Christian Hardinghaus: Ein Held dunkler Zeit

Als ich von diesem Buch hörte, hatte ich nicht allzu viele Erwartungen. Ein Historiker, der einen Roman geschrieben hat. OK, das geht meistens schief, aber die Geschichte an sich hat mich interessiert. Und Christian Hardinghaus kann schreiben. So richtig. Belletristik. Also spannend. Und flüssig. Und so, dass man weiterlesen möchte. Und vor allem so, dass etwas im Leser von dem Buch hängen bleibt.

Im Winter 1941/42 ist Friedrich der Sanitätsoffizier des Arztes Wilhelm Möckel und in der Südukraine stationiert. Und Möckel tut sich durch Tapferkeit bis hin zur Waghalsigkeit hervor. Dahinter stecken nicht etwa Selbstmordabsichten, sondern eine tragische Geschichte. Eine echte Liebesgeschichte. 1932 lernt der aufstrebende Augenarzt die Medizinstudentin Annemarie kennen. Amor trifft sie beide mit voller Wucht und sie denken schon an das Heiraten. Dann kommt 1933 und die Nazis an die Macht. Wilhelm findet das zunächst alles nicht so furchtbar bedrohlich, muss sich denn nicht etwas ändern in diesem Land? Wilhelms Einstellung ist eher neutral, solange er nicht selbst betroffen ist und das ist für mich einer der Punkte, der den Roman so wichtig macht. Denn ja, es ist eine Liebesgeschichte und ja, es ist eine Heldengeschichte und ja, es ist nach einer wahren Geschichte – und trotzdem ist diese Geschichte ganz anders, ganz eigen und ganz besonders. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Benedict Jacka: Alex Verus 01: Das Labyrinth von London

Lasst Euch bloß nicht von dem Cover und dem Titel abschrecken, die beide leider den Eindruck machen, als wolle da jemand billig auf den Erfolgszug von Ben Aaronovitch aufspringen. Das Einzige, was die beiden Serien gemeinsam haben, ist, dass beide Urban-Fantasy sind und in London spielen. Wenn ich die Serie überhaupt mit einer anderen vergleichen würde (was keine Serie verdient hat), dann eher mit Malmquist.

Alex Verus betreibt einen Zauberartikelladen, allerdings bietet er keine Tricks – oder die nur zur Tarnung –, sondern echte Magie an. Alex ist Wahrsager und das hat nichts mit lila Frauen mit Tüchern zu tun. Er kann die verschiedenen Zukunftsstränge daraufhin untersuchen, welche Handlung die geringste Gefahr oder den größten Erfolg verspricht. Das kann einem Mann das Leben retten. In London gibt es den Rat der Weißmagier und unabhängige Schwarzmagier, die aber nicht grundsätzlich böse sind.  Alex hält wenig von beiden Seiten und möchte eigentlich in Ruhe gelassen werden. Da taucht ein mächtiges Artefakt aus ganz alter Zeit auf, alle anderen Wahrsager haben es rechtzeitig geschafft zu verschwinden und beide Seiten wollen jetzt unbedingt Alex anheuern, denn es muss noch ein Schloss geknackt werden, das sich als ausgesprochen wehrhaft erweist. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Antonia Michaelis: Tankstellenchips

Sean, ich bleib mal bei dem Namen, obwohl sein iranischer Name nur so ähnlich klingt, also Sean lebt in einer Flüchtlingsunterkunft und ist seit zwei Monaten in Deutschland. Eigentlich möchte er studieren. Eines Nachts gerät er zufällig in ein Verbrechen und flieht gemeinsam mit Davy, gerade acht und schon aus dem Heim abgehauen. Was folgt ist eine Road-Story quer durch Deutschland.  Die Geschichte ist aus Seans Sicht erzählt und der Leser bekommt eine ganz eigene Sicht auf das deutsche Normalleben. Es gibt echt witzige Stellen, die zum Teil auch durch Seans Sprachbarrieren verursacht werden, manchmal ist er herrlich naiv, aber er ist ein guter Junge, der nur ziemlich viele schlechte Entscheidungen trifft. Schlechte, nicht böse. Außerdem geht eine Menge schief, für das er wirklich nichts kann.

