J. C. Vogt: Anarchie Deco

Willkommen im Berlin der 20er Jahre. Es grüßt eine Metropole, immerhin die viertgrößte Stadt der Welt, in der die Liebe zum Leben gefeiert wird, in der aber auch geforscht wird, wie in keiner andere Stadt der Welt. Während die gutbürgerlichen Spießer des Abends in den Vergnügungsvierteln der Stadt die Varietés besuchen, sich fragen, was sich hinter den perfekt geschminkten Fassaden der Damen und Herren vielleicht wirklich verbirgt, schuften sich die Armen aus den Hinterhäusern zu Tode. Im Reichstag geht gerade wieder einmal eine der vielen wechselnden Koalitionen den Bach hinunter, als die junge Physikerin Nike Wehner wissenschaftliche Koryphäen zu einem Versuch an der Friedrich-Wilhelm Universität empfängt.

Sie weiss, dass sie als Tochter einer Ägypterin und eines Deutschen, mehr noch als Frau, im Bereich der Physik nur diese eine Chance hat, die Nobelpreisträger, allen voran Bohr und Heisenberg, der sie ein klein wenig protegiert, von ihrer Idee zu überzeugen. Eine Idee, die ebenso revolutionär wie unbegreiflich scheint – die Synthese aus dem Zusammenwirken eines Mannes und einer Frau, aus Physik und Kunst schafft etwas bis dato nicht Dagewesenes, etwas Unbegreifliches – Magie.

Der Versuch gelingt, die Honoratioren sind beeindruckt, mehr Geld für die Forscherin, die mit einem Bubikopf und zumeist in Anzug und Krawatte gekleidet, ihrer Umwelt ein Rätsel aufgibt, ob die eine Suffragette, eine Lesbe oder doch ein Transvestit sei, nicht. So muss sie, um sich und ihre Mutter durchzubringen weiterhin der Polizei Berlins mit Rat und Tat bei der Ermittlung merkwürdiger Verbrechen zur Seite stehen. Weiterlesen

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Susan Herbert: Mehr Katzenkunst: Ein neues Kompendium kultivierter Katzen

Kunst ist eine Ausdrucksform. Kunst ist aber auch Unterhaltung. Die 1945 in England geborene Susan Herbert versteht vor allem den zweiten Punkt besser als die meisten anderen. Sie möchte die Menschen unterhalten, sie zum Schmunzeln bringen und ihnen ein wenig Freude bereiten. Dafür hat sie sich etwas ganz Besonderes ausgedacht: Sie malt bekannte Gemälde ein zweites Mal – jedoch sind die Protagonisten ihrer Werke nicht länger Götter und Menschen, sondern Katzen. Die Bilder sind von außergewöhnlicher Präzision und so gut wiedergegeben, dass zumindest die bekannteren jedem sofort erkenntlich sind. Das typisch kritisch-zufriedene Lächeln im Gesicht gucken Katzen unter feinen Häubchen und Hüten hervor und übernehmen die Darstellungen, als sei es nie anders gewollt gewesen. Botticelli, da Vinci, Raffael, Michelangelo, van Gogh – ihre Werke und die vieler anderer erwachen einmal mehr zum Leben, auch wenn Madonnen jetzt weiche Pfoten haben und Gott Schnurrhaare.

Mehr als einmal wurde der Künstlerin Ketzerei vorgeworfen, viele Kritiker sahen und sehen ihre Kunst als Verunstaltung der großen Meisterwerke. In ihrer Mission, die Menschen zu unterhalten, ließ Susan Herbert sich hiervon jedoch nicht abschrecken und erlangte bis zu ihrem Tod 2014 große Bekanntheit, vor allem in Japan ist sie sehr beliebt, wo mehrere Ausstellungen von ihr stattfanden. Dieser zweite Sammelband ihrer Werke erscheint nun in Erinnerung an sie und all die Katzen, die sie inspirierten. Weiterlesen

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Stefanie Lasthaus: Touch of Ink 02: Im Bann der Verbotenen

Im zweiten Band der Dilogie ist Quinn fast auf sich alleine gestellt, obwohl sie doch gerade erst herausgefunden hat, was sie ist und wo sie hingehört. Nathan wurde während des Angriffs entführt und der Rat der Wandler misstraut ihr als Verbotene. Quinn möchte diese ganze Macht nicht, die ihr ihr zweifaches Erbe als Wandler und Sänger angeblich gibt, überhaupt nicht. Sie möchte nur Nathan retten und manchmal als Polarfuchs gemeinsam mit ihm durch die Wälder streifen. Aber sie kann sich dem Krieg nicht entziehen, den die andere Verbotene gemeinsam mit abtrünnigen Bärenwandlern unbedingt haben will.

Ich fand auch den zweiten Band flüssig und angenehm geschrieben, allerdings nicht ganz so stark wie den ersten Band. Das mag an den vielen politischen Erklärungen liegen, die einfach notwendig waren, um diesen ganzen Krieg und den Hass, der da herrscht, zu verstehen. Aber es hat auch viel vom Schwung der Erzählung genommen. Außerdem war dieser Band deutlich düsterer als der erste. Wo im ersten Buch Quinn noch mit einer gewissen Neugier und Faszination ihr neues altes Leben entdecken konnte, ist hier fast nur Grausamkeit und Verzweiflung. Weiterlesen

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Anne Stern: Meine Freundin Lotte

Die Autorin und promovierte Germanistin Anne Stern hat sich bisher schon in einigen Romanen dem Berliner Leben in der Zeit von 1920 bis 1930 gewidmet. Es war eine Epoche, die mit den Goldenen Zwanziger umschrieben wird. Sie begannen mit Hunger und tiefer Not und endeten mit der Wirtschaftskrise, in der die Nationalsozialisten einflussreich wurden. Insbesondere das Leben der Frauen zeigte weitreichende Veränderungen: Korsett und lange Röcke wichen einer legeren Kleidung und Kurzhaarfrisuren, die endlich Bewegungsfreiheit erlaubten. Der erfolgreiche Kampf um das Frauenwahlrecht (1918) führte zu mehr Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Studentinnen und Künstlerinnen drangen in eine starre Männerdomäne. Vor diesem gesellschaftlichen, politischen Hintergrund konzentriert sich die Autorin auf die damals lebende Künstlerin Lotte Laserstein. Ihr Aufbruch in die Unabhängigkeit und erste Erfolge geben ein Beispiel für den Begriff der verlorenen Generation. Und wie alle Juden befindet sich auch Lotte in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg in großer Gefahr, die sie lange ignorierte. Weiterlesen

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Emily St. John Mandel: Das Glashotel

Als Vincent 13 Jahre alt ist, kehrt ihre Mutter nicht von einem Ausflug mit dem Kanu zurück. War es ein Unfall oder wollte sie es so? Keiner kann das sagen. Vincents Vater ist beruflich viel unterwegs und so zieht sie von ihrer Heimat Caiette, einem verlassenen Ort an der Westküste Kanadas, der nur mit dem Boot erreichbar ist, zu ihrer Tante in die Stadt. Doch so bald wie möglich will sie auf eigenen Füßen stehen und nimmt sich ein paar Jahre später gemeinsam mit einer Freundin eine Wohnung in einem heruntergekommenen Viertel. Geld ist Mangelware, doch sie schafft es, sich durch Jobs in Bars über Wasser zu halten.

Eines Tages taucht ihr älterer Halbbruder Paul bei ihr auf, ein Außenseiter, der nur schlecht Anschluss findet und für eine Weile untertauchen muss. Vincent hat jahrelang nichts von ihm gehört. Finanzwissenschaft studiert er nur, um seine Mutter zu beruhigen, nachdem er schon einige Entziehungskuren hinter sich hat. Aber er ist weder motiviert noch begabt. Am liebsten möchte er Musik machen. Und er will mit seiner Traumfrau Annika zusammen sein, die ihn kaum eines Blickes würdigt. Als er Annika und ihren Band-Kollegen in einem Club ein paar Pillen anbietet, hat das üble Folgen. Weiterlesen

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Alix E. Harrow: Die zehntausend Türen

