Claire-Louise Bennett: Teich

Ein kleines hundertjähriges Steinhaus an der irischen Atlantikküste wird zum neuen Lebensbereich einer Ich-Erzählerin.

Die damit einhergehende Rückbesinnung auf die Natur und das Alleinsein schärft den Blick der jungen Protagonistin auf das Elementare. So entsteht eine andere Wahrnehmung, das Leben wird neu fokussiert.  Wie sie damit umgeht, was sie bewegt, welchen Gedanken und welchem Tun sie nun nachgeht, schildert die Autorin in kurzen, ganz unterschiedlichen, nicht zusammenhängenden Kapiteln, die auch eigene Interpretationen zulassen.

Die dichte Sprache reflektiert das aufs Notwendigste reduzierte Leben der Protagonistin. In ihren nicht immer leicht zu durchdringenden Gedanken spielt sich eine Revolte ab. Hierbei rückt das ansonsten oft Unbeachtete, Selbstverständliche in den Mittelpunkt. So kann unter anderem das Klacken des Messers beim Zerkleinern von Nüssen zum verzaubernden schamanischen Singsang für sie werden. Weiterlesen

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Robert Seethaler: Das Feld

Alle sind sie miteinander verbunden, die Leben der Menschen aus dem fiktiven Ort Paulstadt. Aber: Es sind bereits gelebte Leben, denn die Personen um die es geht, sind allesamt tot.

Der Buchtitel „Das Feld entspringt dem Namen des Friedhofs von Paulstadt, dessen ältesten Teil die Einwohner so nennen, weil dort einst die Brache eines Viehbauern lag. – Ein Stück Land, das nicht gut genug für die Tiere war, für die Toten aber ausreichte.

Ein Mann fühlt sich den Verstorbenen nahe, wenn er den Friedhof besucht und sich dort auf die morsche Holzbank unter einer krummgewachsenen Birke setzt. Viele von den Verstorbenen hatte er gekannt. In seinen Erinnerungen lässt er Bilder der Toten aufleben, reimt sich in seiner Phantasie Geschichten über sie zusammen und glaubt, dadurch mit ihnen in Verbindung zu stehen. Ihre Stimmen (mit seiner eigenen 30 an der Zahl) geistern durch seine Gedanken und hauchen den Toten wieder Leben ein.

Es sind die unterschiedlichsten Menschen, um die es geht. Eine der Toten ist die Blumenhändlerin Gregorina, die zwei Wochen tot und unbemerkt in der Lagerkammer ihrer Blumenhandlung gelegen hatte. Weiterlesen

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Marissa Landrigan: Fleisch essen für Vegetarier

In diesem Buch beschreibt die junge US-Amerikanerin Marissa Landrigan ihren Werdegang zur Vegetarierin und wieder zurück zur bewusst essenden Fleischkonsumentin. Dies allerdings unter der Prämisse einer möglichst ethisch korrekten, nachhaltigen Ernährungsform.

Betrachtet man nur den sachlichen Inhalt, liest sich dieses Buch so widersprüchlich wie sein Titel. Deshalb gleich vorneweg: Dies ist nur bedingt eine Lektüre für überzeugte Vegetarier und Veganer. Aber die Wankelmütigen und die Flexitarier werden in diesem Buch vieles finden, was interessant und richtungsweisend sein kann. Dass sich Landrigans persönliche Erzählweise sehr unterhaltsam liest verwundert nicht angesichts der Tatsache, dass sie an der Universität Pittsburgh Kreatives Schreiben unterrichtet und unter anderem für den „Atlantic“ schreibt.

Essen hatte einen traditionellen Stellenwert in Marissa Landrigans italienisch geprägtem Elternhaus. Bei der Nudelherstellung, die in eine regelrechte Zeremonie ausuferte, hatten alle Familienmitglieder, von den Großeltern bis zu den Kindern, ihre Aufgabe. Fleisch zu essen war eine Selbstverständlichkeit, die niemand hinterfragte. Weiterlesen

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Franziska Hauser: Die Gewitterschwimmerin

Im Vorwort erläutert Franziska Hauser, dass die Grundlage dieses Romans die Geschichte ihrer eigenen Familie ist. Die Ausgestaltung  entspringt ihrer persönlichen Sichtweise und ihrer Kreativität.

