Julia Jessen: Die Architektur des Knotens

Eigentlich könnte Yvonne glücklich sein. Sie hat doch alles: Einen sympathischen, gut verdienenden Mann, zwei liebenswerte kleine Jungen, ein schönes Heim, einen guten Beruf als Grundschullehrerin, einen netten Freundeskreis…

Wieder ist es der Selbstfindungsprozess einer Frau, den Julia Jessen wie schon in ihrem ersten Roman „Alles wird hell“ beschreibt. Wieder ist eine unheilvoll gärende Story, die die  Entfremdung vom Partner thematisiert.

Yvonne schleudert viel zu früh in eine Partnerschaftskrise hinein, aus der sie keinen Ausweg findet. Ihre beiden Kinder sind in einem Alter, wo sie dringend beide Elternteile brauchen. Ihr dementer Vater, der ihr sowieso keinen Halt geben kann, bezeichnet sie in seiner Verwirrung gar als läufige Hündin, was ihrem Verhalten unterschwellig schon wieder eine gewisse Legitimität gibt. Einerseits ist sie sich darüber bewusst, dass ihr intaktes Familienleben etwas Kostbares ist, das es zu bewahren gilt. Andererseits ist da eine ermüdende Abgestumpftheit in ihr. Sie fühlt sich wie eine Gefangene in einem Netz aus Erwartungshaltungen, das ihre Sehnsüchte und Träume gefangen hält. Weiterlesen

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Bergsveinn Birgisson: Die Landschaft hat immer Recht

Das Wetter hat Landschaft und Menschen vom Geirmundarfjördur,  einem scheinbar am Ende der Welt liegenden Fjord in Island, geprägt. Täglich sind die Fischer den Naturgewalten, die bestimmen, wann sie zum Fischen hinausfahren können, ausgesetzt. An Tagen, in denen die Wetterhölle um sie herum so stark tobt, dass sie zu Hause bleiben müssen, fällt zudem häufig noch der Strom aus. Touristen allerdings, die an schönen Tagen dort kurz verweilen um gleich darauf wieder weiterzufahren, bezeichnen den Ort als Paradies.

Aus den Tagebucheinträgen des jungen Fischers Halldór, die von einem weiteren Erzähler ergänzt sind, erschließt sich den LeserInnen die Welt der Menschen am Fjord. Halldórs Aufzeichnungen lesen sich fesselnd wirklichkeitsnah und ziehen mitten hinein ins Geschehen. Jeder Eintrag beginnt mit dem vorherrschenden morgendlichen Wetter und Angaben darüber, wieviel Fisch von welcher Sorte den Tag über gefangen wurde. Weiterlesen

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Wioletta Greg: Unreife Früchte

Polen in den 1970er und 1980er Jahren. – Das ist weder geografisch sehr weit weg von uns, noch zeitlich allzu lange vorbei. Dennoch fühlt man sich beim Lesen gute achtzig Jahre zurückversetzt. Obwohl seit 1981 unter General Jaruzelski das Kriegsrecht in Polen herrscht, spürt man hiervon wenig im ländlich geprägten Hektary. Hier wächst die junge Wiolka inmitten ihrer Großfamilie auf.

Die Autorin beschreibt autobiografische Episoden ihrer Kindheit und ihres Heranwachsens in diesem kleinen schlesischen Dorf. Diese Vergangenheitsschilderungen ohne Hektik, Handys, rastlose Aktivitäten und ohne jeglichen Überfluss erscheinen in ihrer Einfachheit fast schon wieder idyllisch.

Wiolkas Mutter hat die Taufdecke ihres kleinen Mädchens am Fenster des Hauses angebracht, bis der lange inhaftiert gewesene Vater wieder bei der Familie ist. Weiterlesen

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Johan Bargum: Nachsommer

Weiß man eigentlich jemals, was vor sich geht?, beginnt der erste Satz in dem schmalen, nur 144 Seiten starken Roman des finnischen Autors Johan Bargum. Am Ende wird klar, was den Ich-Erzähler Olof zu dieser Frage bewogen hat.

Die Handlung ist in eine idyllische Schärenlandschaft eingebettet, in der die ruhig fließende Geschichte immer wieder von aufgeladenen Spannungen durchbrochen wird. Dazwischen liest man schöne Sätze wie: Zwischen ihren Brüsten nehme ich einen Duft wahr, den es vielleicht in einer Wiege gibt, in etwas das nicht einmal eine Erinnerung ist… (S.32)

Als die Mutter von Olof und seinem jüngeren Bruder Carl im Sterben liegt, kommt Carl mit seiner Frau Klara und zwei Söhnen widerwillig aus den USA zurück in das Haus in den Schären. Die Brüder hatten über all die Jahre, seit Carl in Amerika lebte, keinerlei Verbindung. Auch zu Klara, die Olof für eine kurze Zeit einmal viel bedeutet hatte, gab es keine Kontakte. Weiterlesen

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Ed Yong: Winzige Gefährten

Das erste Buch des Wissenschaftsjournalisten Ed Yong ist gleich zum New York Times-Bestseller avanciert. Interessant aufbereitet erklärt er in Winzige Gefährten, wie die Welt voll kleinster Lebensgemeinschaften besteht, die sich in Hunderten von Jahrmillionen entwickelt haben und dass das gesamte Dasein eine Symbiose ist. Den LeserInnen eröffnet sich so eine neue, unsichtbare Welt mitten um und in uns, ohne die das Leben nicht funktionieren würde.

Seine vielen Gespräche mit verschiedenen Wissenschaftlern über ihre jeweiligen Forschungen, stellt Yong in diesem Buch gut verständlich vor.  Anhand Yongs aufgeführten Beispielen wird deutlich, dass Mikroorganismen unsere ständigen und vor allem essentiellen Begleiter sind. Jeder Teil der Welt ist voller Partnerschaften, die sich seit Hunderten von Jahrmillionen entfalten und sich auf die gesamte Pflanzen- und Tierwelt ausgewirkt haben, die wir kennen. (S. 342)

In weiteren Ausführungen erfährt man, dass Mikroorganismen unsere Organe formen, uns vor Giften und Krankheiten schützen, dass Mikroben Viren in Schach halten, dass sie unsere Emotionen, sogar unser Wesen beeinflussen und unsere genetische Veranlagung verändern können. Weiterlesen

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Jeffrey M. Masson: Die verborgene Seele der Kühe

Jeffrey M. Masson ist renommierter Tierverhaltensforscher und Bestsellerautor. In diesem Buch fasst er seine Erkenntnisse und eigene Betrachtungen über das Glück und Leid von Tieren zusammen. Rückhaltlos fordert der passionierte Veganer dazu auf, mehr Respekt für Hoftiere zu entwickeln und regt an, den eigenen Fleischkonsum in Frage zu stellen und unsere Verhaltensweisen und Ansichten zu ändern.

Er hinterfragt unsere Liebe zu den Haustieren wie Katze oder Hund und verdeutlicht den Unterschied zu unseren Gefühlen für Nutztiere wie Schwein, Kuh oder Schaf, denen nur eine begrenzte, meist sehr unschöne Lebenszeit zugestanden wird, bis sie auf dem Speiseteller von uns Menschen liegen. Seine Überlegungen führen dabei zurück bis zur Domestizierung der Tiere. Weiterlesen

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Alice Feeney: Manchmal lüge ich

Bereits auf dem Buchcover sind dem Titel „Manchmal lüge ich“ die beiden Sätze „Ich liege im Koma“ und „Mein Mann liebt mich nicht mehr“ vorangestellt. – Ein spannender Einstieg also, der neugierig macht. Alice Feeney gelingt es, diese Spannung über weite Teile des Textes zu halten, indem sie mit drei Erzählebenen arbeitet.

Ihre Protagonistin Amber liegt im Wachkoma und registriert alles, was um sie herum geschieht und was geredet wird. Aber sie kann sich nicht mitteilen und sie kann sich nicht mehr an alle Zusammenhänge ihres Lebens erinnern. Stumm und reglos lässt sie die Routine des Krankenhausalltags über sich ergehen und lauscht dabei den Gesprächen des Personals oder ihrer Besucher Paul und Claire.

Ambers Mann Paul ist Schriftsteller und Amber ist sich sicher, dass er sie nicht mehr liebt und etwas damit etwas zu tun hat, dass sie erinnerungslos im Krankenhaus liegt. Auch ihrer Schwester Claire, die immer das Lieblingskind ihrer Eltern gewesen war, misstraut sie. Weiterlesen

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Phaedra Patrick: Wie Arthur Pepper sich vor seiner Nachbarin versteckte und am Ende doch sein Herz fand

Seit Arthur Pepper mit 69 Jahren Witwer geworden ist, hat er sich vor der Außenwelt verkrochen. Er versucht nach denselben Abläufen weiterzuleben, wie er sie viele Jahre mit seiner verstorbenen Frau Myriam gepflegt hat. So oft es ihm gelingt, geht er seiner Nachbarin Bernadette, die ihm gern etwas zu essen vorbeibringt und es nur gut mit ihm meint, aus dem Weg.

Als er Kleidungsstücke von Myriam für eine Kleiderspende aussortiert, findet er in einem ihrer Stiefel ein goldenes Bettelarmband mit verschiedenen Anhängern. Arthur ist verwirrt. Er kennt das Armband nicht und fragt sich, ob Myriam Geheimnisse vor ihm hatte. Mit einer Uhrmacherlupe versucht er, Details wie eingravierte Buchstaben und Zahlen auf den Anhängern zu entziffern. Er beginnt zu recherchieren und stößt auf die abstrusesten Verbindungen Myriams aus der Zeit vor ihrer Ehe. Er kann nicht anders, er muss sich nun diesem Teil der Vergangenheit seiner Frau stellen, die nach Paris, Indien und London führt und auch einen dunklen Punkt in ihrem Leben offenbart, um selbst wieder Ruhe finden zu können. Weiterlesen

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Kent Haruf: Lied der Weite

Abermals wählt Kent Haruf wie bereits in seinem vorangegangenen Buch „Unsere Seelen bei Nacht“, die fiktive Stadt Holt in Colorado als zentralen Ort seiner Romanhandlung. Diese Kleinstadt mit seinen Menschen die er dort ansiedelt, entspricht überzeugend der Lebensrealität im Mittleren Westen der USA. Es sind die Lebensausschnitte während eines knappen Jahres von  sieben Protagonisten aus Holt mit authentisch wirkenden Dialogen und treffend zugeschnittenen Charakteren, die der Autor schildert.

Die Handlungen drehen sich zum einen um die beiden neun- und zehnjährigen Brüder Bobby und Ike. Sie müssen miterleben, wie ihre depressive Mutter sich dem Familienleben immer weiter entfremdet und entzieht und die Familie schließlich verlässt. Weiterlesen

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Paul Hawkins: Die nerven, die Briten!

Der Brite Paul Hawkins nimmt die Eigenheiten seiner Landsleute mit viel Sinn für Humor unter die Lupe und liefert Tipps und Tricks, wie man Land und Leute einzuschätzen hat. Einige Ausprägungen, Gegebenheiten oder Vorlieben der Briten sind sicher nicht wenigen von uns hinreichend bekannt. Hawkins liefert viele weitere Details, die staunen und schmunzeln lassen.

In fünf Kapiteln stellt der Autor die Briten eingehender in recht lockerem Plauderton vor. Er gibt Ratschläge über den Umgang mit dem Inselvolk, erläutert die Kommunikation, Touristenbesuche oder das Trinkverhalten seiner Landsleute in vielen Unterkapiteln. Dabei spannt er seinen Bogen vom Brexit über After-work-Drinks, das Schlangestehen, englisches Frühstück, Trinkgelage, Gästeetikette, Hitlerimitation, Kommunikation an der Bar, Smalltalk, Tee trinken, leere Höflichkeitsfloskeln, Spitznamen, Trinkgeld… Die typisch britischen Attribute scheinen unerschöpflich. Weiterlesen

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