Lernen Sie die zunächst siebenjährige January Scaller kennen. Sie lebt in Vermont, Kentucky, im Haus des reichen Sammlers und Mäzens Mr Locke. Ihr farbiger Vater und die ihr unbekannte weiße Mutter haben ihr als Erbe eine Hautfarbe mitgegeben, die sich von dem Üblichen unterscheidet und doch zieht Mr Locke sie auf, als wäre sie sein eigenes Kind. Januarys Vater reist Jahraus, Jahrein für Mr Locke um die Welt, sucht, erwirbt und stiehlt wohl auch wertvolle Artefakte für die Gesellschaft, der der Sammler angehört. In einer der ersten Szenen erleben wir mit, wie die damals noch kindliche January eine Tür in einem lang verlassenen, halb verfallenen Haus öffnet und durch diese in eine andere Welt tritt. Der Ruf Mr Lockes zwingt sie nur allzu bald zurück, ein Kuss und eine Münze bleiben ihr als Beleg, dass sie nicht geträumt hat.

Zehn Jahre später eröffnet ihr Mr Locke, dass ihr Vater auf seiner aktuellen Expedition verschollen, vermutlich verstorben ist. Innerlich gelähmt, findet sie in einer der alten ägyptischen Truhen, die im Haus ausgestellt werden, ein kleines, in Leder gebundenes Buch. In goldenen Lettern ist der Titel geprägt: „Das Haus der zehntausend Türen“.

Ein Titel, der sie neugierig macht, ein Buch, das ihr Unterhaltung, Trost und Wegweiser zugleich ist, hat sie doch, wie die Hauptperson des Romans, die Fähigkeit, Türen zu anderen Welten zu öffnen. Und sie begibt sich auf die Suche nach dem verschollenen Vater, nach der ihr unbekannten Mutter, nach ihrem Schicksal und nach ihrem Platz in der Welt … Weiterlesen

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Klaus Ranzenberger: Mostkost. Ein Fall für den Onkel Franz

Dies ist ein bedächtiges Buch. Bedächtig im Erzählfluss, bedächtig in der Wortwahl, bedächtig ist auch das Voranschreiten der Handlung. Die Hauptfigur, der Onkel Franz, ist ein gemütlicher und stressbefreiter Charakter. Er lebt mit seiner Frau, der „Tante“, im Innviertel. Dieser Landstrich liegt im Westen Österreichs und grenzt an Bayern. Dort wird gerne „Most“ getrunken, der andernorts als Apfelwein oder Obstwein bekannt ist. Der Onkel Franz ist Rentner, wohnt in einer Kleinstadt, geht immer dienstags zum Stammtisch und liebt Hausmannskost. Gemeinsam mit seinem Freund Albert wird er in polizeiliche Ermittlungen verwickelt.

Erst verschwindet die Gattin des Mostschänken-Betreibers Birnbacher spurlos, dann ihr Ex-Mann und Nachbar, der Bauer Haslinger. Beide bleiben unauffindbar. Sowohl Birnbacher als auch Haslinger sollen in Grundstückspekulationen der russischen Mafia verstrickt sein. Albert und der Onkel Franz machen sich Gedanken, was da wohl im Gange sein könnte. Als ein menschliches Ohr auftaucht, ist ihre Neugier vollends geweckt und Chefinspektor Steiner von der Abteilung Leib und Leben der Kriminalpolizei Linz hat mit den beiden Hobbydetektiven seine liebe Not. Ständig sind sie seinen Ermittlungen im Weg, aber eigentlich immer einen Schritt voraus. Weiterlesen

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Stefan Hornbach: Den Hund überleben

Romane um Krankheit gehen immer zu Herzen, berühren die Leserinnen. Wenn die Krebserkrankung zusätzlich noch einen jungen Mann trifft, der gerade am Beginn seines Erwachsenenlebens steht, erschüttert es umso mehr.

Der Debütroman des jungen deutschen Autors Stefan Hornbach, der bereits mit Theaterstücken Furore gemacht und Preise eingesammelt hat, dreht sich genau darum. Sebastian, Student in Gießen und etwas verpeilt, behütet von lieben Freundinnen, homosexuell und voller Pläne für sein Leben, erkrankt an Krebs. Die Tumore, denen er Namen gibt und die er wie Kinder adoptiert, fressen sich an mehreren Stellen in seinen Körper, seine Organe. Der junge Mann ist mit der Diagnose, mit den Behandlungsplänen und den vielen Arztgesprächen zuerst völlig überfordert. Er kehrt zurück nach Hause in sein Elternhaus in Mutterstadt bei Ludwigshafen.

Seine Eltern sind herrlich unkomplizierte Menschen, die ohne Wehleidigkeit, ohne sich der Verzweiflung hinzugeben, an seiner Seite stehen. Seine Mutter begleitet ihn zu jeder Untersuchung, zu jeder Sitzung der Chemotherapie. „Sie waren die tapfersten Eltern. Mama weinte nicht mehr so oft, und wenn, dann aus Erleichterung, das redete ich mir zumindest ein. Papa weinte nicht – oder so, dass es keiner bemerkte. Manchmal bekam er einen knallroten Kopf, meistens ging er damit vor die Tür. Nie habe ich ihn erwischt, weder beim Schreien noch beim Weinen im Wald.“ (S. 231) Weiterlesen

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Mieko Kawakami: Heaven

Die japanische Sängerin und Schriftstellerin Mieko Kawakami, geboren 1976, ist einer breiteren deutschen Leserschaft durch ihren 2020 erschienenen Roman „Brüste und Eier“ bekannt geworden, in dem sie sich gegen die Diskriminierung von Frauen wendet.

Nun ist ein weiterer ihrer Romane – von Katja Busson – ins Deutsche übersetzt worden: „Heaven“, der im japanischen Original bereits 2009 erschienen war.

Die Autorin greift darin das Schicksal von zwei 14-Jährigen auf, die in ihrer Klasse schwer gemobbt werden. Das geht bis hin zu Körperverletzung. Anlass für die Angriffe: Der namenlose Ich-Erzähler schielt, das Mädchen Kojima trägt schmutzige Kleidung und wäscht sich nicht. Schließlich kommt es zu einem Briefwechsel zwischen den beiden, und eine zarte Freundschaft bahnt sich an.

Der Autorin gelingt es überzeugend, in den Dialogen, die die beiden Jugendlichen führen, die Befindlichkeiten von Teenagern einzufangen:  Weiterlesen

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Yaa Gyasi: Ein erhabenes Königreich

Ihre Mutter liegt im Bett und weigert sich aufzustehen – tagelang, wochenlang, monatelang. Für Gifty ist dies ein vertrauter Anblick seit sie elf Jahre alt ist. Die einstmals stolze Frau aus Ghana, die mutig nach Amerika aufgebrochen ist, scheint gebrochen. Zuerst hat ihr Mann sie verlassen. Dann ist ihr Sohn, früher ein gefeierter Basketballstar, an einer Überdosis Drogen gestorben. Seit seinem Tod wird sie von Depressionen geplagt. Ihre Tochter muss schnell erwachsen werden und eigene Antworten auf die Fragen des Lebens finden. Gifty sucht diese in der Wissenschaft, ihre Mutter im religiösen Glauben. Dies entfremdet die beiden Frauen immer mehr.

Erzählt wird die bewegende Geschichte aus der Sicht von Gifty. In Rückblenden schildert sie sowohl ihre eigene Kindheit, als auch die Vorgeschichte ihrer Eltern. Sprachlich völlig ungekünstelt, bedient sich die Autorin anderer stilistischer Mittel, um starke Bilder heraufzubeschwören. So stellt sie zum Beispiel Giftys kindliche Tagebucheinträge ihrer Arbeit als erwachsene Neurowissenschaftlerin im Labor gegenüber. In ersteren bittet die brave Zehnjährige den lieben Gott darum, ihren Bruder von seiner Drogensucht zu erlösen. Bei letzterem begleiten wir Gifty dabei, wie sie Labormäusen Drogen injiziert, um Hirnforschung zu betreiben und das Rätsel zu lösen: Warum machen Menschen Dinge, die ihnen schaden? Weiterlesen

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