Humorvoll, poetisch und durchdrungen von einer tiefen Zuneigung zu den Figuren – so lässt sich wohl am besten der neue Roman – „Vor dem Fest“ heißt er – von Saša Stanišić beschreiben, eines 1978 geborenen Autoren, der erst im Alter von 14 Jahren mit seiner Familie aus dem heutigen Bosnien-Herzegowina vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg nach Deutschland floh. Umso erstaunlicher ist es, welch souveräne Gewandtheit Stanišić in einer Sprache entwickelt hat, die nicht seine Muttersprache ist. Weiterlesen
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Scott Hutchins: Eine vorläufige Theorie der Liebe
Mit künstlicher Intelliganz befasst sich Scott Hutchins‘ Roman „Eine vorläufige Theorie der Liebe“. Ein Mann namens Neill arbeitet in einer kleinen Firma, die versucht, einen Computer zu bauen, den unabhängige Juroren nicht von einem Menschen unterscheiden können. Der Computer wird mit einem 5000 Seiten dicken Tagebuch gefüttert, das Neills Vater vor seinem Selbstmord verfasst hat.
Den Wissenschaftlern gelingt es, den Computer immer menschenähnlicher zu machen, und so kreist der Roman um Fragen wie: Kann ein Computer denken? Kann er Gefühle wie Jähzorn oder gar Liebe entwickeln? Weiterlesen
Sebastian Barry: Ein langer, langer Weg
Ein Buch, das bereits 2005 auf der Shortlist für den Booker-Preis stand, ist nun endlich auch auf Deutsch erschienen: Sebastian Barrys „Ein langer, langer Weg“. Es beschreibt auf sehr eindringliche und emotional nahe gehende Weise den Horror des Ersten Weltkriegs. Wer sich also weniger für Schlachtenfolgen und nackte Fakten interessiert, dafür aber wissen will, wie schrecklich es in den Schützengräben Flanderns zwischen 1914 und 1918 für die beteiligten Soldaten wirklich war, der sollte entweder Erich Maria Remarques berühmtes „Im Westen nichts Neues“ oder eben diesen Roman lesen. Weiterlesen
J. Courtney Sullivan: Die Verlobungen
Viel besser, als es das etwas kitschige Cover erwarten lässt, ist der Gesellschaftsroman „Die Verlobungen“ von Julie Courtney Sullivan.
Die 1982 geborene amerikanische Autorin, die Anfang 2013 mit ihrem Erstling „Sommer in Maine“ auch in Deutschland bekannt geworden ist, beweist, dass sie mit gleicher Glaubwürdigkeit über fünf vollkommen unterschiedliche Milieus schreiben kann. Eine akribische Recherche macht‘s möglich. Weiterlesen
Ralf Heimann: Die tote Kuh kommt morgen rein
Wer schon einmal in der Lokalredaktion einer Zeitung gearbeitet hat, wird viel Spaß an Ralf Heimanns Roman „Die tote Kuh kommt morgen rein“ haben. Der 1977 geborene Redakteur der Münsterschen Zeitung beschreibt mit viel Humor und Fachkenntnis, wie es bei der Zeitung auf dem Dorf so zugeht. Da gibt’s den Taubenzuchtverein, der seine Meldung immer an gleicher Stelle veröffentlicht sehen will – und das auch durchsetzt –, das Foto mit dem sternhagelvollen Schützenkönig, die unvermeidlichen Straßenumfragen zum Wetter oder den freien Mitarbeiter, der schon seit 30 Jahren nicht gut schreibt. Über allem droht die ständige Themenflaute, die die Redaktion oft mit weniger spannenden Vorschlägen zu stopfen sucht. Weiterlesen
Nora Gantenbrink: Verficktes Herz
Die 1986 geborene Stern-Journalistin Nora Gantenbrink erweist sich in ihrer Kurzgeschichten-Sammlung „Verficktes Herz“ als Meisterin des Liebeskummers.
In allen Variationen beleuchtet sie sehr glaubhaft und mit einer frechen, witzigen und jugendlich-frisch wirkenden Sprache das Gefühl, das entsteht, wenn einen der Liebste oder die Liebste verlässt.
Das nur knapp 160 Seiten dicke, aber aufwendig mit einem schönen Lesezeichen ausgestattete Büchlein eignet sich prima, um es auf den Nachttisch zu legen und immer mal wieder eine Geschichte zu genießen. Liest man die Storys an einem Stück, besteht vielleicht ein bisschen die Gefahr des emotionalen Overkills.
Nora Gantenbrink: Verficktes Herz.
rororo, Oktober 2013 .
160 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.
Frank Goosen: Raketenmänner
Rundum sympathisch und warmherzig wirken die 16 Storys in der Geschichtensammlung „Raketenmänner“ des 1966 geborenen Bochumer Autors Frank Goosen.
Die analog zum Titel durchweg männlichen Hauptfiguren sind dabei allerdings kaum auf dem steilen Weg nach oben wie eine Rakete – im Gegenteil: Sie stehen oft an einem Scheideweg, finden sich in den Realitäten, in denen sie leben, nicht zurecht. Goosens Helden sind Jedermänner und wirken gerade deswegen so lebensecht. Weiterlesen
Charles Bukowski: Noch mehr Aufzeichnungen eines Dirty Old Man (1967)
Zwischen den 60er und 80er Jahren hat der berühmt-berüchtigte amerikanische Kultautor Charles Bukowski oft wöchentlich für verschiedene Zeitschriften seine „Notes of a Dirty Old Man“ geschrieben. Kein Wunder also, dass es auch 20 Jahre nach seinem Tod noch immer Texte von ihm gibt, die noch nie ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht worden sind.
Einen Teil dieser Lücke schließt nun eine neue Geschichtensammlung, die unter dem Titel „Noch mehr Aufzeichnungen eines Dirty Old Man“ bei Fischer Klassik erschienen ist. Weiterlesen
Zadie Smith: London NW
Zadie Smith hat einen Roman über ihre Heimat geschrieben: den multikulturellen Nordwesten Londons, in dem die weniger Begüterten, die sozial Schwächeren wohnen.
Doch ein solches Milieu gibt‘s nicht nur in London, sondern in jeder größeren Stadt, und deshalb ist das Buch nicht nur für Leser interessant, die sich für die englische Hauptstadt interessieren.
Die 1975 geborene Autorin zieht ihre Geschichte an vier Hauptfiguren auf, die exemplarisch für die Menschen in solchen Vororten stehen können: Da ist die haltlose Leah, die sich ihrem dominanten Freund Michel unterordnet, der mittellose Junkie Nathan oder Felix, der einfach das Pech hat, an jugendliche Straßenräuber zu geraten. Weiterlesen
Aharon Appelfeld: Auf der Lichtung
Von einer jüdischen Partisanen-Gruppe, die sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in den karpatischen Wäldern verschanzt hat, handelt der neue Roman von Aharon Appelfeld. „Auf der Lichtung“ heißt er.
Dem 1932 geborenen israelischen Schriftsteller geht es dabei nicht darum, Spannung zu erzeugen, was bei dem Thema naheliegend und möglich gewesen wäre.
Vielmehr zeigt Appelfeld, der für dieses Buch auf selbst Erlebtes zurückgreifen kann, wie es der Gruppe durch einen charismatischen Anführer und durch starken inneren Zusammenhalt gelingt, den dunklen Zeiten zu trotzen und nicht in Verzweiflung zu verfallen. Weiterlesen