Carsten Sebastian Henn: Der Gin des Lebens

Die Freundin hat seinen Heiratsantrag abgelehnt. Sein Job macht ihm keinen Spaß. Den Oldtimer hat er aus Versehen im Rhein versenkt. Zudem wird ihm mangelnder Ehrgeiz sowie das Fehlen jeglicher Erfolgsperspektiven vorgeworfen. Kurz: Bei Benoit „Bene“ Lerchenfeld läuft es gerade richtig mies. Aus Frust möchte er sich mit dem Gin seines verstorbenen Vaters die Kante geben – bis er bemerkt, dass es sich um ein wahres Meisterwerk handelt. Wie konnte sein Vater einen so herausragenden Tropfen produzieren? Liegt darin eine Geschäftschance für Benoit?

Seine Nachforschungen führen in die englische Stadt Plymouth, Genauer: In das niedliche Bed & Breakfast von Cathy Callaghan. Auch diese versucht seit Jahren vergeblich, die Gin-Rezeptur ihres verstorbenen Vaters nachzubauen. Aktuell hat sie jedoch viele weitere Sorgen: In ihrem Garten ist ein toter Obdachloser aufgefunden worden. Unverhofft gerät Cathy selbst ins Kreuzfeuer der Ermittlungen. Daneben macht ihr alkoholkranker Bruder Probleme und jemand scheint ihre Gin-Produktion sabotieren zu wollen.

Als sich Cathy und Bene begegnen, liegen sie sofort auf einer Wellenlänge. Ihre Väter waren über Jahre miteinander befreundet. Doch je weiter die beiden forschen, desto mehr erhärtet sich der Verdacht, dass in der Vergangenheit ein dunkles Familiengeheimnis begraben liegt. Noch dazu befindet sich Bene gegenüber Cathy im Zwiespalt: Einerseits fühlt er sich zu ihr hingezogen, andererseits hat er sich beim Wettlauf um die Gin-Rezeptur unbewusst als Cathys Konkurrent platziert. Brände, stadtbekannte Schlägertypen und rachsüchtige Polizisten sorgen ohnehin dafür, dass für romantische Gefühle (vorerst) weder Zeit noch Muße bleiben. Weiterlesen

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Dana Grigorcea: Die nicht sterben

Achtung: Lassen Sie sich von Titel und Cover nicht täuschen! Wer hier eine klassische Vampirgeschichte mit blutrünstigen Untoten erwartet, wird enttäuscht. „ER“ wabert, klettert, fliegt und sexelt lediglich im Hintergrund. Auf 260 Seiten wird ihm gerade einmal eine Dialogzeile zugesprochen. Stattdessen entscheidet sich die aus Bukarest stammende Autorin für eine andere Perspektive: Für einen Sitten- und Gesellschaftsroman Rumäniens beginnend im 15. Jahrhundert über Diktatur und Wende bis in die Gegenwart. Die wahren Blutsauger sind allgegenwärtig: Menschen mit ihrer unersättlichen Habgier nach Geld, Macht, Besitz. Ob im Makrokosmos der Politik oder im Mikrokosmos eines kleinen Feriendorfes.

Erzählt wird die Geschichte aus Sicht einer Künstlerin, die in einem Bergdorf nahe Transsilvanien die Sommer ihrer Kindheit verbracht hat. Im Haus ihrer Tante Margot ging die betuchte Bukarester Gesellschaft ein und aus. Nach ihrem Studium in Paris kommt die junge Frau zurück, um sich von der Naturschönheit der Gegend inspirieren zu lassen. Doch etwas hat sich verändert – ihr Blickwinkel.

Die kindliche und jugendliche Autorin sieht den Glanz des Sternenhimmels, das ausgelassene Toben in den Feldern mit den Dorfkindern, die illustre Gesellschaft der Bukarester High Society, einen Sommer voller Freizeitvergnügungen. Die erwachsene Erzählerin entdeckt das Dahinter. Illegale Müllhalden im Wald, nicht minder illegale Abholzung in Naturschutzgebieten, Korruption auf allen Ebenen, verfallene Bauruinen, ärmliche Alte und immigrierende Junge. Weiterlesen

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Howard Jacobson: Rendezvous und andere Alterserscheinungen

Zum Niederknien komisch: Howard Jacobson schafft es, eine politisch völlig unkorrekte Person so darzustellen, dass wir ihr beim Lesen mit Haut und Haar verfallen. Die 99-jährige Beryl ist latent rassistisch, überheblich, besserwisserisch, resolut, sarkastisch. Ihre ausländischen Pflegerinnen werden von ihr permanent „optimiert“, Männern hat sie nach etlichen Beziehungen abgeschworen, die eigenen Söhne – ganz zu schweigen von den lästigen Enkeln und Urenkeln – sieht sie am liebsten von hinten, beim Verlassen des Hauses. Ihr Hobby: Textilien mit ausgefallenen Sprüchen über den Tod zu besticken. Beispiel: „Das Leben ist ein Märchen, erzählt von einem Idioten.“

Keine Frage: Beryl ist „Bad Ass“! Aber sie zieht ihr Ding durch. Die ehemalige Lehrerin ernennt sich kurzerhand selbst zur Prinzessin. Sie lässt sich weder von beginnender Demenz, noch von anderen Altersgebrechen ins Bockshorn jagen. Sie sagt, was sie denkt. Gibt zu allem ungefragt ihren Senf dazu. Scheut sich nicht, verwegenen Gedankengängen nachzuspüren. Daraus ergeben sich skurrile Situationen mit tiefschwarzem Humor. Weiterlesen

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Ingrid Noll: Kein Feuer kann brennen so heiß

Köstlicher schwarzer Humor und Männer, deren forciertes Ableben nonchalant, fast schon beiläufig erfolgt: Seit nunmehr 30 Jahren ist dies das unschlagbare Erfolgsrezept der Bestsellerautorin Ingrid Noll. Auch in diesem Roman geht die Rechnung voll und ganz auf. Zwei Frauenfiguren, die eher auf der Schattenseite des Lebens stehen, wachsen im Plot über sich selbst hinaus. Wehe, wenn die Alten, Hässlichen, Ungeliebten oder anderweitig zu kurz Gekommenen losgelassen werden!  Herrliche Dialoge, schrullige Charaktere und das „vermeintlich“ starke Geschlecht, dass sich permanent selbst bloßstellt. In „Kein Feuer kann brennen so heiß“, zeigen Nolls Protagonistinnen, dass sie ihrem Gegenüber bei Bedarf ordentlich einheizen können. Wenn Leidenschaft nur noch Leiden schafft, ist mit diesen Frauen nicht zu spaßen.

Im Mittelpunkt steht die 30-jährige Lorina, die im Leben zu kurz gekommen ist. Das Aussehen eines „Plumploris“, dazu noch Tollpatschigkeit und ihr wohl größter Fehler – kein ersehnter Stammhalter geworden zu sein – haben ihr von Kindheit an den Ruf des hoffnungslosen Mauerblümchens eingebracht. Mit Dreißig noch Jungfrau, stützt sich Lorina in ihren Beruf als Altenpflegerin, in dem sie endlich Erfüllung findet. Denn den Alten, Behinderten, Vergessenen ist ihr Äußeres samt mangelnder Grazie egal. Mit ihrer neuen Stelle in der noblen Villa von Frau Alsfelder hat sie das große Los gezogen. Die Arbeitsbedingungen sind angenehm luxuriös, zudem scheint die einsame Alte sie nicht nur als bloße Pflegekraft, sondern auch als Gesellschafterin zu schätzen. Frau Alsfelder schwimmt zwar in Geld, doch nach einem Schlaganfall wurde sie von ihrem Mann verlassen und ist als halbseitig Gelähmte nicht nur auf die Hilfe der Pflegerin angewiesen, sondern auch auf die Unterstützung ihres großspurigen Neffen Christian, der ihre Finanzen regelt. Wohl nicht ganz uneigennützig … Weiterlesen

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Meike Stoverock: Female Choice: Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation

„Der Mann ist die Norm, die Frau ist die Frau.“ Zack – willkommen in einem Sachbuch der etwas anderen Art. Mit viel wissenschaftlichem Verve serviert uns die Autorin eine Knallertheorie nach dem anderen. Sie lässt die Biologie Klartext sprechen. Dies dürfte bei Lesern jeglichen Geschlechts zwar an der einigen Stelle für Schnappatmung sorgen – aber genauso für Schmunzeln. Wichtigste Erkenntnis: In der Evolution waren Männer und Frauen die längste Zeit auf Augenhöhe, das „schwache Geschlecht“ ist lediglich eine kulturelle Erfindung. Die Absurdität beginnt bereits beim Begriff „Ernährer“. Bei unseren nomadischen Vorfahren brachten Frauen als Sammlerinnen 80 Prozent der Nahrung in den Stamm ein! Da Medizin, Macht und Geschichte jedoch über die letzten Jahrhunderte in den Händen von Männern lag, ist der „objektive“ Blickwinkel in Wahrheit männlich. Keine Frage: Die Lösungsansätze der Biologin und Evolutionsökologin am Ende des Buches sind so radikal wie provozierend. Falls Ihnen während der Coronakrise der intelligente Gesprächsstoff ausgegangen sein sollte, hier finden Sie genügend Material für abendfüllende Diskussionen!

Ein paar kleine Kostproben: Verabschieden Sie sich vom Ideal der Ehe. Diese ist aus evolutionsbedingter Sicht Nonsens. Die Natur hat für uns eine „serielle Monogamie“ vorgesehen. Es gibt jedoch einen Haken: Die Ehe war nötig, damit die Zivilisation in ihrer heutigen Form überhaupt entstehen konnte. DNA-Analysen haben aufgezeigt, dass die Menschheit genetisch gesehen viel mehr weibliche, als männliche Vorfahren hat. Warum? Zu Jäger-und-Sammler-Zeiten pflanzten sich 80 Prozent der Frauen mit nur 20 Prozent der Männer fort! Zu Beginn der Sesshaftwerdung soll das Verhältnis gar bei 95:5 gelegen haben, schließlich waren bei „Alpha-Männern“ neben Stärke und Geschick nun auch noch Intelligenz und Kreativität gefragt. Da fällt der Großteil „hinten runter“. Weiterlesen

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Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Ein Buch, wie dafür geschaffen, es in einem Atemzug zu verschlingen. Evaristo legt ein mitreißendes Tempo vor. Mit Witz, Wagemut und sehr viel Empathie erzählt sie die Geschichten von 12 überwiegend schwarzen Frauen in England. Beginnend um die Zeit des Ersten Weltkrieges bis ins pulsierende London der Jetzt-Zeit hinein. Dabei geht es in ihrem Roman nicht nur um Rassismus. Es geht um sehr viel mehr: Die Rede ist von Feminismus, Gender, Sexualität, Generationenkonflikten, Klassenzugehörigkeit, Urbanisierung und Gentrifizierung. Evaristo setzt dort an, wo es zu offener oder verdeckter Ausgrenzung kommt. Und sei es nur, dass diese unbewusst in Gedanken stattfindet. Dabei ist Evaristos Botschaft universell. Es geht auch darum, den eigenen Platz in dieser Welt zu finden, im Wechselspiel mit den Bedürfnissen und Ansichten anderer Menschen. Kurz: Mit diesem Buch ist der britischen Autorin ein ganz großer Wurf gelungen. Sie erhielt völlig zu Recht als erste schwarze Autorin den Booker Prize im Jahr 2019.

Im Mittelpunkt steht Dramaturgin Amma, die ein neues Stück über historisch belegte Amazonen auf die Theaterbühne bringt. Der Weg dahin war steinig. Denn als schwarze, lesbische Frau aus bescheidenen Verhältnissen, ist sie gleich mehreren Vorbehalten ausgesetzt. Ihre Antwort darauf war Rebellion in jeglicher Form. Von denkwürdigen Auftritten mit ihrer alternativen Theatergruppe bis hin zu ihrer Unterstützung der Feminismusbewegung und LGTB-Community. Hat sie nun endlich ihr Ziel erreicht? Wird das provokante Stück beim Publikum ankommen? Weiterlesen

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Alena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

Geschichte wird an Menschen konkret. Was dieser packende Generationenroman einmal mehr verdeutlicht Alena Schröder verbindet Nazi-Kunstraub mit vier Frauenschicksalen, welche über 100 Jahre hinweg im Leben der jeweils anderen Spuren hinterlassen. Ausgehend von der jungen Studentin Hannah, die in Berlin mit ihrem Leben hadert. Erst durch einen Blick in ihre Vergangenheit versteht sie ihre Gegenwart. Der Autorin ist ein packender Roman gelungen, der ein Stück deutscher Zeitgeschichte auf persönliche Art aufarbeitet. Ganz nah führt Sie uns an Ihre Hauptfiguren heran – allesamt weiblich, allesamt gegen den Strom schwimmend, allesamt mit den gleichen Fragen kämpfend, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ist es ein Historienroman? Eine Emanzipationserfahrung? Eine Schuld-und-Sühne-Aufarbeitung? Eine Coming-of-Age Geschichte? Dieses Buch ist ein wenig von allem. Und vor allem sehr bewegend.

Ein Berliner Seniorenwohnheim: Zwei unterschiedliche Frauen arbeiten ihre Probleme aneinander ab. Da ist die über 90-jährige Evelyn, eine ehemalige Ärztin, mürrisch, abweisend, mehr oder weniger auf den Tod wartend. Da ist ihre 27-jährige Enkeltochter Hannah, deren Leben nicht in die Gänge kommen will. Sie hadert mit ihrer Promotionsarbeit, der Affäre zu ihrem verheirateten Professor, dem Sinn des Lebens. Seit dem Tod ihrer Mutter vor zehn Jahren will nichts mehr gelingen. Weiterlesen

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Raffaela Romagnolo: Bella Ciao

Er wurde zum Sommerhit 2018 gekürt. Doch während in den Clubs zu der elektronisch aufgepeppten Version von „Bella Ciao“ ausgelassen getanzt wurde, wusste kaum jemand um den ernsten Ursprung dieses Liedes. Bereits im 19. Jahrhundert galt es in Italien als Arbeiter- und Protestlied, wurde später zur Hymne der Partisanen im Kampf gegen die Faschisten. Um Widerstandskämpfer, (Familien-) Zusammenhalt und den Überlebenskampf im italienischen Piemont von 1900 bis 1946 dreht sich dieser mitreißende Pageturner von Raffaella Romagnolo. Die Autorin schafft es, Historie menschlich, politisch, sinnlich und sehr bewegend zu vermitteln. Ihre Geschichte um Entwurzelung, sozialer Ungerechtigkeit und Schicksal ist universell – bietet aber vor allem Italienliebhabern einen großen Mehrwert. Grandi emozioni, die lebensklug verpackt sind, fesseln von der ersten bis zur letzten Seite.

Borgo di Dentro im Jahr 1946: Das Land ist im Aufbruch, ächzt aber unter den Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges. Das Essen ist rationiert, die Straßen zerbombt, die Toten noch nicht gänzlich betrauert. Mittendrin spaziert eine wohlhabende Amerikanerin mit Seidenstümpfen, elegantem Cape und Hut. Was niemand ahnt: Es handelt sich um die 65-jährige Giulia Masca, die vor 45 Jahren diesen Ort während einer Nacht- und Nebelaktion verlassen hat. Nun möchte sie offene Rechnungen begleichen … oder sich nur mit ihrer Vergangenheit aussöhnen? Weiterlesen

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Christopher Clark: Gefangene der Zeit: Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump

„Geschichte wiederholt sich immer zweimal: Das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce“, soll Karl Marx einmal gesagt haben. Lernt die Menschheit aus ihrer Vergangenheit? Oder geht es stets nur um Macht, in welcher Form auch immer? Können wir das Große und Ganze jemals überblicken oder bleiben wir im eingeschränkten Blickwinkel unserer eigenen Epoche gefangen? Dem Historiker Christopher Clark ist es gelungen, diese Fragen auf äußerst informative und unterhaltsame Weise aufzuarbeiten. In den gesammelten Essays dieses Buches begleiten wir einen biblischen Herrscher in seinen Traum, die Juden bis „ans Ende aller Tage“ und Heinrich Himmler bei abstrusen Esoterikforschungen. Christopher Clark zeigt, was der Brexit mit Bismarck zu tun hat und warum sich Macht nicht durch Unterdrückung, sondern durch stillschweigende Duldung der Massen entfalten kann. Bereits nach wenigen Sätzen erliegen wir Leser der Faszination der Geschichte. Clark verdeutlicht uns historische Analogien, die uns bislang verborgen geblieben sind. Der wohl größte Verdienst dieses Buches: Geschichte ist lebendig, die Vergangenheit niemals abgeschlossen. Sie bedarf eines ständigen Dialoges, der sicher Geglaubtes hinterfragen sowie andere Ansätze zulassen soll. Kurz: Clarkes Werk ist ein wichtiger Beitrag zu einer intelligenten Diskussionskultur, deren Mangel in jüngster Zeit offensichtlich ist.

Wussten Sie, dass im Ersten Weltkrieg mehr Menschen durch Seuchen, als durch Kriegseinsätze gestorben sind? Oder dass wir bis heute die Geschichte in falsche Epochen unterteilen?  Diese und weitere, überraschende „Tatsächlich?!“-Momente hält dieses Buch bereit. Weiterlesen

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Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit: Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933-1943)

Philosophie hautnah erleben: Wolfram Eilenberger ist es gelungen, die Philosophie in einen persönlichen Kontext zu stellen. Dafür hat er vier wichtige Philosophinnen ausgewählt, die während der Schicksalsjahre des Nazi-Regimes zu wahrer Größe finden. Die der Gleichschaltung eine Gedankenfülle entgegensetzen, die uns bis heute prägt. Wir begleiten die Damen in Pariser Cafés, Internierungslager, Hospitäler, schäbige Souterrain-Wohnungen, sogar bis nach Hollywood. Dort werden wir Zeugen ihrer Höhen und Tiefen, ihrer Hoffnungen und Zweifel. Wir verstehen um die Hintergründe ihrer Gedanken. Wir sehen, wie die Geschichte sie ausbremst, verändert, antreibt. Das liest sich ungeheuer spannend! Philosophie plus Zeitgeschichte plus Biografie: Mit dieser Mischung hat Eilenberger einen Zugang zur Materie geschaffen, der nicht nur gedanklich, sondern auch emotional berührt.

In „Zeit der Zauberer“ hat Eilenberger seine Leser an der Seite von vier männlichen Philosophen durch die Epoche der Weimarer Republik begleitet. Nun führt er chronologisch durch den Werdegang der vier außergewöhnlichen Frauen. Sie haben dieselbe Berufung, könnten jedoch nicht unterschiedlicher sein. Ayn Rand befasst sich mit Kapitalismus, Simone de Beauvoir mit Existenzialismus, Hannah Arendt mit Zionismus und Simone Weil mit christlichem Mystizismus. Auch wenn ihre Lösungen voneinander abweichen, ähneln sich die Grundfragen, die sie innerlich umtreiben. So stehen die Themen „Das Individuum und das Kollektiv“ und „Was ist Freiheit?“ im Mittelpunkt zahlreicher Überlegungen. Mit dem Ausbruch des Krieges rücken Fragen wie „Ist Gewalt unter bestimmten Gesichtspunkten legitim?“ oder „Wie funktioniert Populismus?“ ins Bewusstsein.

Daneben hat jede Philosophin ihre eigenen Steckenpferde. Bei Beauvoir ist es unter anderem die Auseinandersetzung mit dem „reinen Bewusstsein“. Wie sollte man analysieren, ohne zu bewerten? Weiterlesen

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