Es ist die Zeit der fünfziger Jahre, in denen die Ich-Erzählerin Tamara Hirsch in der ehemaligen DDR aufwächst. Bis in die achtziger Jahre folgen wir ihrem Weg und dem ihrer Familie. Die Autorin geht in der Familiengeschichte 120 Jahre zurück. Ihre jüdischen Wurzeln, Krieg und Nationalsozialismus haben die Hirschs geprägt.

So liest man von dieser ehemals angesehenen bekannten Familie mit dem hochgebildeten Großvater Friedrich Hirsch und den herrschaftlichen Verhältnissen im Großelternhaus. Wir erfahren von  den Herausforderungen, bzw. den sich immer weiter zuspitzenden gesellschaftlichen Problemen des Nationalsozialismus, denen Friedrich Hirsch sich stellen muss, bis er nach England ins Exil geht.

Tamaras Vater Alfred dagegen vertritt die gegenteilige politische Maxime seines Vaters. Er steht hinter Kommunismus und Sozialismus, was ihm durch seinen Sonderstatus, den er als Romanautor genießt, nicht schwer fällt. Weiterlesen

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Margarete Stokowski: Untenrum frei

Ja, dies ist ein feministisches Buch.

Nein, es geht darin keineswegs um einen Rachefeldzug gegen die Männerwelt.

Und ja: Macht und Autonomie sind ein großes Thema, wobei die Autorin den Begriff „Feminismus“ genau wie Rassismus und Klassenunterschiede als redundant betrachtet und am liebsten aus der Gesellschaft ausradieren möchte.

Für Stokowski bedeutet Feminismus …dass alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper dieselben Rechte und Freiheiten haben sollen… (S. 13)

Natürlich geht es um persönliche Freiheit, um sexuelle Freiheit, um Selbstbestimmung, Gewohnheiten, Rollenbilder, Klischees,  Hierarchien… Dabei greift die Autorin in erfrischend nonchalantem, niemals dogmatischem Tonfall unsere Denkmuster und Gewohnheiten genauso auf wie unsere Ängste und Fähigkeiten. Weiterlesen

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Karl Geary: Montpelier Parade

Dublin in den achtziger Jahren mit einem Heranwachsenden aus dem Proletariat, einer reichen, unglücklichen Frau mittleren Alters und einer leidenschaftlichen Liebe. – Wer nun eine Herz-Schmerz-Happy End-Story vermutet, der irrt gewaltig: Über der Geschichte liegt eine tiefe Melancholie. Beide Figuren sind Gefangene ihrer Hoffnungslosigkeit. Der junge Sonny kann seinem Milieu und der dort vorherrschenden Chancenlosigkeit nicht entkommen, die schöne Vera ist ihrer ureigenen Schwermut ausgeliefert. Doch für eine kurze Zeit tragen und bereichern die beiden ihre Leben mit ihrer ungewöhnlichen Liebe gegenseitig.

Seine Herkunft scheint dem sechzehnjährigen Sonny wie ein unsichtbarer Stempel auf die Stirn gedrückt. Das kleine Haus, in dem er mit seiner Familie lebt, steht in einem armseligen Viertel. Immer fehlt es an Geld, nicht selten auch an ausreichender Nahrung in der Küche. In seiner freien Zeit verdient Sonny sich ein bescheidenes Taschengeld in einer Metzgerei. Dort ist er hinterm Verkaufsraum zwischen blutigen Fleischstücken den obszönen Äußerungen über Frauen und Sex seinem Kollegen Mick ausgeliefert, der so versucht, ihn aus der Reserve zu locken und zu kompromittieren. Weiterlesen

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Paul Auster: Das rote Notizbuch

Paul Austers Red Notebook von 1995 erscheint nun erstmals vollständig in deutscher Sprache. 25 Geschichten sind in dieser nur wenige Seiten umfassenden bibliophilen Ausgabe abgedruckt.

Bereits nach wenigen Seiten hat man das Gefühl, ein modern ausgestaltetes Zauberbuch zu lesen. Dies mag daran liegen, dass die allesamt wahren Erzählungen seiner Bekannten und Freunde, die Auster über Jahre zusammengetragen hat, ausgesprochen phantasievoll, ja teilweise sogar fast unheimlich anmuten.

Es sind seltsame Begebenheiten, nahezu unwahrscheinliche Möglichkeiten, die zu dieser besonderen Aura, die diese Geschichten umhüllt, beitragen. Darüber hinaus verdeutlichen die Storys auch, dass das, was wir für gänzlich unmöglich betrachten, dennoch möglich sein kann. Auster ist wie ein Sezierer. Er dringt in etwas ein und bringt etwas ans Licht, was normalerweise verborgen bleibt. Das Gewöhnliche erhält durch seine Sicht mit einer anderen Gewichtung eine phantastische Komponente und wird so plötzlich neu wahrnehmbar. Weiterlesen

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Flannery O’Connor: Keiner Menschenseele kann man noch trauen. Storys (1948-1955)

Flannery O’Connor ist eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Ihre Storys zählen heute noch zur Schul- und Universitätslektüre. Der wichtigste Kurzgeschichtenpreis der USA ist mit ihrem Namen, dem  „Flannery O’Connor Award for Short Fiction betitelt.

Die Erzählungen in diesem Band entstanden in den Jahren zwischen 1948 bis 1955 und sind den Sammlungen „A Good Man is Hard to Find und „Everything That Rises Must Converge“ entnommen.

Was ist das Schlimmste, Unmöglichste, das Romanfiguren widerfahren könnte? – Flannery O’Connor scheint genau diese Überlegung angestellt zu haben und lässt in ihren literarischen Fiktionen aus den Fünfziger Jahren ungewöhnlich perfide Widrigkeiten eintreten.

Dabei hat der Arche-Verlag gut daran getan, O’Connors Sprache unzensiert wiederzugeben, was die Authentizität um so mehr unterstreicht. Weiterlesen

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Helen Simpson: Nächste Station

„Nächste Station“ ist ein Buch mit neun Erzählungen, die das mittlere Alter und das Älterwerden thematisieren.

In der ersten Geschichte fahren die langjährigen Freundinnen Julie und Philippa einer neuen, in der U-Bahn vergessenen Gleitsichtbrille hinterher. Bis zur Endstation Cockfosters dreht sich ihre Unterhaltung außer um diese neue Brille um die Loslösung von den Kindern, einstige Mitschülerinnen, Kindheitserinnerungen, alte Eltern die in Zukunft Hilfe brauchen würden…

Die nächste Erzählung „Torremolinos“ beschreibt zwei Patienten auf einer Krankenstation. Der eine hat einen Dreifachbypass und soll nun dem anderen, der direkt aus der Vollzugsanstalt kommt, beschreiben, wie sich ein Herzinfarkt anfühlt. Der Inhaftierte will sich die Symptome zu eigen machen, um länger auf der Krankenstation verweilen zu können… Weiterlesen

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Tommi Kinnunen: Wege, die sich kreuzen

In einer nordfinnischen Stadt lässt die todkranke Lahja ihr Leben, das mit einem belastenden Geheimnis behaftet ist, Revue passieren. Nur ihre Schwiegertochter Kaarina weiß von diesem Geheimnis, nachdem sie auf dem Dachboden einen Brief findet, der eine  Tragödie preisgibt. Obwohl Kaarina sich nie gut mit ihrer eigenwilligen Schwiegermutter verstanden hat, bewahrt sie Stillschweigen und vernichtet den Brief.

Der Rückblick beginnt mit dem Jahr 1895 und Maria, der  alleinstehenden Mutter von Lahja. Maria war Hebamme gewesen. Sie legte Wert darauf, ihr Geld selbst zu verdienen und gesellschaftlich respektiert zu werden. Die Menschen holten Maria nur bei langen und schweren Geburten zu Hilfe, was aber fast jeden Tag vorkam. Hier lesen sich so schonungslose Geschichten wie die, als Maria einer Gebärenden ihr totes Kind mit dem Messer aus dem Leib schneidet, damit die Mutter überleben kann. Am Fluss kocht sie die blutigen Schürzen aus. Weiterlesen

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