Thomas Montasser: Eine himmlische Katastrophe

Eine Katastrophe ist diese kleine Buch ganz sicher nicht, weder eine himmlische noch eine irdische. Nein, sondern es ist eine entzückend altmodisch erzählte Geschichte. Ein bisschen Sister Act, ein wenig Soeur Sourire und ein Hauch von „Stadtmaus besucht Landmaus“ (inklusive Besuch der Speisekammer).

Thomas Montasser erzählt eine märchenhafte Culture Clash Komödie, die man im doppelten Wortsinn gut in einem Zug lesen kann.

Die junge Louise, oder Lou, wie sie lieber genannt werden möchte, kommt aus Gründen, die sie ungern an die große Glocke hängt, aus Paris ins Burgund. Ihre Tante Madeleine lebt dort in einem Kloster, eine von den drei letzten überlebenden Nonnen des Klosters Notre Dame de Bleaumont. Das Kloster ist oder besser war berühmt für den dort hergestellten Blauschimmelkäse. Leider hat jedoch eine der Nonnen das Rezept der Käsezubereitung mit ins Grab genommen und nun gehen die Einnahmen des Klosters rapide zurück.

Nachdem Lou die musikalischen Talente der drei Nonnen entdeckt, entwickelt sie schnell einen Plan, wie sich diese zu Geld machen lassen. Dank ihrer Verbindungen in das entsprechende Milieu – sie ist in einem Banlieu von Paris groß geworden, in dem man in diese Verbindungen quasi hineinwächst – gelingt es binnen kürzester Zeit, die drei Nonnen zu einer Band aufzubauen, die in ganz Frankreich vor ausverkauften Häusern spielt. Weiterlesen

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Dieter Aurass: Rheinlandbastard

Ein Kriminalfall im Jahr 1924 in Koblenz. Ein Fall um ein weitgehend unbekanntes Thema aus der Zeit der französischen Besatzung im Rheinland nach dem ersten Weltkrieg.

Dieter Aurass ist ein pensionierter Polizeibeamter, der nach einer Reihe von Frankfurter Regionalkrimis hier seinen ersten historischen Kriminalroman vorlegt. Und der ist ihm wirklich gelungen.

Der Krimi vor dem Hintergrund realer historischer Ereignisse ist hochspannend und, soweit ich das beurteilen kann, hervorragend recherchiert. Es geht um grausame und scheinbar willkürliche Morde an französischen Besatzungssoldaten. Der mit der Aufklärung beauftragte Colonel ist fest davon überzeugt, dass nur ein Deutscher der Täter sein kann. Die Deutschen, oder doch zumindest die Meisten, hassen die Franzosen, die ihr Land besetzt haben. Und die Franzosen, allen voran eben auch dieser Colonel, hassen die Deutschen für all das Leid, dass sie im Krieg über Frankreich gebracht haben. Weiterlesen

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Carla Berling: Der Alte muss weg

Pass auf, welche Sendungen du im Fernsehen siehst. Und achte auf die Folgen, die daraus entstehen. Diese Warnung hätte der Protagonistin in Carla Berlings witzigem Buch einige Wirrungen und viel Stress erspart. Dabei ist der Roman um die beige-braun-graue Heldin Steffi gar nicht so derb komisch, wie der Titel und das Cover suggerieren. Sicher sind manchmal die kölsch-rauen Späße ein wenig zotenhaft und manch ein Handlungsdreh vorhersehbar, dafür regt aber die Geschichte auch zum Nachdenken an.

Steffi, 50 und in den ausgefahrenen Spurrillen ihres Lebens gefangen, trifft sich regelmäßig mit ihren vier Freundinnen, die mehr oder weniger ähnlich mit sich, ihrem Leben und insbesondere mit ihren jeweiligen Lebenspartnern hadern. Und nun, inspiriert durch eine Fernsehsendung über unentdeckte Morde, entstehen in den Damen – in unterschiedlicher Ausprägung und mit unterschiedlichen Auswirkungen – diverse Ideen, sich ebendieser Lebenspartner zu entledigen. Weiterlesen

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Chris Power: Mothers: Erzählungen

„Gewichtig wunderschöne Erzählungen“, so urteilt laut Klappentext die Daily Mail über dieses Buch. Gewichtig sind die Erzählungen von Chris Power in jedem Fall. Es sind keine leichten, seichten Texte, die man mal so eben zur Entspannung liest.

Chris Power hat bisher in Zeitungen und Magazinen veröffentlicht und stellt in diesem Debüt zehn Erzählungen von ganz unterschiedlicher Art vor. Er nimmt einen mit zu den verschiedensten Schauplätzen – Schweden, London, die englischen Hügellandschaften, Mexico. Und immer sind seine Beschreibungen so plastisch, dass man die Straßen, Wege und Wälder förmlich vor sich sieht, die scharfen Blätter der Pflanzen spürt, den Alkoholdunst der Kneipen riecht.

Es geschieht nicht viel in den Geschichten, es geht ihm mehr um die inneren „Geschehnisse“, um Einblicke in den Menschen. Sehr intensiv setzt er sich in drei der Erzählungen, die sich alle um die gleiche Person ranken, mit der Psychologie einer Frau auseinander, die als einzigen Bezugspunkt zu ihrer Mutter einen alten Reiseführer hat. Weiterlesen

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Marianne Salentin-Träger: Moodboards

Moodboards sind schon lange bekannt als Methode der Darstellung von Visionen, Wünschen, Plänen. In der Architektur, bei Designern oder auch bei Drehbuchautoren kommen Moodboards (auf Deutsch vielleicht zu übersetzen mit Stimmungstafel oder Visionswand, aber wie so oft trifft keine Übersetzung die wirkliche Bedeutung des englischen Ausdrucks) zum Einsatz. Auch für die private Anwendung gibt es inzwischen diesen Trend.

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: dieses Buch hat mich sehr enttäuscht. Wobei ich mir durchaus bewusst bin, dass enttäuschen von täuschen kommt, d.h. man hat sich in seinen Erwartungen getäuscht. Von daher sind Enttäuschungen etwas sehr persönliches, so wie auch die Beurteilung eines Buchs vor allem Geschmacksache ist.

Meine Erwartung jedenfalls war, dass mir dieses Buch etwas über Moodboards und ihre Gestaltung erzählt, mir Anregungen gibt, Tipps und Beispiele. Doch nur ganze zehn Seiten von den insgesamt 160 Seiten des Buchs widmen sich diesen konkreten Fragen. Der Rest ist eine Zusammenfassung von bekannten Erkenntnissen, mit reichlich Binsenweisheiten und viel Wiederholung. Weiterlesen

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Nina Sahm: Die Tage mit Bumerang

Ein richtiges Wohlfühlbuch hat Nina Sahm hier geschrieben. Voller skurriler, liebenswerter Menschen, merkwürdiger finnischer Lebensweisheiten und mit einem eigenwilligen Schaf.

Die ganze Zeit während des Lesens möchte man Annu, die Protagonistin, in den Arm nehmen, trösten und einfach nur liebhaben.

Annu lebt in einem windschiefen Haus am Rand eines winzigen bayerischen Dorfs mit gerade einmal 87 Einwohnern. Sie lebt dort ganz allein, seit ihre geliebten Eltern gestorben sind. Sie ist aber nicht einsam, denn im selben Dorf wohnt auch ihr ältester und bester Freund Lars mit Frau und Kind. Außerdem sind ihre Eltern Marie und Matti für sie ständig gegenwärtig, als hätten sie sie nie verlassen.

Doch dann passiert ein schlimmer Unfall, den Annu zwar verschuldet, für den sie aber doch eigentlich nichts kann. Aber der Unfall verändert ihr Leben komplett. Plötzlich ist sie im Dorf eine Aussätzige, niemand spricht mehr mit ihr, der Briefträger bringt ihre keine Post mehr, im Dorfladen muss sie höhere Preise zahlen als andere Kunden. Auch Lars ist, so scheint es, völlig aus ihrem Leben verschwunden. Weiterlesen

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Daniel Mason: Der Wintersoldat

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Dies ist ein ganz besonderes, ein aufwühlendes, nachwirkendes Buch. Wegen des Themas, wegen der Charaktere, wegen der Sprache. Von der ersten Seite an fängt der Roman die Leser ein und lässt sie bis zur letzten Seite nicht mehr los.

Der junge Wiener Medizinstudent Lucius meldet sich 1914 freiwillig für den Einsatz an der Front. Seine Hoffnung: endlich operieren zu dürfen, endlich praktisch zu arbeiten und nicht mehr nur den Vorlesungen seiner Professoren lauschen zu müssen. Er ist hochbegabt, hat aber außer ein paar unbedeutenden Eingriffen noch kaum Patienten behandelt. Im tiefsten Winter Anfang 1915 kommt er in ein kleines Dorf in den Karpaten, wo in der Kirche ein Behelfslazarett eingerichtet wurde. Hier begegnet er der Nonne Margarete, anderes medizinisches Personal ist nicht vorhanden. Margarete erkennt schnell, wie wenig Erfahrung der junge Mann hat. Sie bringt ihm bei, was er wissen muss, lehrt ihn, Amputationen durchzuführen.

Daniel Mason schreibt fantastisch. Man empfindet die Kälte, spürt den Hunger, fühlt das Jucken der Läuse, hört das Rascheln der Ratten, riecht den Gestank der schwärenden Wunden. Vor allem aber ist man ganz nah an dem Protagonisten Lucius. Er ist ein unsagbar einsamer Mensch, die Beziehung zu seinen Eltern ist sehr schwierig, fast wirkt er wie ein Fremder in der eigenen Familie. So scheint es, dass er in gewisser Weise eine neue Familie in diesem Lazarett findet. Weiterlesen

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Stefan Barz: Spiel des Bösen

Spannung für einen entspannten Sonntagnachmittag. So könnte man dieses Buch von Stefan Barz untertiteln.

Stefan Barz erzählt in flottem, dem Thema durchaus angemessenen Tempo von mysteriösen Todesfällen in der Eifel. Es gibt keine Motive, keine wirklich Verdächtigen und zunächst auch keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen den drei Morden. Dann allerdings entdecken die beiden Kommissare Grimberg und Wagner durch Zufall drei Entführungsfälle. Kinder sind verschwunden ohne dass die jeweiligen Eltern sich bei der Polizei gemeldet hätten. Relativ schnell erkennt die Leserin, auch aufgrund der eingeschobenen Szenen aus der Perspektive des Täters, die Verbindung.

Stefan Barz schreibt spannend, keine Frage, aber die Spannung ist recht oberflächlich, so erkennbar erzeugt. Es mangelt an Subtilität, an Originalität. Der Stil ist wie aus dem Lehrbuch, viele Formulierungen sind abgedroschen,  Bilder und Vergleiche ausgelutscht. Und die reichlichen Fehler mindern das Lesevergnügen zusätzlich. Mehrmals sind die Namen der handelnden Personen – von denen es reichlich gibt – vertauscht, so dass man als Leser aus dem Lesefluss gerissen wird, weil man erst einmal überlegen muss, wer denn eigentlich gemeint ist. Weiterlesen

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Norbert Scheuer: Winterbienen

Momentan herrscht hierzulande ja ein regelrechter Hype um Bienen. In allen Medien wird darüber berichtet und auch in den Buchhandlungen stehen viele Bücher, insbesondere belletristische, die sich mit Bienen beschäftigen.

Das ist erstmal nichts Schlimmes. Ob es aber immer noch ein Buch mehr braucht, wäre zu diskutieren.

Dem Autor dieses Buches zu unterstellen, dass er auf dieser Welle mitreiten wollte, liegt mir fern. Immerhin widmet er sich über 320 Seiten diesem Thema. 320 Seiten, auf denen sehr, sehr wenig passiert. Der einigermaßen spannende Teil der Handlung hätte auf vielleicht 10 Seiten gepasst, also in etwa die Länge einer anständigen Kurzgeschichte.

Erzählt werden in Tagebuchform die Geschehnisse im Leben des Egidius Arimond im Jahr 1944 in einem kleinen Ort in der Eifel. Während des gesamten Buches erfährt man nicht das Alter des Protagonisten, aber er muss im wehrfähigen Alter sein. Wegen seiner epileptischen Anfälle ist er nicht wehrtauglich und daher im Ort immer wieder Anfeindungen als Drückeberger ausgesetzt.

Außerdem schläft sich Egidius durch mehrere Betten im Dorf, Betten von Frauen, deren Männer an der Front sind. Die einzige andere Beschäftigung des ehemaligen Lehrers sind besagte Bienen. Und zwar Beschäftigung nicht nur aktiver Hinsicht, nein, auch in seinen Gedanken sind die Bienen so ziemlich das einzige, was ihn beschäftigt. Weiterlesen

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Anika Decker: Wir von der anderen Seite

Anika Decker ist Drehbuchautorin, ihre bekanntesten Filme sind Keinohrhasen und Zweiohrküken. Dieses Buch ist ihr Debüt als Romanautorin.

Obwohl der Roman eine fiktive Protagonistin hat, schildert Anika Decker ihr eigenes Erleben. Vor etwa zehn Jahren erkrankte sie schwer an einer Blutvergiftung mit komplettem Organversagen. Das Buch beschreibt den Krankheits- und Genesungsverlauf, beginnend mit ihrem Erwachen aus einem tagelangen Koma. Die Protagonistin Rahel durchläuft die verschiedenen Stadien der Behandlung von der Intensivstation zur Spezialklinik bis zur Reha. Dabei wird mit entwaffnender Offenheit von allen Aspekten einer solch schweren Erkrankung erzählt, auch von den „ekligen“. Neben der Krankheit wird auch die Beziehung Rahels zu ihrem Freund Olli bis aufs Kleinste seziert.

Beeindruckend intensiv geschildert und nachdenklich machend sind vor allem die Untersuchungen, die Rahel wieder und wieder über sich ergehen lassen muss. Der Verlust der Selbstbestimmtheit macht ihr zu schaffen, die Arroganz und Distanz, mit der Ärzte mit ihren Patienten umgehen, läßt sie oft verzweifeln. Umso dankbarer ist sie für die wenigen Ärzte und Krankenschwestern, die den Menschen hinter dem Patienten sehen. Weiterlesen

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