Das Irre ist, das Sean die ganze Zeit davon überzeugt ist, dass er abgeschoben werden wird (was soweit richtig ist, als dass sein Abschiebebescheid bereits in seinem Spind in der Unterkunft liegt), dass er aber einen lupenreinen Asylgrund inklusive Berichterstattung im Internet vorweisen könnte, wenn er es denn täte. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Richard Dübell: Das Jahrhundertversprechen

„Das Jahrhundertversprechen“ ist der letzte Teil der Trilogie um die drei großen Errungenschaften der Industriellen Revolution, die die Massen begeistert haben: Zuerst die Eisenbahn, dann das Flugzeug und jetzt im letzten Band das Automobil (und auch der Film). Berlin zu Beginn der 20ger Jahre des 20. Jahrhunderts ist ein gefährliches Pflaster. Das bekommen auch die Briests zu spüren, die gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter Luisa in die Wirren der Inflation geraten. Der junge Max Brandow rettet Luisa das Leben und riskiert dabei sein eigenes. So wird der ehemalige Berliner Straßenjunge von den Briests erst quasi und dann auch wirklich adoptiert.

Jahre später hat Max seine Leidenschaft für Autos, insbesondere Autorennen entdeckt. Mit seinem Mechaniker Gehalt versucht er den finanziell schwächelnden Gutshof der von Briests zu unterstützen. Noch ist er „nur“ Mechaniker bei einem der großen Rennställe, aber seine Chance wird kommen.

Luisa dagegen interessiert sich außer für Max für den Film und als sie Fritz Lang kennenlernt, scheint einer Karriere als Schauspielerin nichts mehr im Wege zu stehen. Ihr verdanken wir unterhaltsame Einblicke in die Entstehung und Finanzierung von Metropolis. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Karen Hamilton: Perfect Girlfriend – Du weißt, du liebst mich

SIE ist davon überzeugt, den perfekten Mann gehabt zu haben. ER dagegen fand es Zeit für eine Beziehungspause. Aber was weiß er schon? Bestimmt nicht, was gut für ihn ist, findet Juliette. Aber da er nun einmal ein eigenständiger Mensch mit einem Recht auf eigene Meinung ist, muss ein Plan her. Zunächst einmal muss er davon überzeugt sein, dass sie seine Entscheidung akzeptiert hat. Dann muss sie ihm UNAUFFÄLLIG näherkommen. Was eignet sich besser, als ein Arbeitsplatz, auf dem man noch dazu auf engstem Raum aufeinander angewiesen ist und in der Freizeit in unbekannten Orten festhängt und nur einander kennt? Nate ist Pilot, also wird Juliette Flugbegleiterin. Sie gibt sich viel Mühe, vor Nate zu verbergen wie nahe sie ihm immer wieder kommt. Aber sie freundet sich mit seinen Freunden an, betritt seine Wohnung, wenn sie ihn unterwegs weiß und verfolgt sein Handy heimlich. Das wäre an sich schon perfide genug, aber ihr eigentlicher Plan haut den Leser dann vom Stuhl.

Am Anfang war ich von dem Roman eher gelangweilt (äh, ja, schon wieder ne Stalker-Story). Das änderte sich aber nach und nach, je tiefer Karen Hamilton dem Leser Einblick in Julies Inneres verschafft. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Genevieve Cogman: Das dunkle Archiv

Irene Winters beschafft für die unsichtbare Bibliothek Bücher. Manchmal rettet sie die Bibliothek auch, gemeinsam mit ihrem Drachenlehrling Kai. Dabei kann sie sich trotz aller Bemühungen nicht immer ganz an die Regeln halten. Deswegen wird sie zwar für ihre Leistungen hoch geachtet, aber von den Mitarbeitern der Bibliothek auch mit Misstrauen beäugt. Das Verhältnis der Bibliothek zu Drachen (und Elfen) ist ohnehin ambivalent, die Beziehungen brüchig. Gerade da tritt ein Drachen an Irene heran und möchte von ihr ein Buch besorgt haben. Für einen Wettbewerb, bei dem es um nichts weniger als einen begehrten Posten und, als Trostpreis für den Zweiten, den Tod geht. Irene weiß, dass sie nicht mit Drachen zusammenarbeiten darf, aber sie kann einen so mächtigen Drachen auch nicht einfach vor den Kopf stoßen. Und ganz sicher weiß sie, dass sie ihren Lehrling Kai aus der Sache heraushalten muß, denn als Drache und angehender Bibliothekar wäre er zweifach in eine Sache verwickelt, in die er überhaupt nicht verwickelt sein darf. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ben Aaronovitch: Geister auf der Metropolitan Line

Die Pendler beschweren sich. Mehrfach. Lautstark. Die Londoner Metropolitan Line hat ein Problem. Pendler sind wichtig. Pendler sind regelmäßige Einnahmen. Pendler können dem Ruf der U-Bahn schaden. Pendler brauchen sich nicht von übergriffigen Geistern antatschen und anschreien zu lassen. Deswegen wird das Foley hinzugezogen und Peter Grant nimmt sich der Sache an.

Der neueste Aaronovitch hat nur einen Fehler: Er ist zu kurz. Verglichen mit den Vorgängern ist das Buch wirklich arg dünn. Darüber kann nur hinwegtrösten, dass im englischen Verlag bereits der Nachfolger für November 18 angekündigt ist, vielleicht ist dieser Roman deswegen so kurz geraten.  „Geister auf der Metropolitan Line“ führt Peters Nichte Abigail tiefer ins Geschehen ein und bietet ansonsten den üblichen Aaronovitch/Grant Humor, ich konnte allerdings nicht erkennen, dass er die Gesamtgeschichte um die historischen Magier und den gesichtslosen Mann deutlich weitergebracht hat. Trotzdem war es ein lustiges Lesevergnügen und lohnt sich für Fans der Reihe auf alle Fälle. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Tom Hillebrand: Hologrammatica, gelesen von Oliver Siebeck

Es ist schon eine merkwürdige Welt, in der Galahad Singh lebt. Er wohnt in der Stadt, die wir heute als London kennen, aber die Welt hat sich verändert. Nicht nur, dass die Autos endlich selbst fahren und Eigensteuerung als Abenteuer gilt, es gibt das Holonet, das die ganze Welt ein bisschen aufhübscht und „Mind Uploading“ – das zeitweise Leben in einem Wunschkörper – ist Alltag. Dazu haben die Folgen des Klimawandels und einer Art Pestausbruch die Welt und die Bevölkerung grundlegend verändert. Galahad arbeitet als Quästor, heißt: Er sucht verschwundene Menschen. Keine einfache Sache in einer Welt, in der jeder so aussehen kann, wie er gerade will. Sein aktueller Fall ist die die Ausnahmeprogrammiererin Juliette Perotte, Tochter eines greisen Herrschers. Die Suche führt Galahad tief in die Szene der Menschen ein, die inzwischen das Leben in einem Holokörper dem eigenen Selbst vorziehen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Michael Nast: #Egoland

Der Klappentext klingt superspannend. Auch die Idee ist an sich gut: Schriftsteller mit offensichtlicher Schreibblockade sucht sich Anschauungsmaterial in der Realität und hetzt ein Paar in der Krise noch gegeneinander auf, um dann darüber zu Schreiben. Die Umsetzung fand ich allerdings eher mäßig. Zum ersten fand ich den Kniff zu behaupten, es handele sich um reale Ereignisse eher nervig, sollte es Andreas Landsberger wirklich gegeben haben, hat er es als Schriftsteller zumindest nicht ins Internet geschafft und außerdem könnte man beim sonstigen Aufbau des Buches über die Einstufung als „Roman“ diskutieren. Somit blieb mir der Sinn der Realitätsbehauptung verschlossen.

Und nein, es ist kein gelungenes Spiel mit dem Leser. Wir haben also einen fiktiven Schriftsteller, der Menschen gegeneinander aufhetzt. Das böte jetzt Stoff für einen tollen Thriller, der mit der Realität des betroffenen Paares spielt. Und einen tollen Protagonisten, der durch und durch böse oder zumindest sozial gestört ist. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

A.J. Finn: The Woman in the Window, gelesen von Nina Kunzendorf

Anna Fox lebt in New York. Allein. Ihre Familie ist „abwesend“. Sie fotografiert. Sie kann das Haus nicht verlassen. Aber nicht ein Beinbruch hindert sie daran, wie in dem nicht zufällig ähnlich klingenden Klassiker-Film, sondern ihre Angst. Sie hat sich eingerichtet, verbringt viel Zeit im Internet und geht dort sogar ihrem Beruf als Psychologin nach. Nachbarn kommen und gehen und sie lernt eine der neuen Nachbarinnen kennen. Man trifft sich, man unterhält sich, dann eines Nachts beobachtet Anna, wie die Nachbarin ermordet wird. Sie ruft die Polizei. Aber es gab keinen Mord, bloß sieht die neu Nachbarin überhaupt nicht so aus, wie Anna sie kennengelernt hat, es ist eine ganz andere Frau. Wer war bei Anna, oder hat sie sich den Besuch nur eingebildet. Niemand glaubt ihr, fast verliert sie den Glauben an sich selbst.

Was für ein Ritt durch die Psyche. Stück für Stück enthüllt sich die Wahrheit ebenso wie der Grund für Annas Angststörung. Von der ersten Minute an superspannend, entfaltet das Hörbuch einen Sog, dem man sich als Zuhörer kaum entziehen kann. Das liegt unter anderem an Nina Kunzendorf, die Anna eine tolle Stimme gibt. Mal ängstlich, mal trotzig, mal zweifelnd, aber immer Anna. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: