Walter Bauer: Hutzelmann und Himmel weit (1926/1927)

„Müde und verdrossen ging ich von der Arbeit nach Hause. Wenn man acht Stunden im Kontor saß und Zahlen schrieb und dürre Worte, legt sich ein dünner Schleier über die Augen […], man muß sie nun wieder aufreißen, damit sie die Welt sehen, […]“ (S. 119)

Walter Bauer (1904-1976) ging gerne auf Wanderschaft. Mal wählte er den Wasserweg oder Pfade durch unberührte Natur. Die Sehnsucht nach der Natur findet sich in seinen Geschichten wieder, so dass seine Naturbeschreibungen zu wichtigen Akteuren werden: Das Wasser tost, der Wind braust, die Wälder rauschen. Darin bettet er Ereignisse ein, die aus so unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden, dass sie aufmerken lassen.

„Der Nebel machte den Erdboden unsichtbar, den Himmel, er war zwischen den Menschen und trennte sie, er tanzte schwer und geschlossen in die dunkle Ebene. Das sah ich alles, die Stille, die blassen Lichter und Feuerzeichen, die Schatten und ging, nun selber still, nach Hause, in meine Stube.“ (S. 119) Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Till Raether: Danowski 06: Hausbrauch

Hauptkommissar Adam Danowski hat Sendepause. Er kann nicht mehr. Zu viel erinnert ihn an das desaströse Ende seiner Geiselhaft. 24 Stunden blickte er in die Mündung einer geladenen Waffe, die in der Hand eines verzweifelten Mannes lag. Die Folgen haben bei Adam in mehrfacher Hinsicht Spuren hinterlassen und ihn arbeitsunfähig gemacht. Die Kurklinik in Damp an der Ostsee wird für einige Wochen sein neues Zuhause.

Auch in der Reha geht Danowski in Deckung und beschließt, dass weder Gesprächsgruppen noch Anwendungen zu ihm passen. „Am Anfang hatte er hier Angst vor der Einsamkeit gehabt, jetzt bekam er Angst, sich gar nichts anderes mehr vorstellen zu können.“ (S. 69) Im scheinbar falschen Moment stört Mareike Teschner seine flüchtige Ruhe. Sie bittet ihn um Hilfe und zieht den Polizisten Adam Danowski in ein neues Chaos.

Der Journalist und Autor Till Raether schreibt seit 2014 viel gelobte Kriminalromane. Sechs von ihnen handeln von Adam Danowskis Arbeit bei der Hamburger Polizei und zeigen einen Mann, der an Hypersensibilität und Depressionen leidet. Auf der einen Seite hängt Adam in seinem ganz persönlichen Sumpf fest, und auf der anderen Seite nimmt er die Sorgen anderer überdeutlich wahr. Nur die langjährige Routine hilft ihm, den Alltag zu meistern. Doch nun ist er an einem Punkt angekommen, an dem er an Aufhören denkt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ursula Poznanski: Shelter

Es ist spät geworden. Nach der Feier sitzen nur noch die fünf Freunde zusammen. Eine Frage beschäftigt die Psychologiestudentin Liv: Wie kann man Menschen erreichen, deren Überzeugung so fest ist, dass sie anderslautende Tatsachen komplett ablehnen? Und Benny, der Schauspieler werden möchte, spinnt weiter: „[…] du zeigst ihnen auf eine andere Art und Weise, wie naiv sie sind.“ (S.11)

Man könnte den Verbohrten „[…] eine total bescheuerte eigene Verschwörungstheorie präsentieren, und sobald sie darauf eingestiegen sind, hättest du haha gesagt, ätsch, alles bloß meine persönlichen Hirngespinste […]“ (S. 11)

Kurz darauf haben die Fünf eine Theorie entwickelt, und Livs neues Projekt kann starten. Mit Fake-Accounts und gesprayten Logos in der realen Welt geht es los. Schnell wird allen klar, dass ihre erfundene Verschwörung Widersacher braucht. „Man muss selbst das Gefühl haben, auf der richtigen Seite zu stehen, die Dinge zu durchschauen.“ (S. 49) Also planen sie, die Gegenseite zu steuern. „Wir greifen auf der einen Seite an und verteidigen auf der anderen.“, schlägt Liv vor. „‚Ein paar Sekunden lang starren alle sie an. Dann lachte Darya. ‚Du machst mir Angst‘, sagte sie.“ (S. 50) Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Shichiro Fukazawa: Die Narayama-Lieder (1956)

Als Shichiro Fukazawas Mutter sehr krank war, wollte sie ein letztes Mal ihre Felder sehen und ob sie gut bearbeitet worden sind. Also trug der Autor seine Mutter auf dem Rücken dorthin, wohin ihr Finger zeigte. Irgendwann hatte sie alles begutachtet und war zufrieden. Sie konnte sterben.

In Shichiro Fukazawas berühmter Erzählung aus dem Jahr 1956 ist die fast siebzigjährige Orin noch rüstig und gesund. Sie angelt die meisten Fische, führt den Haushalt für ihren verwitweten Sohn und die Enkel. Zu ihrem Leidwesen kann sie keine der üblichen Zahnlücken vorweisen und muss deshalb häufig Spott hören. Orin, die vom Dorf auf der anderen Seite des Berges kam, um zu heiraten, lebt das Leben einer Außenseiterin.

Kurz vor ihrem letzten Geburtstag liegt noch eine Aufgabe vor ihr. Orin will ihren Haushalt organisieren, bevor sie in die Berge gehen kann. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Annette Mierswa: Liebe sich, wer kann

Als Lotti Jakob anruft und ihn dazu überredet, sie auf einer Wanderung zu begleiten, ist er überglücklich. Lotti, die Schulsprecherin, die schöne Lotti, die Bonzentochter, eine mit der jeder Junge befreundet sein will, Lotti, seine heimliche Liebe, hat ihn erwählt. Die Wanderung durch die Wälder zu einem geheimnisvollen Ziel soll vier Tage dauern. Für Jakob könnte die Wanderung ewig dauern. Genaugenommen will er bei ihr bleiben und nie mehr zurück.

„Sie hatte ja keine Ahnung, wer mir alles im Nacken saß. Eine ganze familiäre Bullenherde, dazu der Keiler und seine Jungs und, nicht zu vergessen, mein verdammter Selbsthass.“ (S. 182)

Den Überlebensleitspruch ‚Rette sich, wer kann‘ hat die Autorin Annette Mierswa umformuliert. Ihr Leitthema sind Angststörungen und Depressionen. Am Beispiel von Jakob und Lotti zeigt sie, wie wichtig Selbstsicherheit und Eigenliebe sind. Wer sich selbst wertschätzt und gut behandelt, kann besser mit gedankenlosen Rüpeln klarkommen.

Im Zentrum ihrer Geschichte steht Jakob, der in der Familie unter einem prolligen Vater und älteren Zwillingsbrüdern leidet. Sie und verschiedene Mitschüler haben Jacob beigebracht, er sei nichts wert, ein Opfer, eine Peinlichkeit, und jeder hätte aus diesem Grund das Recht jederzeit auf Jakob einzutreten. Eine Schulpsychologin hat Jakob viele Tipps gegeben, seine Abwehrmechanismen zu stärken und sich selbst lieben zu lernen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Garry Disher: Barrier Highway

18 Monate nach seiner Versetzung ins australische Hinterland kurvt Constable Paul Hirschhausen noch immer über einsame Landstraßen, Schotter- und Feldwege.

„Es war nicht von Belang, dass es hier draußen nur karges Land gab; die Landschaft war lebendig. Hirsch aber war von der Stadt geprägt, von den exakten Linien der geteerten Straßen und der gemauerten Häuser in ordentlichen Reihen, doch hier draußen waren die Winkel nicht vorhersehbar.“ (S. 332)

Genauso wenig ist vorhersehbar, wenn aus einer plötzlichen Veränderung des Alltags das festgefügte Leben verschiedener Bewohner aus den Fugen gerät. Hirsch(-hausen) versucht, wie ein Marionettenspieler die einzelnen Fäden in der Hand zu halten, bis er merkt, dass in mehrere Richtungen dynamische Prozesse entstanden sind: wie zum Beispiel das von ihm befreite Mädchen aus einem vergammelten Wohnwagen, eine betrogene alte Dame oder ein jähzorniger Vater mit einem geladenen Gewehr in der Hand. Hirsch kann nicht überall gleichzeitig sein. Die Leinen sind ihm entglitten, und das Chaos beginnt. Er kann deshalb nur hinterherlaufen, das Beste hoffen und das Schlimmste befürchten.

Garry Disher schreibt erfolgreich über Verbrechen, die in Australien angesiedelt sind. Lokalkolorit und extremes Klima haben seine Bewohner geprägt. Nichts erscheint leicht, und sehr leicht hat es einen erwischt. Der Autor beschreibt so plastisch die Verwicklungen zwischenmenschlicher Beziehungen, dass man glaubt, ständig auf einem Pulverfass mit brennender Lunte zu sitzen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Susanne Thomas: In Zeiten des Tulpenwahns

„Die meisten der Gesichter waren ihm von seinen früheren Besuchen wohl bekannt. Verbrachten sie den ganzen Tag im Collegium? … Es war eine seltsame Profession, die nichts schuf und keinen Dienst verrichtete, die sich damit begnügte, durch den Kauf und Verkauf Geld scheinbar aus dem Nichts zu schöpfen.“ (S. 326 e-Book)

Der alte Gärtner und Witwer Nicolaes glaubt, er könne mit seiner wertvollen Tulpensammlung reich werden. Bisher waren ihm die Tulpen im Garten lieber als gefüllte Taschen. Doch für seine schöne Tochter Margriet will er es ändern. Sie liebt den jungen Adeligen Frans. Normalerweise wäre eine eheliche Verbindung der beiden unmöglich. Doch weil Frans Vater verschuldet ist, zeigt dieser sich kompromissbereit. Der Besitzer einer wertvollen Tulpensammlung soll ihm eine extrem hohe Mitgift zahlen. Ohne dass Frans und Margriet es ahnen, steht ihre Sehnsucht nach Glück und Liebe anderen im Weg.

Susanne Thomas hat in ihrem historischen Roman die brutale Seite des Handels aufgearbeitet und am Beispiel zweier Liebender und ihrer Familien in Szene gesetzt. Bei möglichen Gewinnmargen wird gern die Schattenseite von Angebot und Nachfrage und erst recht vergangene Auswüchse beim Handel mit Blumenzwiebeln ausgeblendet. Dem Tulpenwahn in den Niederlanden von 1636/1637 folgten noch viele andere, zuletzt 1912. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Andrea Barrett: Die Reise der Narwhal

Vor einigen Jahren bereiste der berühmte Kapitän John Franklin mit seiner Mannschaft den unerforschten Norden, ohne dass ihm 1847 eine Rückkehr gelang. Auch noch 1855 versucht seine Witwe über öffentliche Aufrufe, jemanden zu finden, der den vergeblichen Suchaktionen ein Ende setzt. Inzwischen ist das öffentliche Interesse so groß, dass der Überbringer von eindeutigen Informationen über Franklins Verbleib Geld und Ruhm gewinnen wird.

Auf einer Feier, bei der Erasmus Wells glaubt, dass Zeke offiziell die Verlobung mit seiner Schwester verkünden will, berichtet dieser stattdessen über seine baldige Expedition in die Arktis. Er sei derjenige, der Franklin finden wird. Und während Erasmus die schockierende Nachricht noch verdaut, bietet ihm Zeke einen Platz als seine rechte Hand auf der Narwhal an. Er brauche dringend Erasmus‘ Fachwissen, das er als Naturforscher in der Arktis gewonnen habe. Eigentlich will Erasmus ablehnen. Zu viele schlechte Erfahrungen nagen an ihm. Nur die Bitte seiner Schwester, auf den jüngeren, unerfahrenen Zeke aufzupassen und ihn zurückzubringen, zwingt ihn zu einem Umlenken. Erasmus redet sich die Wendung schön. Doch die zweite Chance, als Forscher Anerkennung zu gewinnen, entwickelt sich ganz anders. Seine Reise führt ihn ins Ungewisse. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Johanna Mo: Nachttod

Joel ist einer von den vielen Jugendlichen, die schon von klein gehänselt und gemobbt werden. In der Nacht zum 15. Mai stirbt er und wird Stunden später von Touristen an einem Ausflugsziel gefunden.

Der 15. Mai ist auch Hanna Dunckers erster Arbeitstag bei der Kalmarer Polizei. Weil sie sich bereits in Stockholm den Ruf einer guten Ermittlerin erarbeitet hat, werden sie und der Kollege Erik mit der Aufklärung betraut. Ihr erster Tag hätte für Hanna nicht schlimmer beginnen können: Abgesehen davon, dass sie sich nach 16 Jahren Abwesenheit in ihrer Heimat dem Grund ihrer Flucht stellen muss, steht sie viel zu schnell vor ihrer einst besten Freundin, um dieser von dem gewaltsamen Tod ihres Sohnes Joel zu berichten.

Hanna stößt bei den Ermittlungen auf Schweigen und Halbwahrheiten, aber auch auf Ablehnung und neugierige Blicke. Denn jeder, der sie von früher kennt, sieht in ihr die Tochter des Mörders Lars Duncker. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Anne Stern: Meine Freundin Lotte

Die Autorin und promovierte Germanistin Anne Stern hat sich bisher schon in einigen Romanen dem Berliner Leben in der Zeit von 1920 bis 1930 gewidmet. Es war eine Epoche, die mit den Goldenen Zwanziger umschrieben wird. Sie begannen mit Hunger und tiefer Not und endeten mit der Wirtschaftskrise, in der die Nationalsozialisten einflussreich wurden. Insbesondere das Leben der Frauen zeigte weitreichende Veränderungen: Korsett und lange Röcke wichen einer legeren Kleidung und Kurzhaarfrisuren, die endlich Bewegungsfreiheit erlaubten. Der erfolgreiche Kampf um das Frauenwahlrecht (1918) führte zu mehr Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Studentinnen und Künstlerinnen drangen in eine starre Männerdomäne. Vor diesem gesellschaftlichen, politischen Hintergrund konzentriert sich die Autorin auf die damals lebende Künstlerin Lotte Laserstein. Ihr Aufbruch in die Unabhängigkeit und erste Erfolge geben ein Beispiel für den Begriff der verlorenen Generation. Und wie alle Juden befindet sich auch Lotte in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg in großer Gefahr, die sie lange ignorierte. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: