Die mit zahlreichen Preisen überhäufte irische Autorin verwies sogar Ian McEwan in seine Schranken. Zu Recht: Enrights Geschichten treffen den Kern einer Kurzgeschichte auf den Punkt. Sie lassen Raum für Interpretation, Raum für Mehrdeutigkeiten. Sie faszinieren und irritieren. Als Leser sollten wir uns Zeit nehmen, jede einzelne Geschichte nachwirken zu lassen. Denn Enrights Short Storys sind keine Quickies – zumindest nicht im intellektuellen Sinne.
Dieser Erzählband vereint ihre besten Geschichten, die zwischen 1989 und 2017 erschienen sind, darunter auch Werke, die bisher noch nicht in deutscher Sprache veröffentlich wurden. Enrights überwiegend weibliche Protagonistinnen hadern mit ihren Lebensentwürfen. Sie trauern ihren ungelebten Träumen hinterher, reiben sich im Mutterdasein auf, haben die falschen Männer geheiratet, lassen sich durch irische Nächte mit Sex und Alkohol treiben. Ihre Figuren sind ganz auf der Höhe der Zeit, dabei brechen immer wieder typische Merkmale der grünen Insel hervor. Denn das Wetter, das eigentlich keines ist, sondern nur ein „unmerklicher Übergang von feucht zu nass“ prägt den Charakter der Menschen. Die Liebe, changierend zwischen Ablehnung und Anziehung, wird aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Grandios hebt sich dabei Enrights Fabulierkunst hervor, gepaart mit ihrem unverwechselbaren Humor. Weiterlesen
Selbstbestimmtheit oder Scheiterhaufen? Der auf historischen Begebenheiten beruhende Roman Vardø schildert diesen Konflikt in beeindruckender Weise. Am Weihnachtstag 1617 zieht vor dem norwegischen Küstendorf Vardø wie aus dem Nichts ein gewaltiger Sturm auf. Dieser löscht mit einem Schlag alle 40 Männer des kleinen Ortes aus, die gerade zum Fischen aufs Meer hinausgefahren sind. Zurück bleiben die Frauen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen, um nicht während des langen Winters zu verhungern. Sie beginnen die Rentiere zu hüten, die Felder zu bestellen, Handel mit Schiffsleuten zu betreiben und wagen sich sogar selbst mit Fischerbooten aufs Meer hinaus. Bislang eine hundertprozentige Männerdomäne. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen! Denn emanzipierte Frauen, die keinem Manne Untertan sind, passen nicht in das patriarchalische Weltbild der Herrscher und Kleriker. Noch dazu, wo in diesem entlegenen Teil Norwegens die indigene Bevölkerung der Sami alte Riten pflegen, die als pures Teufelswerk abgetan werden. Folge: Absalom Cornet, der bereits in Schottland Hexenprozesse geleitet hat, wird nach Vardø geschickt, um den Ort wieder „gottgefällig“ zu machen. Für manche Frauen hat dies fürchterliche Konsequenzen…






