstrafe droht. Doch der Zufall schickt ihm die Hilfe eines fremden Freundes. Michail ist gerettet und gleichzeitig in einer Abhängigkeit gefangen, weil die neuen Freunde von ihm Gegenleistungen verlangen. Spontane Anrufe katapultieren ihn in Gewissenskonflikte. Von einem Mittfünfziger, dessen Gesicht und Leibesfülle für ein geruhsames Leben sprechen, erfährt Michail, dass die eigene Unversehrtheit nur über erfolgreiche Aufträge gesichert ist.

Im Laufe der folgenden Monate lernt Michail alle Hemmschwellen zu überwinden.

Viktor Martinowitsch studierte Journalistik und lehrt heute Politikwissenschaft. Revolution ist sein dritter Roman und wurde wie die vorhergehenden Romane von Thomas Weiler übersetzt. Der Autor thematisiert in seinem aktuellen Roman die Auswirkungen der Macht. Der Gegenspieler des Ich-Erzählers, der alte Batja, erklärt sein Erfolgsrezept: Macht müsse man sich nehmen und jeden aus dem Weg räumen, der etwas dagegen habe. Die Macht, die durch eine Wahl gewährt wird, sei keine Macht im eigentlichen Sinne. Weiterlesen

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Chris Kraus: Scherbentanz

Jesko ist ein Außenseiter in seiner Familie. Während sein Vater und sein Bruder ernst Geschäftsmänner sind, die immer Anzug tragen, keine Gefühle zulassen und im Geld schwimmen, ist er Modedesigner, der seine Klamotten selbst näht und gerne Röcke trägt. Er vermeidet den Kontakt zu seiner Familie, sooft es eben möglich ist, zu seiner Mutter, von der sein Vater sich in seiner frühsten Kindheit scheiden ließ, hat er keinen Kontakt mehr.

Doch eine Sache schweißt die zerbrochene Familie wieder zusammen: Jesko hat Leukämie und wird bald sterben, da sich kein passender Knochenmarkspender findet. Bis seine verschwundene Mutter wieder auftaucht, die einzige in der Familie, die noch nicht als Spender ausgeschlossen wurde.

Jesko wird zurück in die Villa seines Vaters gelockt, um seine Mutter davon zu überzeugen, ihm das Leben zu retten. Dort angekommen muss er feststellen, dass sie geisteskrank ist und nicht selbstständig denken kann.

Aber das ist nicht der Grund, warum Jesko sich weigert, die Spende seiner Mutter anzunehmen. Obwohl er kurz vor dem Tod steht, will er die Rettung nicht annehmen und weigert sich, mit seiner Mutter zu sprechen. Denn vor vielen Jahren, als er und sein Bruder noch Kinder waren, hat diese Frau ihm etwas Schreckliches angetan. Weiterlesen

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Lorraine Fouchet: Pinguine bringen Glück

Ein wunderschönes Buch mit einem etwas unpassenden Titel.

Der fünfzehnjährige Dom spielt nachts heimlich ein Computerspiel, als das Gerät plötzlich abstürzt. Kurz darauf stehen Notärzte und Sanitäter in der Wohnung, in der er mit seinem Vater wohnt. Doch sie können seinem Vater nicht mehr helfen. Sein Herz hat versagt. Doch wer hat die Ärzte gerufen? Dom erfährt, eine blonde Frau sei bei seinem Vater gewesen, als er starb. Wer ist sie? Sie muss im selben Haus wohnen, also muss er sie kennen.

In diesem Haus wohnt die gesamte Familie, Doms Onkel, seine Tanten, eine Concierge und eine Mieterin im Dachgeschoß. Und alle Frauen sind blond.

Auch wenn sein Onkel zum Vormund ernannt wird und seine Tanten sich um ihn kümmern möchten, so ist Dom doch plötzlich sehr allein. Denn auch seine Mutter ist verschwunden, schon vor mehreren Jahren. Sie ist Chirurgin und wollte armen Kindern helfen, am anderen Ende der Welt.

Auf der Suche nach der mysteriösen Blonden findet Dom noch viel mehr über seinen Vater heraus. So wird in einem Beileidsschreiben eine Tochter seiner Eltern erwähnt. Davon weiß er gar nichts, wieso hat er eine Schwester, die er nicht kennt? Und wo findet er seine Mutter? Und nicht zu vergessen, wer ist die heimliche Geliebte seines Vaters? Weiterlesen

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Vernon Lee: Unsere Liebe Frau der Sieben Dolche (1927)

Der Originaltext zu „The Virgin of the Seven Daggers“ erschien 1927 in London. Autorin war Violet Paget, die sich in Anlehnung an den Namen ihres Halbbruders Vernon Lee nannte.

Das Werk wie die Autorin eckten im prüden England jener Zeit an. Violet Paget war zudem eine Frau, die entschieden für Pazifismus und Feminismus eintrat.

Zentrales Thema der Erzählung ist die Konkurrenz zwischen der Muttergottes und den Herzensdamen eines Adligen, eines Lebemannes. Zu der damaligen Zeit ein unerhörter Gedanke, zugleich ketzerisch wie empörend.

Die Erzählung spielt in der Domstadt Granada in Spanien. Die beginnt mit einer bildhaften Beschreibung der titelgebenden Kirche Unserer Lieben Frau von den Sieben Dolchen. Protagonist ist Don Juan Guzmán del Pulgar, Graf von Miramor. Der Bezug zu Don Juan ist hier im Namen überdeutlich verankert. Weiterlesen

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Christoph Krachten: Per Aufzug in den Weltraum

Würden Sie zu den ersten Menschen gehören, die mit einem Aufzug in den Weltraum reisen würden? Vielleicht zum Mond oder gleich zur Kolonie auf den Mars? Utopisch, meinen Sie? Dann sollten Sie Christoph Krachten „Per Aufzug in den Weltraum“ lesen.

Christoph Krachten, vielen bekannt als Produzent, Journalist und Netzwerker, erfindet mit seinem Sachbuch zur Gegenwart und Zukunft sicher nichts gravierend Neues. Dafür stellt er Erkenntnisse der Wissenschaft, der Wirtschaft und Raumfahrt zusammen und interpretiert sie auf kluge, unterhaltsame Art und Weise.

Tatsache ist: Die Zukunft hat bereits begonnen. Mit dem Anfangssatz „Die Welt ist anders, als wir denken“, wird zugleich ein Blick auf die Gegenwart geworfen. Der Leser beginnt eine Expedition in Gegenwart und nahe Zukunft. Ein schöner Anfang, der zugleich neugierig macht und den Autor auffordert, seine These alsbald mit Fakten zu unterlegen.

Das wiederum gelingt Krachten durch intelligente Beweisführung, die jedoch weit davon entfernt ist, dem Leser etwas „zu erzählen“, sondern ihn mitnimmt, zum Mitdenken anregt und seine eigenen Schlüsse ziehen lässt. Weiterlesen

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Barbara Pym: In feiner Gesellschaft (1961)

Eskapismus der schönsten britischen Art: Pyms Roman ist nicht nur bestens dafür geeignet, dem Corona- und Winterblues zu entfliehen. Auch Pyms Protagonisten verstehen es vortrefflich, sich von ihren Problemen auf ebenso elegante wie amüsante Art abzulenken. Die einen engagieren sich in der Gemeinde, die anderen flüchten ans Meer, die dritten stecken ihre Nase in Dinge, die sie nichts angehen. Zu letzteren gehört Protagonistin Dulcie Mainwaring. Als unverheiratete Frau Anfang Dreißig im London der 1950er Jahre scheint ihr ein Schicksal als „alte Jungfer“ so gut wie sicher. Daher beschäftigt sie sich lieber mit den Fehltritten und Familienskandalen ihrer Bekannten. Merke: Die Liebesprobleme anderer Leute sind das beste Mittel, um sich nicht mit den eigenen auseinanderzusetzen zu müssen!

Die herzensgute, stets auf Harmonie bedachte Dulcie Mainwaring liebt Kostüme in gedeckten Braun- und Grautönen und ist eher unauffälliger Natur. Sie lebt alleine im viel zu großen Haus ihrer verstorbenen Eltern in einem ländlichen Vorort Londons. Ihr Auskommen verdient sie mit der Recherche für Register sowie dem Redigieren wissenschaftlicher Fachliteratur. Von ihrem Verlobten Maurice wurde sie verlassen. Was also tun mit der vielen freien Zeit, um nicht in Grübeleien zu verfallen? Lösung: Man besuche einen Fachkongress der Verlagsbranche! Eine ideale Gelegenheit, um interessante Menschen kennen zu lernen. Dulcie hat Glück: Sie lernt gleich zwei davon kennen. Zum einen ihre Zimmernachbarin Viola, eine exzentrische, chaotische Person. Zum anderen den Redner Aylwin Forbes, ebenso attraktiv wie intelligent. Dulcie ist augenblicklich von ihm fasziniert. Noch dazu stellt sich heraus, dass Viola mit Aylwin zusammengearbeitet und dabei die Grenzen der Geschäftsbeziehung überschritten hat, obwohl Aylwin verheiratet ist. Nun ist es um Dulcie geschehen: Sie beginnt Nachforschungen über den Verleger anzustellen, die nahezu unter den Bereich „Stalking“ fallen. Zumal sein Umfeld ihr ebenso interessant erscheint: Da sind seine viel zu junge Ehefrau Marjorie sowie Aylwins ebenso ansehnlicher Bruder Neville, ein Priester, der vor einem verliebten Gemeindemitglied auf der Flucht ist. Weiterlesen

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Katie Daynes: Warum muss ich Zähne putzen?

Wer kennt es nicht? Das leidige Thema Zähne putzen. Wie schön ist es da, wenn man für seine Argumentation dieses liebevoll gestaltete Buch an die Hand bekommt.

Kindgerecht und spielerisch wird in ihm erklärt, warum wir überhaupt Zähne putzen müssen. Wie wir sie richtig putzen. Und zum Beispiel auch, wie es in der Tierwelt aussieht. Hier lernen sogar die Erwachsenen noch etwas. Wussten Sie zum Beispiel, dass Giraffen gar keine oberen Vorderzähne haben oder welches Tier die meisten Zähne hat? (Nein, es ist nicht das Krokodil)

Durch die vielen Klappen gibt es dabei für die jungen Leser jede Menge zu entdecken. Die Illustrationen von Marta Álvarez Miguéns sind ansprechend und kindgerecht, in dezenten Farben. Die einzelnen Seiten wirken trotz der vielen Bilder nicht überladen. Sehr gelungen finde ich, dass im Buch Kinder verschiedene Nationalitäten vorkommen, sodass sich alle kleinen LeserInnen angesprochen fühlen sollten.

Mit diesem Buch macht dann sogar Zähne putzen Spaß!

Katie Daynes: Warum muss ich Zähne putzen?.
Usborne Publishing, September 2020.
12 Seiten, Gebundene Ausgabe, 9,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Nadine Roggow.

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Karen Dionne: Die Rabentochter

Für Rachel, die Rabentochter, ist das Leben wie ein bitterböses Märchen. Mit nur einem Unterschied, alles um sie herum passiert nicht in der Fantasie. In der harten Realität wurden ihre Eltern getötet. Zu diesem Zeitpunkt war sie elf Jahre alt. Weil sie schwer traumatisiert ist, wird Rachel in der Psychiatrie behandelt. Keiner kann ihr helfen, ihre Erinnerungslücken zu schließen. Dies liegt unter anderem an Rachels Schuldgefühlen.

Nach fünfzehn Jahren lebt sie noch immer in der geschlossenen Psychiatrie. Vom Leben hat sie nicht viel gelernt, nur das, was sie zum Überleben zwischen psychisch Kranken braucht. Nach wie vor glaubt sie, am Tod ihrer Eltern schuld zu sein. Und sie glaubt, würde sie davon erzählen, hielten die Ärzte sie endgültig für verrückt. Aber so verrückt ist Rachel nicht. Sie schweigt mit der Gewissheit, das Leben in Unfreiheit zu verdienen. Es wäre die gerechte Strafe für ihre Schuld.

Rachels Alltag erfährt eine Wendung, als der Bruder ihres Freundes sie interviewt. Für sein Studium möchte er ihr Schicksal und den damit verbundenen alten Kriminalfall neu bearbeiten. Und ohne dass es Rachel für möglich hält, erfährt sie etwas Neues. Etwas, das sie aufrüttelt und den Mord ihrer Eltern anders aussehen lässt.

Viel zu schnell bringt sie die Spurensuche nach verdrängten Erinnerungen in eine tödliche Gefahr. Weiterlesen

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Volker Klüpfel & Michael Kobr: Funkenmord

Mit dem so genannten „Funkenmord“ an Karin Kruse begann damals die Karriere von Hauptkomissar Kluftinger. Mit dem Funkenfeuer, einem Brauch aus dem alemannischen Raum, wird der Winter im Allgäu ausgetrieben. Nach Dreikönig beginnen die jungen Leute in den Dörfern mit dem Sammeln alter Weihnachtsbäume und sonstigem Brennmaterial. Am ersten Fastensonntag des Jahres wird das trockene Holz auf einer großen Wiese vor dem Dorf zu einem hohen Haufen geschichtet. Oben auf den Stapel kommt die „Funkenhex’“, eine Strohpuppe. Am Funkensonntag versammeln sich die Einwohner der Dörfer an ihren Funken und entzünden sie. (Quelle:  Allgaue.de)

In Kluftingers Fall wurde allerdings damals ein Unschuldiger verurteilt. Ihm versprach Kluftinger (vor dessen Tod im vorangegangenen Fall), den wirklichen Mörder zu finden. Der Hauptkommissar ist daher fest entschlossen, den Mord wieder aufzurollen, doch seine Kollegen zeigen wenig Interesse an einem Cold Case. Einzig die neue Kollegin Lucy Beer, die für den verstorbenen Strobele ins Team gekommen ist, unterstützt Kluftinger ernsthaft bei den Ermittlungen.

Darüber hinaus wird er, nach dem Abgang von Birte Dombrowsky, auch noch zum Interims-Präsidenten ernannt und muss sich in die Würden dieses Amtes einarbeiten. Weiterlesen

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Maude Barlow: Das Wasser gehört uns allen!

Laut Buchcover bezeichnete Naomi Klein die Autorin als „eine der größten Verteidigerinnen des Wassers“. Eine Bezeichnung, die vermutlich zutrifft, denn Maude Barlow ist eine international renommierte Wasseraktivistin und setzt sich seit Jahrzehnten für den Schutz des Wassers und ein Grundrecht darauf ein.

Um das Thema Wasser geht es auch in ihrem neuen Buch. Marlow zeigt dort anhand erschreckender Beispiele auf, welche Missstände durch die Privatisierung des Zugangs zu Trinkwasser in der Welt herrschen. Hierbei wiederholt sich immer wieder das Bild, dass zuvor öffentliche Quellen privatisiert und danach nur noch von großen Getränkeherstellern für deren Abfüllanlagen genutzt werden dürfen. Der örtlichen Bevölkerung wird der kostenfreie oder zumindest kostengünstige Zugang zu sauberem Trinkwasser verwehrt.

Es ist erschreckend, über dieses hässliche Gesicht der Kommerzialisierung von Wasser zu lesen. Aber es ist meiner Ansicht nach gerade für uns im Wohlstand lebende Westeuropäer wichtig zu wissen, mit welchen Methoden die Konzerne agieren, deren Produkte wir alltäglich im Supermarkt vorfinden.

Doch die Schilderung dieser negativen Seiten ist für Maude Barlow nur der Ausgangspunkt, um Wege aufzuzeigen, wie es besser gehen kann. So berichtet sie vom „Blue Community Project“, das in Kanada im Kampf gegen die Wasserprivatisierung entstand und zum Ziel hat, die Wasserversorgung in der öffentlichen Hand zu belassen oder in diese zurückzuführen. Das Projekt hat mittlerweile auch in Europa in einigen Ländern Fuß gefasst. Weiterlesen

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